MS-Medikamente und Kinderwunsch

Berenguer-Ruiz et al.  J Neurol. 2019

An Multiple Sklerose erkrankten Frauen wird meist empfohlen während einer Schwangerschaft keine krankheitsmodifizierenden Medikamente einzunehmen. Wie sich der Therapie-Stopp auf Erkrankung und Schwangerschaft auswirkt, untersuchte ein spanisches Forschungs-Team.

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Studie kompakt

Die AutorInnen ziehen folgende Schlüsse:

  • Kein erhöhtes Rückfallrisiko bei Schwangeren mit schubförmig remittierender MS (RRMS), die zuvor IFNβ oder Glatirameracetat bekamen
  • Frauen unter Natalizumab- oder Fingolimod-Therapie mit Kinderwunsch sollten als Risiko-Patientinnen eingestuft und besonders sorgfältig betreut werden
  • Es gibt Hinweise darauf, dass eine frühe Wiederaufnahme der DMT nach Entbindung Rückfälle verhindert
 Berenguer-Ruiz MS Therapie Schwangerschaft

Bei geplanter Schwangerschaft wird meist empfohlen, die den Krankheitsverlauf modifizierende Therapie (DMT) abzusetzen. Dies kann zum Wiederaufflammen oder zur Progression der Erkrankung führen. Risiken für Mutter und Kind sind genau abzuwägen.

Leticia Berenguer-Ruiz vom Marina Baixa Krankenhaus im spanischen Alicante untersuchte mit ihrem Team die Auswirkungen eines DMT-Stopps.

 

Methode

  • Design: prospektive Beobachtungsstudie
  • Teilnehmende: 66 Frauen mit RRMS, die insgesamt 75-mal einen Kinderwunsch hatten – in 73 Fällen unter DMT
  • Wichtige Zielgrößen: Schübe, Expanded Disability Status Scale EDSS vor der Schwangerschaft und im 6. Schwangerschaftsmonat; Aktivität in der Magnetresonanztomographie (MRT)
  • Ziel: Überprüfung des Einflusses eines DMT-Stopps auf  
  1. MS Schübe und
  2. Schwangerschaftsausgänge

 

Ergebnisse

Vor der Schwangerschaft: Bei 42 geplanten Schwangerschaften beendeten die Frauen ihre DMT bereits zum Kinderwunsch-Zeitpunkt. Danach traten  bei 12 Versuchen schwanger zu werden insgesamt 14 MS-Schübe auf. In zehn dieser Fälle wurde der Kinderwunsch daraufhin aufgegeben.

Bei 31 Kinderwünschen haben die Frauen ihre Therapie bis zur Schwangerschaft fortgesetzt und stoppten die DMT erst mit positivem Schwangerschaftstest. Unter der Therapie waren bis dahin keine Rückfälle aufgetreten.

Es kam zu insgesamt 65 Schwangerschaften, zwei davon ohne DMT.

Während der Schwangerschaft: Sechs Frauen (3 x Natalizumab, 2 x Fingolimod, 1 x IFNβ) erlitten insgesamt elf Rückfälle.

Frauen, die mit Natalizumab oder Fingolimod behandelt worden waren, hatten ein signifikant höheres Rückfallrisiko als Frauen die Interferon beta oder Glatirameracetat bekamen (Rückfallraten: 0,71 vs. 0,02; adjustiertes Rückfallraten-Verhältnis = 0,038; p = 0,003).

Nach Ende der Schwangerschaft: Bis auf zwei Frauen starteten alle innerhalb von drei Monaten nach der Geburt wieder ihre DMT. Vier Frauen erlitten in diesem Zeitraum einen Rückfall, drei von ihnen vor der Wiederaufnahme ihrer DMT.

Die Schwangerschaften führten zu 59 Lebendgeburten, in 36% der Fälle als Sectio caesarea. Eine Frau hatte eine ektope Schwangerschaft, fünf einen Spontanabort.

Status der Neugeborenen: Neun Neugeborene waren untergewichtig. Das Gewicht der Kinder von Frauen mit und ohne DMT unterschied sich nicht signifikant.

Nur bei einem Kind traten Fehlbildungen – Analatresie und einseitige Nieren-Agenesie – auf. Die Mutter des Kindes hatte bis zum positiven Schwangerschaftstest noch Interferon beta gespritzt. Die AutorInnen gehen auf diesen Befund nicht weiter ein. Maternale oder fetale Risikofaktoren, die damit in Zusammenhang stehen könnten, werden nicht angegeben. Ebenso wenig nennt die Studie Vergleichszahlen zur Fehlbildungsrate aller Neugeborenen in Spanien.

Berenguer-Ruiz MS-Patientinnen

Fazit

Für Leticia Berenguer-Ruiz et al. sprechen die Ergebnisse dafür, dass RRMS-Patientinnen mit Kinderwunsch, die Interferon beta oder Glatirameracetat spritzen, ihre Medikation nicht vor der Schwangerschaft beenden sollten. Frauen mit präkonzeptioneller Natalizumab- oder Fingolimod-Therapie hingegen hätten ein hohes Risiko für Rückfälle und sollten daher besonders sorgfältig betreut werden. 

Die frühe Wiederaufnahme einer DMT nach Entbindung könnte Rückfälle verhindern.

Literatur

Berenguer-Ruiz L et al.  Relapses and obstetric outcomes in women with multiple sclerosis planning pregnancy. J Neurol. 2019;266(10):2512-7.

Autorin: ch/ktg

 

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