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Wie will arreif in wan minnit!

Rolli-Kurt

Folge 48 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Definition: Gelegenheitsbehinderter

Hoffnungslos verliebt >>>

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Alles grau. Nur grau und öde. Der Kopf lehnt an der Scheibe und der Blick wandert über die eintönige Landschaft. Nebenan ist ein weiteres Gleis, das mit der Geschwindigkeit des Zuges, sich windend wie eine Schlange, ein ständiger Begleiter ist. Die Bahnschwellen bewegen sich in die verkehrte Richtung. Kurt bemerkt diese Absurdität schon eine ganze Weile. Es wird ein Phänomen sein, wie bei sich schnell drehenden Autofelgen. Irgendwann steht das Rad still und dreht sich dann in die entgegengesetzte Richtung. Ein beliebtes Beispiel für optische Täuschungen. Kurt ist bei dem Gedanken an optische Täuschungen nur wenig beruhigt. Wenn überhaupt einmal ein Baum auftaucht, bewegt er sich auch in die falsche Richtung. Irgendwie bewegt sich alles in die falsche Richtung. Quatsch! Er hat sich einfach nur getäuscht, als er sich in den Großraumwagen setzte und meinte, er hätte sich in Fahrtrichtung gesetzt. Aber er sitzt in seinem Rolli. Wie kann man da in der verkehrten Richtung sitzen? Im Rolli sitzt man immer in der gleichen Richtung. In der richtigen!

Es ist merkwürdig ruhig im Wagen. Sind die Intercitywaggons so luxuriös, dass sie jegliches Geräusch dämpfen? Kurt hält den Kopf fest an die Scheibe gepresst. Er spürt auch keine Vibrationen, nichts. Das nenne ich mal Fahrkomfort. Es ist nicht mehr so weit. Für einen Blick in das Buch, das er extra mitgenommen hat, ist noch Zeit. Er blättert vor bis auf Seite 5 und erschrickt über die penetrant laut knisternden Seiten. Ein rascher Blick durch den Waggon. Und nichts. Er sitzt ganz allein in dem Großraumwagen, der vielleicht 50 Personen Platz bietet. War der Waggon beim Einsteigen nicht gut gefüllt? Und wo ist der Schaffner, der sich um ihn kümmern wollte während der Fahrt? Es sind noch zwei Stationen, dann muss er raus. Der wird ihn doch nicht vergessen haben! Kurt nestelt nervös an den Bremsen seines Rollis. Neben ihm ist der große Platz, der eigentlich für den behinderten Fahrgast reserviert ist, mit Koffern zugestellt. So kommt er da nie raus. Während der Monitor vor ihm am Ausgang des Waggons den nächsten Halt anzeigt, stellt Kurt fest, dass seine Beine weg sind. Sie sind optisch noch da, aber er fühlt sie nicht. Er kneift in die Oberschenkel. Tot.


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Jetzt zeigt die Anzeige schon den nächsten Halt an. Ist ihm da was entgangen. Hat der Zug eben wirklich angehalten? Und wo bleibt der verdammte Schaffner? Kurt räkelt sich in seinem Rolli hin und her. Es hilft aber nichts. Er kann einfach nicht mehr aufstehen. Da hilft auch das ganze Kneifen und Schlagen auf die Schenkel nichts. Kurt versucht, sich krampfhaft aus dem Rollstuhl aufzusetzen. Aber er kommt keinen Millimeter hoch. Er ist an den verdammten Rollstuhl gefesselt. Als habe man ihm Atomkleber unter den Hintern gestrichen. So kann man mit einem Tropfen Kleber Autos anheben. Wieder kreist Kurts Blick durch den Raum hinter ihm. Es ist so leer, als wäre der Intercity gerade aus der Produktionsstätte gerollt.

Ein Blick auf die Anzeigetafel und … Er hat seine Station verpasst. Wo bleibt der Schaffner. Der verdammte Penner! Kurts Arme sind von Gänsehaut bedeckt. Panik macht sich schlagartig breit. Die Koffer. Wie kann man nur hier die Koffer hinstellen. Was sind das für Menschen, die einfach ihre Koffer hier hinstellen? Und vor allem, wo sind die alle? Irgendwo müssen doch die Besitzer der Koffer sein! Von der Anstrengung, aus seinem Gefängnis herauszukommen, ist Kurt durchnässt und entkräftet.

Wie schnell fährt dieser Zug eigentlich? Auf der Anzeige wird der nächste Ort angezeigt. So ein Intercity hält doch nur in ausgewählten Bahnhöfen. Es kann doch nicht angehen, dass er schon zwei Stationen zu weit ist. Kurt tastet mit Blicken die Umgebung ab. Je größer die Panik, desto schlimmer die Doppelbilder. Endlich sieht er links über sich den Griff; die Notbremse. Kurz entschlossen greift Kurt hin. Der Weg ist zu lang oder Kurts Arme sind zu kurz. Jedenfalls enden seine Versuch bestimmt 20 Zentimeter vor dem Erreichen der Notbremse. Kurt sackt in sich zusammen und hat nur noch ein resigniertes Lächeln auf den Lippen. Das kann doch alles nicht wahr sein. Was für ein Vollidiot hat die Notbremse an einem Rollstuhlfahrerplatz im Waggon der Bahn AG so angebracht, dass nur die Basketballmannschaft der Telekom ihn bedienen können.


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Schon wieder ist ein Bahnhof an ihm vorübergezogen. Lautlos, ohne Vorankündigung. Sonst pfeifen die doch immer auf den Bahnhöfen! Kurt kommen leise Zweifel an seinem Verstand auf. Hat er jetzt einen Pfiff gehört oder nicht. Und wem zum Teufel gehören die Koffer? Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass die Geschwindigkeit, mit dem der Zug sich bewegt, stark gemindert ist. Es geht an Häuserfronten vorbei, über Brücken und durch tiefer gelegene Passagen, deren Enden plötzlich wieder ans Licht führen. Dahinter verflüchtigt sich die Zeit wie ein teures Aftershave für den Träger, während die Anwesenden in einer Wolke süßlicher Aromen zu ersticken drohen.

„Tsänk ju for träwelling wits tse Deutsche Bahn!“, schallt es mit sächsischem Akzent durch das gespenstisch leere Abteil. Wie: Thank you for Travelling! Wo ist der Zug denn angekommen?
Unendlich langsam bewegt sich der Zug durch eine Stadt. Klar durch eine Stadt. Aber welche? Kurt ist nicht mehr so beunruhigt. Er sitzt da, schaut aus dem Fenster auf die Lagerhallen, die das Gleis säumen, kann sich nicht einen Zentimeter bewegen und ist irgendwie ruhig.
„Hamburg-Altona!“ Das ist es. Hamburg-Altona. Ein Sackbahnhof. Dann werden sie ihn jetzt gleich aus dem Zug holen. Verdammt, hat der Zug schon gehalten? Ist Kurt jetzt etwa im entscheidenden Augenblick wieder eingepennt?

Nun bewegt sich wirklich alles rückwärts. Wohin geht die Reise nun? Im Schritttempo. Kurts Kopf lehnt wieder gegen die Scheibe. Er zählt die Gleisschwellen, wie damals in der Grundschulzeit. Die Strecke zur Schule war für einen Drittklässler richtig weit. 156, 157, … Er zählte die Schritte. Er zählte auf dem Hinweg und er zählte auf dem Rückweg. Er schaffte es nie, die für die ganze Strecke notwendigen Schritte zu zählen. Entweder es gingen ihm die Zahlen aus oder er vergaß einfach das Zählen.
„Platsch!“ Kurt schreckt blitzartig von der Scheibe zurück. Jemand hat etwas dagegen geschmettert. Eine Coladose, die auf der Scheibe aufschäumt? Randalierende Jugendliche etwa? Erstaunt sieht er durch den flüchtigen Schaum ein Gesicht. Der Mann hat einen riesigen Wischer in der Hand, eine Kappe mit einem kleinen Schild auf, dessen Aufschrift Kurt nicht entziffern kann, und einen Blaumann an. Eine Reinigungskraft.

Das ist die Zugwaschanlage der Deutschen Bahn AG in Hamburg-Altona. Sofort kehrt die Panik zurück. Er ist 200 Kilometer von seinem Zielort entfernt. An den beschissenen Rollstuhl gefesselt in einer Waschanlage. Der Typ sieht ihn nicht. Der muss doch reagieren! Das kann nicht wahr sein. Das ist die letzte Chance, den Zug zu verlassen. Der nichtvorhandene Schaffner sitzt wahrscheinlich mit seinen Kumpels seelenruhig in der Bahnhofskneipe und genießt das Nach-der-Arbeit-Bier.
Er wird erst auslaufen, dann verdursten und dann … Wie lange hält man es in einem Zugabteil der Deutschen Bahn ohne Flüssigkeitszufuhr aus? Jetzt schwitzt er auch noch vor Aufregung. Jeder Tropfen ist kostbar. Er kann doch jetzt nicht schwitzen.


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„Hallo! Geht es Ihnen nicht gut?“ Wie ein Flitzebogen schnellt Kurt aus seinem Sitz hoch. Die übereinandergeschlagenen Beine senden Schmerz und Taubheit gleichermaßen aus. Die Beine rühren sich kein Stück mehr.

„Alles OK, Herr Schmitts? Wir sind gleich angekommen. Ich stelle schon einmal Ihren Rollstuhl an die Tür. Kommen Sie allein klar bis zum Ausstieg?“, fragt ihn lächelnd der Schaffner.

„Ja, OK!“ Wo ist die Waschanlage?

„Tsänk ju for träwelling wits tse Deutsche Bahn! Wie will arreif in wan minnit!“, klingt es von irgendwo in den Großraumwagen, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

„Wissen Sie was? Ich werde Sie stützen, dann kann Ihnen nichts passieren, Herr Schmitts! Sie sehen aus, als haben Sie schlecht geträumt.“

Kurt ist noch völlig benebelt von seinem Waschstraßen-Horrortraum. Auf der anderen Seite des Zuges zum Bahnsteig gerichtet hopst eine junge Frau immer auf und ab. Sie winkt und ruft, was das Zeug hält. Durch die dicken schallgeschützten Fenster des Abteils hört Kurt nichts, er beobachtet aber die sich im Stakkato öffnenden und schließenden Lippen der Frau.


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„Das muss Birte sein“, denkt Kurt sofort und liegt damit goldrichtig. Während Birte noch ihr Hüpfprogramm absolviert, greift Kurt nach seinem Stock und stützt sich auf die eingeschlafenen Beine. Dieser stechende Schmerz, wenn sich die Beine wiederbeleben. Großartig! Ein großartiges Gefühl nach der albtraumhaften Fahrt. Er hat ja nicht einmal in seinem Rolli gesessen. Warum auch? Es geht ihm gut. Prophylaxe, reine Prophylaxe!

„Ich glaube, ich habe den Kurt gesehen! He Claudi, das ist aber ein Leckerer!“, kichert Birte Claudia zu, die äußerlich ruhig dasitzt.

„Manchmal ist Birte echt anstrengend. Was meint die denn, wie viele Dreißigjährige mit einem Ferrari-roten Rollstuhl aus dem Zug aussteigen?“, denkt Claudia kopfschüttelnd. Als Kurt sagte, er wolle einfach in den Zug einsteigen und das Wochenende mit ihr verbringen, war sie schon nervös. Die Vorfreude war nicht auszuhalten. Sie hatten die ganze Woche am Telefon debattiert, das heißt, Kurt hat gesprochen und Claudia hat zugehört. Jetzt sitzt sie auf dem Bahnsteig und hat einen riesigen Kloß im Hals. Wie lange hat sie ihn schon nicht mehr gesehen? Hat das Ganze eigentlich Bestand? Liebt er mich noch?

„He, du musst der Kurt sein! Super, dich kennenzulernen. Ich bin die Birte. Du weißt schon, Claudia hat bestimmt schon viel von mir erzählt. Haben sie dir nichts Anständiges zu essen gegeben im Zug? Du siehst echt Scheiße aus. Los komm …“, sagt Birte und fällt Kurt um den Hals.

Kurts Beine sind noch in seinem persönlichen Albtraum geblieben und der neue steht schon vor ihm. Die geballte Frauenpower. So etwas, nein, so jemand kann einem Angst machen. Richtig Angst. Seine Beine knicken in sich zusammen, als bewege er sich auf chinesischen Essstäbchen. Claudia hat er noch nicht wahrgenommen. Birte hängt an seinem Hals und testet sein Standvermögen. Endlich ist der Blick frei. Claudia sitzt auf ihrem Topi und hat stützt mit den Händen, die an den Griffen Halt suchen, ihren Kopf. Man sieht sofort, wie peinlich ihr Birtes Auftritt ist.

„Was!?“, ruft Birte, die erkannt hat, dass Claudia mit den Nerven zu Fuß ist.

Unter den schützenden Blicken des Schaffners geht Kurt auf Claudia zu und nimmt sie in den Arm. Er spürt, wie Claudias Herz vor Aufregung hämmert. Für diesen Moment würde Kurt durch die Hölle fahren. Obwohl, die Zugwaschanlage war schon …


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<<< Definition: Gelegenheitsbehinderter 

 

Hoffnungslos verliebt >>>


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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