Die Rolle des Kortisons

Der Name des Kortisons wird abgeleitet von Cortex, da es in der Nebennierenrinde (= Cortex) produziert wird. Kortison ist ein körpereigenes Hormon, welches bei Alarm, Angriff oder Flucht gebraucht wird. Es bewirkt einerseits eine Blutzuckererhöhung, andererseits hemmt Kortison Stoffwechselvorgänge wie Verdauung, Muskelaufbau, jedoch auch das Immunsystem.

Man kann allgemein von einer entzündungshemmenden Wirkung sprechen. Diese Wirkung ist bei der Kortison-Behandlung eines Schubes bei Multipler Sklerose erwünscht. Dabei wird eine Substanz verabreicht, welche gegenüber dem körpereigenen Kortison leicht abgewandelt ist, jedoch die gleiche Wirkung hat.

Kortison hat eine lange Geschichte in der MS-Therapie

Bereits in den 1950-er Jahren wurden bei Patienten mit Multipler Sklerose Therapieversuche mit ACTH (adreno-corticotropes Hormon) durchgeführt. ACTH stimuliert die körpereigene Kortison-Produktion in der Nebennierenrinde. Dabei zeigte sich, dass die ACTH-Gabe während eines Schubes eine eindrückliche Besserung brachte. Für rund 25 Jahre wurde die ACTH-Behandlung (sogenannte Synacthen-Kur) bei MS-Schüben zur Standardtherapie.

Alle vom Kortison abgeleiteten Substanzen, die in der Medizin eingesetzt werden, werden zusammengefasst Glucocorticosteroide, kurz Steroide genannt. Es gibt verschiedene Arten von synthetischen Glucocorticosteroiden. Sie weisen bezüglich Wirkung und biologischer Aktivität deutliche Unterschiede auf. Steroide hemmen eine Entzündung durch Unterdrückung der Einwanderung von Immunzellen ins Hirn und Verminderung einer Wassereinlagerung (Ödem) bzw. Verminderung einer Schwellung. Daneben werden deutlich weniger Antikörper durch B-Lymphozyten (Antikörper-produzierende weiße Blutkörperchen) gebildet.

In den 1970-er Jahren wurden anstelle der ACTH-Kur Versuche mit der Gabe von Kortison oder von einer dem Kortison verwandten Substanz, nämlich Prednison durchgeführt. Damals kannte man bei der Kortison- oder Prednison-Gabe noch keinen deutlichen Effekt auf einen MS-Schub.

Erst um 1980 wurde die intravenöse hochdosierte Gabe von Methylprednisolon untersucht, die ebenfalls eine stark schubhemmende Wirkung zeigte. Im Vergleich zur ACTH-Kur wurden zwei Vorteile bemerkt: ein schnellerer Wirkungseintritt und eine beständigere Wirksamkeit.

Warum Kortison in der Schubtherapie?

Die Hauptwirkung von Methylprednisolon besteht - wie oben erwähnt - in einer Abschwächung und Verkürzung des Schubes, außerdem zeigt sich ein leichter Rückgang der Spastik.

Methylprednisolon ist damit ein sehr gutes Medikament zur Schubbehandlung, nicht jedoch zur Dauertherapie, wie dies in den 1980-er Jahren mehrfach versucht wurde. Ein therapeutischer Effekt einer länger dauernden niedrigdosierten Behandlung mit Steroiden in Tablettenform konnte nicht belegt werden.

Bei einer lang dauernden Behandlung mit Kortison besteht die Gefahr von erheblichen Nebenwirkungen, wie leichter Muskelschwund, Demineralisation der Knochen (Osteoporose), auch zunehmende Stammfettsucht. Über längere Dauer verabreichtes Kortison soll nur bei denjenigen Krankheiten gebraucht werden, wo keine bessere Behandlung existiert wie beispielsweise bei der Polymyalgia rheumatica (Erkrankung mit Muskelschmerzen, meist im Alter). Bei der MS ist eine länger dauernde niedrig dosierte Kortison-Medikation in Tablettenform nicht angezeigt.