Nadine, ehemalige Krankenschwester im Schichtdienst, weiß seit 2015, dass sie Multiple Sklerose hat. Die Diagnose riss ihr vorerst den Boden unter den Füßen weg – in dieser schwierigen Phase sorgte ihr Mann für eine große Portion positive Energie und war ihr eine zuverlässige Stütze. Dank ihm und ihren Ärzten, fasste Nadine schnell neuen Mut: Sie erfüllte sich ihren Traum vom Mama-sein. Die 28-Jährige ist mittlerweile – trotz MS – stolze zweifache Jungs-Mama und lebt glücklich mit ihrem Mann und den beiden Söhnen, Emil (2 ½ Jahre) und Baby Theo (4 Monate), im Eigenheim auf dem Land. 

Mit ihrer Kolumne „Der ganz normale Wahnsinn“ möchte Nadine anderen MS-Erkrankten Mut machen ihren Alltag zu meistern und ihre Träume – trotz der Diagnose MS – nicht aufzugeben. Nadines Überzeugung: Die chronische Nervenkrankheit begleitet Betroffene zwar ein Leben lang, ihr sollte aber nicht zu viel Platz in den Köpfen eingeräumt werden.


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Nadine weiß seit Anfang 2015, dass sie MS hat. 2017 wurde ihr Sohn Emil geboren. Nun ist sie erneut schwanger und freut sich zusammen mit ihrem Mann auf ihr zweites Kind. In dieser Podcast-Folge erzählt sie, dass sie auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat - auch gerade, was MS und Schwangerschaft und MS und Kinder betrifft. Sie sagt: "Man kann auch mit MS eine ganz tolle Mama sein oder Eltern."

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I:Hallo und herzlich Willkommen zu einem neuen Podcast, hier auf MS-Gateway. Schön, dass du eingeschaltet hast und mit dabei bist. Mein Name ist Denis und heute wollen wir über die Multiple Sklerose und das Thema Schwangerschaft sprechen. Ich habe nun Nadine am Telefon. Sie selbst hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und erzählt uns etwas mehr über Multiple Sklerose und Schwangerschaft. Jetzt für dich in diesem Podcast. Viel Spaß beim Zuhören!
 


[Musik]

I: Ja, klasse! Nadine, dann erst einmal herzlichen Dank, dass wir heute mit dir telefonieren können. Erzähl doch zu Beginn kurz einmal etwas über dich und stell dich kurz vor. Woher kommst du eigentlich und wann wurde bei dir die Diagnose MS gestellt. 

B: Ja, also ich bin Nadine. Ich bin jetzt 28 Jahre alt. Ich komme aus Langen, das ist in der Nähe von Frankfurt und ich habe die MS-Diagnose seit Anfang 2015. Das hat auch, wie bei vielen, mit der Sehnerventzündung angefangen.

I: Und wie kam es dann dazu, dass du zum Arzt gegangen bist und zu ihm den Kontakt aufgenommen hast? 

B: Ach, das war ganz plötzlich. Ich hatte Nachtdienst und habe schon ein paar Tage vorher gedacht, dass ich irgendwie schlecht sehe. Ich habe es aber immer auf die Müdigkeit und auf Stress geschoben. Bis ich dann wirklich Samstagmittag wenig gesehen habe, bis hin zu gar nichts mehr. Dann bin ich abends direkt in die Augenklinik und bekam dann direkt die Diagnose Sehnerventzündung und auch direkt gesagt „Verdacht auf MS“. Und das hat sich dann drei Tage später im MRT eigentlich bestätigt. 

I: Und wie war die erste Zeit so für dich?

B: Die erste Zeit war für mich ganz schlimm. Ich habe selber damals auf einer neurologischen Station gearbeitet. Allerdings auf einer Stroke-Unit. Also ich habe mit Akut-Schlaganfällen und Hirnblutungen zu tun, weniger mit MS-Erkrankten. Und ich kannte aber aus dem Krankenhaus teilweise auch wirklich nur die MS-Patienten, die ganz schlimm betroffen waren und hatte zuerst wirklich riesengroße Angst. Ich war wie in einem Loch. Ich war acht Wochen vor der Hochzeit und dann eigentlich so mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Es war wirklich ganz schlimm für mich. 

I: Aber trotzdem klasse, dass du dann dich so hervorgekämpft hast, sage ich mal. Denn wenn man dir jetzt bei Instagram folgt, da bist du ja auch sehr, sehr aktiv, da bekommt man ja jetzt ein anderes Bild, als es 2015 war. Hier auf Instagram bist du ja sehr aktiv und postest über dein Leben, deinen Alltag mit der Diagnose MS. Und wie kamst du eigentlich auf die Idee, über die Diagnose auf Instagram zu berichten und was für Ziele verfolgst du vielleicht mit deinen Posts?

B: Also ich kam eigentlich selber dazu. Ich bin, auch nicht so leicht, ich bin 2017 dann endlich Mama geworden. Der Weg war auch ganz schwer für uns. Und ich habe dann mit der [mit so] immer wieder gemerkt, dass man mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Auch gerade was MS und Schwangerschaft und MS und Kinder betrifft. Und ich habe dann angefangen zu schreiben. Das hat mir selber auch gut getan. Und ich möchte einfach anderen Frauen Mut machen und zeigen, dass man auch gut damit leben kann. Auch als Mama.

I: Du hast selber gesagt, du bist Mutter geworden - mit der Diagnose Multiple Sklerose. Also auch von mir herzlichen Glückwunsch und alles Gute noch dazu. Du hast aber auch dazu gesagt „Der Weg war schwer für uns“. Was bedeutet das genau?

B: Genau. Also ich habe im Februar die Diagnose bekommen und im April haben wir dann geheiratet. Da lag der Kinderwunsch eigentlich auch direkt auf der Hand. Ich bin damals auch in der Klinik direkt gut und richtig aufgeklärt worden, dass ich Kinder kriegen kann. Und ich war dann auch direkt schwanger, im Mai, und habe dann das erste Kind im Juni verloren. Das ganze wiederholte sich dann dreimal - also ich war immer wieder schwanger, ich war eigentlich auch noch am Anfang dieser Diagnose. Dann kam immer wieder die Freude, dass ich ein Kind kriege. Und dann kam der Verlust. Und mit jeder beendeten Schwangerschaft bekam ich einen Schub und musste dann wieder diese Krankheit bewältigen und auch den Verlust. Ich musste mich immer wieder mit Beidem einfach auseinandersetzen. Ich fühlte mich dann in der Zeit, ich glaube als Frau, mit einer Fehlgeburt fühlt man sich sowieso irgendwie als Versagerin. Das heißt, dann war ich krank. Ich habe mich nicht direkt geschämt vor meinem Mann, aber ich habe mich als Versagerin gefühlt; oder nicht fähig eine gute Ehefrau oder Mutter zu sein.

I: Wie wichtig war es denn für dich, dass du Personen an deiner Seite hattest, die dir zur Seite standen?

B: Ja, sehr! Auf meinen Mann konnte und kann ich mich jederzeit verlassen. Er gibt mir auch immer ganz viel Kraft und er ist eigentlich auch immer sehr positiv, aber auch sehr objektiv. Und wie ich dann damals den dritten Schub hatte, nach der dritten Fehlgeburt, war ich dann auch wieder im MRT und ich hatte auch einige neue Herde, und dann riet mir auch der damalige Arzt, jetzt erst einmal nicht mehr schwanger zu werden, die Therapie zu machen und sich wirklich nur auf mich zu konzentrieren. Und mein Mann hat dann auch gesagt, wir beenden jetzt das Thema Kinder erst einmal. Ich war damals furchtbar wütend auf ihn. Aber ich muss sagen, jetzt so im Rückblick, das war das Beste, was wir haben tun können! Also ich musste zuerst wieder zu mir selber finden und in den Alltag und ich habe in der Zeit auch die Einstellung zu der Diagnose oder zu der MS grundsätzlich geändert. Aber auch wiederum durch Urlaube, Ausflüge und dass ich einfach gelebt habe, wieder. 

I: Wenn du drei Fehlgeburten hattest, dann hast du dich wahrscheinlich auch im Internet informiert, oder in Büchern, oder bist viel zu Ärzten gegangen. Wo hast du denn die ganzen Informationen aufgesammelt und wo hast du guten Rat bekommen?

B: Also ich muss sagen, ich habe grundsätzlich eine super tolle Frauenärztin, die mit wirklich immer beigestanden hat. Und auch genauso die Neurologen in der MS-Ambulanz. Sie haben mich immer super aufgeklärt und haben mich immer jedes Mal wieder aufgefangen, haben mir Mut gemacht und dass ich auch schwanger werden kann. Und wir haben es ja auch versucht. Aber man hat nie einen Grund gefunden, warum ich die Fehlgeburten hatte.

Ich muss sagen, von ärztlicher Seite habe ich mich immer gut betreut gefühlt. Und auch gut beraten. Allerdings habe ich beim Emil in der Schwangerschaft auch von Woche acht bis 38 Bettruhe. Da hat man auch viel Zeit, sich im Internet zu informieren. Und da bin ich leider auch dann auf Fehlaussagen oder Falschaussagen gestoßen. Gerade dann vielleicht, was MS und Geburt betrifft. Oder, wie das so ist. Aber, ich muss sagen, ich war dann noch einmal bei meinem Neurologen und habe dann mit ihm über meine Ängste geredet und das konnte mir alles genommen werden. Dass ich normal entbinden kann, dass ich stillen kann. Und genau. Also ich glaube im Internet trifft man auf viele veraltete und falsche Aussagen. Und das berichten mir auch viele Frauen auf Instagram, was ich ganz erschreckend finde, auch von Ärzten, was da für Aussagen getroffen werden. 

I: Du hast jetzt selber auch gesagt, als du schwanger warst, hattest du Bettruhe verordnet bekommen; jetzt mit Emil, das ist dein Sohn. Wenn du mit anderen Frauen darüber sprichst, was rätst du ihnen, wenn ihr über das Thema Schwangerschaft und Multiple Sklerose zusammen redet? 

B: Also ich muss ehrlich sagen, dadurch, dass ich auch lauter Komplikationen hatte und durch die Fehlgeburten, war eigentlich in der Schwangerschaft beim Emil die MS für mich erst einmal im Hintergrund. Also ich habe mir sicherlich Gedanken gemacht, oder hatte Angst davor, Schübe zu kriegen, im Wochenbett, oder ob ich das Kind versorgen kann. Also ich kann wirklich nur jeder Frau sagen, es einfach auf sich zukommen zu lassen. Und auch die Schwangerschaft einfach zu genießen. Und ich denke, einfach die Einstellung macht auch viel aus. 

I: Also auch die Psyche, auf jeden Fall wie du sagst. 

B: Ja.

I: Wie waren denn jetzt die ersten Tage nach der Entbindung für dich? Warst du erschöpft oder warst du schnell wieder fit? Wie fühltest du dich da?

B: Ja, also ich konnte Emil leider nicht normal entbinden. Die Nabelschnur lag nicht richtig und er war dann auch in Beckenendlage, sodass mir nichts anderes als ein Kaiserschnitt übrig blieb. Aber ich muss sagen, ich bin trotzdem am gleichen Abend noch das erste Mal aufgestanden und ich fühlte mich gut. Also ich hatte endlich dieses Kind im Arm. Er hatte kleine, leichte Startschwierigkeiten, aber es war nichts Schlimmes. Es konnte alles schnell behoben werden. Aber ich war endlich Mutter und ich hatte unglaubliche Kraft. Und auch das Thema „Stillen“. Ich wollte das einfach auf mich zukommen lassen und war dann auch total positiv überrascht. Es hat sofort geklappt. Ich hatte keinerlei Probleme und auch, wenn man dann dieses Kind im Armen hat, ich habe mich unglaublich stark gefühlt. Man hat plötzlich so viel andere Verantwortung und möchte auch für diesen kleinen Menschen da sein. Und jeden Tag sein Bestes geben. Und genau, ihm einfach eine gute Mutter sein. 

I: Was hat sich denn so in deinem Alltag seitdem auch verändert?

B: Seitdem ich den Emil habe?

I: Ja, genau. 

B: Ja, so ganz viel. Ich war vorher noch Krankenschwester im Schichtdienst. Aber ich bin jetzt einfach als Mutter, ich glaube ich bin jetzt angekommen irgendwo. Ich fühle mich unglaublich gut. Ich bin jetzt seit 32 Monaten auch schubfrei. Ich genieße es richtig mit Emil. Also ich habe ganz viele Kurse gemacht, wie er dann Baby war. Und wir treffen uns mit Freunden. Ich habe auch mal schlaflose Nächte oder er ist sicherlich auch mal anstrengend. Aber ich glaube ich weiß auch, eben weil der Weg so hart war, es irgendwie zu schätzen. Und ja, jetzt auch in der zweiten Schwangerschaft. Es läuft einfach so mit. Ich fühle mich einfach richtig gut als Mama. Und es macht mir unglaublich Spaß und Freude.

I: Ja, das ist klasse zu hören. Wirklich, Nadine! Sehr, sehr schön! Jetzt zum Abschluss vielleicht: Welchen Rat möchtest du denn noch anderen MS-Betroffenen Frauen mit auf den Weg geben, die auch schwanger werden möchten? 

B: Also ich kann wirklich Jedem nur raten, es locker anzugehen. Und ich glaube diese Krankheit, die mischt sich teilweise in dem Leben schon so viel ein, und man sollte der Krankheit nicht zu viel Platz geben. Man kann auch mit MS eine ganz tolle Mama sein oder Eltern. Es gibt ganz tolle Beispiele, auch von Betroffenen, sogar mit Handicap. Und ich glaube auch, selbst wenn man dann einen Schub hat, es geht immer irgendwie weiter. Es wird immer am nächsten Tag wieder Morgen. Und man bekommt auch Hilfe und Unterstützung. 

I: Herzlichen Dank, Nadine. Jetzt ganz kurz noch zum Abschluss, wenn das für dich in Ordnung ist. Man kann dir auch auf Instagram folgen. Vielleicht kannst du noch einmal kurz sagen: wo findet man dich bei Instagram? Wie heißt dein Profil?

B: Achso. Ich heiße „Nanabanana1405“. Genau. Man kann mir gerne folgen. Ich poste dann wie gesagt über die Schwangerschaft mit Emil, jetzt aber auch über die neue Schwangerschaft und einfach über den Alltag als MS-Mama. 

I: Ja, dann herzlichen Dank Nadine, für das Interview und alles Gute für dich. 

B: Dankeschön!

I: Und nun liebe Zuhörerinnen und Zuhörer möchte ich mich auch von euch verabschieden. Vielen, vielen Dank, dass du wieder eingeschaltet hast und diesen MS-Podcast mit uns gemeinsam gehört hast. Wenn er dir gefallen hat, dann teile ihn gerne auch unter deinen Freunden und Bekannten. Wir wünschen dir nun alles Gute und ich würde mich freuen, wenn du auch beim nächsten Mal wieder einschaltest und mit dabei bist. Wenn wir hier auf MS-Gateway im Podcast Personen zu Wort kommen lassen, die über ihren Alltag mit der Diagnose Multiple Sklerose sprechen. Am Mikrofon war Denis, bis zum nächsten Mal.