Multiple Sklerose ist kein Grund, auf Reisen zu verzichten. Menschen mit MS können sich, wie jeder andere auch, ihre Reiseträume erfüllen. Selbst ferne Länder müssen kein Tabu sein. Allerdings ist eine gute Vorbereitung ausschlaggebend für das Gelingen. Das Gespräch mit dem behandelnden Arzt gehört ebenso dazu wie eine gute Selbsteinschätzung, was die eigenen Kräfte anbelangt.

So können Reisen die richtige Quelle zum Auftanken sein und Vieles bieten: Abstand vom Alltagstrott und den täglichen Herausforderungen, Erholung und Anregung für Neues. Gesundheitliche Einschränkungen können durch den Tapetenwechsel und bewusstes Wahrnehmen von Natur und Kultur zeitweise in den Hintergrund treten. Neue Situationen bieten darüber hinaus auch die Chance, sich über die vorhandene Mobilität zu freuen und die eigenen Grenzen neu auszuloten.

Damit der Urlaub und die Reise gelingen, sind nur einige Dinge zu beachten. Wenn Sie zu den zwei Dritteln von MS-Erkrankten gehören, bei denen Hitzeunverträglichkeit vorliegt, dann sind „warme“ Länder eher kein ideales Urlaubsziel. Heißes oder feuchtheißes Klima und lange Sonnenbäder können Beschwerden hervorrufen. Aber jeder reagiert anders. Die eigenen Erfahrungen mit dem Körper und der Erkrankung sollten deshalb Grundlage sein für die Entscheidung, wohin die Reise gehen soll.

Reisekrankheiten können die schönsten Ferien zur Qual machen. Wer davon träumt, in exotische Regionen zu fliegen, ist gut beraten, rechtzeitig mit seinem Arzt über den erforderlichen Impfschutz zu sprechen. Allgemein gilt, dass Impfungen nicht bei akuten Schüben und während einer Kortison-Behandlung durchgeführt werden sollen. Wählen Sie bewusst das Reiseziel und starten Sie bestens vorbereitet in die schönsten Wochen des Jahres.

Unterlagen für die Reise:

Wenn Sie mit dem MS-Medikament von Bayer ins Flugzeug steigen möchten, empfehlen wir Ihnen den entsprechenden Therapiepass. Dieser wird von Ihrem behandelnden Arzt ausgestellt und bescheinigt Ihnen in sieben Sprachen, dass Sie das Medikament mitführen müssen. Das kann Ihnen bei der Gepäckkontrolle hilfreich sein. Ergänzend haben wir Ihnen eine Checkliste zusammengestellt, damit nicht schon die Reisevorbereitungen in Stress ausarten. Die Reiseunterlagen können Sie sich hier herunterladen.

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Ivo vereist gern. Dabei fliegt er mit der MS nach Amerika oder ist auf gemeinsamen Hüttentouren in den Alpen unterwegs.

„Solche Touren mache ich nicht alleine. Definitiv nicht. Und nach der letzten Tour jetzt werde ich das auch definitiv nie tun. Nein, also wir sind eine Gruppe bei uns von Arbeit, oder von der Rettungswache aus, von fünf, sechs Leuten, die das immer machen.“

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I: Willkommen zu einem neuen NeoDoc MS Spezial-Podcast! Schön, dass du eingeschaltet hast und dich für das Thema MS und Reisen interessierst. Das Thema passt zu jeder Jahreszeit, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Einen Grund, sich auf Reise zu begeben, gibt es immer. Und nicht immer ist es der Wochenendtrip zu Freunden oder Verwandten, den wir vorhaben. Ab und an kann es auch einmal eine ausgedehnte Reise sein, eine Reise, die nicht gleich um die Ecke ist und auf die man sich vorbereiten sollte. Eine solche Reise kann in Deutschland sein, kann aber auch ins Ausland gehen. Exotische Reiseziele gibt es ja viele. Und etwas ziemlich Exotisches und das hier bei uns, das hat Ivo gemacht. Mit Ivo möchten wir uns heute unterhalten und mal nachfragen, wie er sich auf seine Reise vorbereitet hat. Und letztlich interessiert uns natürlich auch, ob die Reise dann so verlaufen ist, wie er sie noch zu Hause geplant hat. Oder ob womöglich hier und da doch die eine oder andere Herausforderung war, der er sich stellen musste? Was genau das für eine Reise war, die Ivo unternommen hat, das erfährst du nach dem Intro. Viel Spaß!
 


[Intro]

Willkommen zu unserem NeoDoc MS Spezial-Podcast! Lösen wir das Ganze also gleich einmal auf. Ivo war im schönen Berchtesgadener Land unterwegs, ganz, ganz weit im Süden von Deutschland. Südlicher geht es kaum, nämlich am Königssee. Bis hierhin noch nichts Besonders denkst du jetzt? Na ja, Ivo war nicht als ganz normaler Tourist unterwegs und hat es sich am See schön gemacht, sondern Ivo ist auch über 2.300 Meter von Hütte zu Hütte gewandert. Ivo, erzähl du doch bitte noch einmal: Wo warst du überhaupt? Und was hattet ihr denn da geplant?

B: Ja, wo war ich? Wir sind am Königssee. Königssee und haben mehr oder weniger eine Hüttenwanderung für drei Tage gemacht. Ja, eine ziemlich heftige, also für mich die heftigste bisher.

I: Wenn du sagst, es war heftig, seid ihr denn den Watzmann hoch oder wie sah eure Wanderung aus? Eine kleine Info für alle: Der Watzmann ist übrigens der zweithöchste Berg in Deutschland nach der Zugspitze.

B: Also wir sind in St. Bartholomä los zum Kärlinger-Haus beziehungsweise halb Funtensee-Haus und von dort aus dann am nächsten Tag zum Ingolstädter und dann wieder zurück nach St. Bartholomä. Und das halt drei Tage lang. 

I: Für all diejenigen, Ivo, die sich jetzt nicht so dort auskennen, seid ihr da mit dem Sessellift hochgefahren?

B: Ja, schön wäre es. Ich hätte es mir im Endeffekt gewünscht. Nein, das ist als Wanderung eigentlich ausgeschrieben, das ist streckenweise mehr Bergsteigen als einfach nur Wandern. Berge steigen auf, keine Ahnung, ich glaube insgesamt 2.300 Meter. 

I: Wenn wir jetzt an eine Wanderung in einer Höhe von 2.300 Metern denken, dann fällt uns ganz klar ein: Ja, ich nehme einen Pullover mit und auch dickere Sachen, denn auf 2.300 Metern gibt es auch im Sommer noch ab und zu Schneefelder. Was hast du denn speziell in Bezug auf deine Multiple Sklerose noch eingepackt?

B: Nein, gar nichts. Das Einzige was ich wirklich dafür mit hatte, waren ganz normal meine Medikamente. Und was ich mal bekommen habe, so eine Art Kühlschal für den Nacken. Das war das Einzige eigentlich. Aber so für den Notfall eigentlich gar nichts.

I: Und als du deine Reise geplant hast, hast du dir da vorher Gedanken gemacht, ob du noch einmal zu deinem Neurologen gehst und ihn um Rat fragst?

B: Ich sage mal so, mein Neurologe, der weiß, was ich mache. Der weiß, dass ich gerne diese Touren mache, weil dann zu den Untersuchungen immer die Frage kommt: Wie weit können Sie laufen? Wie lange können Sie laufen? Wo ich immer sage: Ich gucke nicht auf die Uhr, wie lange ich laufe. Ich zähle auch keine Schritte. Ich mache zweimal im Jahr eine Fernwanderung von 35/40 Kilometern, womit die Frage dann immer beantwortet ist schon. Also die wissen, dass ich die Touren mache. Und es gab es nie, dass man mich davon abgehalten hat oder dergleichen.

I: Was hältst du denn davon alleine zu reisen, insbesondere auch in der Bergregion, wo du dich jetzt aufgehalten hast?

B: Solche Touren mache ich nicht alleine. Definitiv nicht. Und nach der letzten Tour jetzt werde ich das auch definitiv nie tun. Nein, also wir sind eine Gruppe bei uns von Arbeit, oder von der Rettungswache aus, von fünf, sechs Leuten, die das immer machen. Von daher mache ich das nicht allein. Und ich sage mal so, selbst wenn irgendetwas unterwegs gewesen wäre, bei den Leuten, die mit waren, weiß ich ganz genau, da bin ich in guten Händen.

I: Was ist denn deine Meinung zu dem Thema Reisen und MS, insbesondere auch auf Reisen, die etwas weiter weg sind, internationale Reisen? Würdest du sagen, das ist möglich und kannst positiv darüber berichten?

B: Also ich gehe mal von mir aus. Wie gesagt, allein würde ich es nicht unbedingt machen. Ich würde schon gucken, dass ich irgendjemand noch dabei habe. Abgesehen davon, ich meine zu zweit irgendwo zu verreisen, macht auch mehr Spaß. Aber halt vom Sicherheitsaspekt her, muss ich schon sagen, mir persönlich wäre es nichts, wenn ich irgendwo allein dahin müsste.

I: Wie wichtig ist es denn für dich, mit den Zuhausegebliebenen zu kommunizieren und ihnen Rückmeldung zu geben: Hey, mir geht es gut?

B: Das ist wichtig, ja. Gut, bei der letzten Tour war es nicht möglich, weil Handy-Empfang gleich Null. Am zweiten Tag hatten wir dann abends mal ganz sporadisch ein bisschen Handy-Empfang, wo wir uns zumindest gemeldet haben. Und das war dann auch lustig. Und ich habe dann meinen Mann angerufen und habe ihm bloß gesagt: Schreib einfach mal bei Facebook, dass es uns allen gut geht, damit wenigstens die ganzen anderen das auch mitbekommen, damit man sich mal melden konnte. Das ist so das Einzige, was mich halt gestört hat, wenn man halt nicht so erreichbar ist. Was im Endeffekt ja nicht nur darum geht, dass man mal den Zuhausegebliebenen einfach Bescheid gibt, sondern einfach auch so, wenn irgendwie mal was ist. Das war so das, was im Nachhinein bei mir so ein bisschen hochgekommen ist, wo ich gedacht habe: Okay, was wäre eigentlich gewesen wenn?

I: Was sind denn deine Tipps für Leute, die jetzt sagen: Ach ja, ich will demnächst auch auf Reise gehen. Was würdest du sagen, sollte man beim Reisen mit MS beachten?

B: Eine gute Frage. Keine Ahnung. Dass man sich auf jeden Fall schon mal zutraut, dass man sich nicht irgendwie selbst überschätzt. Ich denke mal, dass das vielleicht auch abhängig ist, von den Einschränkungen, die man schon hat, dass das vielleicht bei den Leuten selber so ein bisschen dann ein paar Punkte kommen, wo sie merken: Nein, da möchte ich also drauf achten. Denn, wie gesagt, in meinem Fall, mir geht es soweit noch gut. Meine Einschränkungen, die sind echt überschaubar und die merkt man halt auch nicht. Es ist relativ einfach noch. Also es ist nicht so, dass ich großartig planen muss oder dergleichen. Also ich sage mal so ganz salopp, ich setze mich ins Auto und würde irgendwo hinmachen zum Beispiel.

I: Würdest du denn generell sagen, dass es sinnvoll ist, vor einer Reise mit seinen Neurologen, Facharzt oder Arzt über die Reiseplanung zu sprechen?

B: Okay, ich habe das vergangenes Jahr mal gemacht, wo wir nach Amerika sind, dass ich zumindest irgendwie die Sicherheit habe. Ich habe noch ein paar Unterlagen extra dafür bekommen habe, keine Ahnung, wenn ich da drüben wirklich mal einen Arzt brauche, damit ich irgendwie – Englisch kann man zwar, aber medizinisches Englisch ist dann auch ein bisschen grenzwertig – dass man dort zumindest Anlaufstellen hat. Dass man da schon irgendwo mal noch gucken kann: Okay, wo kann ich mich hinwenden im Endeffekt? Das halt. Und halt, ja, vielleicht auch einfach mal abklären: Was mache ich wenn? Wie verhalte ich mich wirklich, wenn ich einen Schub habe? Kriege ich das vielleicht irgendwie noch gebacken, dass ich das allein händeln kann, ohne dass gleich zwangsläufig ich in ein, zwei Tagen zum Arzt muss?

I: Das heißt, du hast vor Reisebeginn schon rausgesucht, welche medizinischen Anlaufstellen, Kliniken oder Zentren, Arztpraxen es in der Region gibt, wenn einmal eine Notfallsituation eintritt?

B: Also jetzt nicht für die letzte, nicht für die Wanderung. Aber für Amerika damals habe ich das gemacht, hatte schon geguckt: Okay, die Region wo wir hinwollen, wo gibt es Kliniken? Wie sind die strukturiert? Gibt es dort irgendwo einen Neurologen? Da habe ich mir schon Gedanken gemacht.

I: Wie ist es dir denn gelungen, die medizinischen Begriffe parat zu haben und auf sie im Fall der Fälle rückgreifen zu können?

B: Ich habe das damals von einem Pharmakonzern bekommen. Da gab es so ein schönes kleines Büchlein. 

I: Okay. Das ist ja auch nicht schlecht.

B: Ja. Da gab es die Zollbescheinigung, also die schon mal in mehreren Sprachen und dann halt so einen kleinen Dolmetscher in, ich weiß nicht wie viel Sprachen das waren, wo halt wirklich das Nötigste wenigstens drin stand. Ich denke einfach mal, es beruhigt, wenn man sich ein bisschen vorbereitet. Im Endeffekt, wenn etwas ist, kommt eh alles anders als man es denkt. Aber es beruhigt einfach, wenn man weiß: Okay, ich habe mich ein bisschen vorbereitet darauf. Probieren wir es einfach.

I: Jetzt hast du uns erzählt, dass du in Amerika warst. Dieses Jahr warst du über 2.300 Metern in den Bergen unterwegs. Was ist denn die nächste Reise, die du jetzt planst?

B: Dieses Jahr kommt nochmal eine Wanderung, hoffe ich. Und für nächstes Jahr, da ist dann nochmal Amerika dran. Und ich denke, nächstes Jahr auch nochmal eine Wanderung.

I: Ivo, an dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für das Interview bedanken, das wir, ihr habt es sicher gehört, über das Telefon geführt haben. Ivo, ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft. Euch danke ich auch für das Zuhören. Wenn es euch gefallen hat, dann schaltet doch beim nächsten Podcast NeoDoc MS Spezial wieder ein. Wir würden uns freuen, wenn ihr wieder mit dabei seid. Und nun alles Gute, einen schönen Tag und Danke für das freundliche Zuhören.

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Dirk spricht über das Thema Reisen, Selbstständigkeit bei der Diagnose MS und wie er sich in kaum einer Situation unterkriegen lässt:

"Und dann kam der Rollstuhl und dann habe ich ungefähr einen halben Tag geweint und dann habe ich mir einen Zettel genommen und aufgeschrieben, was ich mit dem Rollstuhl jetzt wieder alles kann, nämlich ins Kino gehen, Theater gehen, Museen gehen oder fahren. Und ins Café und dann habe ich irgendwie gesagt, der Rollstuhl ist nur gut für mich und seitdem liebe ich meinen Rollstuhl."

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I: Ein herzliches Hallo, guten Tag und Willkommen zu unserem neuen Podcast, hier auf MS Gateway mit NeoDoc und mit dir. Mein Name ist Denis und mit Dirk sprechen wir heute über das Thema Reisen und Selbstständigkeit bei der Diagnose MS. Dirk selbst haben wir Anfang des Sommers beim Mutmacher Summit kennengelernt. Von Anfang an fiel er mit seiner Lebensfreude auf und lies uns wissen, dass er sich in kaum einer Situation unterkriegen lässt. Im letzten Gespräch sagte er zu mir: Nörgeln tun viele - ich kann andersrum. Und so freue ich mich, dass ich Dirk nun am Telefon habe und wir uns die nächsten Minuten gemeinsam austauschen können. 
 


[Intro]

Dirk, erzähle uns doch etwas erst einmal zu deiner Person. Ganz kurz, wo kommst du eigentlich her und seit wann hast du die Diagnose MS?

B: Also, ich komme aus Hannover und das hat vor 16 Jahren so angefangen, dass ich/ also, ganz anders hat es angefangen. Ich habe früher auf der Aida gearbeitet als Animateur und die Mutter eines Kindes hat sich das Leben genommen und ich habe dann für das Kind aufgepasst und das war so viel Stress für mich, dass die Ärzte vermuten, dass das der Auslöser der MS war. Und dann ging das vier Jahre lang, dass ich immer schlechter laufen konnte und einen Tag war es so, ich wollte durch eine Tür gehen und bin andauernd gegen den Rahmen gelaufen. Und dann bin ich zum Neurologen und dann hat der zum Radiologen mich geschickt und dann hat der gesagt okay, das müssen wir mal gucken. Und dann war ich sofort im Krankenhaus.

I: Wie lange ist das jetzt genau her und welche Art der MS wurde damals diagnostiziert?

B: Ja, und jetzt habe ich das seit 16 Jahren und das ist die chronisch progredienteForm, das heißt, ich hatte nur vielleicht zwei, drei Schübe, aber es wurde immer schlechter. Ich bin Fahrrad gefahren, habe ein Behindertenfahrrad und es wurde immer schlechter und an einem Tag war ich zur Neurologin, hier in Hannover, und die hat gesehen, wie ich vom Fahrrad abgestiegen bin und ich hingefallen bin und dann hat sie gesagt, jetzt kommt der Rollstuhl. Und dann kam der Rollstuhl und dann habe ich ungefähr einen halben Tag geweint und dann habe ich mir einen Zettel genommen und aufgeschrieben, was ich mit dem Rollstuhl jetzt wieder alles kann, nämlich ins Kino gehen, Theater gehen, Museen gehen oder fahren. Und ins Café und dann habe ich irgendwie gesagt, der Rollstuhl ist nur gut für mich und seitdem liebe ich meinen Rollstuhl. Und dann bin ich früher schon mit dem Rollator nach Peru gefahren oder geflogen, also nicht mit dem Rollator, sondern per Flugzeug und dann habe ich irgendwann das mit dem Rollstuhl einfach mal ausprobiert und dann hat das so gut geklappt, dass ich jetzt insgesamt vier Mal in Peru war.

I: Mit dem Rollstuhl nach Peru, Dirk, das hört sich ja nach einem Abenteuer an, wie kamst du denn auf diese Idee?

B: Mein Freund ist Peruaner und dann habe ich praktisch da die, sage ich mal, den besten Reiseleiter und dann habe ich das erste Mal/ der hatte mir so viel über Peru erzählt und dann habe ich gesagt, also, Mallorca kann jeder, dann habe ich gesagt, ruhig mal nach Peru und dann war ich das erste Mal da und dann hat mich das echt infiziert, weil seitdem liebe ich Peru über alles.

I: Peru liegt über 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt. Auf der Landkarte finden es unsere Zuhörerinnen und Zuhörer im westlichen Südamerika, neben Brasilien im Osten und dem Pazifik im Westen. Was ist denn für dich das Highlight, das du mit Peru in Verbindung bringst?

B: Also, Peru, vor allem Lima, ist so barrierefrei, da könnte sich so manch eine Stadt in Deutschland eine Scheibe abschneiden. Es gibt überall Rampen, es gibt überall farbliche Markierung. Und wo in Deutschland nur ein kleines Schild auf einen Behindertenparkplatz hinweist, ist dort ein dreifacher Parkplatz, blau angemalt, mit einem großen Rollstuhl in der Mitte drauf und es gibt super viele behindertengerechte Toiletten. Ich war bei einer Bank und habe Geld abgehoben und dann habe ich nur gefragt, ob die eine Kundentoilette haben und dann haben sie gesagt, ja, wir haben sogar eine für Sie. Und dann hatten die in einer ganz normalen Bank hatten die da eine Behindertentoilette. Und dann war ich im Schwimmbad und da war auch eine Behindertenumkleide und riesengroß mit super viel Handläufen und Handgriffen und die Leute in Peru sind super nett und es war alles perfekt und alles toll. Und das Essen in Peru ist super, super toll und ich habe mich einfach super verliebt.

I: Kannst du uns mal ein Beispiel von einer deiner letzten Reisen erläutern? Woran erinnerst du dich noch aus dem letzten Urlaub?

B: Letztes Mal sind wir mit dem Boot raus gefahren, haben so eine Bootstour gemacht und dann konnte ich mit dem Rollstuhl bis zum - über Rampen und so weiter - bis zum Schiff fahren und dann brauchte ich nur einen großen Satz machen ins Schiff hinein und dann waren aber gleich sofort sieben Leute da, die mir geholfen haben, die mich gehalten haben und dann haben wir diese Bootstour gemacht und es war der Hammer, es war echt so toll, also ich finde es einfach super toll.

I: Handelt es sich denn bei deinemRollstuhl um eine Spezialanfertigung?

B: Eigentlich ist das ein ganz normaler Rollstuhl mit einem elektrischen Zusatzantrieb, ein eFix von Alber [Gute Pause beim Sprechen, kann auch ggf. rausgeschnitten werden], und aber der Rollstuhl an sich ist ein ganz normaler zusammenfaltbarer Rollstuhl und ja, und mit dem Motor das geht aber gut, weil ich kann den ja auch in Peru überall aufladen, ganz normal, und die Fluggesellschaft nimmt mich dann / also, wir machen das immer so, dass ich mit dem Rollstuhl bis an das Flugzeug ran fahre und dann muss ich zwei, drei Schritte gehen, wo mich aber auch gleich sofort zig Leute unterstützen und helfen und halten und dann sitze ich im Flugzeug und dann wird der Rollstuhl unten ins Gepäck gepackt und wird kostenlos mitgenommen und wir fliegen dann von Hannover nach Amsterdam und von Amsterdam dann direkt nach Lima. Und dann ist sofort in Amsterdam der Rollstuhl draußen und ich kann dann, weil wir längeren Aufenthalt in Amsterdam haben, ich kann dann überall rumfahren mit dem Rollstuhl, ist überhaupt kein Problem. Und es bleibt natürlich nicht aus, dass der Rollstuhl dann halt ein bisschen leidet, aber das Sanitätshaus repariert dann immer sofort den Rollstuhl und das ist überhaupt kein Problem.

I: Erzähle doch mal, wie dein erster Flug mit dem Rollstuhl für dich war. So ganz unerfahren, viele neue Eindrücke und Herausforderungen am Flughafen.

B: Also das erste Mal bin ich geflogen nach Mallorca, weil ich habe das Ganze so etappenweise gemacht. Ich bin erst nach Mallorca und dann bin ich nochmal nach Mallorca und dann irgendwann habe ich gemerkt, wie gut das geht als Behinderter und dann habe ich überhaupt kein Problem gehabt. Meine Medikamente, ich hatte dann eine Erlaubnis dabei und konnte ich mitnehmen und das ging alles gut. Meine Ärztin hilft mir super, dass sie mir alles ausstellt oder alles aufschreibt und so weiter und einmal in Peru, da hatte ich zu viele Medikamente mitgenommen, natürlich als Reserve und dann musste ich die auch wieder mitnehmen und dann hat das Bodenpersonal in Peru, das hat dann gesagt, ja, was passiert denn, wofür müssen Sie das mitnehmen? Die war also ganz skeptisch und dann habe ich gesagt, wenn ich das nicht alle zwei Stunden spritze, dann falle ich tot um. Dann hat die Frau ganz große Augen gekriegt und hat mich durchgewunken, hat gesagt, "alles Okay, alles Okay".

I: Wie begegnen dir andere Leute in entfernten Ländern, wenn Sie dich in deinem E-Rollstuhl treffen?

B: Das eine Jahr war es so, da war ich auf einer Party mit Freunden und dann war da ein junges Mädchen und die fragte mich dann, ob sie mich mal fotografieren kann. Und dann habe ich gesagt, naja, gerne, aber wieso denn? Ja, sagt sie, sie hätte gehört, ich habe MS und sie hat auch MS und sie hat so eine Angst vor der Zukunft und jetzt würde sie mich aber sehen mit dem Rollstuhl, ich komme aus Deutschland nach Peru und ich strahle so und ich bin so fröhlich drauf und sie hätte jetzt nicht mehr so ganz dolle Angst. Ich sage, du brauchst auch keine Angst zu haben, du musst das Leben genießen und das war ein hervorragender Abend. Eine ganz tolle Party.

I: Triffst du denn andere Betroffene öfter, wenn du unterwegs bist?

B: Nein, das passiert mir relativ häufig und die können das dann auch immer nicht glauben und ich will auch kein falsches Bild machen. Ich habe natürlich auch wirklich Momente und Tage im Leben, wo ich echt am Heulen bin und wo ich wirklich nur Depressionen habe. Am Schlimmsten ist es immer in der Winterzeit, das kennen alle. Aber trotzdem versuche ich immer das Positive zu sehen und mein Wahlspruch ist eigentlich, dass ich immer sage, noch lasse ich mir die Butter nicht vom Brot nehmen. Das heißt also, ich will immer noch was erleben, ja, ich will einfach noch leben, ich will nicht schon tot sein, obwohl ich lebe.

I: Du bist jemand, so habe ich dich jetzt kennen gelernt, der will was erleben. Gibt es denn schon Pläne für die nächste Reise?

B: Ja, nächstes Jahr im Januar fliege ich nach Mallorca und dann gehe ich an Board von der Aida und dann machen wir eine Tour nach Rom, nach Marseille, nach Barcelona, nach Florenz und zurück nach Mallorca. Und da freue ich mich sehr drauf, weil die Städte finde ich alle super toll, da war ich auch noch gar nirgends und deshalb freue ich mich da sehr drauf und ich habe im Internet gesehen, ich habe eine ganz tolle Behindertenkabine und die also relativ zentral gelegen ist und so weiter und ich glaube, das wird ganz toll werden. Und dann, die nächste größere Tour soll nicht nach Peru gehen, sondern ich möchte gerne nach Namibia. 

I: Ja, nach Namibia, Dirk, das ist auch mal etwas Außergewöhnliches. Viele Deutsche fahren wieder an die Ostsee oder an die Nordsee und du, du fährst einfach mal nach Namibia. Wie bist du denn zu diesem Entschluss gekommen?

B: Ich finde Namibia hat so tolle Landschaftsbilder. Ich habe eine Dokumentation im Fernsehen und die war über Namibia und das fand ich so toll und Namibia hat ja auch einen Teil, der deutsch spricht und jetzt versuche ich irgendwie erstmal Kontakt aufzunehmen mit irgendwelchen Leuten da und dann über den Kontakt da vielleicht schon so, sage ich mal, leichter rein zu kommen in das Land.

I: Wie kommst du denn mit den Einwohnern von Namibia in Kontakt? Kennst du dort schon jemanden? 

B: Eigentlich mache ich einen Sprung ins kalte Wasser. Also das erste Mal nach Peru, da habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht vorher. Aber gut, da habe ich noch den Rollator gehabt und da konnte ich noch laufen, und da habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, Hauptsache der Rollator kommt kostenlos mit und alles andere, habe ich gesagt, sehe ich vor Ort. Und jetzt nach Namibia, da plane ich halt irgendwie über die / ich bin Gasthörer in der Uni und da versuche ich dann über irgendwelche Kontaktadressen da, sage ich mal, Leute zu finden und die Partnergemeinde aus meiner Kirchengemeinde, die ist aus Südafrika und vielleicht, ich bin da noch ein bisschen blauäugig, vielleicht ergibt sich da irgendwas. Aber das habe ich ja auch erst geplant in zwei bis drei Jahren, also da lasse ich mir ganz viel Zeit und ich gehe da immer ganz unerschrocken dran, habe da also keinen wirklichen Plan. 

I: Bist du denn bei den Reisen alleine unterwegs und auf dich selbst gestellt?

B: Mein Partner der begleitet mich dann immer. Aber jetzt war ich zum Beispiel beim Mutmacher Summit in Bonn und da war ich alleine hingefahren und da habe ich gesehen, das geht auch alleine. Also, natürlich, wenn ich einen großen Koffer habe, das geht dann nicht. Das würde ich dann anders organisieren müssen, aber einen kleinen Koffer, den kann ich auf den Schoß nehmen und dann die Bahn, die war super freundlich und da sind so viele und die Leute helfen einem super toll, auch in Deutschland. Also, was immer gesagt wird, ist gar nicht so. Es ist natürlich auch so, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wenn ich schon griesgrämig im Rollstuhl sitze, dann traut sich auch keiner mich anzusprechen. Aber ich sitze nicht griesgrämig im Rollstuhl und mir helfen immer alle. Immer. Also wirklich toll. 

I: Wie kann ich den Service des barrierefreien Reisens mit der Bahn nutzen?

B: Zum Beispiel war ich jetzt, eine Woche vorher, bei meiner Cousine in Kassel und dann habe ich der Bahn einfach eine E-Mailgeschrieben, dass ich dann und dann unterwegs bin und dann haben die praktisch auf mich gewartet und dann haben die mir in den Zug geholfen und in Kassel stand das Taxi, so ein modernes Taxi habe ich hier in Hannover noch nicht gesehen, die haben mich wirklich / ich konnte im Rollstuhl sitzenbleiben und konnte dann mit dem Taxi zu dem Gasthaus fahren und mit meiner Cousine feiern und dann organisiere ich das insofern, dass ich alle irgendwie mit einbinde und alle informiere und dann klappt das.

I: Wir können also festhalten, dass du mit deiner MS noch immer sehr viel Spaß am Reisen hast. Reisen, das ist eines deiner großen Hobbys?

B: Ja. Ja. Also, früher bin ich/ ich bin immer sehr viel gereist, nicht nur durch die Aida, wo ich da Animateur war, aber auch vorher, Island, Schottland und so weiter. Nach Schottland oder Island würde ich jetzt nicht mehr unbedingt fahren, weil das ist dann doch mehr der Wanderurlaub. Aber zum Beispiel Gran Canaria ist super, super toll mit dem Rollstuhl. Klappt hervorragend. 

I: Hast du zum Abschluss noch einen Ratschlag Dirk, den du unseren Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg geben möchtest? 

B: Naja, das ist immer ganz schwer. Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag. Aber ich kann jedem empfehlen, sich an etwas heran zu tasten. Also, wie ich das zum Beispiel gemacht habe: meine ersten Flüge mit dem Flugzeug. Da war ich zwar noch fit mit dem Rollator und so weiter, aber erstmal nach Mallorca und dann nochmal nach Mallorca und wenn man dann sieht, das geht, dann kann man auch was Größereswagen. Und wie gesagt, sich nicht verstecken. Ich verstecke mich überhaupt nicht mit meiner Krankheit.

I: Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Dirk. Du hast uns allen, denke ich, einen guten Einblick gegeben, dass auch das Thema Reisen mit dem Rollstuhl und mit etwas Unterstützung gut machbar sein kann. Ich wünsche dir für deine Zukunft und auf deinen kommenden Reisen alles Gute! 

Wenn dir der Podcast zu Hause gefallen hat, dann sei auch beim nächsten Mal wieder mit dabei. Auf MS-Gateway findest du eine Vielzahl weiterer Gespräche, die wir mit Betroffenen geführt haben. Alles Gute für dich, vielen Dank fürsEinschalten und bis zum nächsten Mal, Denis von NeoDoc.