MS und Schwangerschaft

Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Karl Baum 

Mit seiner langjährigen Erfahrung bei der Behandlung von MS-Patienten stellt sich Priv.-Doz. Dr. med Karl Baum Fragen rund um die MS und Schwangerschaft.  Von der Zeit des Kinderwunsches, bis zum Eintritt der Schwangerschaft, über die Schwangerschaft und die Geburt bis zur Stillzeit gibt er viele wertvolle Einschätzungen, wie ein mögliches Vorgehen sein kann und worauf zu achten ist, um die Familienplanung und den Schwangerschaftsverlauf bestmöglichst zu begleiten. 


Das gesamte Interview gibt es hier auch zum Nachlesen! 

Hat MS Einfluss auf die Fruchtbarkeit? 

Es gibt keinen eindeutig nachteiligen Effekt der Erkrankung auf die Fruchtbarkeit. Es gibt allenfalls einen kleinen Teil von Frauen, wo die zyklusunabhängige Eierstockreserve reduziert ist. Man sieht es an der Reduktion des Anti-Müllerschen-Hormons. Aber ansonsten muss man von einer vergleichbaren Fruchtbarkeit der von MS betroffenen Frauen ausgehen im Vergleich zu anderen Frauen. Dies bedeutet aber auch, wenn die Frau nicht schwanger werden will, dann ist es so, dass dann auch eine konsequente Verhütung erfolgen muss.  

Welche Aspekte sind bei der Kinderwunschberatung zu beachten?

Man muss davon ausgehen, dass es kein grundsätzliches Argument gibt, gegen die Schwangerschaft einer von MS betroffenen Frau. Zur Kinderwunschberatung gehören zunächst einmal ein paar generelle Dinge. Das heißt, gibt es eine stabile Partnerschaft? Ist es ein gemeinsamer Wunsch eine Schwangerschaft herbeizuführen? Wie sieht das soziale Netzwerk zum Beispiel aus? Wie sieht es mit den ganz besonderen Lebensumständen des Paares aus? Wie sieht es mit der Erwerbstätigkeit aus? Wenn durch die Erkrankung ein Teil des Einkommens entfällt Das sind generelle Dinge, die man mit den Frauen besprechen sollte, bevor man dann bei der MS in die Details der Medikation geht.

Haben MS-Patientinnen ein größeres Risiko für eine Fehlgeburt oder für Fehlbildungen durch die MS?

Es gibt keinen eindeutigen Beweis dafür, dass die Fehlgeburtsrate bei den Frauen mit MS erhöht ist. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass das Fehlbildungsrisiko der Neugeborenen größer ausfällt, als hätte man die Erkrankung nicht und zum Dritten gibt es den Hinweis, dass die Sterblichkeit für die Neugeborenen nicht höher ist, als es dem allgemeinen Risiko entspricht.

Wie hoch ist das Risiko, dass MS vererbt wird?

Eine individuelle genetische Beratung ist kaum möglich, aber wir haben ja Daten aus verschiedenen Erhebungen. Das Risiko eines Kindes entweder wenn die Mutter oder der Vater MS hat liegt irgendwo zwischen 2% und 5%. Das kann man im Umkehrschluss aber auch so deuten, dass das Risiko für das Kind die gleiche Erkrankung zu bekommen eben kleiner als 5% ist also mit anderen Worten in über 95% geht es gut. Anders sieht es aus, wenn beide von der MS betroffen sind. Dann steigt das Risiko auf 20% bis 30% für das Kind im Prinzip die gleiche Erkrankung zu bekommen. Wie sieht es jetzt aus, wenn das Paar blutsverwandt ist und in der Familie MS vorkommt? Dann ist das Risiko 9%. Also insgesamt reden wir nicht von einer Erbkrankheit, aber mit einer genetischen Disposition.

Welches Schubrisiko hat die Patientin in der Schwangerschaft und im Wochenbett?

In der Schwangerschaft fällt das Schubrisiko deutlich. In der Prince-Studie aus den 90er Jahren in der Größenordnung von 71%. Im Wochenbett hingegen steigt das Schubrisiko deutlich an und beträgt das 2-3-fache von dem, was die Frau durchschnittlich vor der Schwangerschaft an Schubrisiko aufweist.

Welche Behandlungsoptionen gibt es für einen Schub während der Schwangerschaft?

In den ersten 12 Wochen - also den entscheidenden Wochen der Organbildung – sollte eher kein Cortisol zum Einsatz kommen. In dieser Zeit gibt es aber die Möglichkeit der Plasmaaustauschverfahren. In der späteren Schwangerschaft können Cortisoltherapien eingesetzt werden, wenn sie notwendig sind - also eine gewisse Schwere aufweisen - auch in der Schwangerschaft.

Welchen Einfluss hat der Geburtsverlauf auf die MS?

Der Geburtsablauf selbst hat keinen negativen Einfluss auf die MS. Gemeint ist zum Beispiel, wenn ein Kaiserschnitt nötig ist, oder eine lokale Betäubung gesetzt werden muss. Es gibt nur einen Punkt bei der Geburt: Das ist die Ermüdbarkeit bei der Erkrankung und das kann dazu führen, dass diese Fatigue - also die erhöhte Ermüdbarkeit – die Frauen dazu bringt, vielleicht doch schneller zu einer Kaiserschnittgeburt zu neigen, als wenn diese Erkrankung nicht bestehen würde.

Wie wirken sich die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett auf die Behinderungszunahme bei MS aus?

Gemessen am natürlichen Krankheitsverlauf also ohne eine Form der modernen Immuntherapie wirken sich Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett nicht messbar negativ auf die Behinderungszunahme aus. Es gibt diese große Studie – die Prince-Studie aus dem Ende der 90er Jahre, die über 33 Monate ging und diese zentrale Aussage hatte. Dann gibt es weitere, kleinere Studien wonach es in etwa bestätigt wurde. Es gibt sogar eine Studie, die sagt, dass das Risiko für eine sekundäre Progredienz vielleicht etwas geringer ausfällt.

Hat Stillen einen Einfluss auf den MS-Verlauf im Wochenbett?

Stillen hat keinen ungünstigen Verlauf auf die Erkrankung im Wochenbett wie auch später. Im Gegenteil, es gibt viele Datenhinweise, dass Stillen einen eher leichten bis mäßigen schützenden Effekt hat. Das bedeutet aber nicht, dass langes Stillen die Grundüberlegung einer schützenden Immuntherapie ersetzt.  

Was ist bei der Entscheidung über Stillen oder nicht Stillen zu beachten?

Im Wochenbett, also den ersten 3 Monaten nach der Geburt, ist das Schubrisiko um das 2-3 fache höher als in dem Zustand vor der Schwangerschaft und damit ergibt sich jetzt ein Dilemma für die Frauen. Auf der einen Seite gibt es die Möglichkeit, diese risikoreiche Zeit mit Immunglobulinen zu überbrücken, die werden von den gesetzlichen Krankenkassen als Kosten nicht übernommen – man kann zwar einen Antrag stellen, es ist aber kein Kostenerstattungsanspruch damit gegeben. Das heißt die meisten Frauen – über 80% - wollen stillen, wenigstens kurz stillen über einige Monate - das heißt Stillen, Immunglobuline und nach 4 Monaten vielleicht der Wechsel zu einer effektiven Therapie gegen die MS. Es gibt aber auch andere Frauen, die das Risiko genau kennen und sich dann sagen: „Okay, ich möchte nicht stillen, weil moderne Ernährung eines Säuglings auf einer fast vergleichbaren Ebene mittlerweile ist“, Also die verzichten auf das Stillen, fangen an mit der Immunmodulation möglichst früh im Wochenbett im Wissen um das Risiko der Auslösung von Schüben im Wochenbett. Es ist ein persönliches Dilemma, in dem jede Frau steckt.

Welche Behandlungsoptionen gibt es für stillende Frauen bei einem Schub im Wochenbett?

Abstillen ist nicht nötig. Dafür gibt es vorbereitete MS-Zentren. Das sieht so aus, dass vor dem Beginn der Cortisolinfusion ein genügend großer Milchvorrat über eine Milchpumpe für das Baby angelegt wird. Dann läuft die Infusion und in dieser Zeit entstehende Milch wird über die Milchpumpe verworfen. 4 Stunden nach Beendigung der Cortisolapplikation kann dann wieder die gewonnene Milch für das Baby genommen werden. Also Abstillen ist nicht erforderlich. Es ist ein wenig aufwendig mit der Milchpumpe, aber machbar und die MS-Zentren sind darauf vorbereitet.


 

Herr Priv.-Doz. Dr. med. Karl Baum leitet die Neurologische Abteilung der Klinik Hennigsdorf nahe Berlin. Die Klinik Hennigsdorf ist ein MS-Schwerpunktzentrum (DMSG-Zertifikat), ambulant wie stationär.

Darüber hinaus ist Priv.-Doz. Dr. med. Dr. Baum Vorsitzender der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Landesverband Berlin (DMSG Berlin).