Therapielose Zeit vermeiden

Früher wurde MS-Patientinnen häufig von einem Babywunsch abgeraten. Diese Einschätzung hat sich mittlerweile geändert, da immer mehr Daten zeigen, dass eine Schwangerschaft keinen nachteiligen Einfluss auf den MS-Krankheitsverlauf hat.1

Da 2/3 der MS-Patienten weiblich sind und sich die MS meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr (im gebärfähigen Alter) manifestiert, ist „Babywunsch und Therapievereinbarkeit“ ein wichtiges Thema in der neurologischen Praxis.2

Mütter sind bei der Geburt ihrer Kinder heute deutlich älter.3

Hinzu kommt die mit dem Alter abnehmende Konzeptionswahrscheinlichkeit der Frau.4

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In der Folge dauert es immer länger, bis Frauen schwanger werden.

Wegen des zunehmenden Alters und der sinkenden Konzeptionswahrscheinlichkeit entsteht ein größeres Zeitfenster zwischen dem Babywunsch und dem tatsächlichen Eintritt der Schwangerschaft. Einige MS-Therapien müssen schon bei einem bestehenden Babywunsch, sprich vor der Konzeption, abgesetzt werden, sodass eine therapielose Zeit entsteht. Diese Therapielücke sollte nach Möglichkeit nicht entstehen bzw. möglichst klein sein. Daher:

Die Wahl der richtigen Basistherapie von Anfang an ist entscheidend.

Ferner waren von 2010-2014 weltweit 44% aller Schwangerschaften ungeplant.5 Dies wirft die Frage auf, welches die beste Therapie für Frauen im gebärfähigen Alter ist, um im Falle einer ungeplanten Schwangerschaft ein möglichst geringes Risiko durch die Therapie zu haben.

Bereits seit den 1990-iger Jahren werden Beta-Interferone als MS-Therapie angewendet. Die Behandlung der MS mit Beta-Interferonen kann also auf eine lange Erfahrung zurückgreifen. Zu diesen Erfahrungen zählen auch Daten, die zu Schwangerschaften bei der Beta-Interferon-Anwendung gesammelt wurden. Die Analyse dieser Schwangerschaftsdaten hat nun dazu geführt, dass die Zulassung zur Anwendung der Beta-Interferone in der Schwangerschaft neu bewertet wurde. Die Anwendung in der Schwangerschaft ist nun möglich, wenn klinisch angezeigt. Im Detail: Die Auswertung dieser Daten aus mehreren europäischen Registern über die vergangenen Jahre zeigte, dass eine Beta-Interferon-Behandlung vor der Schwangerschaft oder in der Frühschwangerschaft ohne negative Auswirkungen auf den Ausgang der Schwangerschaft blieb. Frauen mit schubförmiger MS können daher ihre Behandlung mit Beta-Interferonen fortsetzen, bis die Schwangerschaft bestätigt ist. Entsprechend müssen Frauen im gebärfähigen Alter während der Therapie mit Beta-Interferonen keine zuverlässige Verhütungsmethode mehr anwenden. Darüber hinaus kann die Behandlung während der Schwangerschaft fortgesetzt werden, wenn dies klinisch erforderlich ist. Auch eine Anwendung während der Stillzeit ist möglich.

„Interferone können nach Risiko-Nutzen-Abwägung durch den behandelnden Arzt in der Schwangerschaft gegeben werden. Hierbei ist das Risiko einer Fehlgeburt (vornehmlich aus frühen Tierversuchsdaten) gegen das Risiko, einen Schub durch das Absetzen der Interferone zu erleiden, abzuwägen. (…) Heute gängige Praxis ist, die Therapie bis zur Bestätigung der Schwangerschaft beizubehalten und bei Vorliegen eines positiven Schwangerschaftstests zu beenden. Das in der Fachinformation aufgeführte Fehlgeburtsrisiko, welches in Tierversuchen unter hoher IFN-Dosis beschrieben wurde, hat sich auch in großen Fallsammlungen bei schwangeren Frauen nicht bestätigen lassen. Es liegen genügend Schwangerschaften mit bekanntem Ausgang vor, so dass ein Absetzen vor der Schwangerschaft nicht empfohlen werden muss.“6

Die ECTRIMS/EAN Guideline 2017 empfiehlt Ärzten Interferon beta oder Glatirameracetat bis zur Bestätigung Schwangerschaft in Betracht zu ziehen: Empfehlung R20: Bei Frauen mit einem hohen Risiko für eine Krankheitsreaktivierung, die eine Schwangerschaft planen, sollte eine Therapie mit Interferon beta oder Glatirameracetat bis zur Bestätigung der Schwangerschaft in Betracht gezogen werden. In einigen sehr speziellen (aktiven) Fällen kann gegebenenfalls die Fortführung dieser Therapie während der Schwangerschaft erwogen werden. (schwach)7

Das amerikanische Betaseron Pregnancy Registry ist eine prospektive Beobachtungsstudie mit MS-Patientinnen, die während der Schwangerschaft eine Interferon beta-1b-Exposition aufwiesen. Coyle et al. (2014) veröffentlichten Analysen von insgesamt 96 Frauen, die zwischen 2006 und 2011 in die Studie aufgenommen wurden. Bei 95 Frauen fand die Interferon beta-1b-Exposition während des ersten Trimesters statt, bei einer Frau während des dritten Trimesters. In dem Register wurden keine Muster gefunden, die auf negative Schwangerschaftsergebnisse im Zusammenhang mit einer Betaferon-Exposition hinweisen. Auch bei der kinderärztlichen Visite 4 Monate nach Geburt wurden keine Verzögerungen in der kindlichen Entwicklung festgestellt.8

Das Deutsche Multiple Sklerose und Kinderwunsch Register umfasst umfangreiche Daten von Frauen mit MS – vor, während und nach einer Schwangerschaft. In den Analysen von Thiel et al. (2016) werden die Schwangerschaftsergebnisse von 251 MS-Patientinnen mit Interferon beta- Exposition während der Schwangerschaft mit 194 MS-Patientinnen ohne krankheitsmodifizierende Therapie während der Schwangerschaft verglichen. 

Die Daten weisen darauf hin, dass die Interferon beta-Exposition während der frühen Schwangerschaft keinen Einfluss auf das mittlere Geburtsgewicht, auf das Frühgeburtsrisiko auf andere unerwünschte Schwangerschaftsausgänge hat.9

Es liegen Analysen der weltweiten Pharmakovigilanz-Datenbank der Bayer AG vor. Bis Februar 2018 waren Daten zu 1348 Schwangerschaften unter Interferon beta-1b mit bekanntem Ausgang prospektiv erhoben worden. Dies ist die größte Kohorte von Interferon beta-1b-Expositionen während Schwangerschaften.

Schwangerschaften unter Betaferon-Therapie gingen nicht mit einem erhöhten Risiko für Spontanaborte oder angeborene Fehlbildungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung einher. (Weitere Informationen).10

Literatur

Hughes S et al., Mult Scler J 2014; 20(6): 739-746
Schmidt RM und Hoffmann FA, Multiple Sklerose, 5. Auflage, Urban & Fischer, München,  2012. , nach   Flachenecker P et al. Nervenarzt 2005; 76: 967-975
Statistisches Bundesamt (2018) Statistisches Jahrbuch 2018. Deutschland und Internationales.
Johnson JA, Tough S, SOGC GENETICS COMMITTEE (2012) Delayed Child-Bearing. J Obstet Gynaecol Can 34(1):80-93
Bearak J et al., Lancet Glob Health 2018; 6: e380–389.
Kompetenznetz Multiple Sklerose (2018) Qualitätshandbuch MS/NMOSD. Empfehlungen zur Therapie der Multiplen Sklerose/Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen für Ärzte. Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose e. V. Ausgabe 2018
Montalban X et al., Mult Scler .2018; 24: 96-120
8 Coyle PK, Sinclair SM, Scheuerle AE et al (2014) Final results from the Betaseron (interferon ‑-1b) Pregnancy Registry: A prospective observational study of birth defects and pregnancy-related adverse events. BMJ Open 4(5):e004536
9 Thiel S, Langer-Gould A, Rockhoff M et al (2016) Interferon-beta exposure during fi rst trimester is safe in women with multiple sclerosis: A prospective cohort study from the German Multiple Sclerosis and Pregnancy Registry. Mult Scler 22(6):801–809
10 Hellwig K, Caron FD, Wicklein E-M et al (2018) Pregnancy outcomes from the global pharmacovigilance database on interferon beta-1b exposure. Poster presented at ECTRIMS 2018, Berlin, Germany