Infektionsraten bei MS-PatientInnen

Persson et al. Mult Scler Relat Disord 2020

Eine große Datenbank-basierte Studie liefert aktuelle Daten zu Infektionsraten bei Multipler Sklerose. Obwohl Infektionen in dieser Population häufiger vorkommen und zu höheren Morbiditätsraten führen als bei nicht an MS Erkrankten, gab es zur Epidemiologie in den letzten Jahren kaum Untersuchungen.

Studie Kompakt

  • Höheres Infektionsrisiko für MS-PatientInnen gegenüber nicht an MS Erkrankten
  • Risikoverdopplung bei Infektionen der Nieren und ableitenden Harnwege
  • Zweifach erhöhtes Risiko von infektionsbedingten Hospitalisierungen bei MS-PatientInnen gegenüber nicht an MS Erkrankten

Infektionen werden mit bestimmten krankheitsmodifizierenden Therapien (DMT) der Multiplen Sklerose (MS) in Verbindung gebracht. Diese Infektionen können zur Exazerbation der MS führen.
Um die Infektionsraten richtig einzuschätzen, ist neben dem Wissen um die Art und den Ort der Infektion auch die Inzidenz im Vergleich zu Menschen ohne MS-Erkrankung nötig. Diese Wissenslücke schließt die Studie von Rebecca Persson und KollegInnen. Persson ist Epidemiologin an der Boston University und arbeitet dort am Boston Collaborative Drug Surveillance Program mit.

 

Methode

  • Design: Datenbankstudie basierend auf klinischen und Verwaltungsdaten mit Matching (MS-Erkrankte vs. nicht an MS-Erkrankte)
  • Datenbanken:
    • United States Department of Defense (US-DOD) Military Healthcare System: 2004-2017
    • United Kingdom’s Clinical Practice Research Datalink (UK-CPRD) GOLD: 2001-2016
  • Teilnehmende: 15.627 MS-Erkrankte (8.695 Diagnosen vom US-DOD, 6.932 vom UK-CPRD) und 68.526 nicht an MS Erkrankte
  • Vorgehen: Berechnung von Inzidenz (Incidence Rate, IR) und Inzidenzratenverhältnis (IRR)
  • Ziel: Identifizierung aller Infektionen nach MS-Diagnose

 

Ergebnisse

Alle Infektionen: Im Vergleich zu nicht an MS Erkrankten war die Gesamt-Infektionsrate von MS-PatientInnen erhöht. MS-Erkrankte mussten außerdem doppelt so häufig wegen einer Infektion in stationäre Behandlung. Diese Ergebnisse waren für beide Datenbanken statistisch signifikant.

Geschlecht: Frauen hatten insgesamt häufiger Infektionen als Männer. Kein Unterschied zwischen den Geschlechtern zeigte sich bei der Rate infektionsbedingter stationärer Behandlungen.

Nieren und Harnwege: Die Inzidenz von erstmaligen Harnwegs- oder Niereninfektionen war bei MS-Erkrankten nahezu doppelt so hoch wie bei Menschen ohne MS. Persson et al. erklären dies mit der bei MS auftretenden Blasenfunktionsstörung, die mit erhöhter Miktionsfrequenz, Harndrang und Nykturie einhergeht. Vermutlich seien die meisten, wenn nicht alle, Infektionen von Harntrakt und Nieren darauf zurückzuführen.
Die Inzidenz bei Frauen lag hier höher als bei Männern. Jedoch litten die an MS erkrankten Männer im Vergleich zu Männern ohne MS deutlich häufiger an Nieren- und Harnwegs-Infektionen (US-DOD: IRR 2,47 95% CI 2,22-2,75; UK-CPRD: IRR 2,97 95% CI 2.57-3.41).

 

Vergleich von MS-Erkrankten mit Menschen ohne MS

IRR US-DOD

IRR UK-CPRD

Gesamt-Infektionsrate

1,76 (95% CI 1,72 – 1,80)

1,25 (95% CI 1,21 – 1,29)

Infektionsbedingte Hospitalisierung

2,43 (95% CI 2,23 – 2,63)

2,00 (95% CI 1,84 – 2,17)

Nieren-/Harnwegsinfektionen

1,88 (95% CI 1,81 – 1,95)

 

1,97 (95% CI 1,86 – 2,09)

 

IRR (Inzidenzratenverhältnis) = Risiko der MS-Erkrankten in einem bestimmten Zeitraum an einer Krankheit zu erkranken im Vergleich zu Menschen ohne MS (Kontrollgruppe); IRR von 1,0 bedeutet das Risiko ist in beiden Gruppen gleich; bei IRR > 1 liegt das Risiko bei den MS-Erkrankten höher als in der Kontrollgruppe.

 

Opportunistische Infektionen jeglicher Art waren bei den MS-Erkrankten erhöht – mit Raten zwischen 35 und 54%.

Die Inzidenz von Meningitis, Tuberkulose, sowie Hepatitis B und C war in allen Gruppen niedrig.

Therapie mit monoklonalen Antikörpern: Persson et al. untersuchten auch, ob immunsuppressive Therapien zu mehr Infektionen führen und analysierten dazu die Subgruppe von MS-Erkrankten, die monoklonale Antikörper (MAB) bekamen. Diese Daten waren nur in der US-DOD vorhanden. Eine Aufschlüsselung der MAB in einzelne Substanzen nahmen sie nicht vor.
In der MAB-Subgruppe war die Inzidenz von Infektionen geringer als in der Gesamtgruppe der MS-Erkrankten. „Dies legt nahe, dass die MAB-Therapie nicht mit einem erhöhten Infektionsrisiko einhergeht“, so die AutorInnen. Die Hospitalisierungsrate war unter einer MAB-Therapie allerdings höher.

 

Fazit

Das Infektionsrisiko von Menschen mit Multipler Sklerose ist höher als in einer nicht an MS erkrankten, gematchten Kontrollgruppe.
Persson et al. weisen vor allem auf das höhere Infektionsrisiko im Bereich der Nieren und ableitenden Harnwege hin.
Das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt aufgrund von Infektionen ist bei MS-Erkrankten doppelt so hoch wie bei Menschen ohne MS.

Literatur

Persson R et al. Infections in patients diagnosed with multiple sclerosis: A multi-database study. Mult Scler Relat Disord. 2020;41:101982

Autorin: kf/ktg

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