Das stärkste aller Gefühle
Folge 36 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Bei der Aufnahme im Krankenhaus wird der altbekannte Kanon der Fragen über Krankheitsverlauf, Medikamente, zusätzliche Erkrankungen, Hilfsmittel und Basistherapien aufs Neue abgespult. Wie Kurt das anödet. Er kommt doch schon mit einem vollständigen Bericht seines Neurologen. Warum, bitte schön, fragt man ihn das alles nun noch einmal? Immer das Gleiche. Das moderne Kommunikationszeitalter scheint am Gesundheitssystem vorbeizulaufen. Datenaustausch ist wohl ein Fremdwort.
Als die Aufnahmeprozedur überstanden ist, erfolgen alle Untersuchungen, die sein niedergelassener Neuro gerade vor ein paar Tagen mit ihm gemacht hat, erneut. Selbstverständlich mit den gleichen Ergebnissen.
Jeder, den Kurt trifft, bescheinigt dem Oberarzt, an der Nadel ein Virtuose zu sein. Bei soviel Lob kommt ein wenig Skepsis in Kurt auf. Dem Mann wurde offensichtlich die Punktionsnadel in die Wiege gelegt.
Punktion! Was ist das überhaupt für ein Wort?, denkt Kurt, als er dem Oberarzt in seinem Arztzimmer gegenübersitzt. "Punktion", das kommt ihm vor wie das Wort "Keulen". "Keulen" hört sich einfach viel netter an als "Töten". Während Kurt noch über Begrifflichkeiten sinniert, zeigt der Oberarzt an einem Bild des Rückens, das an der Wand hängt, zwischen welchen Wirbelkörpern unterhalb des Rückenmarks - L3-L4 oder L4-L5 - er den Weg in den Nervenwasserkanal mit modernster Nadeltechnik antreten will. Fälschlicherweise wird unter Patienten von Rückenmarkpunktion gesprochen. Lächelnd erklärt der Mann, dass er keinesfalls vorhat, Kurts Rückenmark zu perforieren. Kurt fällt es schwer, den spaßigen Äußerungen den nötigen Witz abzugewinnen. Und die Beteuerung des Arztes, dass er diese Behandlung quasi standardmäßig durchführe, beruhigt genauso wenig wie die vage Hoffnung auf Linderung der Spastik.
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Kurt überlegt, ob er den Oberarzt zu einer Runde Schnik-Schnak-Schnuk einladen soll. Wenn Kurt gewinnt, nimmt er seine Tasche, geht nach Hause, macht sich einen leckeren Kaffee und meldet sich auf der Arbeit zurück. Wenn nicht, dann gibt er sich in die Hände der NADEL. Für und Wider. Nebenwirkungen und Wirkung. Yin und Yang. Egal. Kurt stellt sich im Geiste eine grüne Wiese mit Klee und Wiesenblumen vor. Er schnappt sich eine Butterblume und spielt das alte Kinderspiel: Ich mach’s, ich mach’s nicht, ich mach’s, ich mach’s nicht, ...
"Ok, dann würde ich sagen, um 10.00 Uhr morgen früh, Herr Schmitz!"
Ich mach's! Nach dieser wohl durchdachten, wissenschaftlich fundierten Entscheidung liegt Kurt auf seinem Bett in dem farblosen Krankenzimmer, starrt an die Decke und wartet auf den siebten Kortisonhimmel. Es ist 10.35 Uhr. Kein Spur vom Oberarzt. Business as usual. Es gibt eben auch noch mehr Patienten im Krankenhaus. Und Pünktlichkeit scheint für so eine Standard-Einfach-Sache nicht unbedingt bedeutend zu sein - für den Oberarzt. Kurt sieht das ganz anders und kämpft indes mit Fluchtgedanken und einem riesigen Butterblumenfeld. Ich mach's, ich mach's nicht, ...
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11.05 Uhr. Es klopft. Jetzt geht es los.
Der Oberarzt entschuldigt sich für die Verspätung, die durch Versäumnisse des Schwesternpersonals zustandegekommen sei. Unmittelbar danach schiebt Schwester Christel den Medikamentenwagen geräuschvoll ins enge Krankenzimmer. Sie bringt die Zutaten für den Eingriff mit und setzt aus dem Medizinbaukasten mit Spritzen, Injektionslösung und Kanülen das Stichwerkzeug zusammen. Kurt hat sich schon mal auf dem Bett in die Fötuslage begeben, vom Medikamentenwagen abgewandt. Spüren reicht ihm. Es spielt sich ja sowieso alles hinter seinem Rücken ab. Mühsam versucht Kurt, sein rechtes Bein in die richtige Position zu bringen. Er biegt und zerrt daran. So hat er seinen Schmerzpegel schon mal vorab auf Vordermann gebracht. Was soll da noch Großartiges kommen.
Er hört das Rascheln des Arztkittels hinter sich. Schwester Christel kämpft unterdessen mit Verpackungsmaterial.
"80 Milligramm, Schwester. Herr Schmitz, Sie müssen den Kopf noch etwas zur Brust ziehen!"
Langsam neigen sich die Vorbereitungen dem Ende zu. Den Kittel ausgezogen, die Krawatte nach hinten geworfen, die Ärmel hochgekrempelt zur Tat und die Einmalhandschuhe über die Hände gestreift.
Noch kann ich's mir überlegen ..., denkt Kurt. Er hat wieder das Bild der Hinteransicht des Rückens vor Augen, mit Wirbeln, Rückenmark und auslaufendem Nervengeflecht, spaßigerweise Pferdeschwanz genannt. Unten rechts der Ischiasnerv, der sich fingerdick in die Beine verzweigt. Sieht ganz schön dicht aus da hinten. Kurts Puls geht etwas höher, als er den fixierenden Daumen des Oberarztes an der korrekten Einstichstelle zwischen den Wirbeln spürt.
"Jetzt wird es etwas kalt!" hört er hinter sich die Stimme des Arztes.
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Neueste Nadeltechnologie. Elliptisch geformt, vorn quasi rund, verspricht sie schmerzfreies Gleiten zwischen Nervensträngen. Die werden einfach zur Seite geschoben, um sich wie ein Kettenvorhang sanft wieder zu schließen, wenn die Nadel herausgleitet.
Hm, wie bekommt man wohl etwas rundes Stumpfes durch den Rücken? Kurt hat noch Zeit, über dieses spannende Thema nachzudenken. Irgendetwas klappt bei Schwester Christel nicht so richtig. Die Verzögerung wird vom Oberarzt gekonnt komödiantisch überbrückt, indem er sich einen kleinen Spaß über weicheiige Männer und heroisch gebärende Frauen erlaubt. Lange darf es nicht mehr dauern. Kurt hat jetzt schon die Befürchtung, den Rest seines Lebens als Fötus zu fristen. Er ist nun eindeutig zu einem Ergebnis gekommen: Das Ding muss verdammt spitz sein!
"So, dann wollen wir mal."
Ohne weitere Vorankündigung bohrt sich das Stumpfe fast unbemerkt durch die Haut und dringt in tiefere Regionen vor. Kontakt! Wie das Schwingen der Saite einer perfekt gestimmten Violine, deren Ton sich unaufhaltsam ausbreitet, ein Ton, der den Kenner in Verzückung versetzt und dem Unbedarften die Plomben in den reparierten Zähnen erschüttern lässt. Der Schmerz, diese wunderbare Einrichtung der Natur, das höchste aller Gefühle, Ausdruck wahren Lebens, dieser Schmerz rast in umgekehrter Richtung durch das Rückenmark ins Gehirn. Das kleine Rinnsal wird auf dem Weg zu einem reißenden Fluss. Es brechen alle Dämme und die Schmerzexplosion in Kurt übertrifft alles, was seine Vorstellung ihm verhieß. Kurts Atem stockt.
"Hm, ja, schön locker."
Schweiß bricht Kurt aus allen Poren. Die schmerzenden Beine sind zu unwichtigen Statisten geworden.
"So!"
Ein zweite Welle bricht los. Stärker, erhabener, von längerer Dauer. Kurt stöhnt und beginnt mit Stoßatmung. In Filmen kommt in solchen Fällen gleich jemand mit einer Plastiktüte angerannt, um den Sauerstoffschock zu verhindern.
"Ich muss noch ein bisschen suchen. Atmen Sie ganz ruhig."
Nach zwei weiteren Versuchen ist Ruhe. Kein Schmerz. Aber den Gummidaumen, den spürt Kurt wieder. Er wird doch nicht ...
"So, es wird noch mal kalt."
Er wird. Kurt will gerade etwas zur weiteren Folter sagen, da bricht eine weitere Schmerzwelle über ihn herein. Unfähig, Widerstand zu leisten, in zusammengekrümmter Position verharrend, dringt die Kanüle endlich in den Nervenwasserkanal ein. Noch nie hat sich Kurt so hilflos, so wenig Mensch gefühlt. Er ist schmerzverkrümmtes Fleisch, ohne Identität, aller menschlichen Merkmale beraubt.
"So, noch ein Pflaster drauf."
Der Oberarzt biegt das Paket auseinander und deckt es zärtlich zu.
"So. Bleiben Sie etwa ein bis zwei Stunden liegen, dann können Sie wieder aufstehen."
Ganz langsam kehrt das Menschsein zurück.
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Später, auf dem Weg durch den Gang, begegnet Kurt Schwester Gesine.
"Na, wie war es? Der macht das toll, unser Oberarzt, gell?"
Kurt sagt nichts, aber seine Blicke sprechen Bände.
"Hat es weh getan? Haben Sie denn keine Betäubung verlangt?"
WIE? BETÄUBUNG? Zuerst registriert Kurt gar nicht, was Schwester Gesine da gerade gesagt hat. Er ist noch etwas benebelt von dem intensiven Kontakt mit der "Nadel", doch langsam dämmert es ihm. Man muss sich also eine Betäubung wünschen! Ein tolles Angebot. Wie soll man sich etwas wünschen, wenn man das Angebot überhaupt nicht kennt? Das gehört in die Sendung "Nepper, Schlepper, Bauernfänger", wo Klinkenputzer alleinstehende, hochbetagte Rentner mit attraktiven Sparverträgen mit einer Laufzeit von 20 Jahren übers Ohr hauen. Eins steht jedenfalls fest: Kurt ist selbst schuld. Wie sollte die Cortisoncrew auch ahnen, dass er auf dieses einzigartige Schmerzerlebnis verzichten wollte?
Auch wenn nun alles zu spät ist und die Prozedur ohne Schäden überstanden ist, zirkulieren Kurts Gedanken weiterhin um die am eigenen Leib erlebte Kostendämpfung! Die Kassen sind leer, da spart man sich gern mal eine Betäubung. Da trägt der Patient Verantwortung für die Gemeinschaft. Da kann er zeigen, wie viel Schmerz ihm das Wir-Gefühl in diesem unseren Sozialstaat wert ist. Aber die Wahl hätte Kurt schon ganz gern gehabt. Was nützt es einem, wenn man einem Restaurant sitzt, das das günstigste 4-Gänge-Menü weit und breit anbietet, man es aber nicht kennt, weil es auf keiner Speisekarte steht?
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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