Schwerbehindert mit MS?

Nadine mit Schwerbehindertenausweis

Als ich die Diagnose Multiple Sklerose erhielt, war das erst mal ein großer Schock. Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen, als mir klar wurde: Ich bin unheilbar chronisch krank. Ein wirklich schlimmes Gefühl. Bei mir wirkte sich die MS mit dem ersten Schub auf meine Sehkraft aus. Ich hatte auf dem rechten Auge eine Sehnerv-Entzündung. Diese behinderte mich stark im Alltag. Das Wort „behindert“ ist für mich, seitdem ich denken kann, negativ behaftet. Ich kannte es noch vom Schulhof als Beleidigung „Bist du behindert?!“ Ein Wort, dem ich als Kind keine große Bedeutung schenkte. Und nun war ich betroffen. Da war es also, das Wort „behindert“, was mich beschrieb. Für mich bedeutet „behindert sein“, dass mich die Krankheit im Alltag behindert, also einschränkt. Auf dem Schulhof beispielsweise, wird damit „Dummheit“ beschrieben und nicht das, was eben eigentlich dahinter steckt: Eine Einschränkung, die durch die Erkrankung hervorgerufen wird. Genau deshalb, da ich das Wort noch aus meiner Jugend als Beleidigung kenne, gefällt es mir nicht. So geht es sicherlich vielen von euch – oder? Davon sollte man sich allerdings frei machen und sich bewusst werden: „Behindert“ ist man, wenn man beispielsweise durch die MS körperlich beeinträchtigt ist oder die Auswirkungen der Erkrankung einen im Alltag behindern. Mehr nicht. Punkt. :-)

Vor meiner Erkrankung bin ich auf der Arbeit nie wirklich ausgefallen. Nach meiner Diagnose fiel ich dann aus – und zwar Wochen. Auch das belastete mich, denn ich wollte meine Kollegen nicht im Stich lassen. Kaum war ich wieder auf den Beinen, da folgten noch weitere Krankheitstage und Schübe. Versteht mich nicht falsch, ich habe meinen Job als Krankenschwester geliebt, aber er bedeutete dennoch Stress für meinen Körper. Allmählich machte ich mir ernsthafte Gedanken über meine berufliche Zukunft. Als ich Ende 2015 mit meinem zweiten Schub beim Neurologen saß und er mich für die Cortisongabe krankschrieb, erzählte ich ihm, dass es keine gute Idee sei. Ich wollte nicht so häufig ausfallen und hatte ein schlechtes Gewissen. Dazu muss man sagen: Mein Team war super, alle unterstützen mich und niemand hat etwas Negatives über mein Fehlen gesagt! Aber die Chefs, ganz oben in der Verwaltung, die kennen mich nun mal nicht und für einige zählen nur Daten und Fakten. So ist das eben. Ich machte mir Sorgen. Mein Neurologe beruhigte mich dahingehend und fragte in einem Zuge, ob ich schon einen Schwerbehindertenausweis beantragt hätte. Einen Behindertenausweis? Nein! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Zuhause fing ich dann an, mich über das Thema zu informieren.

Zuerst muss der Grad der Behinderung (als GdB angegeben) festgestellt werden. Ab einem Grad von 50 GdB erhält man den Schwerbehindertenausweis. Wenn du einen Feststellungsbescheid unter 50 aber mindestens 30 GdB bekommst, hast du die Möglichkeit, einen Gleichstellungsantrag bei der Agentur für Arbeit zu stellen. Informier dich in dem Fall noch einmal genau beim Amt, was das für dich bedeutet. Der Antrag auf Schwerbehinderung muss beim Versorgungsamt vorgelegt werden. Welches Versorgungsamt für euch zuständig ist, erfahrt ihr schnell im Internet oder in eurer Gemeinde im Bürgerbüro. Für mich war Frankfurt zuständig. Auf deren Internetseite war es mir möglich, den Antrag herunterzuladen und auszudrucken. In dem Antrag werden einige Fragen zur Person gestellt, zu Beeinträchtigungen, Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten und wer die behandelten Ärzte der letzten 2 Jahre sind. Es ist sinnvoll, eure Ärzte im Vorfeld darüber zu informieren und mit ihnen über den Antrag zu sprechen. In dem Antragsformular befindet sich ein Kästchen zum Ankreuzen für die sogenannte „Schweigepflichtentbindung“. Somit kann das Versorgungsamt fehlende Unterlagen und Informationen bei den Ärzten einholen. Alles, was ich an Unterlagen aus der Klinik hatte sowie der Befund von meinem Augenarzt, habe ich kopiert und mit eingereicht. Viele berichteten mir, es sei besser und würde schneller gehen, die Unterlagen so vollständig wie möglich mitzuschicken. Einige erzählten von sehr langen Wartezeiten. Das ist sicher vom jeweiligen Versorgungsamt und deren Mitarbeitern abhängig. Ich beherzigte den Rat und musste nicht lange auf eine Rückmeldung warten. Kurz darauf kam der Bescheid, dass mein Grad der Behinderung auf 50 GdB eingestuft wurde. Ich schickte ein Lichtbild zum Amt und bekam kurz darauf den Ausweis. Es war wirklich einfach und in meinem Fall ging es, wie gesagt, sehr flott. Mein Ausweis war zu Anfang erst mal auf zwei Jahre befristet, mittlerweile ist er unbefristet.

Einige haben mich bereits gefragt: „Du hast 50 GdB? Wie hast du das gemacht?“ Ich habe lediglich meine Beschwerden und Beeinträchtigungen zusammen mit den ärztlichen Befunden eingereicht. Das war’s – kein Geheimtipp, kein Glücksrezept. Versucht es einfach – ich drücke euch die Daumen!

Als ich meinen Schwerbehindertenausweis in der Hand hielt, informierte ich meine Stationsleitung darüber und ich brachte eine Ausweis-Kopie in die Personalabteilung.

Für mich persönlich war es wichtig, einen Kündigungsschutz zu bekommen, der mir mit meiner Behinderung zusteht. Wenn der Arbeitgeber mich kündigen möchte, so muss er sich in dem Fall im Vorfeld schriftlich die Zustimmung des Integrationsamtes einholen. Hat er diese nicht, ist die Kündigung unwirksam. Ebenso muss bei einer Kündigung die Schwerbehindertenvertretung sowieso der Betriebsrat beteiligt werden. Dieses gesonderte Kündigungsrecht erhalten auch Gleichgestellte (mit einem GdB unter 50). Ebenso besteht die Möglichkeit, den Arbeitsplatz behindertengerecht umbauen zu lassen – die Förderung vom Integrationsamt kann bis zu 100% betragen. Ein Schwerbehindertenausweis hat noch weitere Vorteile: Als Schwerbehinderter ist es ebenfalls möglich, zwei Jahre eher in Rente zu gehen und Zusatzurlaub zu erhalten. Wichtig zu wissen ist, dass Gleichgestellte (unter 50 GdB) KEINEN Anspruch auf Zusatzurlaub (5 Tage mehr im Jahr) und KEINE vorgezogene Altersrente haben. Häufig bekommt man nach Vorlage des Behindertenausweises außerdem vergünstigte Eintrittspreise bei öffentlichen Freizeiteinrichtungen. Ab einer Behinderung von 50 GdB erhältst du darüber hinaus einen Steuerfreibetrag.

Wenn ich in meinem Umfeld erwähne, einen Schwerbehindertenausweis zu besitzen, kommt häufig der Satz „Cool, darfst du dann auf Behinderten-Parkplätzen parken“? Nein, das ist mir nicht erlaubt. Um auf einen Behinderten-Parkplatz parken zu dürfen, benötigst du ein spezielles Merkzeichen im Ausweis. Das Merkzeichen (aG) „außergewöhnlich gehbehindert“ oder (BI) „blind“ gestattet das Parken. Jetzt argumentieren sicher einige: „Moment, ein Blinder kann kein Autofahren.“ Stimmt, dennoch muss der Blinde ggf. gefahren werden und es muss ihm möglich sein, gefahrenlos an sein Ziel zu kommen. Ebenso erhalten Eltern behinderter Kinder, die außergewöhnlich gehbehindert sind, einen solchen Ausweis. Dazu ist zu sagen: Der Ausweis ist nicht fahrzeuggebunden. Aber Vorsicht: In einigen Bundesländern gelten Ausnahmeregelungen. Diese gestatten ab einer Behinderung von 80 GdB und dem Merkzeichen G „erheblich gehbehindert“ und B „notwendige Begleitung“ auf den gekennzeichneten Parkplätzen parken zu dürfen.

Ich weiß, für viele ist der Schwerbehindertenausweis ein großer Schritt. Das kann ich auch absolut nachvollziehen. Sich eine Behinderung und damit die Krankheit einzugestehen, das ist nicht leicht. Dennoch kann ein Schwerbehindertenausweis eben einige Vorteile mit sich bringen. Ihr müsst für euch persönlich die Vor- und Nachteile abwägen. Und macht euch bewusst: Eine Behinderung zu haben ist nichts, wofür man sich schämen müsste! Also seid stolz und selbstbewusst und lasst euch nicht unterkriegen, ihr Lieben! Ich hoffe, ich konnte euch einige nützliche Informationen liefern und euch bei eurer Entscheidung bezüglich der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises helfen.