Die Informationen auf den nächsten Seiten dürfen nur medizinischen Fachkreisen zugänglich gemacht werden (Heilmittelwerbegesetz). Sie haben die Möglichkeit sich sowohl über den Bayer Vital Login als auch über DocCheck einzuloggen.

Sollten Sie noch bei keinem dieser Services registriert sein, melden Sie sich bitte dort an. Es warten noch viele weitere interessante Artikel und Services auf Sie.

8. Stellenwert neutralisierender Antikörper bei Interferon-ß-Therapie

Wie bei allen therapeutisch angewandten Proteinen kann es potentiell zu einer Immunogenität kommen.
In kontrollierten klinischen Prüfungen wurden alle 3 Monate Serumproben entnommen, um zu kontrollieren, ob Antikörper gegen Betaferon aufgetreten waren.

In den unterschiedlichen kontrollierten klinischen Prüfungen zu schubweise verlaufender Multipler Sklerose und sekundär progredient verlaufender Multipler Sklerose trat bei 23 % - 41 % der Patienten im Serum eine Interferon beta-1b-neutralisierende Aktivität auf, die durch mindestens zwei aufeinander folgende positive Titer bestätigt wurde.
Von diesen Patienten wechselten zwischen 43 % und 55 % während der darauf folgenden Beobachtungsphase der jeweiligen Studie auf einen stabilen negativen Antikörper-Status (auf der Basis von zwei aufeinander folgenden Antikörper-Titern).

Die Entwicklung einer neutralisierenden Aktivität in diesen Studien ist assoziiert mit einem Rückgang der klinischen Wirksamkeit, jedoch ausschließlich in Bezug auf die Schubhäufigkeit. Einige Analysen lassen vermuten, dass dieser Effekt bei Patienten mit höheren Titern von neutralisierender Aktivität stärker ausgeprägt sein könnte.

In der Studie an Patienten mit erstmaligem auf eine Multiple Sklerose hinweisenden klinischen Ereignis wurde im Rahmen der alle 6 Monate vorgenommenen Bestimmungen mindestens einmal eine neutralisierende Aktivität bei 32 % (89) der Patienten, die sofort mit Betaferon behandelt wurden, beobachtet; von diesen kehrten 60 % (53) basierend auf der letzten verfügbaren Beurteilung innerhalb des Zeitraums von fünf Jahren auf einen negativen Status zurück.

Während dieses Zeitraums war das Auftreten einer neutralisierenden Aktivität mit einem signifikanten Anstieg von neuen aktiven Läsionen und von T2 Läsionsvolumen in der Magnetresonanztomographie verbunden.

Dies schien aber nicht im Zusammenhang mit einer Verminderung der klinischen Wirksamkeit zu stehen (in Bezug auf die Zeit bis zu einer klinisch gesicherten Multiplen Sklerose (CDMS), die Zeit bis zur nachweislichen Verschlechterung des EDSS-Wertes und die Schubrate).

Neue unerwünschte Ereignisse wurden nicht mit dem Auftreten neutralisierender Aktivität in Verbindung gebracht.

In-vitro-Untersuchungen haben Kreuzreaktionen von Betaferon  mit natürlichem Interferon beta gezeigt. Jedoch wurde dies nicht in vivo untersucht, und die klinische Bedeutung dieser Ergebnisse ist ungewiss.

Die wenigen nicht schlüssigen Daten von Patienten mit beendeter Betaferon-Behandlung, bei denen sich eine neutralisierende Aktivität entwickelt hat, lassen keine Schlussfolgerungen zu.

Die Entscheidung, die Behandlung fortzusetzen oder abzubrechen, sollte sich eher an sämtlichen Aspekten des Krankheitsstatus des Patienten als allein am Status der neutralisierenden Aktivität orientieren.1

NABs sind kreuzreaktiv, sodass ein Wechsel innerhalb der Klasse der Interferone bei sekundärem Therapieversagen aufgrund von NABs nicht sinnvoll erscheint.2

NAB unter Interferon beta sind häufig transient.

Das Ausmaß der Transienz hängt vom antikörperbindenden Epitop der Beta-Interferone und von der Höhe des NAB-Titers ab.3, 4, 5

Neutralisierende Antikörper zu Interferon beta-1a binden hochaffin an das entsprechende Epitop. Dagegen binden neutralisierende Antikörper zu Betaferon  signifikant schwächer an das entsprechende Epitop. Neutralisierende Antikörper unter Interferon beta-1a weisen aus diesem Grund eine höhere Persistenz als NAB unter Betaferon  auf (s. Abb. 40).3, 5

So zeigte Gneiss et al., 2004, dass Betaferon -Patienten häufiger von einem NAB-positiven Status zu einem NAB-negativen Status revertieren als Patienten, die mit Interferon beta-1a behandelt wurden.1

Abb. 40: NAB unter Interferon beta-1a sind persistenter als unter Betaferon. Häufigere Reversion zum NAB-negativen Status unter Betaferon als unter Interferon beta-1a s.c.

Die Transienz neutralisierender Antikörper ist umso höher je niedriger der Titer ist. Dies belegte auch die Arbeit von Sominanda et al., 2007 für NAB, die unter Betaferon  auftraten (s. Abb. 41).4, 5

Abb. 41: NAB-Titer unter Betaferon

Wenn bei Patienten neutralisierende Antikörper unter Betaferon -Therapie auftreten, dann sind die Titer meistens niedrig und revertieren häufig zum NAB-negativen Status.4, 5

Bei Patienten mit niedrigen oder mittleren Titern lagen die Reversionsraten bei bis zu 85 % bzw. 65 %.6

Deshalb ist eine Therapieumstellung alleine wegen des Auftretens von NABs bei Betaferon  meist nicht notwendig.

Literatur
  1. Betaferon Fachinformation Stand März 2017
  2. Kompetenznetz Multiole Sklerose, Qualitätshandbuch MS / NMOSD, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage Juli 2017 
  3. Gneiss C et al, J Interferon & Cytokine Res 2004; 24:283 – 290.
  4. Sominanda A et al., Mult Scler 2007; 13(2): 208 – 214.
  5. Noronha A, Neurology 2007; 68 (Suppl 4): 16 – 22.
  6. Hartung H et al., Neurology 2011; 77: 835 – 843.