Dirk Riepe

Dirk Riepe stand ein halbes Jahr im Beruf, als er die Diagnose Multiple Sklerose bekam – am selben Tag, an dem seine erste Tochter ein Jahr alt wurde. Mittlerweile ist der Rollstuhl sein ständiger Begleiter und hält ihn fit und mobil.

Früher aktiv Sport treibend, beschäftigt sich der Autor heute mehr mit zeitgenössischer und philosophischer Literatur. Seine Liebe zum Schreiben war eher eine Zufallsentdeckung: Ursprünglich wollte er sich nur ganz privat „schreibend“ mit der eigenen Krankheit auseinandersetzen.

Doch inzwischen beginnt der Autor – bestärkt durch Freundinnen/Freunde und andere Kennerinnen und Kenner seiner Schreibe – die Geschichten zu veröffentlichen. Auf ironische, zuweilen sarkastische Weise holt er darin Seiten von Krankheit und Behinderung ans Licht, die sich dem ersten Blick nicht ohne Weiteres offenbaren.

Ohne Pathos, eher mit einem Augenzwinkern, hat der Autor eines ganz besonders im Sinn: Den positiven – bejahenden – Umgang mit sich selbst zu üben – trotz oder gerade wegen zuweilen bizarrer Situationen, die ein „Behinderter“ in einer „nicht behinderten“ Umwelt, aber auch mit sich selbst erleben kann.

Um mehr über den Menschen Dirk Riepe zu erfahren, besuchen Sie doch einfach seine Homepage:

Zur Homepage von Dirk Riepe >>>

Im August 2012 startete Dirk Riepe einen eigenen Blog. Nach intensiver Vorbereitung will er die 800 Kilometer um Korsika in 10 Tagen schaffen. Mit der Krankheit der tausend Gesichter um die Insel der tausend Kurven.

Zum Blog von Dirk Riepe >>>

 

"Ganz schön cool, behindert zu sein"

Ganz schön cool, behindert zu sein

"Es hat doch auch alles was für sich!", hat meine Oma immer gesagt.

Dirk Riepe war schon immer ein Geschichten-Erzähler. Als er kurz vor dem 30. Lebensjahr an MS erkrankte, wusste er noch nicht, dass er viel Stoff für 'Geschichten' bekommen sollte. Riepe erzählt sie ohne Pathos mit einem zwinkernden Auge auf seine eigene Art und Weise. Krankheit und Behinderung werden von Leid und Mitleid getrennt und lebensbejahend aus dem Schatten ans Licht geholt. So wie Riepe das Schreiben zum Selbstfindungsprozess mit einer unheilbaren Erkrankung fand, werden dem Leser seiner Geschichten Ein-Blicke ermöglicht, die Absurdes normal machen.

Riepe ist auch 20 Jahre nach dem Ausbruch seiner Erkrankung nicht müde geworden, durch seine Geschichten Mut zu machen und Barrieren zwischen gesunden und behinderten Menschen abzubauen.

"Ganz schön cool, behindert zu sein" 
im Geest-Verlag erschienen.
ISBN 978-3-86685-368-3

"Ernähren Sie sich salzlos!"

Geschichten aus meinem Leben mit Multipler Sklerose

Dirk Riepe: 'Ernähren Sie sich salzlos!'

»'Multiple Sklerose', kurz und knapp die Diagnose. In mein Gehirn zog absolute Dumpfheit ein. Irgendwie fühlte ich mich nicht angesprochen. Die Gedanken verschwanden, und alles war merkwürdig wattig. Keine Angst. Keine Panik. Nichts. Leere. ‚Na, jetzt machen Sie sich mal keine Gedanken, es kann sein, dass nie wieder etwas auftritt oder nur alle paar Jahre mal. Kein Sport – und ernähren Sie sich salzlos!’«

Dirk Riepe hat sich nicht ganz an diesen Ratschlag gehalten. Wenn es die Kräfte zulassen, steigt er in sein melonengelbes Sessel-Liege-Dreirad, und los geht’s. Auf einer seiner Touren entscheidet er sich, seine Erlebnisse mit der Krankheit niederzuschreiben. Herausgekommen sind ironische, manchmal zum Lachen komische, das Gesundheitssystem entlarvende und die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderungen hinterfragende Geschichten.

Als Leser und Leserin lernt man die Krankheit Multiple Sklerose in vielen ihrer Facetten kennen. Am Ende schafft es der Autor, dass man vor ihr – ob als Betroffene/r oder Angehörige/r – nicht den Mut verliert.

Zum Autor:
Dirk Riepe, geb. 1962, ist Ingenieur und lebt mit seiner Familie in Herford, Ostwestfalen-Lippe. Er engagiert sich für den Dialog mit Menschen mit Behinderungen auf kommunaler Ebene. Im Internet schreibt er die Kolumne "Rolli-Kurt".

Der Titel:
Dirk Riepe
„Ernähren Sie sich salzlos!“
Geschichten aus meinem Leben mit Multipler Sklerose
Erscheint im Mabuse-Verlag im April 2009 • ca. 150 Seiten • ca. 15,90 Euro
ISBN 978-3-940529-39-8

Leseprobe

Als Leseprobe ist mein erster Krankenhausaufenthalt 1992 mit Diagnose gewählt.
Wie "Die Verwandlung" schon sagt, hat sich das Leben vollständig verändert und man selbst hat sich verwandelt.

Ich habe diese Geschichte schon häufig öffentlich gelesen und bei aller Ernsthaftigkeit konnten sich die Zuhörer zumindest das Schmunzeln nicht verkneifen.

Sie passt, finde ich, auch ganz gut zur Diskussion "alter Hasen und frisch Erkrankter".

Ich kann mich noch gut erinnern, sehr gut!

Dirk Riepe, 7. Januar 2009

Die Verwandlung

Lautes Scheppern riss mich aus meinen Träumen. Für einen Moment wusste ich nicht wo ich mich befand. Ich schreckte auf und stellte fest, dass ich in einem Krankenzimmer des hiesigen Kreiskrankenhauses aufgewacht war. Man musste wohl etwas mehr Krankenhausroutine haben, um sich an das Gefühl, in einem Mehrbettzimmer mit schnarchenden fremden Männern aufzuwachen, zu gewöhnen. Das Klopfen hereinstürmender Krankenschwestern lag in völligem Einklang mit dem Aufreißen der Tür. Warum überhaupt geklopft wird, habe ich bis heute nicht verstanden. Wobei, wenn ich recht überlege, spart man sich diese Geste des Anstandes eigentlich in den meisten Krankenanstalten auch noch.

Das freundliche »Guten Morgen die Herren!« ging im Lärm des scheppernden Frühstückswagens unter. Nachdem ich ein Auge auf das immergleiche Frühstück riskiert hatte, drehte ich mich noch einmal um. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis ich wieder eingeschlafen war. Ich hatte nach nur einer Stunde Tiefschlafphase noch einen erheblichen Schlafbedarf. Das wohlige Gefühl des Schlafes dauerte allerdings nur kurz an, denn ein paar Minuten nach dem Frühstückskommando kam die zweite Schwester zum allmorgendlichen Blutdruckmessen, Fiebermessen, gefolgt von der Frage nach der Art des Stuhlgangs. An diesem Morgen führte die resolute, etwas füllige Oberschwester diese Aufgabe aus. Mit dem Hinweis, dass gleich Oberarztvisite sei, bewegte sie sich zuerst zielstrebig auf das einzige Fenster im Raum zu. Außer des unsensiblen Aufreißens der Vorhänge schloss sie mit einem Schlüssel, der mit vielen Anderen an einem großen Schlüsselring baumelte, das Fenster ab. Die herein scheinende Sonne schmerzte in meinen halb geöffneten Augen. Da die Schlüsselaktion kommentarlos geschah, konnte ich mir die Nachfrage, ob jetzt auch noch ein potenzieller Selbstmörder das Mehrbettzimmer bereichern würde, nicht verkneifen. Statt einer Antwort schickte sie mir einen etwas mitleidigen Blick zu, während meine Zimmergenossen die Frage sehr lustig fanden und sich weiter mit ihrem Frühstück beschäftigten.

Rechts neben mir lag ein operierter Bandscheibenvorfall, extremer Schnarcher. Zur Linken lag der abgeklemmte Nerv und an der Tür die Meningitis, dessen Frau bei jedem Besuch pausenlos auf ihn einredete, er solle die Rente bei der Visite durchsetzen. Es konnte ihr nicht schnell genug gehen, dabei ging es der Meningitis eigentlich schon viel besser. Er machte mir nicht den Eindruck, nie wieder arbeiten gehen zu können, aber ich verstand ja auch nichts von Krankheiten. Da ich meine Diagnose noch nicht hatte, war ich übrigens noch ein Namenloser. Bett Nummer 3, das war meins, musste also noch auf seine Bestimmung warten. Bei dem großen Leiden meiner Bettnachbarn stand für mich fest, dass es mir auf jeden Fall von allen auf diesem Zimmer am besten ging. Der abgeklemmte Nerv hatte sein Leiden offensichtlich durch exzessives Computerspielen bekommen, weil er es nicht sein lassen konnte, die Beine übereinander zuschlagen, so sagten jedenfalls die Ärzte und die müssten es ja wissen, dachte ich damals jedenfalls. Mit dem Bandscheibenvorfall konnte ich gut mitfühlen, da auch ich seit Jahren Rückenschmerzen hatte, und ich eigentlich immer noch sicher war, dass es sich auch bei mir um etwas Ähnliches handelte.

Die anderen waren schon intensiv mit ihrem Frühstück beschäftigt und die Meningitis frönte schon der Lieblingsbeschäftigung im Krankenhaus, dem Fernsehgucken, als das Weißkittelkommando, natürlich ohne zu klopfen, hereinkam. Der Oberarzt ging voran und die drei anderen folgten ihm wie die Lemminge an der Perlenkette aufgereiht. Da stand sie nun, die Spitze der intellektuellen Nahrungskette, nach Rangordnung aufgestellt. Einer der Lemminge durfte eine Akte tragen. Er nahm die zweite Position ein. Was die anderen beiden für eine Aufgabe hatten, war für mich nicht zu erkennen.

Heute wollte man offensichtlich mit mir anfangen, jedenfalls baute sich das Team halbkreisförmig um mein Bett auf. Der Oberarzt war ein dürrer Riese, soweit ich das aus der Position des liegenden Patienten einschätzen konnte. Sein Alter hätte ich auf Mitte 30 getippt. Vom Typ war er garantiert unsportlich und der typische Langeweiler. Der Aktenträger begann die Prozession mit einem Auszug aus den Unterlagen, während die anderen andächtig lauschten. Er trug eine Geschichte in Fachchinesisch über eine nicht näher genannte Person vor, die ich wohl sein sollte. Das Ganze wurde begleitet von zustimmenden Kopfbewegungen des weißen Riesen. Kurz bevor der Vortrag, von dem ich nichts verstand, zu langweilig wurde, endete er.

Nun folgte der Teil für die Deppen, eingeleitet durch: »Wie geht es uns denn heute?«. Lesen konnte der weiße Riese vielleicht nicht, aber immerhin sprechen. Wobei mir die Frage, wie es uns geht, etwas suspekt vorkam. Ich kannte den Typen doch gar nicht und gesund sah der jedenfalls nicht aus. Die Meningitis ließ sich derweil beim Fernsehgucken nicht stören und Bandscheibenvorfall und Eingeklemmter Nerv aßen weiter und schauten ab und zu auf den tonlosen Fernseher. Ich war doch etwas nervös, als ich antwortete, dass es mir nicht besser ginge. Aber jetzt würden sie wohl den Nerv gefunden haben, der die Missempfindungen und die merkwürdig lahmen Beine verursachte, dachte ich. Der weiße Riese warf, wie zur Bestätigung, dass er des Lesens mächtig ist, auch einen Blick in die Akte. Er traute offensichtlich dem Vortrag des Aktenträgers nicht. Es schien mir, als hätte er die Akte zum ersten Mal gesehen.

Nun begann die Übersetzung für die Unwissenden durch den weißen Riesen persönlich. Er klärte mich darüber auf, dass man nach allen Untersuchungen der letzten sechs Tage alle möglichen Krankheiten ausschließen könnte. Da der Mensch so langsam sprach, hatte ich genügend Zeit zum Überlegen und kam schon frühzeitig zu dem Schluss, ich sei nicht ernsthaft krank, und mein Puls ging wieder herunter. Allerdings befürchtete ich, dass ich an Langeweile zu Grunde gehen würde, wenn der Vortrag noch lange weiter ginge. Ich hörte gar nicht genau zu, als er diverse ausgeschlossene Krankheiten aufzählte und mit welcher Untersuchung man das festgestellt hatte. Ich dachte nur; »Wann hört der endlich auf und kommt auf den Punkt?«. Die Assistenzärzte standen in Weißkittelmanier mit auf dem Rücken gehaltenen Armen und interessierten Gesichtern im Halbkreis um mich herum. Dann kam endlich das große Finale, die Diagnose.

»Nach Abschluss aller Untersuchungsauswertungen glauben wir Sie haben Encephallomyelitisdessiminata und gehen von einer wahrscheinlichen Diagnose aus «.

Schon ein paar Sekunden später hätte ich dieses komplizierte Wort nicht wiederholen können. Ich hatte also doch eine richtige Krankheit, so mit Namen und allem Drum und Dran. Das erstaunte mich, denn mit einer Krankheit hatte ich nicht gerechnet. Verschleißerscheinungen oder durch Überlastung ausgelöste Probleme wie Tennisarm oder so, das war meine Vermutung. Aber eine Krankheit?

Als erwartete man eine Reaktion von mir, herrschte für einen kurzen Augenblick andächtige Ruhe. Bandscheibenvorfall und Meningitis waren auch nicht sonderlich beeindruckt vom Vortrag des weißen Riesen. Als ich noch über die Bedeutung des Wortes, ohne irgendeine Ahnung der Konsequenzen, vor mich hin sinnierte, teilte mir der Oberarzt die bekanntere Bezeichnung mit.

»Multiple Sklerose kurz MS«.

Stille, es herrschte Stille. Während dem Bandscheibenvorfall das Marmeladenbrötchen aus dem Gesicht fiel, ließ der Eingeklemmte Nerv vor Schreck den Kaffeelöffel in die Tasse fallen. Sein Oberbett wurde so von oben bis unten mit Kaffee bekleckert. Das war hart für ihn, denn Bettwäschewechsel war gerade gestern und der Wechsel erfolgte nur wöchentlich. Ich bekam davon wenig mit, als ich, immer noch nichts verstehend, andächtig den Oberarzt anstarrte.

In mein Gehirn zog absolute Dumpfheit ein. Irgendwie fühlte ich mich nicht angesprochen. Die Gedanken verschwanden und alles war merkwürdig wattig im Hirn. Keine Angst. Keine Panik. Nichts. Leere. Ich glaube jetzt war der Augenblick gekommen, dass sich der Strahlenschutzschild langsam über mich senkte. Wie eine riesige Käseglocke stülpte sich der undurchdringliche Schutzwall über mich und sorgte dafür, dass mir nichts mehr passieren konnte. Ich war jetzt in Sicherheit, behütet und geschützt vor allem, was mich ereilen könnte. Dieser Zustand hielt nun viele Jahre an.

Von außen betrachtet hatte die Szenerie etwas von Schwarzwaldklinik. Die Meningitis war mittlerweile, mit Kopfhörer auf, wieder eingeschlafen. Das Ende der Prozession war nun gekommen.

»Na, jetzt machen Sie sich mal keine Gedanken, es kann sein, dass nie wieder etwas auftritt oder nur alle paar Jahre mal«, fügte der weiße Riese beschwichtigend in seiner ganzen Langsamkeit hinzu. Zum Abschluss ließ er noch ein paar gut gemeinte Ratschläge vom Stapel. Ich solle nie wieder Sport machen und mich salzlos ernähren. »So sieht man also aus, wenn man sich salzlos ernährt. Als Oberarzt sicher ganz praktisch«, dachte ich. Man hob sich weder vom weißen Arbeitskittel Kittel noch von den Wänden ab, da man aussah wie eine Kalkleiste. So konnte man sich am Arbeitsplatz bewegen, ohne gesehen zu werden. Toll, für mich aber ziemlich unattraktiv.

In umgekehrter Reihenfolge verließ die Visite das Krankenzimmer und hinterließ ein großes Vakuum.