6. Kognition

Kognitive Störungen schränken Lebensqualität, berufliche Leistungsfähigkeit und soziale Funktionsfähigkeit erheblich ein und kommen bei 40 – 65 % der MS-Erkrankten vor.1 Sie sind unabhängig von körperlicher Behinderung oder Verlaufsform, können bereits frühzeitig im Krankheitsverlauf auftreten, sind mit kortikaler Atrophie korreliert und manifestieren sich eher mit interindividuell unterschiedlichen, umschriebenen Defiziten als mit einem generellen Abbau kognitiver Funktionen. Wie früh die ersten kognitiven Beeinträchtigungen im Krankheitsverlauf eintreten, zeigt eine Studie von Feuillet et al., 2007, nach der 57% aller Patienten mit dem ersten auf MS hinweisenden Ereignis bereits kognitive Auffälligkeiten aufweisen.2 Die häufigsten Beeinträchtigungen sind Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, verzögerte Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, eingeschränkte Exekutivfunktionen und Gedächtnisstörungen, wobei sich hinter den subjektiv beklagten Gedächtnisstörungen oftmals Aufmerksamkeitsstörungen verbergen; demenzielle Entwicklungen oder Sprachstörungen sind selten.3

Während Kortikosteroide eine transiente (maximal 6 Monate anhaltende) Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit bewirken können, scheint die Immuntherapie nicht nur den körperlichen Zustand, sondern auch kognitive Funktionen stabilisieren zu können.Zur Diagnostik stehen Screening-Tests, mehr oder weniger kurze Testbatterien und ausführliche, zum Teil computergestützte neuropsychologische Untersuchungsverfahren zur Verfügung. Screening-Tests wie der PASAT (Paced Auditory Serial Addition Test), der Zahlen-Symbol-Test (Symbol Digit Modalities Test, SDMT) oder der FST (Faces Symbol Test) werden durch Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Exekutivfunktionen und Arbeitsgedächtnis beeinflusst und erlauben nur eine globale Abschätzung kognitiver Funktionsstörungen. Für eine Verlaufsbeurteilung oder eine detaillierte Diagnostik sind sie nicht geeignet. Hierfür ist eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung notwendig.

Die therapeutischen Möglichkeiten bestehen grundsätzlich in einem störungsspezifischen kognitiven Training, der Vermittlung von Kompensationsstrategien sowie einer begleitenden Psychotherapie mit Angehörigenberatung.

Während in einer früheren, systematischen Übersicht aufgrund der heterogenen Studienlage keine Empfehlung für ein spezifisches Aufmerksamkeitstraining gegeben werden konnte,5 sind seitdem einige - allerdings kleinere - kontrollierte Studien erschienen, die ein intensives und spezifisches Aufmerksamkeitstraining als nützlich erscheinen lassen.1, 6 In ähnlicher Weise waren Exekutivfunktionen, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und Gedächtnis nach einem 4- bis 12-wöchigen Training zumindest partiell verbessert. Die positiven Effekte hielten teilweise für 6 – 12 Monate an.1, 5, 6, 7, 8 Obwohl auch ein unspezifisches Training wirksam sein kann7, scheint in der überwiegenden Zahl der Untersuchungen jedoch ein störungsspezifisches Training notwendig zu sein. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden, neuropsychologischen Diagnostik zur Charakterisierung von Art und Ausmaß der kognitiven Einschränkungen. Die Vermittlung von Kompensationsstrategien und eine begleitende Psychotherapie erscheinen erfolgversprechend, um mit den kognitiven Störungen besser umgehen zu können.Zum jetzigen Zeitpunkt existiert keine medikamentöse Therapie, die zur symptomatischen Behandlung kognitiver Störungen bei der MS empfohlen werden könnte.

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Literatur
  1. Mattioli F et al., J Neurol Sci 2010; 288: 101–105
  2. Feuillet L et al., Mult Scler 2007; 13: 124 – 127.
  3. Langdon D, Curr Opin Neurol 2011; 24: 244 – 249
  4. Tumani H und Uttner I, J Neurol 2007; 254: 69 – 72.
  5. O‘Brien A et al., Arch Phys Med Rehabil 2008; 89: 761 – 769.
  6. Mattioli F et al., Neurol Sci 2010; 31: 271 – 274.
  7. Brenk A et al., Eur Neurol 2008; 60: 304 – 309.
  8. F et al., Mult Scler 2010; 16: 1148 – 1151.
  9. Amato M et al., Arch Neurol. 2001; 58: 1602 – 1606.
  10. Edan G. et al., Poster 925, ECTRIMS, 19. – 22.10.2011; Amsterdam (Niederlande).
  11. Lanzillo R et al., J Neurol Sci. 2006; 245: 141 – 145.
  12. Cognition Subgroup of the EU-SPMS, Rev Neurol. (Paris) 2000; 3: 115 – 116
  13. Barak Y und Achiron A, Eur Neurol. 2002; 47: 11 – 14.
  14. Shatil E et al., Alzheimer's & Dementia: The Journal of the Alzheimer's Association 2008; 4(4):T492.
  15. Shatil E et al., NeuroRehabilitation 2010; 26: 143 – 153.