Die Gründe für einen persönlichen beruflichen Wechsel oder Neuanfang können vielfältig sein – und vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, über einen anderen Job oder einen anderen Beruf nachzudenken? Dann überlegen Sie sich Ihre Ziele für die Neuorientierung.

Es ist leicht zu sagen, was man nicht will – schwerer ist es zu sagen, was man will: Wo liegen die eigenen Interessen, Schwerpunkte, Fähigkeiten und die persönlichen Stärken? Kommt noch eine Einschränkung durch eine Krankheit dazu, muss diese auch mit bedacht werden. Und eventuell müssen Sie mögliche Maßnahmen zur Unterstützung der Arbeitsaufnahme, z.B. seitens des Integrationsamtes, für Ihren persönlichen Fall herausfinden. Gut informiert zu sein ist hier oberstes Gebot!

In den Fällen, in denen ein völlig neues Konzept von Berufstätigkeit entwickelt werden soll, z.B. aufgrund einer krankheitsbedingten Einschränkung, kann es durchaus sinnvoll sein, sich professionell beraten zu lassen, z.B. durch einen Coach. Oft reichen schon wenige Treffen aus, um die Richtung zu bestimmen und eine Strategie zu entwickeln. Wenn Sie diese Hilfe in Anspruch nehmen möchten, sollten Sie vorher über die Arbeitsagentur anfragen, ob Sie hierfür Unterstützungen erhalten können. Manche Niederlassungen der Arbeitsagentur bieten auch Bewerbungsseminare an, deren Ziel es ist, die Teilnehmer auf die Bewerbungssituation vorzubereiten und auch die Berufsfindung zu unterstützen. Manch einem hilft auch ein Berufsfindungstest weiter.

Wenn Sie wissen, wohin die Reise gehen soll, heißt es, eine Strategie und Taktik zu entwickeln und Ihr Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber auch Durchhaltevermögen ist jetzt gefragt! Nicht jeder Schritt ist immer gleich ein Erfolg. Bewahren Sie sich Ihre Motivation, die Sie zu diesem Wechsel gebracht hat, denn Sie hatten ja gute Gründe dafür. Geben Sie nicht auf, auch wenn es nicht immer einfach ist: Bewerbungen schreiben, eventuell Gründungspläne für die Selbständigkeit prüfen lassen (z.B. bei Handwerks- oder Handelskammer), Gründerseminare, Messen und Ausstellungen besuchen, bei Integrationsämtern nachfragen, welche Maßnahmen ggf. für Sie infrage kommen ... Es gibt so viel zu tun!

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Steve war früher immer gehetzt und passt heute seinen Lebensrhythmus an die MS an

„Wenn ich eine Viertelstunde später rauskomme aus dem Bett oder sonst was, ist mir das egal. Die wichtigen Leute wie jetzt Arbeitgeber und so weiter wissen es eh.“ Seine Müdigkeit bekämpft er heute nicht mit noch mehr Koffein, sondern ganz bewusst mit der Entschleunigung seines Alltags. „Aber ich lebe mein Leben. Jedes Mal, wenn ich einen guten Tag habe oder eine gute Zeit schaue ich, dass ich das Beste raushole.“

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„Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.“ Ein Zitat von dem Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau, der um 1750 lebte. 

Und auch wenn dieser Satz schon mehr als 250 Jahre alt ist, so gilt er heute noch immer. Wir alle sollten uns Zeit nehmen. Zeit, für die besonderen Dinge des Lebens. 

In dieser Folge gehen wir dem Thema Zeitmanagement nach und ich begrüße dich recht herzlich zum neuen NeoDoc-MS Spezial Podcast. Schön, dass du eingeschaltet hast! Zu Gast im Studio ist heute Steve. Steve erzählt, ob sich seit der Diagnose etwas in seiner Tagesplanung geändert hat und was ihm wichtig ist. Wie wichtig ist es für ihn, sich Zeit für sich selbst zu nehmen? Wie startet er in den Tag, wenn der Wecker klingelt und es mehr als schwer ist, aus dem Bett rauszukommen? Und welche Entspannungstechniken helfen ihm, um wieder zu Kräften zu kommen?

All das, nach dem kurzen Intro. Viel Spaß beim Zuhören!
 


[Intro]

NeoDoc: Gegenüber von mir sitzt heute Steve. Steve, in der Anmoderation ist gerade das Wort „Zeitmanagement“ aufgekommen. Managt du denn deine Zeit? 

Steve: Überhaupt nicht mehr. Weil ich muss sagen, ich finde es eher Quatsch, weil ich kann eine Krankheit nicht planen. Ich habe im Groben und Ganzen schon eine kleine Strukturierung aber alles, was jetzt aufgrund der Krankheit kommt, wird spontan entschieden. Ich sage es mal so, Standard frühstücken und so weiter, das ist natürlich da aber A habe ich gelernt, den Stress früh rauszunehmen. Wenn ich eine Viertelstunde später rauskomme aus dem Bett oder sonst was, ist mir das egal. Die wichtigen Leute wie jetzt Arbeitgeber und so weiter wissen es eh und wenn ich halt eine halbe Stunde später auf Arbeit komme, bleibe ich halt eine halbe Stunde länger. Das ist überhaupt kein Problem. Und das ist schon mal A wichtig. Ein guter Start. Dann geht es mir an sich besser. Dann diese Müdigkeit ist dann auch nicht ganz so krass. Und wenn ich dann doch mal diese Müdigkeit verspüre, ich habe dann auch angefangen mit viel Koffein, das ich dann aber auch zurückgezogen hatte, weil dann einfach man übelst nervös wird und so weiter. Und das ist dann auch nicht praktisch. Manchmal ist es dann halt so, dass man eine halbe Kanne am Tag trinkt, okay, aber meistens merke ich dann auch, wenn es dann richtig krass wird, so, jetzt lieber zehn Minuten irgendwie mal kurz Augen zumachen bringt mehr. Oder manchmal sagt auch der Körper jetzt ist Schluss. Dann legt man sich halt am Nachmittag mal eine halbe Stunde hin, dann ist das halt so. Und die meisten, mit denen man redet, die verstehen das auch. Man kann darüber nicht nur gut reden, sondern man kann damit auch gut arbeiten.

N: Findest du auch mal Zeit für dich?

S: Natürlich. Ich schaue eigentlich täglich, dass ich mal eine halbe Stunde, Stunde für mich einfach Zeit habe für Sachen, die mir Spaß machen. Sei es jetzt Lesen, sei es Sport. Das ist egal. Aber ich schaue schon, dass ich auch mal an mich denke und nicht nur Job, Freundin, weiß der Geier was, sondern einfach Sachen, die mir wichtig sind.

N: Was machst du denn dann wirklich um zu entschleunigen?

S: Gute Frage. Also ich habe dann früher auch teilweise gehetzt. So: Boah, scheiße, ich habe nur noch fünf Minuten bis ich los muss. Ah, ich habe noch einen halben Kaffee oder ich habe den Kaffee noch gar nicht gekocht. Scheiße, ich vergesse heute den Kaffee. Nee, das mache ich überhaupt nicht mehr. Dann, oh, ich habe nur noch fünf Minuten? Gut, dann gehe ich halt zehn Minuten später. Wie gesagt, ich habe geschaut, dass ich ein bisschen variabel bin. Ich schaue schon, dass jeden Tag zur gleichen Zeit mein Wecker klingelt. Aber wenn ich halt eine halbe Stunde später auf die Arbeit komme, dann ist mir das auch egal. Mein Chef versteht es, er weiß es. Und damit ist die Sache gut. Und die meisten Arbeitgeber, wenn man nicht unbedingt an der Linie steht, haben damit überhaupt auch kein Problem. Weil A, man ist nicht umsonst als Behinderter klassifiziert. Weil man ist ja, hat einfach Probleme. Und wenn man dann sich übelst reinstresst, dann kriegt man wieder einen Schub. Deswegen, einige Symptome sind dann auch selber provoziert. Wenn man sich dann zu wenig Zeit für sich nimmt oder zu viel Stress sich gibt. Vor allem sinnlosen Stress. Wie gesagt, früh mit dem Kaffee. Ja, ich habe nur noch fünf Minuten. Dann trinke ich halt noch meinen Kaffee gemütlich, dann ist das halt so. Und das muss man dann aber auch lernen. Ich habe am Anfang auch starke Probleme gehabt so den Stress rauszunehmen. Aber mittlerweile geht das ganz gut und wenn ich dann Wochenende oder was, da gibt es überhaupt keinen. Wenn/ Entschuldigung. Wenn man dann früh statt nach einer halben Stunde schon gefrühstückt hat halt erst, statt Frühstück gleich ein Brunch daraus macht mit der Freundin ist doch auch das richtig chillig im Bett. Also, mein Gott, man kann auch dann aus sowas was richtig Angenehmes machen.

N: Wie organisierst du denn ansonsten so deinen Tag?

S: Ganz normal, wie davor auch. Teilweise vorbereiten oder manchmal, wenn wirklich, wenn ich weiß, morgen habe ich verdammt viel zu tun, dann gibt es schon manchmal einen Plan, dass ich dann einen Zettel schreibe. So, was bräuchte ich in welcher Reihenfolge? Und ah, da habe ich jetzt noch zwei Stunden Leerlauf. Da kann ich ja mal schauen spontan, ob ich die Sachen, was jetzt variabel ist dann da mit reinstopfen kann. Aber das muss ich halt schauen. Ansonsten, schauen wir einmal, wie es geht. Und dann muss ich mir halt auch überlegen, die Sachen, was jetzt morgen nicht wichtig sind, ob ich die dann erstmal nach hinten schiebe und am nächsten Tag mache. Und halt die Sachen, was wichtig sind wie, was wirklich wichtig sind, sind Arzttermine. Da schaue ich, dass ich wirklich keinen verpasse. Genauso wie Physiotherapie. Weil die mir verdammt gut hilft, wie jetzt wo, wenn meine Beine nicht mehr manchmal wollen. Wenn ich dann hin und her schwanke oder ich teilweise echt kaum Laufen kann. Dann ist das halt A und O. Dann schaue ich, dass das da hier Priorität eins und setze einfach die, in meinen Tagesablauf Prioritäten und die dann auch variabel sind. Mal ist es Physio, mal ist es Arzttermin, mal ist es meine Freundin, die auch wichtig ist. Oder manchmal einfach die Zeit für mich selber. Das kann auch mal Priorität eins sein.

N: Warum ist es denn so wichtig auch mal abschalten zu können, wenn man MS hat?

S: Ganz einfach, weil der Stress einfach einem nicht gut tut. Er löst Schübe aus. Er sorgt dafür, dass man nicht nur sich schlecht fühlt, sondern auch teilweise dieses Zittrige, dieses Nervöse dadurch verstärkt ist. Und deswegen, ich möchte ich bleiben und ich möchte auch im normalen Sinne bleiben, also muss ich auch Wege für mich finden, die mir helfen und mit denen ich ganz normal mein Leben leben kann. Und wenn es halt manchmal nicht klappt, dann ist es halt so. Stress kennt jeder. Im Studium, in der Lehre, weiß der Geier was. Das hatte ich beides. Man kann es nicht vermeiden aber man kann es reduzieren.

N: Gerade beim Fatigue Syndrom ist es wichtig wieder zu Kräften zu kommen und sich auch die Ruhephasen zu nehmen. Hast du schon einmal Erfahrung mit dem Fatigue Syndrom gemacht?

S: Ja, also wie gesagt, manchmal viel Kaffee. Das hilft dann auch teilweise. Oder dann einfach mal eine halbe Stunde hinlegen. Also ich weiß jetzt von manchen, die haben kein Problem damit von Arbeitgebern, dass man dann halt in der Pause eine halbe Stunde sein Nickerchen macht oder dann halt kurz abstempelt, eine halbe Stunde pennt, dann wieder anstempelt. Das ist kein Problem bei manchen. Also man muss halt auch, vor allem wenn es in der Arbeitszeit ist, muss man halt einfach mit dem Chef reden. Meistens gibt es Lösungen. Und in der Freizeit, dann ist das halt so, dann sage ich zu meinem Schatz: Schatz, ich bin mal eine halbe Stunde im Schlafzimmer oder auf der Couch oder sonst wo und dann ist das in Ordnung. Und wenn man was geplant hat wie zum Beispiel Einkaufen, dann wird das halt verschoben oder sie geht halt dann alleine. Da kann man sich reinteilen und das ist kein Problem und wir finden eigentlich immer Lösungen. Und da das ja Hand in Hand ist und mal sie mehr macht und ich mehr mache ist das alles kein Problem.

 

N: Welche Anzeichen weisen denn vielleicht bei dir auf ein Fatigue Syndrom hin? Also hast du Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder auch mit Müdigkeit zu kämpfen?

S: Alles drei, ja. Also manchmal Konzentration, da geht gar nichts. Auch das ich zwischendrin immer wieder Sachen vergesse. Das kenne ich jetzt auch bei meinen Bewerbungen, die ich mal hatte. Ich habe nach über zwei Wochen endlich die Bewerbung abgeschickt, obwohl ich da mit denen schon geredet hatte. Und dann auch: Mann ey, ich habe es total verschwitzt, weil ich zwischendrin auch dieses Fatigue dann mit hatte und einfach total verschwitzt hatte. Und jedes Mal, wenn ich dran gedacht habe, war es nach fünf Minuten weg. Ja, blöd, kam dann im Nachhinein eben doch trotzdem ganz gut an, weil ich es ziemlich plausibel erklärt habe und mich halt in der Nachricht fünfmal entschuldigt hatte und die auch wussten, was MS ist und was das bedeutet. Und ansonsten mit Schlafen: Ja, ich wache zwischendrin auf. Vor allem, wenn dann wieder ein Nervenflattern ist oder Muskelschmerzen. Was ja eigentlich keine Schmerzen, sondern das ist ja, ich weiß nicht, wie man es nennt? Phantomschmerzen oder so? Und das gibt es halt. Manchmal helfen Schmerzmittel oder einfach nur ruhig bleiben. Zur Not gibt es halt noch eine halbe Stunde vorm Fernseher mit einem Tee oder einer Milch. Oder wenn man halt Bock hat, zur Not gibt es halt auch mal ein kühles Halbes, wenn halt dann auch die Freundin wach wird und dann gibt es halt noch einen gemütlichen Abend, noch einen Plausch. Das kann man alles auch ganz gemütlich. Man muss da jetzt keinen Stress draus machen. Wenn man halt gerade nicht schlafen kann, dann ist das halt so und dann gibt es Möglichkeiten. Und man muss halt auch anhand der Situation. Ich brauche nicht immer Schlafmittel oder Schmerzmittel. Wenn ich jetzt ein kleines Ziepen habe, brauche ich nicht gleich achthunderter Ibus. Manchmal reicht auch einfach bloß die betroffene Stelle reiben oder massieren oder einfach in Ruhe ruhig bleiben, einfach mal eine halbe Stunde nochmal vorm Fernseher. Vielleicht nickt man dann auch weg. Das geht. Man muss halt für sich Möglichkeiten finden. Am Nachmittag dieses, dass man dann immer müde ist oder teilweise Kaffee, teilweise hinlegen oder manchmal auch einfach auf dem Boden fünf Liegestützen, das hilft auch manchmal. Man muss halt lernen es gibt unterschiedliche Situationen und lernen, was in welcher Situation vielleicht und dann ausprobieren.

N: Kennst du denn Entspannungstechniken, die du weiterempfehlen kannst?

S: Ja, autogenes Training zum Beispiel. Was aber auch nicht immer hilft. Ich habe dann auch, wie leider heute jetzt bei dem Podcast, es hat vorhin so übelste Nervosität. Das war heute schon den ganzen Tag so. Ist halt, man muss halt damit umgehen lernen und die meisten akzeptieren es auch. Dann quatscht man halt mal mehr oder ist aufgedreht. Aber, ja, dann gibt es halt zwischendrin einfach was Beruhigendes, einen Tee, vielleicht auch leichte Sachen, Melissen Tee oder so, was halt auch ein bisschen runterbringt. Oder, ja, aber die meisten kennen es auch, die wissen es auch und die haben damit kein Problem. Und meistens dauert es ja bloß ein paar Stunden oder eine Stunde oder einen ganzen Tag. Aber deswegen bist du ja nicht immer so. Und man kann damit lernen umzugehen. Und man muss halt einfach auch für sich selber wissen, es ist eine Krankheit und kein Todesurteil. Wie manche meinen, hey, ich könnte so überhaupt nicht leben. Warum? Man lernt damit umzugehen und das macht dann auch kein Problem mehr. Ich weiß, ich werde eben vielleicht noch, außerhalb von der Krankheit vielleicht noch in 50 Jahren leben. Kommt immer darauf an, was passiert. Und deswegen ständig über negative Sachen den Kopf zerbrechen bringt mir gar nichts. Aber ich lebe mein Leben. Jedes Mal, wenn ich einen guten Tag habe oder eine gute Zeit schaue ich, dass ich das Beste raushole. Und wenn halt mein Körper heute sagt, dir geht es dreckig, dann ist das halt so. Und dann gibt es einen Anruf, ich bleibe heute zu Hause und dann mache ich mir halt den Tag, wohin ich ihn brauche. Dann bleibe ich halt mal einen Tag auf der Couch oder im Bett und am nächsten Tag geht es weiter.

 

N: Das Beste aus dem Tag rausholen; das ist das Stichwort Steve! Ich bedanke mich an dieser Stelle vielmals bei dir für das Gespräch. Den Tag sollten wir alle genießen und ihn so planen, wie er für uns am angenehmsten ist. Egal ob mit oder ohne MS-Diagnose: das Wort Zeitmanagement begegnet uns sowohl im privaten- als auch im beruflichen Umfeld. Und vielleicht ist es gerade für uns Deutsche von so großer Bedeutung, weil wir ja Planungsweltmeister sind. 

Wie auch immer du deinen Tag planst; vergiss nicht auf deine Gesundheit zu achten und Termine so zu koordinieren, wie es für dich und deinen Körper am besten ist. Im Zitat von Jean-Jacques Rousseau zu Beginn des Podcasts hieß es, du solltest den Tag genießen. Und genau das sollten wir alle uns immer wieder vor Augen führen.

Ich wünsche dir nun einen schönen Tag! Egal ob zu Hause auf dem Sofa oder aktiv in der Natur. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten MS-Spezial Podcast von NeoDoc! Alles Gute für dich!

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Marion leitet eine Selbsthilfegruppe und weiß, wovon sie spricht:

„Heute sammle ich meine Energie, indem ich andere unterstütze. … Ich konnte eigentlich Kraft gewinnen, indem, dass ich mir dachte na ja, es könnte schlimmer sein. Damals … hieß es ja erst ‚Verdacht auf Schlaganfall oder Hirntumor‘ und dann habe ich erfahren, dass ich MS habe. Und damit habe ich gedacht, na ja, so'n Schlaganfall oder Hirntumor das wär' bedeutend schlimmer und mit MS kann man leben. Ich hab' dann damit gelernt, einfach zu leben.“

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IntroWillkommen zu einem neuen NeoDoc-PodcastSchöndass du eingeschaltet hastIn unserem Multiple Sklerose-Spezial spreche ich heute mit MarionMarion ist eine Fraudie bewusst lebtgerne anpackt und andere Betroffenen unterstütztWo sie ihre Energie findet und wie es ihr gelingtmit der MS-Diagnose weiterhin motiviert zu lebendas erzählt sie im folgenden GesprächIm Alltag mobil und offen für Unterstützungso lebt Marion ihr bewusstes LebenViel Spaß
 


Mariondu bekamst die Diagnose MS im Alter von 26 JahrenWas veränderte sich an diesem Tag in deinem Leben

M: Am Anfang fällt man erst in ein ganz tiefes Loch und fragt sich immer: Warum ich? Und ich wusste damals ja garnicht, was MS überhaupt ist und was es bedeutet und was auf mich zukommt. Und das war für mich so, am Anfang war das echt schwierig für mich. Aber ich habe gelernt, mein Leben damit zu genießen.  

Wie gelang es dir denn mit der Diagnosestellung umzugehen

M: Es gelang mir in der Hinsicht, ich hatte viel Unterstützung von meinen früheren Arbeitskollegen, die sich mehr Sorgen gemacht haben als ich. Die mir sofort einen Heimtrainer am nächstenTag geschenkt haben, wo ich die Diagnose bekommen habe und die haben mich von Anfang an mit unterstützt, wo es nur ging. Und ich habe auch versucht, zwei Jahre lang noch Vollzeit zu arbeiten, und habe versucht, eigentlich durch Arbeit das Ganze zu verdrängen. Ich war der Verdrängungskünstler. 

Du bist eine Persondie gerne an packtWoher konntest du so kurz nach der Diagnosestellung auch weiter Kraft gewinnen

M: Ich konnte eigentlich Kraft gewinnen indem, dass ich mir dachte: Naja, es könnte schlimmer sein. Und damals wo ich die Diagnose bekommen habe, hieß es ja erst Verdacht auf Schlaganfall oder Hirntumor. Und dann habe ich erfahren, dass ich MS habe, und dann habe ich gedacht: Naja, so ein Schlaganfall oder Hirntumor, das wäre bedeutend schlimmer und mit MS kann man leben. Und ich habe dann damit gelernt, einfach zu leben und zusagen: Okay, jetzt muss ich anpacken und ich darf mich nicht unterkriegen lassen, nicht von dieser MS. Ich nannte es immer meine böse Schwester in mir. 

Woher sammelst du denn heute deine Energie und gehst motiviert durch denTag

M: Heute sammle ich meine Energie, indem ich andere unterstütze und auch unter anderem durch meinen Mann, der mich von vorne bis hinten unterstützt, weil ohne meinen Mann könnte ich auch das Ganze mit Verein usw. nicht mehr so machen, wie ich es jetzt mache. Und ich muss sagen, also ohne meinen Mann wäre ich einfach aufgeschmissen und auch ohne den Verein. Ich muss sagen, auch wo es mir jetzt beim letzten Schub schlecht ging, waren die Leute vom Verein auch alle für mich da. Also sie sind zu mir nach Hause gekommen, haben bei mir gekocht zu Hause, haben versucht, dass ich wieder mobil bin, haben mich rausgeholt von zu Hause, mit rumgefahren und mich mitgenommen. Und ich muss sagen, das war toll.  

Warum ist es denn für dich so wichtigein bewusstes Leben zu leben und das Leben bewusst zu leben

M: Ich denke, ich weiß, also ich lebe einfach bewusst in der Hinsicht, ich hatte von einem Tag auf den anderen das Problem, ich konnte nichts mehr von einem Tag auf den anderen. Und das kam dann alles so schnell. Und dann dachte ich: So, und jetzt, jetzt was mache ich denn jetzt? Ich muss es alles neu lernen. Ich musste wieder neu lernen, ein Messer zunehmen, ein Brot zu schmieren, zu schreiben, ich musste alles neu lernen. Und also das ist schon schwierig am Anfang. Und ich denke, wenn man dann doch nicht aufgibt und auch die Unterstützung annimmt, das ist auch so ein Problem, Hilfe anzunehmen. Also nur Hilfe geben ist nicht  die Lösung. Ich denke, Hilfe anzunehmen, ist ein großer Punkt, den man lernen muss.

Wie kann dir neben der Arzneimitteltherapie deine MS-Schwester unterstützend zur Seite stehenBeschreib doch mal kurzum welche Art der Unterstützung es sich hierbei handeln kann

M: Also ich habe mit meiner MS-Schwester richtige Freundschaft geschlossen mehr oder weniger. Wir haben auch zusammen Kaffee getrunken. Und auch wenn ich immer Fragen gehabt habe, ich konnte jederzeit anrufen. Und ich muss sagen, das ist das A und O, dass man einfach jemanden hat, der einen versteht und der wo einem sagen kann: Okay, ich kann dir jetzt da und da helfen. Und du müsstest jetzt das und das so machen, dann kommst du auch besser in deinem Leben wieder klar. 

Wie kann man sich die Unterstützung durch eine MS-Schwester vorstellenKommt die bei dir zu Hause zu Besuch oder wie läuft so was ab

M: Okay, so eine MS-Schwester, die kommt also anfangs nach Hause zu Besuch. Und auch wenn man Fragen  hat, man hat dann eine Telefonnummer, da kann man sie jederzeit anrufen und, also wenn man auch nochmal Hilfe benötigt, kommt sie natürlich ein zweites, drittes Mal, je nach dem. Also ich finde diesen Service super. Und ich muss sagen, diesen Service braucht man auch. Geradeso, wenn man so ein bisschen in der Luft hängt und dann braucht man einfach Service, wo man sagen kann: Ich kann mich da jetzt verlassen. Wenn ich jetzt eine Hilfe brauche, dann habe ich Hilfe. 

Du hast gerade schon gesagtbei dir hat sich ein freundschaftliches Verhältnis zu deiner MS-Schwester entwickeltWie wichtig ist es denneiner Person vertrauen zu können

M: Einer Person vertrauen zu können ist ein wichtiger Standpunkt, den man eigentlich braucht. Weil wenn man keine Person des Vertrauens hat, dann kann man das Leben auch nicht in Griff kriegen, denke ich. Und ich denke, das ist sehr, sehr wichtig, zu jemandem Vertrauen zu haben, dem man auch mal sagen kann: Ich kann heute nicht. Und ich kann jetzt nicht, dass die heute kommt und mich dadrauf einstellt auf Spritzen oder mir Unterstützung beim Spritzen gibt. Also es ist sehr wichtig, dass man auch mal sagen kann: Ich kann jetzt nicht.

Was würdest du denn einem ratender eher zurückhaltend gegenüber Hilfe von außen istWie sollte er sich vielleicht öffnen und auchjadas Gespräch zu einer MS-Schwester suchen und sie mal fragen

M: Also das ist auch so ein Punkt. Ich denke, ich meine, ich habe ja auch viel Kontakt zu neuen Patienten durch meine Aufgabe mit Selbsthilfegruppe und ich denke, also da fängt man auch viele Leute auf und die kann man auch motivieren, seine Spritzenschwester in Anspruch zu nehmen und auch mal sagen: Okay, du kannst da anrufen. Die beißen nicht, die helfen dir. Und das ist ganz wichtig. Also das ist so ein Punkt, dass man die Leute so ein bisschen aus dem Loch wieder rausholt und die Leute am gesellschaftlichen Leben auch wieder teilhaben lässt. Also die Leute einfach motiviert und sagt: Komm jetzt, komm mit raus, jetzt geh mit raus, wir machen jetzt. 

Wie wichtig ist es dir dennselbstständig zu sein im Alltag?

M: Im Alltag selbstständig zu sein ist das Allerwichtigste. Also ich denke mir, schon in der Früh wenn man aufsteht, wenn man so seine Socken z.B. anzieht oder bis man angezogen ist, es dauert alles. Man muss auch alles mit Bedacht machen. Aber ich denke, das gibt so viel Freiheit, im Alltag selbstständig zu sein, und das braucht man. Also ich bin ein Mensch, ich brauche das. Ich konnte nicht mehr Kuchen backen, ich konnte kein Brot mehr schmieren, ich konnte nichts mehr. Und ich denke: Oh, das ist jetzt alles wieder Freiheit für mich geworden, ich kann es jetzt wieder. Und auch dank Unterstützung meines Mannes. Der hat dann immer gesagt: Naja, komm, meine alte Frau, jetzt ziehen wir mal die Söckchen wieder an, nicht? Und das ist auch so ein Punkt für mich gewesen, oh Gott, ich brauche jetzt überall Hilfe. Aber ich habe dann auch gelernt, diese Hilfen anzunehmen. 

Wie wichtig ist es denn jetzt in deinem Alltagauch mobil zu sein

M: Ah in meinem Alltag mobil zu sein, ist für mich wieder äußerst wichtig geworden. Ich konnte nämlich nicht mehr Autofahren, konnte nichts mehr. Und dann habe ich mir ein Automatik-Auto gekauft und habe dann eben durch Anweisung eines Fahrlehrers das wieder neugelernt, dass ich wieder Autofahren kann. Und auch mein Sehnerv war wieder in Ordnung. Und dann durfte ich auch wieder Autofahren und das gibt so viel Freiheit. Man muss raus, man darf sich nicht zu Hause einigeln, weil sonst hat man verloren.

Denkst duneben dem zu Hause einigelnwas man nicht machen sollteist auch die konsequente Arzneimitteltherapie besonders wichtig

M: Also die Arzneimitteltherapie ist sehr wichtig. Und auch konstante Therapie ist sehr wichtig, weil nur durch konstante Therapie kann man das alles in Griff kriegen und sein Leben auch wieder genießen lernen. Und ich denke, das ist sehr, sehr wichtig, dass die Leute das akzeptieren müssen und auch therapietreu bleiben müssen. Weil viele sind, die lesen im Internet. Und im Internet steht auch viel Unsinn drin. Und deswegen ist es besser, man bleibt therapietreu.

Was würdest du jetzt jemandem sagender Information haben möchteWo sollte der sich am besten informieren

M: Also der sollte sich am besten informieren, erstens einmal natürlich in erster Hinsicht wird er sich wahrscheinlich bei mir informieren, wenn er zu mir in die Gruppe kommt. Und ansonsten werde ich ihn natürlich weiter verweisen an die Spritzenschwestern oder auch an die Firmen, wo sie sich dann hinwenden können. 

Welche Träume hast du denn jetzt noch als Abschlussfrage für deine Zukunft?

M: Für meine Zukunft habe ich den Traum, mit Olli ein erfülltes Leben zu haben und mit ihm mal wieder reisen zu können. Jetzt den Umzug und eine gemeinsame neue Wohnung haben wir jetzt gerade im Angriff. Und das ist mein Traum, dass ich mit ihm glücklich bleibe und glücklich werde, noch. Noch glücklicher geht zwar nicht, aber ich denke, das ist so mein Traum, mit ihm glücklich zu werden und alt zu werden. 

Marionganz herzlichen Dank für dieses offene GesprächEuch vielen Dank fürs Zuhörenalles GuteEuer NeoDoc.