In Deutschland leben rund 200.000 Menschen mit Multipler Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Frauen sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer. Viele Betroffene, vor allem jüngere MS-Patienten, beschäftigen sich damit, ob sie eine Familie gründen wollen und ob das mit MS überhaupt möglich ist.

Grundsätzlich steht der Gründung einer Familie auch mit MS nichts im Wege!

Allerdings sollten Sie sich vor einer möglichen Schwangerschaft umfassend mit den Besonderheiten Ihrer MS-Erkrankung auseinandersetzen. Wann ist beispielsweise der richtige Zeitpunkt für eine Schwangerschaft? Gibt es Gründe, die gegen eine Schwangerschaft sprechen? Welche medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien stehen vor, während und nach der Schwangerschaft zur Verfügung? Was muss beim Thema Stillen beachtet werden?

Ein Kind zu bekommen, bedeutet für viele ein großes Glück! Es erfordert aber auch viel Kraft und Energie, sich um den Nachwuchs zu kümmern – auch ohne MS. Um für diese Herausforderung bestmöglich gewappnet zu sein, brauchen Sie die richtige Beratung und Unterstützung Ihrer behandelnden Ärzte. Darüber hinaus brauchen Sie aber auch ein funktionierendes Netzwerk, das Sie besonders dann unterstützt, wenn Sie es brauchen.

Zum Thema „MS und Familienplanung" bieten wir darüber hinaus eine Infobroschüre an, die Sie sich hier herunterladen können.

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Nicole über ihren Kinderwunsch trotz MS, ihre Einstellungen und ihre Zukunft mit Mann und Kind:

„Die Krankheit hat nicht das Recht, über das Leben eines persönlichen Menschen zu entscheiden, sondern das sollte man immer noch selbst tun. Angst vor etwas zu haben, hemmt einen mehr, als dass man sich darauf einlässt und freut und einfach mal lebt, als wäre man gesund. Das kann man, das geht!“

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Willkommen zu einem neuen NEODOC-Podcast! Das Multiple-Sklerose-Spezial, in dem Betroffene zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen berichten. Nicole spricht über ihre Diagnosestellung und Unterstützung im Alltag. Außerdem sagt sie, warum die Arzneimitteltherapie für sie so wichtig ist und wie glücklich sie mit ihrer Schwangerschaft momentan ist.

Ob Nicole an neuen Studiendaten auch als Betroffene interessiert ist und wie wichtig ihr Gespräche mit dem behandelnden Facharzt sind – jetzt im Multiple-Sklerose-Spezial! Viel Spaß!
 


Nicole, die Diagnose wurde bei dir im Alter von 23 Jahren gestellt. Ein junges Alter, in dem wir alle große Pläne haben und viele diese Pläne so schnell es geht umsetzen möchten. Was veränderte sich für dich nach der Diagnosestellung?

[00:56] Sehr viel! Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt vier Jobs. Ich bin hauptberuflich in eine Fabrik gegangen, habe Akkord gearbeitet, war nebenberuflich selbstständig, sogar damit bis nach Amerika, und habe am Wochenende auch noch bedient. Und von heute auf morgen ging gar nichts mehr. Das war ein einschneidendes Erlebnis, weil ich komplett gelähmt war. Also, meine Mutter musste mich baden. Und man wusste 2006 noch nicht, was mir fehlt. Also, ich hab angefangen mit einer Grippe und bin dann innerhalb von drei Tagen nicht mehr hochgekommen. Ich bin auf der Couch gelegen und die Lähmung ging über die Füße, über die Knie in die Hüfte und dann Totallähmung. Und das Ganze habe ich sechseinhalb Wochen mitgemacht. Ich bin von Arzt zu Arzt und man hat daraufhin festgestellt, dass ich eine Lähmung habe, aber man wusste nicht, was es ist. 

Und weil mir niemand helfen wollte oder konnte, oder wie auch immer, habe ich selber mit Gewalt wieder angefangen zu laufen. Es war damals November, es war kalt draußen, ich bin in den Garten gegangen und habe mich mit Gewalt hingestellt. Meine Mama stand neben mir und hat ein bisschen geweint, weil sie wollte, dass ich mir helfen lasse. Aber mit 23 möchte man das dann alleine schaffen. Und ich stand am Abend dann auch wieder, mit Schmerzen und so weiter, aber es ging. 

Und wie gesagt, nach ca. sechseinhalb – sieben Wochen bin ich wieder auf Arbeit, habe am Anfang nur sitzende Tätigkeiten gemacht. Und im Januar 2007 wurde ich dann blind. Und daraufhin hat tatsächlich mein Augenarzt festgestellt, dass ich Multiple Sklerose habe, also diesen Verdacht darauf hin. Und ich wurde nach Augsburg ins Krankenhaus gebracht und dort wurde es dann diagnostiziert. Mit ganz viel Kortison. Ich habe damals über 20 Kilogramm zugenommen – innerhalb von ein paar Tagen! Das war auch nicht lustig. Ich habe damals schon im Kopf gehabt, was passiert eigentlich, wenn ich Kinder möchte? Die Arbeit ist schon schlimm genug, wenn da vieles wegfällt. Aber was passiert, wenn ich mir Kinder wünsche? Ich war damals 23 Jahre jung. Da hat man das schon im Kopf. Und mir wurde da von vornherein, das muss ich wirklich sagen, eigentlich die Angst genommen. Es ist möglich und man kann mit der MS gut leben. 

Warum ist es so wichtig, dass du deinen Facharzt hast und er dir mit seinem Wissen zur Seite steht?

[03:42] Weil ein Facharzt immer auf dem neusten Stand ist. Er weiß immer alles über die neusten Medikamente, über die Studien darüber, über die Erfahrungsberichte, über die Nebenwirkungen und so weiter. Und es [ist] immer wichtig, jemanden zu haben, dem man auch vertraut. Also, ich kann nicht sagen: Ich gehe jetzt mal zu dem Arzt und dann du jenem. Man sollte dem Arzt schon vertrauen, damit man sich auch öffnen kann, was man selber für Probleme hat. Damit dieser Arzt dann auch passend auf einen zugeschneidert auch wieder ein Medikament finden kann, das zu einem passt.

Informierst du dich auch selbstständig über neue Studienergebnisse?

[04:20] Ja, hin und wieder schon. Übers Internet. Auch über den Arzt, wenn man dann Termine hat, ganz klar, was wieder Neues kommt oder ob es etwas Anderes gibt, was möglich ist. Ja, doch, immer wieder mal.

Wo konntest du Informationen über die MS-Therapie in Verbindung mit der Schwangerschaft bisher finden?

[04:40] In Verbindung mit der Schwangerschaft, muss ich ganz ehrlich gestehen, hatte ich meine Neurologin, die mich da wirklich gut beraten hat. Durch die Frau Dr. [PIEPTON, Name entfernt] habe ich mich dann weiter informiert. Auch durch Betroffene, weil ich hatte einmal eine Zeitlang diese Therapie. Da liegt man ja dran und kriegt seine Infusion und auch da trifft man mal eine Frau, die auch schon ein Kind bekommen hat und die MS hat. Weil durch die zwei Stunden, die man dort wartet, wenn man die Infusion bekommt, kann man sich doch mit vielen Leuten auch mal unterhalten.

Wie wichtig ist es dir, dass man neben diesen Unterhaltungen auch Informationen vom Arzt in die Hand bekommt?

[05:21] Das finde ich eigentlich sehr wichtig, denn es gibt viele Menschen, die darüber wenig bis gar nicht sprechen möchten. Und dann ist es doch wichtig, dass man sich selbstständig informieren kann. Dass es möglich ist, dass man zum Arzt – wenn man dieses Vertrauen findet – sagen kann: Ich möchte mich trotzdem irgendwie informieren! Oder es liegt doch mal eine Broschüre aus und ich bin neugierig und schaue selber einmal rein – das finde ich schon wichtig!

Was ist dir grundsätzlich bei deiner Arzneimitteltherapie wichtig?

[05:49] Ich muss ganz ehrlich sagen: Hauptsächlich natürlich, wie es einem selber geht. Das ist natürlich klar, weil einen betrifft es ja selber am meisten. Was mir da wichtig ist, ist natürlich auch, dass man dabei immer wieder informiert wird, welche Nebenwirkungen entstehen oder was tut dieses Medikament auf längere Zeit mit mir. Wie lange kann ich es nehmen? Kann ich es immer nehmen? Oder welche Einschränkungen gibt es dadurch? Oder gibt es Wechselwirkungen? Das ist natürlich schon wichtig zu wissen!

War dir damals schon klar, dass du Kinder haben möchtest? Und was hat sich vielleicht an deiner Kinderwunschplanung geändert?

[06:32] Ja, mir war immer klar, dass ich Kinder möchte. Ich bin ein sehr, sehr kinderlieber Mensch. Ich habe schon selber, als ich klein war, Babys gesittet. Und als ich älter wurde…. Also, Kinder ziehe ich an wie ein Magnet, egal, wo ich bin. Die mögen mich auch gerne und es war schon immer klar, ich möchte welche haben. Man hat als MS-Patientin wirklich auch etwas Angst, ob man – ich sage das jetzt mit voller Absicht – eine vollwertige Frau ist. Weil man Angst hat, ob man schwanger werden kann. Man hat Angst, ob dieses Baby dann auch gesund ist. Und man hat auch ein bisschen Angst vorm Stillen. Dass man es irgendwie weitergeben könnte oder wie auch immer. Wenn ein Kind spürt, dass es willkommen ist, dann kommt es. Und es kommt sowieso zu seiner Zeit.

Warum ist es so wichtig, das Thema Familienplanung offen in einer Beziehung zu besprechen?

[08:54] Weil man sich selbst durch diese Krankheit einschränkt und das soll man nicht. Die Krankheit hat nicht das Recht, über das Leben eines persönlichen Menschen zu entscheiden, sondern das sollte man immer noch selbst tun. Es gibt nichts Schöneres wie einen eigenen Teil von sich – es ist einfach etwas Wunderbares, wenn man dieses Kind zum ersten Mal spürt und dieses Kind zum ersten Mal sieht. Und das wünsche ich jeder Frau auf dieser Welt, egal welche Krankheit sie hat. Und diese Angst davor ist es, was einen sehr hemmt. Das ist eigentlich das Schlimmste. Angst vor etwas zu haben, hemmt einen mehr, als dass man sich darauf einlässt und freut und einfach mal lebt, als wäre man gesund. Das kann man, das geht!

Nicole, jetzt sitzt dein Ehemann neben dir. Ihr habt ja erst vor kurzem geheiratet. Wie wichtig ist es, dass dich dein Partner während der Schwangerschaft unterstützt?

[09:53] Sehr! Das finde ich sehr wichtig! Einen Menschen an seiner Seite zu haben, der einem bedingungslos zur Seite steht, ist etwas ganz Wichtiges. Das unterstützt auch unglaublich bei der MS. Durch das, dass man Frau ist – das stimmt leider Gottes – man ist auch manchmal Zicke. Und während der Schwangerschaft kommen dann die Hormone und die machen einen auch manchmal sehr zickig. Der Mann muss dann doch einiges aushalten. Aber wenn man wirklich jemanden hat, der zu 100% zu einem steht, finde ich das sehr wichtig. Der sich genauso auf das Baby freut, wie die Frau selbst auch. Also das sollte schon gegeben sein.

Wie können sich die Hörerinnen und Hörer deine Hobbys vorstellen? Musstest du deine Freizeitaktivitäten seit der MS-Diagnose umstellen? Vielleicht auch in Bezug auf die Schwangerschaft?

[10:48] Hobbys, das muss ich gestehen, hatte ich immer. Lesen. Ich beschäftige mich sehr gern mit sehr vielem. Ich bin wissbegierig. Ich lese, ich informiere mich viel über Internet usw.

Ja, meine Hobbys sind Hunde. Ich habe selber zwei. Ja, rausgehen. Frische Luft. Natur. Sonne tanken – das ist ganz wichtig.

Umstellen durch die MS musste ich mich eigentlich nur in puncto Schwimmen und Laufen. Ich kann jetzt keinen Marathon laufen oder Bergsteigen – das geht nicht mehr. Dazu benötige ich dann schon eine unterstützende Hilfe, also einen Gehstock. Aber daran kann man sich gewöhnen. Und weil es beim Schwimmen meine linke Seite immer nach unten zieht, gehe ich unter. Es ist wie bei einem dreijährigen Kind! Und da man als Erwachsener nicht mit Schwimmflügeln herumschwimmen will, nimmt man halt ein Brett. Und ich muss ganz ehrlich sagen, am Anfang denkt man noch: O Gott, ich möchte am liebsten gar nirgends mehr hin. Aber das ist auch unbegründet. Egal wie oft ich schwimmen war, auch mit meinem Brett, es hat mich nie jemand ausgelacht. Ganz im Gegenteil – es kommen Familienväter oder -mütter zu mir, die mich darum bitten, ob sie sich das Brett einmal leihen könnten für ihr Kind. Und es ist eigentlich ganz witzig zu sehen, dass die Menschen doch liebevoll auf einen zugehen. Es ist also nicht immer alles so schlimm, wie man es selbst vermutet.

Nicole, wenn man dir so zuhört, dann merkt man, dass du wahnsinnig optimistisch mit der Krankheit umgehst. Was ist dein persönlicher Rat? Was möchtest du Frauen, die sich in derselben Situation befinden, mit auf den Weg geben?

[12:39] Das ist eine gute Frage! Und es ist eigentlich die schwerste Frage!

So zu sein, wie man selber möchte. Ohne auf andere Rücksicht zu nehmen aus Schamgefühl oder sogar weil man denkt, jemand etwas schuldig zu sein. Sondern einfach so zu leben, wie man es möchte. Das ist das Allerwichtigste, was ich eigentlich nicht nur Kranken, sondern jedem rate. Das, was ich im Herzen habe, soll nach außen! Und natürlich so, dass ich niemanden damit Schaden zufüge – das ist natürlich oberste Priorität! Aber vor allem, wenn Menschen mich verletzen, auch wenn es sogar einmal die eigene Familie ist, dann müssen die einmal ein bisschen hinten anstehen oder ich muss bestimmte Sachen oder Freunde abschaffen. Das ist leider so. Dinge, die mir nicht gut tun – weg! Klingt blöd, ist aber so. Und das muss man lernen.

Welche Träume habt ihr zwei denn noch für eure Zukunft?

[13:44] Wir hoffen, dass es nicht nur bei diesem einen Kind bleibt, weil wir wissen ja schon, dass es ein Junge wird. Wir möchten ja auch noch eine kleine Prinzessin dazu. Meinen größten Traum, meinen Ehemann in den Armen zu halten, habe ich mir schon erfüllt. Und ein Baby dazu ist natürlich das i-Tüpfelchen.

Träume? Ja, natürlich! Dass es gesundheitlich so bleibt, wie es gerade ist – toi, toi, toi. Dass es immer irgendwo im Leben etwas zu lachen gibt. Und mein Traum wäre, dass alle um mich herum, die ich liebe und die mir nahestehen, gesund bleiben. Das ist mir immer am wichtigsten, weil viele bestimmte Sachen eben nicht so wegstecken.

Nicole, vielen Dank für das Gespräch! Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute für die Zukunft, bedanke mich bei euch auch dafür, dass ihr eingeschaltet habt. Bis zum nächsten Mal beim Multiple Sklerose-Spezial Podcast!

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Nadine weiß seit Anfang 2015, dass sie MS hat. 2017 wurde ihr Sohn Emil geboren. Nun ist sie erneut schwanger und freut sich zusammen mit ihrem Mann auf ihr zweites Kind. In dieser Podcast-Folge erzählt sie, dass sie auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat - auch gerade, was MS und Schwangerschaft und MS und Kinder betrifft. Sie sagt: "Man kann auch mit MS eine ganz tolle Mama sein oder Eltern."

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I:Hallo und herzlich Willkommen zu einem neuen Podcast, hier auf MS-Gateway. Schön, dass du eingeschaltet hast und mit dabei bist. Mein Name ist Denis und heute wollen wir über die Multiple Sklerose und das Thema Schwangerschaft sprechen. Ich habe nun Nadine am Telefon. Sie selbst hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und erzählt uns etwas mehr über Multiple Sklerose und Schwangerschaft. Jetzt für dich in diesem Podcast. Viel Spaß beim Zuhören!
 


[Musik]

I: Ja, klasse! Nadine, dann erst einmal herzlichen Dank, dass wir heute mit dir telefonieren können. Erzähl doch zu Beginn kurz einmal etwas über dich und stell dich kurz vor. Woher kommst du eigentlich und wann wurde bei dir die Diagnose MS gestellt. 

B: Ja, also ich bin Nadine. Ich bin jetzt 28 Jahre alt. Ich komme aus Langen, das ist in der Nähe von Frankfurt und ich habe die MS-Diagnose seit Anfang 2015. Das hat auch, wie bei vielen, mit der Sehnerventzündung angefangen.

I: Und wie kam es dann dazu, dass du zum Arzt gegangen bist und zu ihm den Kontakt aufgenommen hast? 

B: Ach, das war ganz plötzlich. Ich hatte Nachtdienst und habe schon ein paar Tage vorher gedacht, dass ich irgendwie schlecht sehe. Ich habe es aber immer auf die Müdigkeit und auf Stress geschoben. Bis ich dann wirklich Samstagmittag wenig gesehen habe, bis hin zu gar nichts mehr. Dann bin ich abends direkt in die Augenklinik und bekam dann direkt die Diagnose Sehnerventzündung und auch direkt gesagt „Verdacht auf MS“. Und das hat sich dann drei Tage später im MRT eigentlich bestätigt. 

I: Und wie war die erste Zeit so für dich?

B: Die erste Zeit war für mich ganz schlimm. Ich habe selber damals auf einer neurologischen Station gearbeitet. Allerdings auf einer Stroke-Unit. Also ich habe mit Akut-Schlaganfällen und Hirnblutungen zu tun, weniger mit MS-Erkrankten. Und ich kannte aber aus dem Krankenhaus teilweise auch wirklich nur die MS-Patienten, die ganz schlimm betroffen waren und hatte zuerst wirklich riesengroße Angst. Ich war wie in einem Loch. Ich war acht Wochen vor der Hochzeit und dann eigentlich so mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Es war wirklich ganz schlimm für mich. 

I: Aber trotzdem klasse, dass du dann dich so hervorgekämpft hast, sage ich mal. Denn wenn man dir jetzt bei Instagram folgt, da bist du ja auch sehr, sehr aktiv, da bekommt man ja jetzt ein anderes Bild, als es 2015 war. Hier auf Instagram bist du ja sehr aktiv und postest über dein Leben, deinen Alltag mit der Diagnose MS. Und wie kamst du eigentlich auf die Idee, über die Diagnose auf Instagram zu berichten und was für Ziele verfolgst du vielleicht mit deinen Posts?

B: Also ich kam eigentlich selber dazu. Ich bin, auch nicht so leicht, ich bin 2017 dann endlich Mama geworden. Der Weg war auch ganz schwer für uns. Und ich habe dann mit der [mit so] immer wieder gemerkt, dass man mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Auch gerade was MS und Schwangerschaft und MS und Kinder betrifft. Und ich habe dann angefangen zu schreiben. Das hat mir selber auch gut getan. Und ich möchte einfach anderen Frauen Mut machen und zeigen, dass man auch gut damit leben kann. Auch als Mama.

I: Du hast selber gesagt, du bist Mutter geworden - mit der Diagnose Multiple Sklerose. Also auch von mir herzlichen Glückwunsch und alles Gute noch dazu. Du hast aber auch dazu gesagt „Der Weg war schwer für uns“. Was bedeutet das genau?

B: Genau. Also ich habe im Februar die Diagnose bekommen und im April haben wir dann geheiratet. Da lag der Kinderwunsch eigentlich auch direkt auf der Hand. Ich bin damals auch in der Klinik direkt gut und richtig aufgeklärt worden, dass ich Kinder kriegen kann. Und ich war dann auch direkt schwanger, im Mai, und habe dann das erste Kind im Juni verloren. Das ganze wiederholte sich dann dreimal - also ich war immer wieder schwanger, ich war eigentlich auch noch am Anfang dieser Diagnose. Dann kam immer wieder die Freude, dass ich ein Kind kriege. Und dann kam der Verlust. Und mit jeder beendeten Schwangerschaft bekam ich einen Schub und musste dann wieder diese Krankheit bewältigen und auch den Verlust. Ich musste mich immer wieder mit Beidem einfach auseinandersetzen. Ich fühlte mich dann in der Zeit, ich glaube als Frau, mit einer Fehlgeburt fühlt man sich sowieso irgendwie als Versagerin. Das heißt, dann war ich krank. Ich habe mich nicht direkt geschämt vor meinem Mann, aber ich habe mich als Versagerin gefühlt; oder nicht fähig eine gute Ehefrau oder Mutter zu sein.

I: Wie wichtig war es denn für dich, dass du Personen an deiner Seite hattest, die dir zur Seite standen?

B: Ja, sehr! Auf meinen Mann konnte und kann ich mich jederzeit verlassen. Er gibt mir auch immer ganz viel Kraft und er ist eigentlich auch immer sehr positiv, aber auch sehr objektiv. Und wie ich dann damals den dritten Schub hatte, nach der dritten Fehlgeburt, war ich dann auch wieder im MRT und ich hatte auch einige neue Herde, und dann riet mir auch der damalige Arzt, jetzt erst einmal nicht mehr schwanger zu werden, die Therapie zu machen und sich wirklich nur auf mich zu konzentrieren. Und mein Mann hat dann auch gesagt, wir beenden jetzt das Thema Kinder erst einmal. Ich war damals furchtbar wütend auf ihn. Aber ich muss sagen, jetzt so im Rückblick, das war das Beste, was wir haben tun können! Also ich musste zuerst wieder zu mir selber finden und in den Alltag und ich habe in der Zeit auch die Einstellung zu der Diagnose oder zu der MS grundsätzlich geändert. Aber auch wiederum durch Urlaube, Ausflüge und dass ich einfach gelebt habe, wieder. 

I: Wenn du drei Fehlgeburten hattest, dann hast du dich wahrscheinlich auch im Internet informiert, oder in Büchern, oder bist viel zu Ärzten gegangen. Wo hast du denn die ganzen Informationen aufgesammelt und wo hast du guten Rat bekommen?

B: Also ich muss sagen, ich habe grundsätzlich eine super tolle Frauenärztin, die mit wirklich immer beigestanden hat. Und auch genauso die Neurologen in der MS-Ambulanz. Sie haben mich immer super aufgeklärt und haben mich immer jedes Mal wieder aufgefangen, haben mir Mut gemacht und dass ich auch schwanger werden kann. Und wir haben es ja auch versucht. Aber man hat nie einen Grund gefunden, warum ich die Fehlgeburten hatte.

Ich muss sagen, von ärztlicher Seite habe ich mich immer gut betreut gefühlt. Und auch gut beraten. Allerdings habe ich beim Emil in der Schwangerschaft auch von Woche acht bis 38 Bettruhe. Da hat man auch viel Zeit, sich im Internet zu informieren. Und da bin ich leider auch dann auf Fehlaussagen oder Falschaussagen gestoßen. Gerade dann vielleicht, was MS und Geburt betrifft. Oder, wie das so ist. Aber, ich muss sagen, ich war dann noch einmal bei meinem Neurologen und habe dann mit ihm über meine Ängste geredet und das konnte mir alles genommen werden. Dass ich normal entbinden kann, dass ich stillen kann. Und genau. Also ich glaube im Internet trifft man auf viele veraltete und falsche Aussagen. Und das berichten mir auch viele Frauen auf Instagram, was ich ganz erschreckend finde, auch von Ärzten, was da für Aussagen getroffen werden. 

I: Du hast jetzt selber auch gesagt, als du schwanger warst, hattest du Bettruhe verordnet bekommen; jetzt mit Emil, das ist dein Sohn. Wenn du mit anderen Frauen darüber sprichst, was rätst du ihnen, wenn ihr über das Thema Schwangerschaft und Multiple Sklerose zusammen redet? 

B: Also ich muss ehrlich sagen, dadurch, dass ich auch lauter Komplikationen hatte und durch die Fehlgeburten, war eigentlich in der Schwangerschaft beim Emil die MS für mich erst einmal im Hintergrund. Also ich habe mir sicherlich Gedanken gemacht, oder hatte Angst davor, Schübe zu kriegen, im Wochenbett, oder ob ich das Kind versorgen kann. Also ich kann wirklich nur jeder Frau sagen, es einfach auf sich zukommen zu lassen. Und auch die Schwangerschaft einfach zu genießen. Und ich denke, einfach die Einstellung macht auch viel aus. 

I: Also auch die Psyche, auf jeden Fall wie du sagst. 

B: Ja.

I: Wie waren denn jetzt die ersten Tage nach der Entbindung für dich? Warst du erschöpft oder warst du schnell wieder fit? Wie fühltest du dich da?

B: Ja, also ich konnte Emil leider nicht normal entbinden. Die Nabelschnur lag nicht richtig und er war dann auch in Beckenendlage, sodass mir nichts anderes als ein Kaiserschnitt übrig blieb. Aber ich muss sagen, ich bin trotzdem am gleichen Abend noch das erste Mal aufgestanden und ich fühlte mich gut. Also ich hatte endlich dieses Kind im Arm. Er hatte kleine, leichte Startschwierigkeiten, aber es war nichts Schlimmes. Es konnte alles schnell behoben werden. Aber ich war endlich Mutter und ich hatte unglaubliche Kraft. Und auch das Thema „Stillen“. Ich wollte das einfach auf mich zukommen lassen und war dann auch total positiv überrascht. Es hat sofort geklappt. Ich hatte keinerlei Probleme und auch, wenn man dann dieses Kind im Armen hat, ich habe mich unglaublich stark gefühlt. Man hat plötzlich so viel andere Verantwortung und möchte auch für diesen kleinen Menschen da sein. Und jeden Tag sein Bestes geben. Und genau, ihm einfach eine gute Mutter sein. 

I: Was hat sich denn so in deinem Alltag seitdem auch verändert?

B: Seitdem ich den Emil habe?

I: Ja, genau. 

B: Ja, so ganz viel. Ich war vorher noch Krankenschwester im Schichtdienst. Aber ich bin jetzt einfach als Mutter, ich glaube ich bin jetzt angekommen irgendwo. Ich fühle mich unglaublich gut. Ich bin jetzt seit 32 Monaten auch schubfrei. Ich genieße es richtig mit Emil. Also ich habe ganz viele Kurse gemacht, wie er dann Baby war. Und wir treffen uns mit Freunden. Ich habe auch mal schlaflose Nächte oder er ist sicherlich auch mal anstrengend. Aber ich glaube ich weiß auch, eben weil der Weg so hart war, es irgendwie zu schätzen. Und ja, jetzt auch in der zweiten Schwangerschaft. Es läuft einfach so mit. Ich fühle mich einfach richtig gut als Mama. Und es macht mir unglaublich Spaß und Freude.

I: Ja, das ist klasse zu hören. Wirklich, Nadine! Sehr, sehr schön! Jetzt zum Abschluss vielleicht: Welchen Rat möchtest du denn noch anderen MS-Betroffenen Frauen mit auf den Weg geben, die auch schwanger werden möchten? 

B: Also ich kann wirklich Jedem nur raten, es locker anzugehen. Und ich glaube diese Krankheit, die mischt sich teilweise in dem Leben schon so viel ein, und man sollte der Krankheit nicht zu viel Platz geben. Man kann auch mit MS eine ganz tolle Mama sein oder Eltern. Es gibt ganz tolle Beispiele, auch von Betroffenen, sogar mit Handicap. Und ich glaube auch, selbst wenn man dann einen Schub hat, es geht immer irgendwie weiter. Es wird immer am nächsten Tag wieder Morgen. Und man bekommt auch Hilfe und Unterstützung. 

I: Herzlichen Dank, Nadine. Jetzt ganz kurz noch zum Abschluss, wenn das für dich in Ordnung ist. Man kann dir auch auf Instagram folgen. Vielleicht kannst du noch einmal kurz sagen: wo findet man dich bei Instagram? Wie heißt dein Profil?

B: Achso. Ich heiße „Nanabanana1405“. Genau. Man kann mir gerne folgen. Ich poste dann wie gesagt über die Schwangerschaft mit Emil, jetzt aber auch über die neue Schwangerschaft und einfach über den Alltag als MS-Mama. 

I: Ja, dann herzlichen Dank Nadine, für das Interview und alles Gute für dich. 

B: Dankeschön!

I: Und nun liebe Zuhörerinnen und Zuhörer möchte ich mich auch von euch verabschieden. Vielen, vielen Dank, dass du wieder eingeschaltet hast und diesen MS-Podcast mit uns gemeinsam gehört hast. Wenn er dir gefallen hat, dann teile ihn gerne auch unter deinen Freunden und Bekannten. Wir wünschen dir nun alles Gute und ich würde mich freuen, wenn du auch beim nächsten Mal wieder einschaltest und mit dabei bist. Wenn wir hier auf MS-Gateway im Podcast Personen zu Wort kommen lassen, die über ihren Alltag mit der Diagnose Multiple Sklerose sprechen. Am Mikrofon war Denis, bis zum nächsten Mal.