Praxis Kompakt: Infektionsrisiko unter unterschiedlichen DMT

Unser Themenspecial April 2020

Menschen mit Multipler Sklerose sind anfälliger für Infektionen als die Allgemeinbevölkerung – bestimmte krankheitsmodifizierende Substanzen können das Infektionsrisiko weiter erhöhen.

Themenspecial Infektion

„Menschen mit Multipler Sklerose sind anfälliger für Infektionskrankheiten als die Normalbevölkerung – dieses höhere Risiko ist seit Jahrzehnten bekannt“, betont Elisabeth Gulowsen Celius, Neurologin am Osloer Universitätsklinikum in ihrem Übersichtsartikel (Acta Neurol Scand 2017).

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Obwohl MS-Kranke heute deutlich seltener stationär behandelt werden müssen als noch vor 30 Jahren, werden sie weiterhin häufiger wegen schwerer Infektionen eingewiesen (Marrie RA et al. 2014) und haben eine höhere Infekt-Mortalität nach Einweisung als die Normalbevölkerung (Montgomery S et al., 2013).

Eine Zusammenfassung der Marrie-Studie finden Sie hier.

Laut einer aktuellen Studie von Persson et al. (Mult Scler Relat Disord 2020) sind Hospitalisierungen wegen schwerer Infektionen bei MS-Kranken doppelt so häufig wie bei nicht an MS Erkrankten.

Eine Zusammenfassung der Persson-Studie finden Sie hier.

 

Krankheitsmodifizierende Therapien (DMT)

Seit über 20 Jahren stehen zur Behandlung der MS krankheitsmodifizierende Medikamente (disease modifying therapies, DMT) zur Verfügung. In den letzten Jahren kamen neue wirksame Substanzen hinzu.

Tabelle Infektionsrisiko_therapieübersicht

Manche dieser Substanzen können das Infektionsrisiko der damit Behandelten erhöhen. Eine latente Infektion kann reaktiviert werden, asymptomatische Infektionen können aufflammen und neue Erreger leichter eindringen (Pourcher 2019). 

Das Infektionsrisiko hängt mit dem Wirkmechanismus der Substanz zusammen (Brück et al. 2013). Dies wird untermauert durch die Arbeitsgruppe von José Maria Wijnands, University of British Columbia in Vancouver (Neurosurg Psychiatry 2018): DMT der ersten Generation wie Interferon beta (IFNß) und Glatirameracetat (GA) waren nicht mit einem höheren Infektionsrisiko assoziiert. Dagegen müsse bei der Behandlung mit Substanzen der zweiten Generation das höhere Infektionsrisiko berücksichtigt werden. Dies liege beispielsweise bei PatientInnen mit Natalizumab um fast 60 Prozent höher als bei PatientInnen ohne DMT.

Eine Zusammenfassung der Wijnands-Studie finden Sie hier.

 

In einer schwedischen Studie waren mit IFNß- oder GA-Behandelte weniger anfällig für Infekte, als MS-PatientInnen, die Natalizumab, Fingolimod oder Rituximab (off-label) bekamen (Luna 2019).

Eine Zusammenfassung der Luna-Studie finden Sie hier.

 

Angriffspunkt im Immunsystem beeinflusst Infektionsrisiko

Unter krankheitsmodifizierenden Substanzen, die T-Zellen oder Monozyten supprimieren, besteht eine generelle Infektionsgefahr. DM-Substanzen, die die Wirkung neutrophiler Immunzellen schwächen, steigern insbesondere das Risiko für bakterielle und Pilzinfektionen (Celius 2017).

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft hat bereits Empfehlungen zu DM-Substanzen im Zusammenhang mit dem neuen Corona-Virus SARS-CoV-2 herausgegeben (Gold R, Haas J, aktualisiert am 17. 04.2020):

  • Aktuell kein erhöhtes Infektrisiko anzunehmen für Interferon beta, Glatirameracetat, Teriflunomid und Natalizumab; gilt bei normaler Lymphozytenzahl auch für Dimethylfumarat; bei Fingolimod und Siponimod können zwar generell mehr Atemwegsinfektionen auftreten, trotzdem wird empfohlen die Therapie, wegen des Risikos der Krankheitsaktivierung nach Absetzen, weiterzuführen
  • Generell erhöhtes Infektrisiko direkt nach der Infusion: bei Orcelizumab, Rituximab (off-label), Cladribin, Alemtuzumab und Mitoxantron. Sorgfältige Abwägung des Einsatzes notwendig.

 

Fazit

Welche DMT bei einer/einem bestimmten PatientIn eingesetzt werden soll, ist individuell zu entscheiden. Dabei sollte neben dem Indikationsspektrum der Substanzen auch deren spezifisches Infektionsrisiko berücksichtigt werden.

Immunmodulierende Substanzen wie Interferone und Glatirameracetat erhöhen das Infektionsrisiko von MS-PatientInnen nicht weiter. Das Risiko einer Infektion unter immunsuppressiven Substanzen hängt vom Wirkmechanismus ab. Aktuelle Empfehlungen beziehen sich auf das allgemeine Infektionsrisiko, spezifische und belastbare Daten oder Erfahrungen zu Infektionen mit SARS-CoV-2 liegen derzeit nicht vor. 

Literatur

Brück W et al. Therapeutic Decisions In Multiple Sclerosis: Moving Beyond Efficacy. JAMA Neurol. 2013;70(10):1315-24.

Celius EG. Infections in patients with multiple sclerosis: Implications for disease-modifying therapy. J Acta Neurol Scand. 2017;136 Suppl 201:34-6.

Epstein DJ, Dunn J, Deresinski S. Infectious Complications of Multiple Sclerosis Therapies: Implications for Screening, Prophylaxis, and Management. Open Forum Infect Dis. 2019;5(8):ofy174.

Gold R, Haas J. Update: Empfehlungen für Multiple Sklerose-Erkrankte zum Thema Corona-Virus. Pressemitteilung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Stand: 24.03.2020

KKNMS. Qualitätshandbuch MS / NMOSD.  Hrsg. Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS); 5. überarbeitete und erweiterte Auflage, Januar 2020.

Marrie RA et al. Dramatically changing rates and reasons for hospitalization in multiple sclerosis. Neurology. 2014;83(10):929-37.

Montgomery S et al. Hospital admission due to infections in multiple sclerosis patients. Eur J Neurol. 2013;20(8):1153-60.

Persson R et al. Infections in patients diagnosed with multiple sclerosis: A multi-database study. Mult Scler Relat Disord. 2020 Feb 4;41:101982 [Epub ahead of print].

Pourcher V. What are the infectious risks with disease-modifying drugs for multiple sclerosis and how to reduce them? A review of literature. Rev Neurol (Paris). Jan 23 [Epub ahead of print]

Wijnands JMA et al. Disease-modifying drugs for multiple sclerosis and infection risk: a cohort study. J Neurosurg Psychiatry. 2018;89(10):1050-6.

Autorin: ch/ktg