MS und Stress

Nadine Kolumne MS und Stress

Du hast verschlafen, musst aber noch die Kinder fertig machen und wegbringen und hetzt dann weiter zur Arbeit. Und dann ist auf der Arbeit auch noch ein Kollege erkrankt und du fragst dich, wie du diesen Tag ohne weitere Katastrophen überstehen sollst? Dann hast du auch noch Termine, die du einhalten musst, willst noch nach den Eltern oder Großeltern sehen; auch die Wäsche türmt sich, von den Einkäufen fürs Abendessen ganz zu schweigen – diese Aufzählung könnte ich wohl ewig so weiterführen.

Solche Tage kommen dir sicher bekannt vor, oder? – Mir auch. Im Alltag verliere ich mich auch gern darin. Ich versuche mich dann immer wieder zurückzunehmen und zu besinnen, um den Druck nicht an mich heranzulassen.

Wie ich das genau anstelle, erzähle ich dir gern. Aber nun beginnen wir erstmal am Anfang:

Wie ihr vielleicht schon wisst, bin/war ich von Beruf Krankenschwester auf einer Überwachungsstation, einer sogenannten „Stroke Unit“ (Schlaganfalleinheit). Ich bin mir ziemlich sicher, die meisten von euch können sich vorstellen, wie stressig es bei 14 Monitor-Betten zugeht. Wie die Bezeichnung schon sagt, wir betreuten frische Schlaganfälle, Hirnblutungen oder seltene neurologische Erkrankungen. Die Patienten sind in der Regel schwer betroffen und benötigen intensive Überwachung und Pflege. Notfälle gehören auf dieser Station zur Tagesordnung. Ständig klingelt irgendein Monitor, das Telefon oder Angehörige an der Besuchertür. Die Personalbesetzung ist wie an allen deutschen Kliniken ziemlich eng; wenn dann noch jemand ausfällt, musst du die Arbeit für zwei machen. Es kam damals nicht selten vor, dass ich zehn Tage Dienst am Stück hatte. Ich habe es trotzdem geliebt – die Arbeit und auch den damit einhergehenden Stress … dachte ich zumindest lange. Ja, ich brauchte ihn sogar irgendwie. Fast zehn Jahre in diesem Pensum, die nicht spurlos an mir vorbeigingen.

Als dann die Erkrankung Multiple Sklerose bei mir einsetzte, merkte ich schnell: Mein stressiger Arbeitsalltag tut mir überhaupt nicht gut. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, aber hatte gerade anfangs einen Schub nach dem anderen. Ich habe immer wieder versucht, auf der Arbeit etwas langsamer zu machen, es ist mir nie gelungen. Mir ging es alles andere als gut. Schmerzlich musste ich feststellen, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich merkte selbst wie der Stress meine Krankheit befeuerte.

Natürlich hören wir immer: Stress ist nicht gut für unsere Gesundheit. – Ja, das wissen wir mittlerweile. Aber weißt du eigentlich, was genau in stressigen Situation in deinem Körper passiert?

Evolutionsbedingt war Stress als Reaktion unseres Körpers zunächst überlebenswichtig. Von einer Ruhephase in Sekundenschnelle in Alarmbereitschaft und in eine Kampf- bzw. Fluchthaltung zu wechseln, wirkt sich auf die Atmung, Muskulatur und den Kreislauf aus. Zudem wird ein regelrechter Hormoncocktail ausgeschüttet, um unsere Energieversorgung zu gewährleisten. Für kurze Momente ist das super: Der Körper arbeitet auf Hochtouren und ist zu Höchstleistungen fähig. Hier kann man grundsätzlich zwischen positivem und negativem Stress unterscheiden. Die positive, kurzfristige Leistungssteigerung ist natürlich etwas Gutes – wenn danach auch eine ausreichende Erholungsphase erfolgt. Ins Negative kippt die Situation für unser Wohlbefinden dagegen, wenn das Stresslevel langfristig hochgehalten wird.

Tja, ich denke, die meisten Menschen leben mittlerweile konstant im Dauerstress und kommen leider kaum noch zur Ruhe. Sobald Situationen vom Gehirn als Gefahr oder Belastung eingestuft werden, schüttet es das sogenannte Stresshormon Cortisol aus. Dieser dauerhafte „Gefahrenmodus“ zieht leider einen Rattenschwanz hinter sich her, der sowohl unser körperliches als auch psychisches Wohlbefinden in Mitleidenschaft zieht. Beispielsweise schüttet die Bauchspeicheldrüse unter Stress das Hormon Insulin aus. Dies kann langfristig zu Diabetes führen. Die Ausschüttung von Adrenalin lässt außerdem den Blutdruck ansteigen, was eine arterielle Hypertonie oder gar gesteigerte Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden, zur Folge hat. Unsere Herzfrequenz und die Atmung werden unter extremer Belastung ebenfalls schneller; das Blut wird dadurch vermehrt mit Sauerstoff angereichert. Du merkst es daran, dass deine Muskeln verspannen.

Wenn für längere Zeit dann keine Ruhephase eintritt, kommt es bei Dauerbelastung zum gegenteiligen Effekt und unsere Leistungsfähigkeit verringert sich – trotz dauerhafter Alarmbereitschaft – und kann bis zu einer Depression oder einem Burn-Out reichen. Wirklich nicht schön, was alles durch Stress entstehen kann.

Diese ganzen Folgen von Stress sind grundsätzlich für niemanden gut; da wird er vor allem bei MS nicht förderlich sein. Im Gegenteil! Ich kann für mich sagen: Stress tut meiner MS überhaupt nicht gut – das hat die Vergangenheit gezeigt: Ich bekam kurz nach der Diagnose meinen zweiten Schub. Mein linkes Bein wurde spastisch. Das Schichtdienstmodell wurde für mich immer problematischer. Das hing auch mit meiner Therapie zusammen: Die Idee, die Nebenwirkungen „zu verschlafen“ ist prinzipiell super – jedoch nicht, wenn du Nachtdienst machen musst. Ich merkte, dass immer mehr Symptome aufflackerten: Sehstörungen, Probleme mit meinem Bein und ich war körperlich nach den Diensten einfach völlig fertig. Selbst an meinen freien Tagen konnte ich nicht viel unternehmen, sondern wollte/musste mich ausruhen. Um die Belastung zu verringern, versuchte ich es zunächst mit einer Stundenreduktion und musste keine Nachtdienste mehr machen. Das half mir schon sehr. Im Sommer 2016 hatte ich dann meinen letzten Schub nach einem Dienst-Marathon, inklusive Gefühlsstörungen auf der linken Körperseite. Das war der Zeitpunkt, an dem mir klar wurde: So geht es nicht weiter.

Die Entscheidung, was sich ändern müsste, wurde mir tatsächlich schnell abgenommen, denn ich wurde in dieser Zeit mit Emil schwanger. Seitdem bin ich erstmal raus aus der Pflege und zu Hause für meine Kinder da. Wie es beruflich nach der Elternzeit für mich weiter geht, weiß ich noch nicht. Was ich aber weiß: Ich brauche definitiv mehr Ruhe in meinem Job.

Mein Alltag mit den kleinen Mäusen ist natürlich auch oft nervenaufreibend und energiezehrend; ich gerate dann oft unbewusst in einen gestressten Zustand. Das merke ich zum Glück schnell und versuche mich dann immer etwas zurückzunehmen. Denn ich stelle fest: Bin ich gestresst, überträgt sich dieser Zustand auch auf meine Kinder. Deshalb rate ich allen: Bleibt entspannt (so gut es eben meist geht), aber schätzt eure MS und eure Stressresistenz realistisch ein, damit ihr euch ausreichend Erholung gönnt.

Von meinem Umfeld bekomme ich tatsächlich oft gesagt, ich sei immer ausgeglichen und gelassen. Ich denke, ich strahle grundsätzlich Ruhe aus, aber fühle mich innerlich eben auch häufig gestresst, keine Sorge! Mir hilft es dann, kleine Pausen einzulegen, Sport zu machen und raus an die frische Luft zu gehen. Manchmal genügt es auch, einfach ganz bewusst zu atmen und dabei bis Drei zu zählen. Einige erzählen, sie meditieren, um Stress abzubauen. Ich denke, wir sollten viele Dinge einfach gelassener nehmen. Vieles können wir sowieso nicht ändern – und lohnt es sich dann überhaupt, sich stundenlang darüber zu ärgern, sich innerlich zu stressen und den Kopf zu zerbrechen?