MS und Laster

Kolumne Nadine MS und Laster

Mit der Diagnose Multiple Sklerose hinterfragen viele von uns den eigenen bisherigen Lebensstil. Wir wollen gesund sein und tun alles dafür, um einen milden Krankheitsverlauf zu erreichen. Dazu gibt es bei MS Einiges zu beachten. Eine komplette Lebensumstellung  ist aber gar nicht so leicht – insbesondere nicht, wenn du gerne rauchst, Alkohol trinkst oder sogar zu starken Gefühlen wie Neid neigst, was sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken kann. Auch ich musste mich mit diesen Lastern auseinandersetzen, als ich meine Diagnose erhielt.

1. Rauchen

Einige MS‘ler erzählen mir, dass sie rauchen, sich aber nicht trauen, dies offen zuzugeben. Die Angst davor verurteilt zu werden und sich rechtfertigen zu müssen, ist zu groß. Ich kenne das Gefühl, schließlich habe auch ich jahrelang geraucht.

Wenn du meine Kolumne schon häufiger gelesen hast, weißt du, ich habe jahrelang auf einer Neurologie-Station gearbeitet, in einer sogenannten Stroke Unit (Schlaganfall Einheit). Viele meiner PatientInnen waren Raucher. Rauchen lässt schon bei gesunden Menschen die Gefäße verkalken und ist ein großer Risikofaktor für einen Schlaganfall. Für MS wissen wir heute, dass das Rauchen als Brandbeschleuniger gilt – das belegen zumindest Studien. Bei MS’lern, die rauchen, ist der Verlauf durch das Nikotin im Körper schlechter und die Krankheit schreitet schneller voran. Ja selbst das Risiko an MS zu erkranken, ist bei Rauchern um Einiges höher. Ist das nicht schon Grund genug um aufzuhören? Ich weiß, dieses Wissen um die gesundheitlichen Risiken setzt einen sehr unter Druck, aber: Du kannst es schaffen aufzuhören.

Meine letzte Zigarette habe ich vor genau 4 Jahren geraucht. Ich habe unzählige Versuche gebraucht, bis ich es schaffte und wirklich alles ausprobiert: Angefangen beim Nikotin-Pflaster über Bonbons, Sprays und Kaugummis – nichts half. Ich entdeckte dann die E-Zigarette. Die half mir tatsächlich, meinen Konsum zu reduzieren. Ich wurde dann auch wieder schwanger und mir war sofort klar, dass ich natürlich nicht während der Schwangerschaft rauchen würde.

Das Wichtigste ist: Du musst wirklich aufhören wollen. Ich habe es geschafft, und bin heute ein noch empfindlicherer Nichtraucher als mein Mann, obwohl er nie geraucht hat. Ich kann den Rauch einfach nicht mehr riechen.

2. Alkohol

Auch zum Thema „Alkohol“ bekomme ich regelmäßig Fragen von Betroffenen: „Nadine, sag mal, trinkst du Alkohol“? Sehr, sehr selten. Aber keine Angst, auch mit MS ist es völlig okay und unbedenklich, ab und zu mal ein Gläschen Wein oder ein Bier zu trinken. Seit meiner Schwangerschaft schmeckt mir Alkohol aber sowieso fast gar nicht mehr. Also trinke ich nur noch zu besonderen Anlässen – neulich im Urlaub zum Beispiel oder nach meinem erfolgreichen MRT-Kontrolltermin gab es ein Glas Sekt.

Wenn du MS hast, solltest du wissen, dass Alkohol deine Symptome verstärken kann. Denn er wird bekanntlich über die Schleimhaut des Verdauungstraktes ins Blut aufgenommen und im gesamten Organismus verteilt. Alkohol wirkt fettlöslich und wenn er auf Nervenzellen trifft, die umhüllt von einer schützenden fettreichen Markschicht sind, löst er diese auf. Die MS-bedingten Symptome können deshalb spürbarer werden. Zudem sollten etwaige Wechselwirkungen mit Medikamenten beachtet werden, da solltet ihr aber lieber euren Neurologen befragen.

Im Grunde gilt bei uns MSl‘ern wie bei allen anderen auch: In Maßen schadet Alkohol nicht. Wenn dir also mal danach ist, dann ist es völlig okay ein Gläschen zu trinken.

3. Neid

Für mich fällt unter den Begriff „Laster“ auch ein moralischer Aspekt: NEID. Als ich die Diagnose erhielt, war ich wütend und neidisch auf alle gesunden Menschen. Natürlich schämte ich mich für diese Gedanken und traute mich nicht, sie laut auszusprechen. Ich denke, wer ständig neidisch nach rechts und links schaut, kann nicht glücklich mit sich selbst sein.  Mein Mann sagt immer, „Es ist wie es ist und ändern kannst du es sowieso nicht.“ Wenn du die Situation einfach akzeptierst und dich annimmst, dann macht das tatsächlich vieles leichter – auch wenn es Zeit braucht.

In der MS-Community bekomme ich auch häufiger Neid mit. Dabei sitzen wir eigentlich alle im selben Boot, oder? Ich habe schon Nachrichten erhalten, in denen mir geschrieben wurde, ich hätte gar nicht richtig MS und solle damit aufhören, alles schön zu reden und bitte keine Kinder in die Welt setzen. Ich stehe über derlei verletzenden Aussagen und nehme sie meist nicht persönlich, sondern denke mir, dem Menschen hinter dieser Nachricht geht es wahrscheinlich gerade sehr schlecht und er oder sie ist traurig. Deshalb gehe ich auf solche Nachrichten nicht groß ein. Ich kann sie verstehen. Bei mir kamen Gefühle wie Wut auch zurück, als ich nach der Geburt meines Kindes langsam abstillen sollte, um wieder mit der Therapie zu beginnen. Ja, ich war wütend auf gesunde Frauen, das ist unfair! In diesen Momenten ist die MS so präsent und schränkt mich doch ein. Aber negative Gefühle wie Wut und Neid gehören eben zum Prozess, die Erkrankung zu akzeptieren dazu, oder wie siehst du das?

Egal ob Alkohol, Zigaretten oder Neidgedanken – du hast sicher auch schon die ein oder andere Erfahrung gemacht. Ich hoffe, ich konnte dir mit meinen Erfahrungen weiterhelfen. Es ist völlig okay, Laster zu haben. Wenn du dir dieser bewusst wirst, ist schon der erste Schritt zur Besserung getan!