Bei der Multiplen Sklerose (MS) handelt es sich um eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter, Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Entsprechend sind Fragen nach Fertilität, Schwangerschaft und Geburt ein bedeutsames Gesprächsthema im Patientengespräch.1

Einer Familienplanung mit MS steht grundsätzlich nichts im Wege!

Aufgrund zahlreicher neuer Daten ist heute keiner Frau mit MS von ihrem Wunsch nach Kindern abzuraten, sondern es muss dahingehend aufgeklärt werden, dass durch die MS keine negativen Effekte für die kindliche Entwicklung und Geburt zu erwarten sind und der Krankheitsverlauf durch eine Schwangerschaft sogar eher günstig beeinflusst wird.1

Wichtig für die Betroffenen ist, sich im Vorfeld mit dem Thema Babywunsch zu beschäftigen sowie Ängste, Sorgen und Fragen mit Ihnen als behandelnden Neurologen offen zu teilen:

  • Gibt es Gründe, die gegen eine Schwangerschaft sprechen?
  • Wie geht es mit der Therapie bei Babywusch weiter?
  • Was muss beim Thema Stillen beachtet werden?

 

Vor der Schwangerschaft

Bezüglich der Fertilität lässt sich feststellen, dass diese bei Frauen und Männern mit MS nicht eingeschränkt ist.2,3 

  • Allerdings ist eine sexuelle Dysfunktion bei MS verbreitet4, aber gut behandelbar.

Schließlich ist auch das „Genetische Risiko einer MS“ ein Thema, das mit den Betroffenen besprochen werden sollte. MS ist keine Erbkrankheit1, geht jedoch mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko bei Kindern mit an MS erkrankten Blutsverwandten Patienten einher3:

  • MS-Risiko in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland: 0,1– 0,2 %
  • Folgende Häufigkeiten werden je nach Verwandtschaftsgrad zum MS-Betroffenen angegeben:

 

Cousin hat MS

0,7%

Nachkomme eines MS-Elternteils

2,0%

Geschwisterkind hat MS

3,5%

Nachkommen von zwei MS-Elternteilen

20%

Monozygoter Zwilling hat MS

27%

       

 

Auch das Thema Verhütung spielt, vor allem bei jungen Patientinnen, eine wichtige Rolle. Nach dem derzeitigen Wissensstand gibt es keine Interaktion zwischen oralen Kontrazeptiva und einer MS-Therapie.3

Während der Schwangerschaft

Im Rahmen einer Schwangerschaft kommt es zu multiplen physiologischen Veränderungen, die unter anderem zu einer Änderung des Immunstatus führen und so den Verlauf der Multiplen Sklerose (günstig) beeinflussen können.So nimmt die Schubrate in der Schwangerschaft meist kontinuierlich ab, bis zu 80% im letzten Drittel.3

Die Schwangerschaftsverläufe von Frauen mit MS und gesunden Frauen sind ähnlich.3 Weiterhin wird davon ausgegangen, dass kein erhöhtes Risiko hinsichtlich ektoper Schwangerschaften, Spontanaborten, Frühgeburten oder Komplikationen wie Eklampsie besteht.Es wurde ebenso kein erhöhtes Risiko für kongenitale Fehlbildungen bei Kindern von Frauen mit MS beobachtet.Auch hat MS keinen nachteiligen Einfluss auf die Geburt.Somit muss kein Kaiserschnitt nur aufgrund der MS durchgeführt werden, ebenso gibt es im Allgemeinen keine Einschränkungen für eine Periduralanästhesie (PDA).3

Nach der Schwangerschaft

Postpartal kommt es in den ersten drei Monaten häufig zu einem signifikanten Schubanstieg, etwa 30 % der Frauen erleiden in diesem Zeitraum einen Schub. Im zweiten Trimenon nach der Geburt geht die Schubrate auf das präpartale (unbehandelte) Niveau zurück.Trotz möglicherweise postpartal temporär erhöhter Krankheitsaktivität lässt sich grundsätzlich sagen, dass eine Schwangerschaft keine langfristig negativen Effekte auf den weiteren Krankheitsverlauf hat.1

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass Patientinnen ihren Nachwuchs stillen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, zirka 4 bis 6 Monate voll zu stillen.

Während der Stillzeit werden die verlaufsmodifizierenden Therapien in der Regel ausgesetzt. Daher können Frauen mit Stillwunsch darin bestärkt werden, sofern keine klare Therapieindikation vorliegt.3

Es gibt Untersuchungen, die einen moderaten positiven Effekt von ausschließlichem Stillen auf die Schubrate nach der Geburt zeigen. Eventuell auftretende Schübe können auch in der Stillzeit mit hochdosierten Steroiden behandelt werden. Danach kann eine Stillkarenz von maximal 4 Stunden eingelegt werden, diese wird aber nicht mehr zwingend empfohlen.3 Nach dem Abstillen kann mit der MS-Therapie wieder begonnen werden. 

Die Entscheidung, ob das Baby gestillt werden soll, muss jede Patientin für sich treffen. Wenn nicht gestillt wird, ist eine zügige Wiederaufnahme der medikamentösen MS-Therapie nach der Geburt empfehlenswert.

Weiterführende Informationen

Das unabhängige deutschsprachige Multiple Sklerose und Kinderwunsch Register (DMSKW) ist ein Projekt, in dem prospektiv Daten zu Schwangerschaften oder Kinderwunschbehandlungen von MS-Betroffenen gesammelt werden (weitere Informationen zur Studienteilnahme). Hierdurch sollen Daten gewonnen werden, um offene Fragen zum Thema Kinderwunsch und MS besser beantworten zu können. In einem neuen Teilprojekt sollen außerdem Kleinkinder im Alter zwischen 1,5 bis 6 Jahren von Müttern oder Vätern mit MS mit Hilfe eines Entwicklungsfragebogens nachbeobachtet werden. Weitere Informationen finden Sie online unter www.ms-und-kinderwunsch.de

Das KKNMS-Qualitätshandbuch bietet weitgehende Möglichkeiten sich beispielsweise über die Besonderheiten von MS und Schwangerschaft zu informieren, enthält aber auch sämtliche Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten. Es sind viele Kommentare und Empfehlungen enthalten, die es Ihnen erleichtert eine fundierte Therapieentscheidung zu treffen.

 

Literatur

1Berger T, Di Pauli F, Multiple Sklerose und Schwangerschaft. Journal für Neurologie Neurochirurgie und Psychiatrie 2009;10(1),26-31
2Schmidt RM, Hoffmann FA, Multiple Sklerose; Schwangerschaft bei MS, Urban & Fischer, 2012; 5. Auflage
3Kompetenznetz Multiple Sklerose (2018) Qualitätshandbuch MS/NMOSD. Empfehlungen zur Therapie der Multiple Sklerose/Neuro-myellitis-optica-Spektrum-Erkrankungen für Ärzte. Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose e. V. Ausgabe 2018
4Delaney KE, Donovan J (2017) Multiple sclerosis and sexual dysfunction: A need for further education and interdisciplinary care. NeuroRehabilitation 41 (2): 317-329