7. Impfungen

Prinzipiell ist eine Erkrankung an MS keine Kontraindikation zur Durchführung einer Impfung. Nach Impfungen von MS-Patienten gegen Tetanus, Influenza sowie Hepatitis B wurde kein Unterschied im weiteren Krankheitsverlauf der MS zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften beobachtet.1

Auch nach Einschätzung der KKNMS (Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose) können MS-Patienten entsprechend den Empfehlungen der STIKO ohne Ausnahmen geimpft werden.2

Grundsätzlich sollte bei MS-Patienten eine Impfung nur dann erfolgen, wenn keine Begleiterkrankungen, z. B. akute Infekte, vorliegen, sowie außerhalb eines Schubes.3 Eine Behandlung mit höheren Dosen von Methylprednisolon kann den Impferfolg beeinträchtigen.Bei notwendigen Auslandsreisen in endemische Risikogebiete sollten die vorgeschriebenen Reiseimpfungen durchgeführt werden.3

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Bisher gibt es keine Studien zur Kombination von Impfstoffen mit Betaferon. Es liegen keine Hinweise vor, dass eine Impfung das Sicherheitsprofil von Betaferon negativ beeinflusst.

Nach Expertenmeinung ist eine Impfung mit Totimpfstoffen (Verwendung von Bestandteilen von Krankheitserregern wie Hüllproteine oder tote Erreger) auch unter der immunmodulatorischen Therapie mit Betaferon möglich. Zur Absicherung kann nach einem entsprechenden Zeitabstand (vier bis sechs Wochen nach Impfung) der Antikörpertiter als Zeichen für den Impferfolg untersucht werden.4

Nach Ansicht der KKNMS lässt sich kein Hinweis finden, dass eine Therapie mit Interferon beta einen Impferfolg einschränkt. Für die Influenzaimpfung konnte das Erlangen eines ausreichenden Impfschutzes unter Interferon beta Therapie gezeigt werden. Diese Ergebnisse können nach Einschätzung der KKNMS wahrscheinlich auch auf die Impfung mit anderen Totimpfstoffen übertragen werden.2

Die KKNMS empfiehlt ausdrücklich eine Grippeschutzimpfung für mit Interferon beta behandelte Patienten. Diese ist ggf. zu wiederholen, falls nach der ersten Impfung kein wirksamer Titer aufgebaut wurde.2

Anders sieht es bei Lebendimpfstoffen (abgeschwächte/attenuierte Erreger) aus, die ein gesteigertes Schubrisiko in sich bergen können. So wird über eine erhöhte Schubrate im Zusammenhang mit dem Lebendimpfstoff gegen das Gelbfiebervirus berichtet. Andere Lebendimpfstoffen, z. B. gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen sollen die Schubrate nicht beeinflussen.3, 4 Schlüssige Studien hierzu fehlen jedoch. Bei Lebendimpfstoffen wird eine verstärkte Impfreaktion befürchtet. Gemäß KKNMS sollte bei diesen Impfstoffen unter immunmodulatorischer Therapie die Indikation streng gestellt werden.2

Die folgenden Tabellen geben Ihnen einen Überblick über Impfungen mit Tot- und Lebendimpfstoffen – insbesondere werden Besonderheiten bei MS aufgezeigt. Eine intensive Risiko-Nutzen-Analyse sollte, wie bei Gesunden auch, allen Impfungen vorangestellt werden.

Impfungen bei Erwachsenen und Besonderheiten bei Multipler Sklerose

Impfung Impfintervalle STIKO-Empfehlung a Besonderheiten bei MS b
       
Cholera siehe Herstellerangaben Einreisebestimmungen beachten Keine ausreichenden Untersuchungen bei MS
Diphtherie Auffrischung alle 10 Jahre Standardimpfung Keine Einschränkungen
Frühsommer-
meningoenzephalitis
siehe Herstellerangaben Endemiegebiete und Zeckenexposition Kleine Studie (15 vs. 15 Patienten) zeigt keinen Einfluss der Impfung auf Erkrankungsaktivität; Einzelfall einer akute disseminierten Enzephalitis nach Impfung ohne Hinweis für MS
Haemophilus influenzae siehe Herstellerangaben Bei funktioneller / anatomischer Asplenie Keine ausreichende Datenlage; nur als Kombinationsimpfstff verfügbar
Hepatitis A Auffrischung alle 10 Jahrec Endemiegebiet
Berufliche Exposition (z. B. Gesundheitdienst, Kinderbetreuung, Abwasserkontakt etc.)
Keine ausreichenden Untersuchungen bei MS
Hepatitis B Auffrischung alle 10 Jahre Expositionsrisiko, chronische Leber- und Nierenerkrankungen Umfangreiche Studien ohne Hinweis für erhöhtes Risiko bei MS
Humane Papillomviren (HPV) siehe Herstellerangaben Für alle Mädchen Wahrscheinlich sicherd
Influenza Jährlich Standardimpfung bei >60-Jährigen Indikationsimpfung (u. a. chronische Erkrankungen), bei MS empfohlen Keine Einschränkungen; Vielzahl von Studien belegt die Sicherheit der Impfung bei MS; Erkrankung kann Schübe auslösen, deshalb Impfung bei Expositionsrisiko
Japan-B-Enzephalitis Bisher nicht definiert Endemiegebiete / Expositionsrisiko Keine ausreichenden Untersuchungen bei MS
Meningokokken Auffrischung alle 3 Jahre Bei Immundefekt, Asplenie, vor geplanter Immunsuppression Endemiegebiet / Expositionsrisiko Keine ausreichenden Untersuchungen
Pertussis Auffrischung alle 10 Jahre Bei Kinderwunsch / Betreuung von Neugeborenen empfohlen Keine ausreichende Datenlage; nur als Kombinationsimpfstoff verfügbar
Pneumokokken Auffrischung alle 6 Jahre Standardimpfung bei >60-Jährigen Indikationsimpfung (Immundefekte, chronische Erkrankungen) Keine ausreichende Datenlage; erwägen insbesondere bei geplanter IMT
Poliomyelitis (IPV) Auffrischung alle 10 Jahre Grundimmunisierung; keine Auffrrischungen in Deutschland notwendig; Reisen in Endemiegebiete Datenlage zur Risikobeurteilung nicht ausreichend, für Totimpfstoff wohl keine Einschränkung
Tetanus Auffrischung alle 10 Jahre Standardimpfung Keine Einschränkungen
Tollwut siehe Herstellerangaben Expositionsrisiko
Postexpositionsprophylaxe möglich
Gegenüber früher verwendeten Impfstoffen deutlich verbesserte Verträglichkeit; keine Untersuchungen bei MS bekannt
Typhus 1 bis 3 Jahre (in Abhängigkeit des Impfstoffs) Endemiegebiet / Expositionsrisiko Keine ausreichenden Untersuchungen bei MS, Trotimpfstoff (i. m.) bevorzugen, Lebendimpfstoff (oral) meiden

Lebendimpfstoff

Gelbfieber Auffrischung alle 10 Jahre Einreisebestimmungen beachten Endemiegebiete (Afrika und Südamerika) Verschlechterung der MS möglich
Masern, Mumps, Röteln Auffrischung nicht empfohlen Grundimmunisierung bei unklarem Immunstatus und Kontakt zu Erkrankten Kein erhöhtes Risiko für MS-Schub; bei Immunsuppression nicht empfohlen; Mumps nicht als Einzelimpfstoff verfügbar
Tuberkulose / BCG   In Deutschland nicht mehr empfohlen Fraglicher protektiver Effekt; nicht empfohlen
Typhus 1 bis 3 Jahre (in Abhängigkeit des Impfstoffs) Endemiegebiet / Expositionsrisiko Keine ausreichenden Untersuchungen bei MS, Totimpfstoff (i. m.) bevorzugen, Lebendimpfstoff (oral) meiden
Varizellen Auffrischung nicht empfohlen Seronegative Patienten vor geplanter Immunsuppression Kein Risiko für MS-Schub, möglicher positiver Effekt auf Krankheitsverlauf; bei Immunsuppression nicht empfohlen
Literatur

a Aktuelle Empfehlungen unter http://www.rki.de, zudem müssen die Herstellerangaben zur Anwendung beachtet werden.
b Bei Patienten mit immunsuppressiver Therapie müssen zusätzlich die entsprechenden Impfempfehlungen, insbesondere bei Lebendimpfungen beachtet werden.
c Möglicherweise bis 25 Jahre Impfschutz nach Grundimmunisierung.
d Williamson EML, Chahin S, Berger JR. Vaccines in multiple sclerosis. Curr Neurol Neurosci Rep. 2016 Apr;16(4):36. doi: 10.1007 / s11910-016-0637-6.

  1. Ständige Impfkommision (STIKO), Epidemiol Bull 2007; 30: 268 – 286.
  2. Kompetenznetz Multiple Sklerose, Qualitätshandbuch MS / NMOSD, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage Juli 2017
  3. Schmidt R und Hoffmann F, Multiple Sklerose, 5. Auflage, Urban & Fischer, München, 2012.
  4. Löbermann M et al., Nervenarzt 2010; 81: 181-193.

BCG Bacillus Calmette-Guérin, IMT immunmodulatorische Therapie, IPV inaktivierte Poliovakzine, MSMultiple Sklerose

STIKO Ständige Impfkommission. Modifiziert nach Löbermann M et al. Nervenarzt 2010; 81:181 – 193.