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Ohne Nachdenken

Rolli-Kurt

Folge 21 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Eine rote Rose

Claudia >>>

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Kurt ist bei seinem Rückzug schon wieder auf halbem Weg zu seinem Zimmer. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er fühlt sich wie in seinen frühen Teenagertagen, als er mit Pickelgesicht, fettigen Haaren und dreckigen Fingernägeln vor seiner ersten Angebeteten stand und außer einem dummen Gesicht nichts zustande brachte.

Genau so sieht es jetzt in ihm aus, auf diesem dunklen Gang, in der Zuflucht der Andersartigen, der Betroffenen, als noch ein Geräusch durch die weiten Gänge hallt.


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"Klopf, klopf" - damit wird das stereotype spätabendliche Klinikritual eingeleitet. Es folgt - nein, eigentlich ist es eher zeitgleich zu hören - das Klirren und Scheppern eines mächtigen Schlüsselbundes und eines Schlüssels beim Eindringen in den Schlosszylinder. Danach - nein, eigentlich auch im selben Augenblick - kommt der Ruf der Nachtschwester Ljudmila: "Guten Abend! Hier ist Nachtschwester Ljudmila!"

Im selben Moment das Aufreißen einer Zimmertür, gefolgt vom Klicken des Lichtschalters. Die jahrelange Routine der Nachtschwester Ljudmila hat die einzelnen Geräusche zu einem neuen Sound verschmelzen lassen, so dass eine wirkliche zeitliche Abfolge nicht mehr auszumachen ist. Ljudmila, die seit Jahren nur Nachtschichten macht, hat ihre eigene "Soundmarke" kreiert. Der Insasse des so erstürmten Zimmers weiß sofort, dass Ljudmila jetzt wie eine Erscheinung in seinem Zimmer auftaucht. Für die Zimmer der Patienten mit KV-Einweisung ist kein Schlüssel notwendig, weiß Kurt, denn deren Türen haben keine Schlösser. Also ist klar, dass Ljudmila schon bei den Zimmern der Rehapatienten angelangt ist. Sie wird also gleich um die Ecke kommen.

Jetzt oder nie! Kurt fährt den Gang hinunter auf Claudia zu, die reglos im Türrahmen steht. Mit der Rose zwischen den Zähnen kann Kurt keine großen Worte verlieren, also bedeutet er Claudia mit Kopf- und Augenbewegungen, ins Zimmer zu gehen. Drinnen gibt er Claudia die Rose, mit dem Hinweis, dass die Schwester gleich hier auftauchen wird.


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Die Situation blitzschnell erkennend schlägt Claudia Kurt die Dusche als einstweiligen Zufluchtsort vor. Während sich Schwester Ljudmila auf dem Gang bedrohlich nähert, versucht Kurt, die mindestens 15 Zentimeter hohe Kante der Duschwanne ohne Sturz zu überwinden. Das gestaltet sich bei der zunehmenden Nervosität äußerst schwierig.

Als Kurt endlich hinter dem Vorhang der Duschecke verschwunden ist, poltert auch schon Ljudmila ins Zimmer. Claudia sitzt auf ihrem Bett und in der Mitte des Raums steht Kurts Rolli. Ljudmilas Blick fällt auf den Rolli, doch außer einem vielsagenden Lächeln zeigt sie keine Reaktion. Anders sieht es da bei Claudia aus. Ihr Gesicht gleicht einem Feuermelder und das gekünstelte Lächeln trägt nicht gerade zur Entspannung der Situation bei.

"Brauchen Sie noch etwas? Wenn nicht, wünsche ich Ihnen eine gute Nacht", hört Kurt Ljudmila sagen. Dann geht die Tür und es ist still. Kurt traut sich nicht einmal zu atmen.

"Du kannst jetzt rauskommen!", ruft ihm Claudia zu.

Einfacher gesagt als getan. Kurt hat sich die ganze Zeit an der Duschstange festgehalten und versucht, auch nicht das kleinste Geräusch von sich zu geben. Selbst das Atmen hatte er auf ein Minimum heruntergefahren. Sein verspannter Körper will nun für immer in dieser Position verharren. Ein Leben in der Dusche. Der Geruch von Reinigungsmitteln, die beim Einatmen eine Grundreinigung von innen durchführen, umgibt ihn.

"Heh, Kurt! Lebst du noch?"

"Ich kann mich nicht bewegen!", kommt es kleinlaut aus der Dusche.

Claudia eilt zur Nasszelle und sieht Kurt an der Wand neben der Dusche stehen. Verbogen wie ein Fragezeichen, sich mit einem Bein an der Wand abstützend und einer Hand an der Duschstange, gibt Kurt ein klägliches Bild ab.

"Entspann dich Kurt. Warte, ich stelle dir meinen Rollator rein, dann kannst du dich einen Moment hinsetzen."

Claudia versucht, ihren Rollator irgendwie in die enge Zelle zu bugsieren, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Nach mehreren Anläufen gelingt es auch. Kurt sagt nichts. Er steht einfach da.

"Du musst schon mal loslassen, Kurt. Komm, versuch es!"

Kurts Beine schmerzen. Bei dem Versuch einer Bewegung hat er das Gefühl, dass seine Beine gleich explodieren. Ganz langsam schafft er es, sich zu drehen und auf den Rollator zu setzen. Nach einer wortlosen Ausruhphase kann Kurt endlich raus aus der Dusche.


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Kurt und Claudia, Claudia und Kurt. Sie sitzen gemeinsam mit geschlossenen Knien nebeneinander. Aufrecht - die Beine bilden fast einen rechten Winkel - und die Hände im Schoß haltend, harren sie der Dinge, die da kommen. Ihre Blicke sind auf das Bild an der Wand gegenüber gerichtet. In Claudias Zimmer hängt das gleiche Bild wie in Kurts. Sie sitzen gerade so dicht nebeneinander, dass sie sich nicht berühren. Ganz still. Bewegungslos.

Wie zwei Kindergartenkinder, die dabei sind, Persönlichkeiten im Sinne Erwachsener zu werden. Fest entschlossen, die ersten Doktorspiele zu praktizieren. Das Neue entdecken. Augenblicke, die sich nie im Leben wiederholen werden. Festgehalten in Gedanken werden sie ein Leben lang im Geiste schlummern. Aber mit dem Verlust der Unschuld kann man sie nur unvollständig zurückholen, ohne dieses besondere Gefühl noch einmal erleben zu können. Die Unschuld ist unwiderruflich verloren.

"Und jetzt?", bricht Claudia das Schweigen und senkt den Blick. Kurt schweigt. In Einklang, wie bei einem alten Ehepaar, senkt auch Kurt den Kopf. Sein Blick fällt auf ihre außergewöhnlichen "Peggy-Bundy-Behinderten-Pumps" mit den rosa Puscheln. Sie wirken nicht lächerlich. Sie sind niedlich, ein Ausdruck von Selbstbewusstsein.

Was soll er jetzt tun? Er ist es nicht gewohnt so dazusitzen. Kurt ist ein Macher, ein Aufreißer. Er bestimmt wo es lang geht. Immer Herr der Situation sein. Nie die Kontrolle verlieren. Aber jetzt ist er mit einem Mal weit davon entfernt. In seinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Gedanken! Genau das ist sein Problem: Er denkt zu viel!


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"Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.", spricht es aus Kurt.

War er das, der da so einen Satz vom Stapel gelassen hat? Was hat er sich nur dabei gedacht? Für einen kurzen Augenblick hat er gar nichts gedacht - das ist das Geheimnis. Es ist einfach passiert. Mit über dreißig passiert selten etwas so einfaches einfach so.

Claudia nimmt zärtlich seine Hand. Sie schaut auf und ihre Blicke treffen sich. Wie bei einem Verkehrsunfall, so heftig, so plötzlich, prallen die Blicke aufeinander. Und da sind sie wieder, diese Kirchenfenster. Diesmal stehen sie unter Wasser. Kurts Kopf bewegt sich langsam, ganz vorsichtig, überhaupt nicht triumphierend auf Claudia zu. Wie sich ihre Köpfe nähern, beginnt Claudias Kopftremor, erst mit einem leichten Beben, dann steigert es sich zu einem Schütteln.


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<<< Eine rote Rose 

Claudia >>>


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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