Multiple Sklerose und Wochenbett

Jede Schwangerschaft ist aufregend. Man kann es selbst kaum erwarten, dass Baby endlich im Arm halten zu dürfen und fiebert dem Entbindungstermin entgegen – Tag für Tag. Während der Schwangerschaft haben die werdenden Mamis (und natürlich auch Papis :-)) viel Zeit darüber nachzudenken, wie alles sein wird, wenn der oder die Kleine endlich da ist. Bei mir schlummerte natürlich immer der Gedanke an die MS mit einem fiesen Beigeschmack im Hinterkopf herum. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich keine Angst hatte. Angst, mein Baby nicht versorgen zu können, Angst, nicht genügend Kraft zu haben – auch für das Wochenbett, das einen nach der Geburt und der ersten Euphorie erwartet. In meiner ersten Schwangerschaft mit Emil begleiteten mich tatsächlich so einige Gedanken und Ängste, da meine MS „relativ“ aktiv war. Ich hatte innerhalb von 1 1/2 Jahren 3 Schübe und ein paar neue Läsionen in meinem Gehirn.

Die ersten Wochen nach einer Geburt sind anstrengend, mit oder ohne MS. Das ist klar und kann nicht geleugnet werden. Wer keine Kinder hat, kann sich diese Phase kaum vorstellen. Immer wieder hören werdende Mamis, dass sie sich auf das Wochenbett vorzubereiten haben und dass sie sich im Wochenbett ganz besonders ausruhen müssen. Heute wissen wir, dass die hormonelle Umstellung nach der Geburt bei MS-Patientinnen zu Schüben führen kann, völlig egal, wie wir entbinden. Etwa 30% der Frauen, erleiden in den ersten 3 Monaten nach der Geburt einen Schub. Das ist Tatsache und machte mir schlicht und ergreifend Angst. Sehr große Angst sogar. Am meisten hatte ich Bedenken, nicht in der Lage zu sein, mein Baby selber versorgen zu können. Im Internet bin ich auf sehr unterschiedliche Aussagen getroffen, was mir ein unbehagliches Gefühl gab. Meinem damaligen Neurologen habe ich sehr vertraut und seine Meinung sehr geschätzt, letztendlich habe ich mir einen Termin gemacht und mit ihm über meine Ängste geredet. Eine sehr gute Entscheidung, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Ein Punkt, der mir einen großen Teil der Angst genommen hat, ist die Besprechung der Möglichkeiten „was ist wenn“. Irgendwie fühlte ich mich dadurch in meinem Kopf „vorbereitet“ – für jeden Fall gewappnet.

Mit meinem Mann habe ich von Anfang an sehr viel über meine Sorgen, Ängste und alles was dazugehört, gesprochen. Es nahm mir ebenfalls die Angst, dass mein Mann die ersten 2 Monate Elternzeit genommen hat. So wusste ich, er ist da. Egal was passiert.

In der zweiten Schwangerschaft machte ich mir viel weniger Gedanken um meine MS. Auch, wenn sich in meinem Kopf dennoch die leisen Stimmen begleiteten – hoffentlich geht alles gut. Ich fühlte mich „sicherer“, da ich schon eine Schwangerschaft und ein Wochenbett gut überstanden hatte. Gewisse Bedenken blieben trotzdem.

Nach einer Geburt benötigt der Körper erstmal Ruhe. Logisch. Wir erholen uns von den Anstrengungen der Geburt und lernen dabei das kleine süße Wesen kennen, gewöhnen uns aneinander und die Hormone fahren Achterbahn in Dauerschleife – ich sag’s euch. Und es ist schwer zu beschreiben, diese starken Emotionen – versteht man erst, wenn man selbst zu Eltern wird, denke ich. Ich kann mich erinnern, dass ich nach beiden Geburten sehr nah am Wasser gebaut war. Noch viel näher wie sonst. Ich habe viel geweint – trotz oder gerade wegen der Liebe, die ich verspürt habe. Bei Emil war es die Angst zu versagen und etwas falsch zu machen, bei Theo die ganzen Sorgen, die mich plagten.

Ich hatte zwei völlig unterschiedliche Wochenbettzeiten. Bei Emil hatte ich meinen Mann zur Hilfe, das verschaffte mir Ruhe und Zeit. Bei Theo konnte mein Mann leider keine Elternzeit nehmen, ich war mit Theo die ersten 10 Tage auf der Intensivstation und hatte Zuhause ein Kleinkind, was mich ebenfalls brauchte. An Ruhe war nicht zu denken! Diese Situation bereitete mir Sorgen und ich hatte Bedenken, ob ich das alles so meistern kann, aber alles ging gut. Glücklicherweise.

Was das Stillen betrifft, bin ich ganz ehrlich: Während der Schwangerschaft mit Emil war ich mir nicht sicher, ob das generell etwas für mich ist. Natürlich kennen wir alle die Aussage „Stillen ist das Beste für Ihr Kind“. Ja, das mag es auch sein, das stelle ich nicht in Frage. Allerdings begleiteten mich die Gedanken, ob ich nicht lieber gleich wieder mit meiner Therapie starte. Und in meinem Fall hieß das: Kein Stillen möglich. Die Therapie verleiht mir irgendwie ein „Sicherheitsgefühl“ – das ist schwer zu erklären und ist bei jedem anders. Einige MS-Medikamente, so auch mein damaliges, sollten während dem Stillen weiter pausiert werden. Es gibt aber auch Medikamente, da ist es kein Problem. Ich ließ mir die Option erst einmal offen.

Ich habe in meinem Freundeskreis außerdem auch Mamas, die keine MS haben und bei denen das Stillen einfach nicht so recht klappen wollte. Ich wollte mich bezüglich dieses Themas nicht unter Druck setzen. Mit meinem Mann vereinbarte ich schließlich, es zu versuchen. Was soll ich sagen, ich habe beide Kinder ohne Probleme gestillt und das sogar gerne. Jedoch war die Entscheidung fest in meinem Kopf, wenn ein Schub kommt, möchte ich abstillen. Emil habe ich 8 Monate gestillt. Nach diesen 8 Monaten ging es mir körperlich nicht ganz gut und ich hatte Angst vor einem Schub, so entschied ich mich dazu abzustillen und wieder meine Therapie zu starten. Theo ist nun 7 Monate und wird meist nur noch nachts gestillt. Zurzeit geht es mir sehr gut damit, sollte sich die Situation ändern, fange ich direkt wieder mit meiner Therapie an und stille Theo ab. 

Ich würde nie jemand verurteilen, der sich gegen das Stillen entscheidet und lieber Medikamente nehmen möchte, die damit eben nicht zu vereinbaren sind. Ich verstehe das und kann mich sehr gut hineinversetzen. Jeder sollte sich so entscheiden, wie es für ihn passt. Niemand sollte deswegen verurteilt werden. Ich finde am wichtigsten ist es doch, dass es dem Baby UND der Mama gut geht. Zusammen ein unschlagbares Team zu sein, ob nun mit oder ohne Muttermilch. 

Wer aber unentschlossen ist, dem rate ich, versucht es einfach mit dem Stillen. Es ist praktisch, denn du kannst immer und überall dein Kind „füttern“ und die Milch ist stets perfekt temperiert. Zudem zeigen Studien tatsächlich, dass stillende Mamas mit Multiple Sklerose ein geringeres Risiko haben, einen Schub zu bekommen. 

Den klassischen Rat „bereitet euch auf das Wochenbett vor“ kann auch ich euch nur ans Herz legen – hier ein paar Tipps für eine gute Vorbereitung: 

  • Macht euer Zuhause „Babytauglich“, das heißt aber nicht, dass ihr euch deswegen verrückt machen müsst! Ein Baby benötigt nicht viel. (Kleidung, Windeln, evtl. ein Beistellbett, Wickeltisch usw.)
  • Packt eure Kliniktasche rechtzeitig. Aus Erfahrung weiß ich, wie es ist, wenn keine vorhanden ist und der Mann die Sachen ins Krankenhaus bringen muss.
  • Wascht die Babykleidung vorab – das vergisst man gerne.
  • Sucht euch frühzeitig eine Hebamme, die Zuhause die Nachsorge macht. (Glaubt mir, gerade beim ersten Kind gibt sie einem viel Sicherheit!)
  • Füllt die Formulare für Elterngeld und Kindergeld weitestgehend aus, sodass ihr nach der Geburt nur noch das Geburtsdatum eintragen müsst. 
  • Und Grundregel Nummer 1: Setzt euch nicht unter Druck. Haltet euch immer vor Augen, alles kann und nichts muss! Sprecht mit Vertrauenspersonen über eure Ängste. Ihr seid nicht alleine!