MS und Auswirkungen auf die Freundschaft

Es heißt immer so schön, in Krisenzeiten erkennen wir, wer unsere wahren Freunde sind. Die Diagnose Multiple Sklerose war zu Beginn ein Schock. Nicht nur für mich, sondern auch für meinen Partner, meine Familie und für meine Freunde. Ich gehöre zu den Menschen, die sich in Krisenzeiten erst einmal zurückziehen. Ich wollte niemanden groß sehen und vor allem erstmal nicht reden. 

Ich zog mich also anfangs zurück und erwischte mich irgendwann dabei, dass ich mich darüber ärgerte, dass sich kaum jemand bei mir meldete. Ich dachte: Tolle Freunde.

Ich fing wieder an, mich bei den wichtigsten Menschen zu melden, verabredete mich, um einfach mal rauszukommen. Es tat mir gut. Die meisten meiner Freunde und Freundinnen hatten zum Glück viel Verständnis und ich merkte, dass es einigen schwer fiel mir gegenüberzutreten. Es nahm häufig anfängliche Hemmungen und Unsicherheit, wenn ich das Gespräch über die MS anfing und erklärte, so gut ich eben konnte. Es gab auch jemanden in meinem Umfeld, der mit der MS nicht zurechtkam. Es tat weh, aber mittlerweile ist es okay.

Kommunikation ist das A und O

Ein Beispiel aus meinem Freundeskreis: Eine sehr gute und langjährige Freundin rief mich vor ca. drei Jahren an und erzählte mir völlig aufgelöst, man habe bei ihrem Partner Krebs entdeckt, mit vielen Metastasen. Keine Chance. Ich schluckte und sagte ihr: „Es tut mir unendlich leid, ich weiß ehrlich nicht, was ich sagen soll.“ Ich hörte einfach zu. Als wir auflegten dachte ich, sie brauchen sicher Ruhe und Zeit für sich. Einige Tage später überlegte ich nochmal: Bestimmt denkt jeder so und dann fühlt sie sich allein, wie ich damals nach der Diagnose. Ich griff zum Telefon, um sie anzurufen. Ich sagte als erstes, wenn du deine Ruhe willst, sag es einfach und es ist völlig ok. Sie war dankbar, dass ich anrief und für sie da war. Sie erzählte mir ebenfalls, dass sich kaum einer meldete. Ich sagte ihr, du darfst nicht böse sein. Die meisten haben sicher Angst und denken du brauchst deine Ruhe. Ich gab ihr den Rat: Kommuniziere offen, was du willst und brauchst. 

Es ist leicht, die Schuld immer bei den anderen zu suchen. Aber unser Gegenüber weiß nicht, was wir wirklich wollen und brauchen. Du kannst genauso zum Telefon greifen und fragen, ob ihr reden könnt. Kommunikation ist immer das A & O. Es kostet manchmal Überwindung, ehrlich zu sein und zu sagen, was wir wirklich wollen, aber nur so geben wir unserem Gegenüber die Chance richtig zu reagieren. 

Verständnis vs. Vorurteile

Wir wollen Verständnis, aber dafür müssen wir unseren Freunden auch Raum und Informationen geben. Wenn du nun auch MS hast, bist du sicher auch ein kleiner Experte auf diesem Gebiet. Wir lesen uns in die Krankheit ein, werden aufgeklärt und lernen schnell, was Vorurteile sind. Häufig erlebe ich, wie andere sich über Vorurteile aufregen und wütend sind. Ich finde Vorurteile auch nicht schön, und ja, sie können sehr wehtun. Aber woher sollen Nicht-Betroffene das wissen? Um Vorurteile aus manchen Köpfen zu bekommen, hilft nur Aufklärung. Ein offener Umgang trägt dazu bei.

Mit der MS ist es häufig nicht vorhersehbar, wie es uns geht. Fatigue, Uhthoff, Schübe oder einfach schlechte Tage machen es uns schwer, etwas zu planen. Kurzfristig müssen wir Verabredungen absagen und nicht immer stoßen wir dabei auf Verständnis. Es bleibt dabei: Rede offen darüber, wie es dir geht. Entweder dein Gegenüber hat Verständnis oder eben nicht. Wahre Freunde werden es verstehen. 

Veränderungen im Freundeskreis

Ich würde behaupten, bis auf ein paar ganz wenige hat die MS meine engsten Freundschaften nicht gestört. Meine Freunde waren da, nachdem ich offen mit ihnen und der Krankheit umgegangen bin. Eine Veränderung brachte aber das Mama-Sein. Da änderte sich so einiges. Freunde ohne Kinder können es häufig nicht verstehen, dass jetzt eben keine Zeit für einen entspannten Café-Besuch ist. Gleichzeitig ändern sich die Interessen. Es ist völlig normal. Dafür sind aber auch viele neue Menschen in mein Leben getretenen. Sei es durch Baby- und Kinderkurse, Spielplatzbesuche oder den Kindergarten.

Neue Freunde

Wenn ich neue Menschen kennenlerne und diese mir sympathisch sind, überlege ich, wann und wie ich die MS anspreche. Spreche ich sie überhaupt an? Ich möchte meinen Freunden offen und ehrlich gegenüber sein. Ich sage es ihnen meist nicht direkt, weil ich Angst habe, verurteilt zu werden. Ich warte meist, bis es sich im Gespräch ergibt. Manchmal entsteht dann eine unangenehme Stille, die ich schnell versuche zu brechen. Ich bin offen im Umgang über die MS und es ist völlig okay, wie es ist. Die meisten wirken dann etwas erleichtert und fangen an, Fragen zu stellen. 

Freundschaften sind wichtig und helfen

Gerade mit meinen neuen Freundinnen, den von mir sogenannten Kindergartenmuttis – drei Frauen, die Kinder im gleichen Alter haben – helfen wir uns viel gegenseitig. Das ist sehr wertvoll. Erstmal sind alle wirklich sehr sympathisch und nett. Wir hatten jetzt öfter die Situation, dass eine nicht pünktlich von der Arbeit kam oder einen kurzfristigen Termin hatte. Es war für mich selbstverständlich, ihr Kind mit zu uns zu nehmen. Gleichzeitig bieten sie sich immer an, mein Kind mitzunehmen, wenn ich Infusionstag habe. Als ich mir den Fuß gebrochen habe, haben sie mir auch häufig die Kinder abgenommen. Sie haben den Großen in den Kindergarten begleitet und nach Hause gebracht oder mit zu sich genommen zum Essen. Sie holten die Kinder ab, wenn sie auf dem Weg zum Spielplatz waren. Ja, sie waren wirklich da! Das ist Freundschaft. In guten wie in schlechten Zeiten. 

Tipps für einen besseren Umgang mit deinen Freund:innen

  • Kommuniziere offen, was du willst und brauchst. 
  • Ein offener Umgang kann eine Erleichterung sein.
  • Sei nachsichtig deinen Freunden gegenüber. 
  • Frag, wenn du Hilfe brauchst. Die meisten helfen wirklich gern.
  • Hör deinen Freunden zu.

Hier findest Du noch weitere Tipps und eine Podcastfolge zu dem Thema.