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Stehen bleiben!

Rolli-Kurt

Folge 38 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Etwas unsicher, mit weichem Schritt, tastet sich Kurt den Gang entlang. Nach wenigen Metern hält er schon Abstand zur Halt bietenden Wand und geht wie selbstverständlich in Richtung Fahrstuhl. Dort begegnet ihm eine andere Patientin. Kurt schaut ihr fest in die Augen und grüßt lächelnd. Aber die junge Frau geht an ihm vorbei, total abweisend, wie es ihm vorkommt, ohne die Gehkünste eines Blickes oder gar Wortes zu würdigen. 'He, merkst du dumme Kuh denn nicht, wie ich laufen kann?', empört sich Kurt innerllich.

Aber das kann Kurt die gute Laune nicht vermiesen. Pfeifend setzt er seinen Weg zum Schwesternzimmer fort. Mit diesen prächtigen Beinen möchte er keine weitere Zeit in einem kalten, unpersönlichen Krankenhaus verbringen.

"Klopf, klopf! Hallo!", ruft er zur offenstehenden Tür hinein. "Ist da niemand?"

"Es ist Übergabe!" schallt es ungehalten aus dem Nebenraum.

"Ich wollte mich nur gerade verabschieden.", ruft Kurt fröhlich zurück.

"Wie verabschieden? Herr Schmitz?" Die Oberschwester steckt aufgeregt den Kopf durch die Tür. "Was soll das heißen? Sie sind hier nicht im Hotel, wo man einfach so auschecken kann, wann man will!"


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Kurt interessiert sich für das aufgeregte Gerede der Schwester überhaupt nicht. Er dreht ihr winkend den Rücken zu und wünscht ihr einen guten Tag. Der hochrote Kopf der Schwester droht zu platzen. Sie meint wohl, Kurt würde Späßchen mit ihr machen. So ein Patient im Drogenrausch nach einem langen, anstrengenden Dienst ist genau das, was ihr noch gefehlt hat!

Kurt indes steuert unverdrossen die Tür in die Freiheit an. Links, rechts, links, rechts ... Die Realität wartet auf ihn. Claudia, Heiner, die Jugenddeele... Die werden Augen machen, wenn Kurt ihnen ein Freudentänzchen vorführt. Die aufgeregte Schwester hat er schon ganz weit hinter sich gelassen.

Im Foyer der Klinik angekommen, hängt er seine Krücke an den endlos durch das Haus führenden Handlauf. Draußen scheint die Sonne. Das gleißende Licht spiegelt sich in einer Pfütze direkt vor dem Eingang -- Zeugnis eines kaum vergangenen Sommergewitters.


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Für ER läuft alles wie geschmiert. Schon ist er ein kleines Stück aus der Bedeutungslosigkeit gewachsen. Seine Zeit wird kommen. ER hat Zeit. Ein ganzes Menschenleben hat ER Zeit. Kurt ist sein Wirt und wird es bis zu seinem Tode bleiben. Im Gegensatz zu Parasiten, die in stiller Übereinkunft mit ihrem Wirt koexistieren, scheint die Beziehung zwischen ER und Kurt absolut einseitig. ER wächst und gedeiht im Verborgenen und hinterlässt einen Ort der Zerstörung. Kurt ist auf dem besten Wege, seinen Parasiten wieder stark zu machen, ohne dass er es merkt.

"STEHEN BLEIBEN!"

Das Kommando ist so durchdringend, dass Kurt jäh aus seinem Alice-im-Wunderland-Zustand gerissen wird und sich umdreht, kurz bevor er in die wirkliche Welt zurücktreten kann.

"Herr Schmitz, wenn Sie uns verlassen möchten, müssen Sie mir noch unterschreiben, dass Sie auf eigenen Wunsch gehen und das Risiko selbst tragen."

Der Oberarzt steht direkt hinter Kurt und hält ihm ein Formular auf einem Klemmbrett hin. Er drückt den Knopf eines Kugelschreibers und hält auch den Kurt hin. Kurt wird langsam nervös. Er muss nur zugreifen und unterschreiben. Dann kann er gehen. Der Oberarzt sagt kein Wort. Er schaut Kurt direkt in die Augen. Warum kann er den Kuli nicht einfach greifen und gehen?

Der weite Weg zum Ausgang fordert seinen Tribut. Sein rechtes Bein beginnt leicht zu beben.

"Wollen wir uns nicht hinsetzen?"

"Ja."


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Kurt sitzt da und schaut nach draußen. Die elektrische Schiebetür öffnet und schließt sich. Es ist ein Kommen und Gehen, jedes Öffnen lässt einen kurzen Blick auf den azurblauen Himmel zu. Die Schiebetür ist der Herzschlag der Klinik. Wortlos legt der Oberarzt das Klemmbrett neben Kurt auf die Bank, streift im Aufstehen wie zufällig mit der Hand seine Schulter und geht dann zurück auf Station.

Kurt bleibt noch eine ganze Weile sitzen. Mit jedem Öffnen der Tür kommen hektische Menschen in den Tempel der Langsamkeit. In den Gesichtern liest Kurt wie in einem Buch. Um jemanden zu besuchen, hat man sich vom Wertvollsten etwas abgespart: Seiner kostbaren Zeit. Diejenigen, die hinausgehen, scheinen auf der Flucht zu sein. Ein schneller Blick auf die Uhr und direkt vor der Tür werden die Beine in die Hand genommen und so schnell wie möglich zum Auto gelaufen.

Kurt ist nachdenklich geworden. Sein Puls rast, beschleunigt vom Cortison. Unaufhörlich strömen Menschen hinein und heraus. Kurt richtet sich ganz langsam auf und geht vorsichtig zurück. Die Krücke hängt noch an derselben Stelle am Handlauf.


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Wieder auf der Station angekommen, sieht er auch schon die Oberschwester auf dem Gang stehen. Das erwartete Donnerwetter bleibt jedoch aus. Die Schwester scheint Kurts Gemütszustand mit ihrer ganzen Erfahrung richtig einzuschätzen. Die Liebe zum Menschen, die man haben muss, um diesen Job machen zu können, ist ihre Berufung. Worte sind da überflüssig.

Zurück in seinem Zimmer setzt Kurt sich auf sein Krankenbett. In den Beinen rumort es mächtig. Angefacht durch die Belastung beim Gehen fühlen sie sich so aufgewühlt an wie nach einem Langstreckenlauf.

Genauso ein Chaos wie in seinen Beinen herrscht auch in Kurts Kopf. Er kann einfach keinen klaren Gedanken fassen. In stetigem Wechsel kommt ihm dies und jenes in den Sinn. Gedanken an die "Jugenddeele", an Claudia, die unbestimmte Angst vor dem, was eventuell kommen mag, und Pläne, wieder Fußball zu spielen. Keiner dieser Gedanken lässt sich festhalten. Im Kopf fahren die Gedanken Achterbahn, und ein Wirrwarr von Gefühlen vernebelt Kurts Geist.

Während er in Gedanken dabei ist, mit seinen Bolzkumpels aus der Kabine den Fußballplatz zu betreten, und die Gesichter derer verschleiert sind, zu denen der Kontakt nur noch sporadisch besteht, drängen sich unaufhörlich vollkommen nebensächliche Gedanken in den Vordergrund: Hast du die Kaffeemaschine ausgemacht? Hattest du dich mit Heiner verabredet? Liegt das am Schub? Die schreiben doch immer von Konzentrationsstörungen im Zusammenhang mit MS! Je intensiver sich Kurt auf einen Punkt konzentriert, desto mehr schweifen seine Gedanken ab. Wie heißt noch der amtierende Außenminister? Kurt hat keine Ahnung.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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