Zu den gar nicht so selten auftretenden Problemen bei MS zählen Sexualprobleme. Sie können sowohl organische als auch psychische Ursachen haben, deren Ursprung in der MS zu finden ist.

Das Wichtigste bei diesen Problemen ist - wie bei allen anderen MS-bedingten Problemen auch - den Dingen ins Gesicht zu schauen und die Problemlösung aktiv anzupacken.

Sexualität und sexuelle Probleme sind natürlich für MS-Betroffene genauso wichtig wie für die gesunde Normalbevölkerung. Das Aufarbeiten solcher Schwierigkeiten verlangt eine sehr vertrauensvolle Basis mit dem Gesprächspartner, sei es der Partner, der Arzt, der Psychologe oder der Psychotherapeut.

Viele Menschen – egal, ob gesund oder krank - finden es schwierig, mit jemand anderem über ihre sexuellen Probleme zu sprechen. Offenheit hilft: Das Wichtigste ist, dass der Betroffene lernt, offen über die Probleme zu sprechen, und dass gemeinsam Lösungen gesucht werden. Nötigenfalls sollte ein Arzt oder Sexualtherapeut hinzugezogen werden.

Bei der MS gibt es mehrere Ursachen, die als Gründe für sexualitätsbezogene Probleme in Betracht kommen können: Einerseits kann die emotionale und psychische Belastung eines MS-Betroffenen so groß sein, dass er schlicht den Spaß an seiner Sexualität verliert und auch gar kein Verlangen mehr nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe hat. Andererseits kann es aber auch sein, dass die Erkrankung selbst oder die daraus resultierende körperliche Beeinträchtigung sexuelle Aktivitäten problematisch macht. Oftmals kommen beide Faktoren zusammen und verstärken sich gegenseitig.

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Für Marion ist der Austausch mit ihrem Partner besonders wichtig. Die beiden reden über die MS ebenso wie über die Themen Partnerschaft, Liebe und Beziehung:

„Also bei uns ist es eigentlich sehr wichtig, über alles reden zu können.“ Ihre sexuellen Bedürfnisse teilen sie sich gegenseitig mit: „Ich denke, das ist auch sehr wichtig, dass man darüber spricht, weil nur dann vertraut man sich, wenn man darüber spricht.“

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I: Willkommen zu einem neuen NeoDoc MS-Spezial Podcast! Schön, dass du eingeschaltet hast und auch heute mit dabei bist. Heute möchten wir uns einem Thema widmen, dass nicht gerade von jedem in der Öffentlichkeit breit kommuniziert wird. Mit Freunden und Verwandten unterhalten wir uns über politische Themen oder auch Freizeitaktivitäten. Oft haben wir eine Meinung und, wenn wir erst einmal im Dialog mit anderen sind, dann ändern wir vielleicht unsere Meinung. Weil wir uns austauschen. Und dieser Austausch ist gerade auch für MS-Betroffene so wichtig, wenn es mal um sensible Themen geht. Solch ein sensibles Thema möchten wir heute einmal besprechen. Ich freue mich wirklich auf das Gespräch mit Marion über das Thema Partnerschaft und Liebe. Und nun viel Spaß!
 


I: Marion, du bist nun seit 15 Jahren mit deinem Partner zusammen. Welche Rolle spielt Vertrauen in eurer Beziehung? 

B: Vertrauen in unserer Beziehung ist sehr wichtig. Ich denke, man muss sich blind vertrauen können. Ich denke, auch wenn man mal / man muss jedem die Freiheiten geben. Und ich denke, wenn jeder auf den anderen zugeht und man sich irgendwo in der Mitte trifft, dann klappt auch alles. 

I: Die Zeit zu zweit ist in jeder Partnerschaft wichtig. Wie verbringt ihr die Zeit am liebsten gemeinsam?

B: Wir verbringen unsere Zeit gemeinsam sehr gerne, wenn man / z.B. ganz wichtig ist für uns am Nachmittag zusammen Kaffee zu trinken. Das ist für uns ganz wichtig. Oder am Abend gemeinsam zu essen und auch gemeinsam was zu unternehmen. Mal einfach mal nur raus, ein bisschen spazieren gehen oder einfach mal nur dasitzen oder nur am Balkon sitzen. Also einfach zu zweit das Leben genießen. Oder mal einen Spieleabend machen, das ist für uns auch sehr wichtig. Also einfach mal dasitzen mit so einem uralten Nintendo z.B. spielen, wir haben da richtig Spaß. Und das ist voll schön, dass man halt miteinander was macht und auch miteinander über alles reden kann. 

I: Welchen Stellenwert hat denn die MS in eurer Partnerschaft, wenn du sagst, ihr könnt über alles reden? 

B: Also bei uns ist es eigentlich sehr wichtig, über alles reden zu können. Egal ob jetzt irgendein Problem da ist, sei es irgendwo finanziell oder sonst irgendwie oder wir haben auch gemeinsam jetzt z.B. die Eltern von meinem Mann letztes Jahr bis zum letzten Moment zuhause gepflegt, weil leider letztes Jahr beide verstorben sind. Es ist uns auch wichtig, gemeinsam so was zu machen und nicht jeder im Alleingang. Also wir machen sehr viel gemeinsam. Und ich denke, gerade das verbindet uns so. Also auch wenn es einmal schlecht geht, für den anderen da zu sein. Oder auch wenn es in der Familie einmal schlechter geht, das ist sehr wichtig, zusammenzuhalten und miteinander was durchzustehen. 

I: Sprecht ihr auch über die MS in eurer Partnerschaft? 

B: Über die MS sprechen wir in unserer Partnerschaft eigentlich nur - na ja, was heißt eigentlich nur - eigentlich schon sehr viel, weil wir ja miteinander den Verein leiten und ohne Unterstützung von meinem Mann könnte ich das ja auch gar nicht so, wie ich es mache. Und ich denke, also man muss auch da über die MS reden, weil wenn wir nicht darüber reden, dann können wir unsere Information nicht weitergeben. 

I: Wie reagierst du, wenn dich dein Partner kritisiert, Bitten oder Wünsche äußert? 

B: Ja, Kritik, Kritik ist ein Geschenk des Kunden hieß es früher bei mir in der Arbeit. Kritik ist auch manchmal ein Geschenk des Mannes. Und ich denke, es ist auch sehr wichtig, dass man ihn mal kritisieren kann und er auch mich kritisieren kann. Und nur wenn man damit umgehen kann, das heißt für mich Partnerschaft.  

I: Wie sprecht ihr denn über Gefühle oder auch Schmerzen?  

B: Über Gefühle und Schmerzen sprechen wir eigentlich dahingehend, wenn  ich denke, man sieht das dem anderen auch an, wenn es ihm schlecht geht, wenn es ihm psychisch schlecht geht. Und ich denke, das ist auch sehr wichtig, weil gerade dann zeigt das, dass wir Vertrauen gegeneinander, also zueinander hat, so miteinander hat und dass man sagt: Okay, du siehst heute aber nicht so gut aus, was kann ich denn jetzt für dich machen, dass es dir besser geht. Und ich denke, das machen wir auch gegenseitig und wir ergänzen uns auch sehr gut. Also nachdem wir ja schon so lang zusammen sind, denke ich, ist das auch ein sehr wichtiger Punkt, dass man sich ergänzen muss. 

I: Du sagst jetzt, ihr seid schon lange zusammen, 15 Jahre. Wie hat sich eure Partnerschaft verändert oder hat sie sich überhaupt verändert? Ist sie vielleicht auch fester geworden, weil man sich mehr vertrauen konnte? 

B: Also ich denke, unsere Partnerschaft ist genauso gewachsen wie eigentlich der Umgang mit meiner Erkrankung, wie auch der Umgang, wenn es ihm mal schlecht geht. Ich denke, es ist einfach alles gewachsen die Jahre über. Und ich denke, man lernt sich ja immer wieder aufs Neue kennen, egal wie lange man zusammen ist, man lernt sich Jahr für Jahr aufs Neue kennen oder man lernt /. Ich meine, man weiß die Macken des Anderen. Ich denke, Oli weiß die Macken von mir, weil ich manchmal auch sehr aggressiv sein kann, wenn was nicht so funktioniert, wie es soll. Ich weiß, wenn er sauer ist oder wenn er seine Ruhe braucht. Ich weiß auch, er geht gerne alleine in der Früh mit seiner Zigarette und seinem Kaffee in den Speicher zum Frühstücken. Das weiß ich und das muss man halt respektieren. Und ich denke, wenn wir dann den Rest zusammen machen, miteinander was unternehmen, dann ist doch das alles super. Also ich finde das ganz toll.

I: Würdest du sagen, dass sich die MS auf deine Libido, also dein sexuelles Verlangen ausgewirkt hat? 

B: Die MS hat sich in der Hinsicht ausgewirkt bei mir, na ja, dass man manchmal halt einfach keine Lust hat auf Sex. Also das ist einfach so. Wahrscheinlich auch, weil die Empfindungsstörungen da sind, weil bei mir ist das z.B., ich habe kein Gefühl in Armen und Beinen mehr. Und ich muss natürlich alles mit den Augen machen. Und wenn man immer alles mit den Augen macht, dann sagt er halt manchmal auch: Was reißt du denn die Augen immer so auf. Aber ich mache das nicht bewusst, ich mache das unbewusst. Und das ist halt so, ich denke, man zieht sich dann auch manchmal ein bisschen zurück, vielleicht ungewollt zurück, um den anderen nicht zu verletzen. Also auch in der Hinsicht nicht zu verletzen. 

I: Über die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu sprechen fällt vielen oft schwer. Wie sieht das in eurer Beziehung aus? Sprecht ihr darüber? 

B: Also wir sprechen auf jeden Fall darüber und ich denke auch, auch der Mann hat manchmal keine Lust, Sex zu haben oder so. Und ich denke, das ist auch sehr wichtig, dass man darüber spricht, weil nur dann vertraut man sich, wenn man darüber spricht. Und auch über seine Wünsche spricht. 

I: Symptome wie Fatigue, Lähmungen oder Spastiken können das Liebesleben einschränken. Wirken sich bei dir Symptome auf das Liebesleben aus und wie äußern sich diese?

B: Die äußern sich dahingehend, ja, man verändert das Leben einfach, auch die Sexualität verändert man dann natürlich. Ist ja klar, man macht dann halt alles anders oder gerade so, wie es halt dann für denjenigen passend ist, dass man sagt: Okay, das funktioniert jetzt so nicht und das geht so nicht, da macht man halt das anders. Das ist genauso, wie sich die Nervenbahnen einen anderen Weg suchen, sucht man sich da auch einen gemeinsamen Weg. 

I: Es hilft über die sexuellen Bedürfnisse mit seinem Partner gemeinsam zu reden. Was kannst du jetzt unseren Hörerinnen und Hörern raten, wenn sie davor Angst haben, sich mit ihrem Partner darüber zu unterhalten? 

B: Also ich denke, Vertrauen ist nur dann da, wenn man gegenseitig auch spricht. Auch über Probleme in der Sexualität. Ich denke generell, wenn man spricht. Reden ist das A und O, egal in welcher Hinsicht. Also egal ob man jetzt mal traurig ist oder müde ist, man muss reden mit dem Partner. Und nur wenn man redet und gegenseitig redet, dann funktioniert eine Beziehung. 

I: Würdest du sagen, dass es auch eine Option ist, mit dem behandelnden Neurologen oder dem Facharzt über das Thema zu sprechen? 

B: Es ist sehr wichtig, einen Facharzt oder einen Neurologen mit ins Boot zu holen, weil ich denke, auch wenn man dem Neurologen seine Probleme richtig schildert und nicht nur hingeht und sagt: Ach heute geht es mir gut. Dann kann der Neurologe ja nicht das für einen tun oder machen, was man gerade braucht. Und ich denke, auch da muss man reden. Also gerade da sollte auch eine Freundschaftsbasis entstehen, also ist sehr wichtig. Genauso ob es der Physiotherapeut ist, der Ergotherapeut ist, man muss einfach mit den Leuten reden, ja das ist genauso, auch da muss man reden. Wenn man nicht redet, dann findet man keine Lösung. Und Probleme kann man nur lösen, wenn man redet. 

I: Wow! Vielen, vielen Dank für das Interview, Marion. Richtig, richtig stark von dir, dass du über dieses sensible Thema Partnerschaft und Liebe hier in der Öffentlichkeit gesprochen hast. Das aller, aller wichtigste ist, wie du auch schon gesagt hast, wirklich der Austausch; mit anderen Betroffenen und jetzt bei diesem sensiblen Thema natürlich besonders auch mit seinem Partner. Es ist wirklich so wichtig miteinander zu reden – und es wird wirklich oft einfach unterschätzt. Das muss man so sagen. Wenn euch das Thema gefallen hat, dann freuen wir uns natürlich wie immer, wenn ihr es mit anderen Leuten teilt, davon erzählt und sagt: Hey, hast du schon einmal den NeoDoc MS-Podcast gehört? Klick dich doch einfach mal rein. Und an dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an dich, Marion. Dass du über das Thema gesprochen hast. Auch an euch vielen Dank fürs zuhören. Wir würden uns natürlich freuen, wenn du beim nächsten Podcast wieder einschaltest und mit dabei bist. Und nun alles Gute für dich, dein NeoDoc-Team!