Claudia
Folge 22 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Überall mal reinriechen... >>>
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Kurt nimmt ihren Kopf und drückt ihn ganz sanft auf seine Schulter. Er gibt ihr Halt, Geborgenheit, nimmt ihre Aufregung und bändigt die Willkür in ihr. Er streichelt minutenlang ihren Kopf und ganz langsam wird aus dem Schütteln ein Beben, bis es nur noch eine kaum zu spürende Vibration ist. Ganz behutsam nimmt Kurt Claudias Kopf von seiner Schulter und küsst vorsichtig ihre vom Salz der Tränen gewürzten Lippen. Sie verschmelzen für einen Augenblick, bevor ER in ihr wieder aufbegehrt.
So einen Fehler wie am Kaffeeautomaten macht Kurt nicht noch einmal - nie wieder.
Den Kopf wieder auf Kurts Schulter lagernd hat ER keine Chance, sein zerstörerisches Gesicht zu offenbaren. Dieser Kraft hat ER nichts zu entgegnen.
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"Ich, ich...", beginnt Claudia zögernd.
"Tsch... Jetzt lass mich mal, Claudia!"
Und so beginnt Kurt zu erzählen. Vom Viertel, seinen Eltern, seinen dort verlorenen Freunden und - nach langer Pause - von Tanja, der Liebe seines bisherigen Lebens.
"Rede ich zu viel? Interessiert dich das überhaupt? Ich, ich..."
"Tsch...", entgegnet Claudia und Kurt fährt fort, von seinen Transformationen und seinen Kids auf der Deele zu erzählen. Claudia hört einfach nur zu. ER ist weg.
Mittendrin sagt Kurt: "Und du?"
Es ist die Nacht der Enthüllungen. Es ist nicht die Nacht von Sex und hemmungsloser Leidenschaft. Es ist etwas Ungewohntes. Kurt macht einen großen Schritt in seinem neuen Leben.
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Claudia bekam schon mit 17 MS. In der Verwandtschaft tuschelte man schon immer von einer Tante, die nie aus dem Haus ging und eine mysteriöse Krankheit zu haben schien. Man war sich einig, dass es so eine Art von Geisteskrankheit gewesen sein musste. Niemand durfte darüber sprechen. Diese Tante wurde in der Familie versorgt, in einem Hinterzimmer, vor den Blicken der Nachbarn versteckt. Die Familie lebte damals in einem verträumten Dorf, in Norddeutschland, in Leer. Jeder kannte jeden. Und Tante Clara, wie die Bedauernswerte hieß, lebte bis zu ihrem Tod in der Mansarde, allein in ihrer eigenen irren Welt.
Als Claudia erkrankte, erinnerten sich die Alten sofort und tuschelten wieder hinter vorgehaltener Hand. Claudias Mutter ließ das Aufkommen von Geschichten über vererbten Wahnsinn gar nicht erst zu. Die alten Tanten erzählten bis zu ihrem Tode von der mysteriösen Frau in der Mansarde und der armen Claudia, die den irren Blick geerbt hatte. Claudias Eltern waren da ganz anders. Sie waren von Beginn an aufgeschlossen und unterstützten Claudia, wo sie nur konnten. Sie standen zu ihr und gaben ihr Halt. Den brauchte Claudia auch.
Ihre MS, ihre ganz eigene MS, begann kurz vor dem Abi, ohne Ankündigung, ohne Zeichen, mit brutaler unbarmherziger Macht. Von einem auf den anderen Tag war das Leben eines Teenagers zerstört. Der erste Schub hatte die Mächtigkeit, ein Leben für immer aus der Bahn zu werfen. Claudia erzählt, wie sie das erste Jahr nach Ausbruch fast durchgängig in Kliniken verbrachte. Sie hat die Schule nicht beendet, sie hat die Klassenfahrt nach Paris, der Stadt ihrer Träume, einzig in Gedanken beim Betrachten von Postkarten auf der Pinwand an der kahlen Krankenhauswand erlebt. Von diesem ersten Schub, der ihr das Verrückte der alten Tante, lange nach deren Tod, erklärlich machte, erholte sie sich nie vollständig. Das Zauberwort hieß Ataxie.
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Als junge Frau verlor sie die Unschuld ihrer Jugend an ER. Sie verlor jedoch nie ihre Familie, ihre Freunde und ihren Lebensmut. Immer wieder von Krankheitsschüben zurückgeworfen holte sie ihr Abitur am Abendgymnasium nach. In einer besonderen Prüfung, bei der sie fast alles mündlich machen durfte, glänzte sie mit ihren Sprachkenntnissen - bei den vielen Klinikaufenthalten hatte sie viel Zeit zum Lernen. Für die schriftlichen Teile bekam sie Extrazeit und der Lehrer saß neben ihr, um sie beim Schreiben zu unterstützen. Es war schon ein ganz außergewöhnliches Abitur. Ihre Eltern hatten Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das möglich zu machen. Aus einer sehr mittelmäßigen, einzig französisch begeisterten Schülerin, wurde eine hart arbeitende Musterschülerin.
Als Claudia erzählt, wie ihre besten Freundinnen aus der ehemaligen Abiklasse eine Parisfahrt für sie organisierten, kommt sich Kurt mit seinen Problemen klein und unbedeutend vor. Ihre Eltern hatten damals mit zwei Schülerinnen und einem Schüler, Dieter, die Fahrt geplant und alle nötigen Hilfen in Paris im Vorfeld organisiert. Die drei waren schon lange in Beruf und Studium, als die Abi-Revival-Fahrt startete.
Damit war Claudia zurück. Eigentlich war sie ja nie richtig weg gewesen. Sie hatte spät, aber nicht zu spät ihre Jugend zurückbekommen. Ihre Hoffnung hatte sie nie verloren und ihre Freunde, die wirklichen Freunde, auch nicht.
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Kurt lauscht den Erzählungen Claudias wie ein kleiner Junge dem Märchenmann. Ihr Leben verklärt sich zu einer Art Aschenputtelgeschichte, in der ER die böse Stiefmutter ist.
Draußen geht schon die Sonne auf. Die beiden sitzen nur noch da und schweigen. Kurt fühlt sich an diesem Morgen wie nach einem Blutdoping. Eine Frischzellenkur mit Glückszellen. Auf dem Flur ist schon das unsentimentale Wirken der Schwestern zu hören. Es wird Zeit.
Von seinem Zimmer schaut Kurt noch einmal zurück und sieht Claudia mit ihren rosa "Peggy-Bundy-Behinderten-Pumps" im Türrahmen stehen.
Kurt verschläft das Frühstück, die Anwendungen, und Kurt verschläft Claudias Abfahrt. Auf dem Boden vor der Zimmertür findet er einen Zettel mit den zittrig aufgeschriebenen Ziffern einer Telefonnummer. Darunter nur - Claudia.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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