Stadt- vs. Landleben mit MS

Wir wohnen nun bald ein ganzes Jahr hier in unserem Häuschen mit Garten. Von der Stadt aufs Land, von der Wohnung ins Eigenheim, wie ihr euch sicher denken könnt, ist in dieser aufregenden Zeit einiges passiert und wir sind sicherlich auch an unsere Grenzen gestoßen. Viel wichtiger ist aber: Wir sind an all dem gewachsen. Ein Hauskauf ist wohl für die meisten ein großer Schritt, so auch für mich. Ich bin nämlich jemand, der über alles 100-mal nachdenkt und Entscheidungen wohl überlegt treffen möchte. Klar habe ich mich anfangs auch permanent gefragt, ist das alles so richtig? Will ich das wirklich? Und ist der Stress nicht zu groß – gerade mit meiner MS?

Vorher wohnten wir in einer 40.000 Einwohner Stadt vor den Toren von Frankfurt. Überall Menschen, Straßen, Verkehr und eine Lautstärke, die mich mit der Zeit wirklich extrem stresste. Ich sehnte mich regelrecht nach Natur und Ruhe. In unserem Dorf, in dem wir nun wohnen, leben knapp 900 Menschen. Hier ist nichts – wirklich nichts! Obwohl doch: Eine Autowerkstatt, aber das war's dann an Geschäften. Klingt sehr idyllisch und ist es auch. Hier im Taunus ist es einfach wunderschön. Dennoch: Der Alltag ist das Gegenteil von unserem Leben in der Stadt. Das hat seine Vorteile, klar, aber auch seine Nachteile. Einem muss klar sein, was man möchte. Früher bin ich oft mit Emil einfach vor die Tür gegangen, mal eben schnell eine Brezel kaufen, ein wenig bummeln oder kurz vor dem Kochen irgendeine fehlende Zutat kaufen. Ob Supermarkt, Post oder Apotheke: Alles war eine Straße weiter oder um die nächste Ecke. Es waren auch alle Ärzte zu Fuß erreichbar, ein großer Vorteil am Leben in der Stadt – eine gute Infrastruktur. Das war nach unserem Umzug das, was mir am meisten fehlte, als ich mit den Kindern alleine war und mein Mann wieder arbeiten ging. Und meine Freunde, die ich vorher ebenfalls spontan treffen konnte, fehlten mir sehr. Ja, ich gebe zu, hin und wieder vermisse ich es heute noch in der Stadt zu leben und diese Vorteile des Alltags zu genießen. Bei uns im Dorf brauche ich wirklich für alles das Auto und muss in die nächste Stadt fahren. Mit zwei Kleinkindern ist das nicht immer so leicht! Anfangs habe ich doch auch häufiger geweint und fühlte mich sehr einsam. Es kamen Zweifel in mir hoch und ein Gefühl der Unsicherheit machte sich in mir breit. Hatten wir einen Fehler gemacht? War der Umzug die falsche Entscheidung? Hinzu kommt: In den Wintermonaten sind die Spielplätze hier wie leer gefegt und ohne auf andere Menschen zu treffen, kann ich natürlich auch keinen kennen lernen. Angst stieg in mir hoch und mein Mann und ich fällten eine Entscheidung: Wir sagten uns, dass wir uns ein Jahr Zeit geben würden, um richtig „anzukommen“. Und wenn unsere Gefühle sich nicht ändern würden, dann müssten wir weiterschauen. Emil habe ich gleich beim Kinderturnen angemeldet. Zugegebenermaßen, auch das ist mit zwei Mäusen nicht sehr leicht, aber was tut man nicht alles. :-) Als ich dort endlich in Kontakt mit anderen Mamas kam und begann, Kontakte zu knüpfen, tja, dann kam Corona und machte all dies wieder zu nichte. Klingt ernüchternd – war es auch! Immerhin wurde das Wetter besser und ich verbrachte mit den Kindern viel Zeit draußen in der Natur – und davon hat der Taunus einiges zu bieten.

Grundsätzlich muss ich sagen: Ich mag es hier. Den Garten, das Haus und die Umgebung. Wirklich wunderschön und herrlich ruhig. Keine Hektik, kein Stress. Und als ich mir all dies bewusst machte, auch, dass wir während einer Pandemie ohne Probleme vor die Türe gehen und die Natur genießen können, ohne Angst haben zu müssen, uns durch unvermeidbaren Kontakt mit anderen Menschen zu infizieren, da wurde mir plötzlich klar: Es war der absolut richtige Zeitpunkt. Corona zeigte mir einmal mehr die ganzen Vorteile von einem Leben auf dem Land auf, und ich begann diese zu schätzen und zu genießen. Die Kinder können hier jederzeit raus in den Garten, wir können sorglos im Feld oder Wald spazieren gehen oder die Kühe und Schafe auf der Weide besuchen. In der Stadt wäre die Quarantäne nicht so einfach gewesen und wir hätten den Platz nicht gehabt, um uns ordentlich auszutoben. Mittlerweile, fast ein Jahr nach dem Umzug, kann ich sagen: Ich fühle mich wohl. Ich habe sehr nette Nachbarn, zugegeben auf dem Dorf sind alle sehr neugierig, das ist manchmal noch sehr gewöhnungsbedürftig für mich, es ist dafür aber auch überhaupt nicht anonym und meine Nachbarn sind sehr hilfsbereit, das mag ich.

Im Haus ist soweit alles fertig - sicher fehlt noch das ein oder andere und im Keller stehen auch immer noch drei Umzugskartons, aber es ist wohnlich und gefällt mir. Mein Mann sagt immer „nach und nach“, wir haben es ja nicht eilig, also wozu der Stress?! Manchmal braucht man auch einfach mal eine kleine Pause vom Werkeln und die habe ich mir auch gegönnt. Jetzt ist es wieder besser und ich fange an, das Haus weiter umzumodeln. Seit dem Frühling sind wir viel im Garten beschäftigt und haben auch schon fleißig gepflanzt – auch wenn wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben, denn der Garten wurde 30 Jahre lang vernachlässigt.

Wenn ich sehe, wie frei sich die Kinder hier bewegen können und wie viel Platz sie zum Spielen haben, bin ich sehr froh, hier zu sein. Selber merke ich auch, dass ich innerlich immer ruhiger werde. Die Vögel sind hier so laut, das ist mir richtig aufgefallen. Und zwar positiv – eine solchen „Lärm“ hab ich gerne. :-) Ich merke auch positive Auswirkungen auf meinen Alltag, ich bin beispielsweise besser im Planen und Einkaufen geworden. Denn hier ist es wirklich ärgerlich, wenn man eine Kleinigkeit vergessen hat, die man nicht mal eben schnell besorgen kann. Und trotzdem: Ich gebe ehrlich zu, mir fehlt hier „menschlich“ immer noch etwas Anschluss. Aber ich bin guter Dinge, dass es sich, wenn Emil jetzt in den Kindergarten geht, ändert.

Und wie es um meine MS steht? Sie ist (logischerweise) immer noch da, auch wenn ich weniger Stress habe als zuvor. Häufig wird mir gesagt, ich sei mutig, dass wir gekauft haben. Aber ganz ehrlich: Keiner weiß, was kommt - oder? Wieso sollten wir kein Haus kaufen? Und wenn es hart auf hart kommt, dann würden wir entweder renovieren und das Haus meinen Bedürfnissen anpassen oder verkaufen. Weitere Gedanken machen wir uns dazu erst mal nicht, sondern erst, wenn es so weit ist. Und wer weiß schon, wann dies der Fall sein wird.

Mein bisheriges Resümee: Ein Umzug von der Stadt aufs Land ist nicht leicht. Wie alles im Leben hat beides seine Vor- und Nachteile. Ich bin mittlerweile angekommen und fühle mich wohl und liebe diese Natur einfach. Auch, wenn ich die Stadt ab und zu vermisse, möchte ich hier nicht mehr weg. Und wenn mich die Sehnsucht packt, dann setze ich mich halt ins Auto und bin in 15 Minuten in Wiesbaden oder in 45 Minuten in der alten Heimat. Alles machbar! Und außerdem: Zuhause ist da, wo meine Familie ist. Wie wohnt ihr? In der Stadt oder auf dem Land?