Heute kein Doppelkopf
Folge 43 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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<<< Fragen, Überzeugung und Gewissheit
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Wieder zu Hause. Ein fremder Geruch, der keinerlei vertrautes Gefühl weckt, zieht Kurt aus dem Dunkel seiner Wohnung entgegen. Nichts ist so, wie es war, und dennoch ist alles unverändert. Sein Blick schweift umher und trifft auf die nicht ausgepackte Reisetasche, an deren Griff noch die Flugdaten in Form grüner Manschetten kleben. Die hastig ausgezogenen Schuhe liegen auf einem feinen Teppich von Adriasand neben dem Wohnzimmertisch. Die Zeichen des überstürzten Aufbruchs überschatten den Ausdruck von Urlaub am Strand, in wohltuender Sonne, mit Claudia an seiner Seite. Statt in ein geordnetes Leben mit einer Person, die beim bloßen Gedanken Schmetterlinge im Bauch verursacht, liegen die unübersehbaren Reste seines Aufbruchs ins Krankenhaus vor ihm. Draußen gibt die Sonne alles im Kampf mit dem herannahenden Ende der warmen Jahreszeit. Kurt öffnet das Wohnzimmerfenster, und in wenigen Augenblicken ist die abgestandene Luft der angenehmen Frühherbstfrische gewichen.
Der Anrufbeantworter blinkt unermüdlich. Kurt sitzt auf dem Sofa und schaut auf die Digitalanzeige, die in roten Ziffern "11" zeigt. Das Krankenhaus, Michael, die LP und der Beginn einer Interferontherapie bieten eigentlich Stoff für ein halbes Leben. Nicht so für Kurt. Für ihn gehört es zum neuen Leben, es ist eine Episode, mehr nicht. Das hat ihm nicht zuletzt Michael mit seiner nonchalanten Art klargemacht.
Wenn er nun zum Telefon geht und die Taste mit dem Briefumschlag drückt, um die Nachrichten abzurufen, werden die vergangen Tage in weite Ferne gerückt sein. Noch sitzt er auf dem Sofa, krampfhaft bemüht, in seiner alten Wohnung gedanklich anzukommen. Und Kurt, schon wieder fast der alte Pragmatiker, entscheidet sich für einen Willkommenskaffee. Der Anrufbeantworter blinkt sein stereotypes Blinken, während die Kaffeemaschine den Geruch von Zuhause in die kleine Küche des Einpersonenhaushaltes blubbert.
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Kurt holt den Brieföffner aus der obersten Schublade des Geschirrschranks und öffnet die liegen gebliebene Post, neben sich den Papierkorb. Seine Hände zittern, als er Umschlag für Umschlag mit dem Brieföffner aufmacht und sieht, wie der Postberg kleiner wird und der Müllberg größer. An der Post eines Menschen erkennt man sein aktives Leben. Kurt beschleicht das Gefühl, dass sein Leben dem Haufen zerrissener Briefe in einem Mülleimer gleicht. Werbung, Werbung, Krankenkasse, Klinik, Arbeit ...
Kurt hat Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. Angst, Panik und vor allem das Gefühl von grenzenloser Ohnmacht lähmen seine Gedanken. Wieso jetzt? Wieso nicht im Krankenhaus? Da waren schwierige Entscheidungen zu fällen. Er hat sie alle getroffen. Entscheidungen, die ein Mensch mit Mitte Dreißig nicht treffen müssen soll, aber was ist das schon, was man soll, was die Gesellschaft als normalen Lebenszyklus, mit den dazugehörigen Entscheidungen, bezeichnet? Kurt ist stark. Er war ein beinharter Abwehrspieler, unter den Spielern sämtlicher Klubs in der Umgebung gefürchtet, fair, aber hart. Aus der Dynamik der Bewegung, in vollem Lauf, denkt der Spieler nicht, er handelt. Ein bisschen zu spät, und die Bänder in den Knien werden auf ihre Reißfestigkeit geprüft. Der Puls rast und das Schlimmste ist der Anblick eines für kurze Zeit unnatürlich abgespreizten Unterschenkel, der schnell wieder in die Ursprungsposition schnappt, wie ein gut geöltes Klappmesser, wenn man Glück hat. Für Schmerz ist kein Platz. Die Glücksmacherhormone schwärmen in Heerscharen aus und verhindern den sofortigen Einsatz eines der wichtigsten Körperfunktionen: Schmerz. Obwohl der Spieler Opfer und Täter gleichermaßen ist, dieser Ablauf von Schmerz ist passiv. Er ist weder vorhersehbar noch kalkulierbar; er geschieht.
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Was heute Abend passieren soll, ist etwas ganz anderes. Kurt wird das erste Mal allein, ohne Schwester, die Vorbereitungen zum Spritzen treffen. Er wird sich die Tupfer griffbereit auf den Küchentisch legen, neben die Spritze. Zuvor wird er ständig auf die Uhr schauen, um den Moment herbeizustarren, wenn er mit hochgezogenem T-Shirt vor seinem langsam auf Zimmertemperatur erwärmten Medikament sitzen wird. Wenn seine Hände so zittern wie vorhin beim Postöffnen, wird es ernsthafte Verletzungen geben.
Kurt ist unsicher. Nimmt man die Spritze nun am Spritzenkörper zwischen Daumen und Zeigefinger oder ist der Daumen zum Abschuss bereit auf dem Kolben beim Einstich? Keine Ahnung! Beinhart. Sei ein Mann. Wie Kirchenglocken so laut bimmeln die jahrelang auf Kurt eingeprasselten Lebensweisheiten eines richtigen Mannes, seines Vaters. Und was hat es genützt? Nichts! Der Sohn ist und bleibt ein Warmduscher. Das Fußballspielen war wohl nur ein Ausrutscher. Sein Opa, der riesige Zäpfchen mit einem kleinen Schluck Wasser hinunterzuspülen pflegte, weil er den Unterschied zwischen oral und rektal nicht kannte, hätte so eine winzige Spritze weder gesehen noch wäre sie ihm, in einem beliebigen Körperteil steckend, überhaupt aufgefallen. Uropa war mit fünfundvierzig noch im Zweiten Weltkrieg. Er hatte dem jungen Kanonenfutter gezeigt, was ein ganzer Mann ist, er, der schon den Ersten Weltkrieg mit- und überlebt hatte. Was würde Uropa heute sagen, wenn er Kurt hier so wehleidig sitzen sehen würde. "Jung, was bist du für ein Weichei!", das würde er sagen. "Wir, damals ..." Die ganze gute Erziehung ist an Kurt anscheinend spurlos vorübergegangen. Hätte er wenigstens einen anständigen Beruf gelernt! Aber nein, er musste ja unbedingt in die Gutmenschenbranche, um sich mit noch schlimmeren Weicheiern zu beschäftigen.
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Kurt sitzt vor seinem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee, einem zu Stein erstarrten Morgentoast und einem vollen Papierkorb, in dem sich die kümmerlichen Überreste seines Privatlebens auftürmen. Die Stimmen in seinem Kopf sind laut, sehr laut. Er wird den Unsinn seines Vaters mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie los. Gerade jetzt, nach einer erfolgreichen Behandlung, auf dem Weg zurück in die Normalität, ohne Rollstuhl, auf den eigenen Beinen stehend, quält ihn die Erinnerung an seinen Vater, der ihm nach dem Tod seiner Mutter so fern geworden ist. Jetzt, da er auf die erste einsame Spritze wartet, bricht das Stützkorsett aus Entscheidungen und Durchhalteparolen in sich zusammen. In diesen Haufen gestürzter Gedanken dringen sein Vater und leise, wie sie immer war, auch seine Mutter durch. In Selbstmitleid zerfließend, unfähig das Leben außerhalb der künstlichen Welt der Kliniken aufzunehmen, blickt er auf den kleinen Stapel Post, der nicht sofort im Müll gelandet ist.
Er lässt den Stapel ungelesen liegen und geht zum Fenster. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Das satte Grün weicht allmählich der herbstlichen Farbenvielfalt. Die Bäume an der Straße haben nicht mehr die Macht, den Blick auf die Fahrbahn zu verdecken. Und auf Heiner, der winkend um die Ecke gefahren kommt. Unter dem rechten Arm hat er die speckige Aktentasche geklemmt, wie gemacht für einen Pädagogen, was die wilden Gesten in der Luft behindert. Die linke Hand fest am Lenker des alten Hollandrades kommt er die Einfahrt hochgeradelt. Heiner ist Kurts Rettung. Das macht einen besten Freund aus, dass er da ist, wenn man ihn braucht. Besonders angenehm, da der beste Freund Lehrer ist und unerwartet zu jeder Zeit des Tages auftauchen kann.
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"Hallo Kurt! He, du siehst super aus. Haben die dich repariert, da in der Klinik?", frotzelt Heiner und nimmt Kurt lächelnd in den Arm. Nicht so, wie Männer sich in den Arm nehmen, distanziert und auf den Rücken klopfend, als habe man gerade ein Bäuerchen gemacht, sondern richtig, wie Weicheier es zu tun pflegen.
"Ich habe heute nur drei Stunden gehabt und bin kurz vorbeigeschossen. Sag mal, muss das Zeug nicht gekühlt werden?", fragt Heiner mit einem Blick auf die Spritzen.
"Nein, muss es nicht, Heiner.", sagt Kurt. "Dann bräuchte ich ja einen größeren Kühlschrank."
"Wann legst du wieder los?"
"Loslegen, was meinst du damit?"
"Wann gehst du wieder zur Arbeit? Oder bist du noch weiter krankgeschrieben?" Heiner sprüht vor Wissensdurst und Enthusiasmus. Die Freude über Kurts Rückkehr liegt in einem breiten Grinsen über dem ganzen Gesicht. Ohne Vorwarnung nimmt er Kurt ein zweites Mal fest in die Arme.
"Morgen!", antwortet Kurt kurz, bevor er in Tränen ausbricht und auf dem Küchenstuhl zusammensackt.
Heiner streicht Kurt wie beiläufig über die Schulter und schweigt. Es ist nicht die Zeit für Fragen, für "Das wird schon wieder." oder irgendeinen anderen Schmarrn. Ein bester Freund merkt das. Eine Berührung, das Gefühl, dass jemand da ist, dass man nicht allein ist, das zählt mehr als alle Worte. Heiner ist da, wenn Kurt ihn braucht. So sitzen sie eine Weile da und atmen durch, lassen die wortlose Ruhe ihr Werk tun; schweigen zusammen.
"Hast du Lust heute Abend mitzukommen?", fragt Heiner. "Wir brauchen noch einen vierten Mann zum Doppelkopf."
Kurt hat Lust und muss schmunzeln.
"Heißt dein Gesichtsausdruck Ja?"
"Ich habe gerade an die Kartenrunden in der Reha gedacht. Die Runde, an der ich teilnahm, spielte unter dem Motto 'Die Dementenrunde'."
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Kurts Gesicht hat sich jetzt vollends aufgehellt, als er von der ambitioniert spielenden Gruppe derer berichtete, die von jedem durchschnittlichen Skatspieler nach kurzer Spielzeit standrechtlich getötet worden wäre.
"Dementenrunde? Das klingt ja hochinteressant!" Heiner macht große Augen.
Viele MS-Betroffene machen ja schon aus einer gewöhnlichen Wortfindungsstörung nach dem Studium einschlägiger Fachliteratur ganz gern ein der Demenz ähnliches Krankheitsbild. In Kurts Gruppe spielte eine Frau mit, für die diese Beschreibung, gelinde gesagt, untertrieben war. Sie hatte sowohl vergessen, wann ihre Vergesslichkeit begonnen hatte, als auch, dass sie überhaupt vergesslich war.
Man kannte ja sein Gegenüber nicht so genau. Sollte sich hinter der netten Fassade ein Skatzocker üblichen Schlages verbergen, war Gefahr in Verzug. Wilde Diskussionen über falsche Spielzüge wären die logische Folge. Diese Diskussionen wären aber ganz unnötig. Oft rührt eine schlecht gespielte Karte einfach daher, dass der Spieler oder die Spielerin im günstigsten Fall nicht mehr weiß, was gerade für eine Karte gespielt wurde oder vergessen hatte, welches Spiel gerade gespielt wurde. Der Profizocker in Kurts Runde, dessen Probleme eher motorischer Natur waren, konnte so etwas überhaupt nicht akzeptieren und versuchte, wie er es jahrelang getan hatte, nach jeder aus seiner Sicht falsch gespielten Karte eine nutzlose Diskussion anzuzetteln. Kurts Runde spielte nach vergeblichen Skat- und Doppelkopfexperimenten Uno oder 31.
Uno, das lustigste Spiel der Runde, stellte höchste Anforderungen an die Spieler. Kurt war der Einzige, der nichts Besonderes in die Runde einbringen konnte. Der Spieler rechts von Kurt war der verbissene Zocker, der es sich nicht nehmen ließ, in alter Skatmanier die Spielkarte mit solcher Wucht auf den Tisch zu hauen -- daher wohl auch der Begriff Kartenkloppen --, dass er regelmäßig das Gleichgewicht verlor. Nach seinem ersten derartigen Sturz aus dem Rolli war Kurt immer wachsam, wenn sein Spielnachbar zum Spielzug ausholte. Gegenüber saß eine Spielerin, deren Spastik in den Händen nur selten die Karten wieder freigeben wollte, wenn sie an der Reihe war, was dem Profizocker den Schaum vor den Mund trieb. Zur Linken die Spielerin, der die Runde den Namen verdankte. Am Kopfende des Tisches saß eine älterer Parki, dessen verlangsamte Bewegungen dazu führten, dass nie mehr als zwei Spiele pro Abend möglich waren. Man konnte zwischendurch bequem die gesamten Tagesvorkommnisse erörtern.
Uno verlangte von den Spielern alles. Nachdem die Spielrichtung zum ersten Mal gewechselt hatte, machte die Runde ihrem Namen alle Ehre. Nur der Profizocker wusste natürlich immer ganz genau, wer an der Reihe war. Eigentlich spielte das aber auch keine Rolle. Die Runde hatte einen Heidenspaß, auch wenn man es dem netten Herrn am Kopfende nicht ansah und der Zocker mit seinen Attitüden zusätzlich zur Erheiterung beitrug. Das Spiel wurde zur Nebensache degradiert.
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Heiner, der gebannt Kurts Ausführungen folgt, hat es die Lachtränen in die Augen getrieben.
"Kommst du jetzt mit heute Abend?"
"Nein! Ich muss spritzen nachher. Lass uns doch gleich auf eine Pizza und einen Espresso in die Stadt gehen!"
"Spitzenidee, Kurt. Aber sei mit deinen Geschichten vorsichtig. Ich weiß nicht, ob mein Zwerchfell das ein zweites Mal aushält, heute!"
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