Multiple Sklerose und Selbstliebe

Nadine Kolumne Selbstliebe

In der letzten Zeit habe ich mich vermehrt mit dem Thema „Selbstliebe“ beschäftigt. Warum? Gerade in der aktuellen Situation – Stichwort Corona-Krise – wird einem noch einmal mehr bewusst, was im Leben eigentlich wirklich zählt – und man hat in der Quarantäne gezwungenermaßen auch einfach mehr Zeit, sich Gedanken darüber zu machen. Tja und was ist wirklich wichtig für mich? Die Familie, der Freundeskreis, die Gesundheit und ja, ich selbst. Fragen wie „Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Bin ich glücklich?“ und „Liebe ich mich, so wie ich bin?“ schwirren im Kopf herum. Gerade die letzte Frage ist irgendwie gar nicht so leicht und selbstverständlich zu beantworten. „Selbstliebe“ was ist das überhaupt genau? Für mich ist das ein Oberbegriff, der folgende Attribute beinhaltet: Selbstachtung, Selbstvertrauen und Selbstannahme.

Ich habe seit 2015 Multiple Sklerose. Die Diagnose war damals ein riesiger Schock. Zu dieser Zeit habe ich buchstäblich das Vertrauen in meinen Körper verloren. Wenn die Augen nicht funktionieren, die Beine nicht wollen und einem das Gefühl für seinen eigenen Körper fehlt – ja, wie soll man seinen Körper da „lieben“ bzw. ihm vertrauen? Und immer präsent die Frage: Warum greift sich mein Körper selbst an? Ist nicht gerade nett von ihm - oder? Ich fühlte mich anfangs so, als wäre ein Krieg in mir ausgebrochen. Ich habe meinen Körper (das „Innere“) plötzlich als meinen Gegner angesehen. Ich gegen mich selbst. Es gab Momente, da hasste ich mich und meinen Körper regelrecht. Aus Momenten wurden kleine Ewigkeiten. Zu der gleichen Zeit hatte ich auch meine drei Fehlgeburten. Das tat sein Übriges und war nicht gerade förderlich für mein Selbstvertrauen. Da war ich: 25 Jahre jung, frisch verheiratet, krank und nicht in der Lage ein Kind auszutragen. Ich war schrecklich wütend, wütend auf mich, meinen Körper und die ganze Welt. Ich muss sagen, diese Zeit war die schlimmste meines bisherigen Lebens. Ich konnte und wollte nicht mehr. Aber das Leben ging weiter und ich musste kämpfen – klar, was blieb mir auch anderes übrig? Ich bin sehr froh, dass ich meinen Mann immer an meiner Seite wusste. Als ich nicht mehr an mich und meinen Körper glaubte und mich regelrecht hasste, da war er die starke Stütze, derjenige der trotz allem in mich und meinen Körper vertraute und mich liebte, bedingungslos.

Es fällt mir nicht leicht meine Beziehung zu mir selbst, zu meinem Körper zu beschreiben. Ich lebe mit der Multiplen Sklerose, nicht sie mit mir. Das ist mir heute ganz wichtig zu betonen. Der Weg zu dieser Erkenntnis dauerte. Es brauchte einfach seine Zeit bis wir uns kennenlernten und uns aneinander gewöhnten. Sie kam mit einem Schlag in mein Leben und stellte dieses von heute auf morgen komplett auf den Kopf. Vorher war mir nie bewusst, dass man sich selbst und seinen Körper so hassen kann – so verzweifelt sein kann. Ich hatte zuvor (glücklicherweise) noch nie eine solche Hilflosigkeit verspürt. So eine Wut. Warum passierte das? Warum mir? Selbstzweifel quälten mich ununterbrochen. Die Frage nach dem Sinn bohrte sich immer weiter in meinen Kopf. Was habe ich nur falsch gemacht, dass ich nun so bestraft wurde?

Nach den Fehlgeburten und den darauf folgenden Schüben war mein Selbstvertrauen, wie gesagt, am Boden. Ich sah alles schwarz. Ich fühlte mich so schlecht und der Vergleich mit anderen, denen es vermeintlich besser ging, die das hatten, was ich mir so sehr wünschte, das war für mich das pure Gift. Ich weiß natürlich auch, dass wir uns nicht mit anderen vergleichen sollen, dies ist aber sehr schwer. Ständig und überall wurde ich mit gesunden, schwangeren Frauen und Kindern konfrontiert. Ich wusste auch, ich bin nicht die erste und einzige mit diesem Schicksal, nur reden wenige darüber. Das gibt dir ein Gefühl, als wärst du eben doch ein seltenes Exemplar. Ständig habe ich mich gefragt, warum klappt es bei den anderen? Ich fühlte mich so machtlos.

Auch beim Thema Selbstachtung, musste ich tatsächlich einiges dazu lernen. Ich bin Krankenschwester von Beruf und war ein kleiner „Workaholic“. Fast 10 Jahre habe ich auf einer Überwachungsstation gearbeitet. Ich arbeitete gerne, konnte aber schon immer schlecht „nein“ sagen – eine Schwäche von mir. War jemand krank und ich wurde gefragt, ob ich den Dienst übernehmen könnte, sagte ich immer zu. Ich war körperlich oft buchstäblich am Ende. An einigen Tagen, habe ich mich nach dem Frühdienst ins Bett gelegt und bin liegen geblieben bis zum nächsten Dienst. Keine Struktur, keine Zeit für mich oder für mein Leben abseits der Arbeit. Tja und als die Diagnose nun da war, da wusste ich sofort, ich muss mehr auf mich hören und auf mich achten. Dinge tun, die ich mag. Mein Leben LEBEN und nicht nur funktionieren. Ich wusste, ich musste lernen „nein“ zu sagen. Aus Liebe zu mir selbst. Das hat nichts mit egoistisch sein zu tun.

Ich entdeckte den Sport für mich wieder, ein Wendepunkt. Das lenkte mich ab und täglich setzte ich mir Ziele, die ich erreichen konnte. Früher als Jugendliche machte ich sehr viel Sport und ich wollte schon damals immer mal wandern gehen in den Alpen. Ich sagte immer, später! Tja – jetzt gab es kein später mehr. Ich wollte es JETZT erleben. Gesagt, getan: Urlaub gebucht und ab nach Österreich in die Berge. Die Berghütten zeichneten bildlich meine Ziele. Aufgeben? Das kam für mich nie in Frage. Wir erreichten sie alle. Gegenseitig haben wir (mein Mann und ich) uns immer weiter motiviert. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Glücksgefühle das in mir hervorgerufen hat. Nach vielen Kilometern Strecke und hunderten von Höhenmetern, wusste ich, ich kann alles schaffen – trotz der MS -  nein, besser gesagt mit der MS! Ja! Vielleicht langsamer und über den einen oder anderen Umweg, aber ich kann! Und ich werde! Ich fasste so viel Vertrauen und Mut, dass ich es nochmal versuchen wollte mit dem schwanger werden. Und siehe da, ich war ziemlich schnell schwanger und wusste einfach, diesmal klappt es. Neun Monate später war mein Emil da. 

Ja – die Annahme der Krankheit dauerte. Wieder zu sich zu finden, sich selbst wieder vertrauen zu können und lieben zu lernen. Und wieder glücklich zu sein. Ich kann nicht genau sagen, wie lange tatsächlich, aber bei mir war es auf jeden Fall eine lange Zeit! Das verläuft natürlich bei jedem anders. Der eine nimmt es schneller an, als der andere. Ich bin jemand, der viel mit sich selbst ausmacht, nicht viel drüber redet, sondern die Gefühle wirklich leben muss. Ich setzte mich sehr lange und intensiv mit meiner Krankheit auseinander und wollte ganz genau wissen und vor allem verstehen, was die MS mit mir macht und was eigentlich dahinter steckte. Das sehr genaue Verstehen machte mir die Annahme ein wenig leichter.

Nach dieser schweren Zeit ist mir wieder einmal aufgefallen, dass wir uns so manches Mal mehr von den Kindern abschauen sollten. Was ich damit genau meine? Naja, nehmen wir an ein Kleinkind fällt hin, es weint, weil es sich wehgetan hat. Schnell können wir es beruhigen, trösten und die Schmerzen verfliegen. Und was macht das Kind daraufhin? Es läuft und rennt einfach weiter als wäre nichts passiert. Ein Erwachsener ärgert sich und schimpft lauthals. Überlegt, wie er gestolpert ist und sucht jemanden, dem er die Schuld geben kann. Der Ärger bleibt manchmal den ganzen Tag und sorgt für schlechte Laune. Und das, obwohl doch schon längst wieder alles gut ist. Das Kleinkind hat es nach wenigen Minuten abgehakt – entweder akzeptiert oder sogar vergessen. Ich bin sicher, das kleine Kind hat einen wundervollen Tag im Gegensatz zu dem Erwachsenen. Und so sollte man auch an die Krankheit heran gehen. Natürlich muss man den Schock erstmal verdauen und sich informieren. Dann sollte man aber auch akzeptieren, sei es noch so schwer, denn ändern können wir es nicht. Nur das Beste daraus machen. Ist natürlich immer leicht gesagt, den einen trifft es schlimmer als den anderen. Aber jeder sollte so gut, wie es eben geht, sein Leben mit der MS leben. Nicht aufgeben und nicht nur alles schwarzsehen.

Und nun? Liebe ich mich selbst? 

JA, das tue ich. Wie ihr seht, habe auch ich die „Selbstliebe“ in den schwierigen Zeiten aus den Augen verloren. Es dauerte bis ich sie nach der Diagnose MS wieder fand, aber sie kam schließlich zurück. Ich glaube, der größte Hebel ist die Annahme und Akzeptanz der Erkrankung. Das Vertrauen in meinem Körper ist nun ein anderes, als noch früher, als ich noch gesund war. Ja jung und „gesund“ fühlt man sich unverwundbar. Nun bin ich mir bewusst, dass ich eben nicht unverwundbar bin, dass ich mit einer  Krankheit leben muss, ja. Aber mehr auch nicht, es ist okay. Es ist, wie es ist, so hart das anfangs klingen mag. Keiner weiß, was morgen ist, auch nicht der Gesunde. Wir sind es, die bestimmen, was wir aus unserem Leben machen und wie wir mit bestimmten Dingen umgehen. So wie ich eben gelernt habe mit meiner MS zu leben. Und ich bin glücklich. 

Noch einmal kurz zusammengefasst, warum Selbstliebe so wichtig ist:

  • Sie gibt Selbstvertrauen und Stärke
  • Sie führt zu einer positiven Ausstrahlung
  • Wir sind mit ihr emotional stabiler
  • Der Glaube an uns und unsere Fähigkeiten wächst
  • Selbstliebe macht großzügig
  • Mit ihr behandeln wir uns gut

Nach fünf Jahren, kann ich sagen: Die MS gehört zu mir, ist ein Teil von mir. Sie ist nicht immer nett zu mir und ja, es gibt Augenblicke, in denen macht sie mir Angst – noch heute. Erst neulich am Wochenende war es mir nicht möglich, meinen linken Arm richtig zu bewegen. Ich konnte mein Glas nicht mehr halten. Das ist gruselig. Aber: Ohne die MS wäre ich heute nicht die, die ich bin. Wir sind aneinander gewachsen. Klingt es blöd, wenn ich sage, Dank ihr lebe ich bewusster, bin zufriedener und dankbarer? So ist es tatsächlich. Ich genieße die Momente, nehme das Leben so wie es kommt und lebe im heute. Und ich bin mir bewusst, gesund zu sein und einen funktionierenden Körper zu haben, ist nicht selbstverständlich. 

Ein paar Tipps, wie ihr zur Selbstliebe findet, falls ihr sie auch mal aus den Augen verliert, habe ich natürlich auch für euch:

  • Akzeptiere dich genau so, wie du bist!
  • Lobe dich selbst (ich bin hin und wieder schon mal stolz tagsüber die Spülmaschine ausgeräumt zu haben, mit Kleinkind und Baby – Mamis wissen, wovon ich spreche ;-)).
  • Sprich und denk positiv 
  • Sei dankbar für alles, was du hast. Nichts ist selbstverständlich! 
  • Gehe wertschätzend mit deinem Körper um
  • Nehme dir bewusst Zeit für dich und gönn dir Ruhepausen
  • Denk daran, du kannst alles schaffen!
  • Schreibe dir kleine Erfolge auf und führe sie dir regelmäßig vor Augen!