Praxis Kompakt: Stillen unter Interferon Beta

Interferon Beta Stillen

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Dank einer Zulassungserweiterung im September 2019 ist der Einsatz von INFß nun auch bei Schwangeren, falls klinisch notwendig, und stillenden Müttern möglich. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Rund 240.000 Menschen leiden in Deutschland an Multipler Sklerose (Müller 2018; Holstiege et al. 2017) – fast drei Viertel sind Frauen, viele davon wollen Kinder bekommen. Tritt eine Schwangerschaft ein, wünschen die Patientinnen Sicherheit für sich und ihr Kind.

Aktuelle Studiendaten und pathophysiologische Überlegungen sprechen für einen sicheren Einsatz von INFß während Schwangerschaft und Stillzeit. Erfordert die Krankheitsaktivität eine Therapie mit INFß, ist dies nach der Zulassungsänderung nun möglich.

 

Welche Fakten stützen die Zulassungänderung von INFß?

Es sind zwei aktuelle, große Studien durchgeführt worden:

  1. Eine Studie mit Daten des europäischen INFß Schwangerschaftsregisters. Das europäische Register liefert Daten von knapp 950 Schwangerschaften mit bekanntem Ausgang von MS-Patientinnen, die um die Konzeption oder in der Schwangerschaft INFß erhalten hatten. Die Ergebnisse einer prospektiven Beobachtungsstudie zeigten keinen Hinweis, dass eine IFNβ-Therapie die Schwangerschaft nachteilig beeinflusst. Eine Zusammenfassung der Studie von Hellwig et al. finden Sie hier.
  2. Eine Studie mit Daten zweier nordischer Register. Auf Grundlage der nordischen Register aus Schweden und Finnland wurden Kinder verglichen, deren Mütter in den sechs Monaten vor der Schwangerschaft oder während der Schwangerschaft  INFß erhalten hatten, mit Kindern, deren Mütter kein INFß bekommen hatten (PLoS One 2019). Studienautorin Sarah Burkill et al. fassen ihre Auswertung folgendermaßen zusammen: Während der Schwangerschaft gegebenes INFß beeinflusst weder Geburtsgewicht, Längenwachstum noch Kopfumfang der Kinder. Eine Zusammenfassung der Studie von Burkill et al. finden Sie hier.

 

Gelangt INFß in die Muttermilch?

Ob eine Substanz in die Muttermilch übergehen kann, hängt von vielen Faktoren ab. Molekulares Gewicht sowie Proteinbindung und das Vorhandensein oder Fehlen aktiver Transportmechanismen spielen eine Rolle (Hale, Hartmann 2007).

Substanzen mit einem Molekulargewicht über 1.000 Dalton, die keinen aktiven Transportmechanismus besitzen, gelangen nicht in die Muttermilch. Interferone sind große lipophile Glykoproteine mit einem Molekulargewicht von 15.000 bis 21.000 Dalton (Hale et al. 2012). Thomas Hale und sein Team von der Texas Tech University im US-amerikanischen Amarillo bestimmten erstmals die INFß-Konzentrationen in der Muttermilch. Ihr Ergebnis: Die INFß-Spiegel in der Muttermilch sind subklinisch oder liegen unter der Nachweisgrenze. Über welchen Transportmechanismus Interferone trotz ihres hohen Molekulargewichts in die Muttermilch gelangen, ist bisher nicht bekannt.

Eine Zusammenfassung der Studie von Hale et al. finden Sie hier.

Oral über die Muttermilch aufgenommenes INFß wird vermutlich im kindlichen Gastrointestinaltrakt in seine einzelnen Bestandteile zerlegt (Coyle P. 2016).

 

Beeinflusst INFß die kindliche Entwicklung?

Aktuelle Studien finden bei Geburt keine Unterschiede in der körperlichen Entwicklung von Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft INFß bekamen. Einschränkungen beim Wachstum treten statistisch nicht häufiger auf als bei Kindern unbehandelter Mütter.

Thiel et al. verglichen die Entwicklung von Kindern, deren an MS erkrankte Mütter während der Schwangerschaft entweder unbehandelt waren oder im ersten Trimenon noch INFß gespritzt hatten. Daten von insgesamt 445 schwangeren MS-Patientinnen wurden analysiert (Mult Scler 2016). Das Ergebnis: Die Schwangerschaftsausgänge beider Gruppen wie Frühgeburten, Spontanaborte oder kongenitale Anomalien waren vergleichbar. Auch die kindliche Entwicklung, gemessen an Geburtsgewicht, Größe und Geburtswoche, waren ähnlich.

Vorläufige Daten zeigen, dass sich eine mütterliche INFß- oder Glatirameracetat- Therapie in der Stillzeit nicht negativ auf die kindliche Entwicklung auswirkt. Präsentiert wurden die Daten von der Pharmazeutin Andrea Ciplea vom Sankt Josef-Hospital Bochum 2018 beim Jahrestreffen der American Academy of Neurology (AAN) in Los Angeles, USA. Eine Zusammenfassung des AAN-Posters mit vorläufigen Ergebnissen aus Cipleas Arbeitsgruppe finden Sie hier.

 

Autorin: ch/ktg