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Mordsspaß an der Bordsteinkante

Rolli-Kurt

Folge 16 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Ein richtiges Spaßgerät

... wie der Herbstnebel >>>

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Heute ist das Auffahren auf eine Bordsteinkante angesagt. Diese wird durch eine 10 cm hohe Matte simuliert. Hinter der Matte sind weitere zwei Matten übereinander angeordnet, die eine weitere 10 cm hohe Kante darstellen. Als wäre es nix, fährt der Meister ganz locker auf die erste Matte, um dann mit einem zweiten Schwung behende auf die beiden hinteren Matten aufzubocken. Dort wird es dann selbst für ihn beschwerlich auf dem weichen Untergrund.

"Wie heißt du?" will der Trainer wissen.

"Wer? Ich? Kurt!", entgegnet Kurt verdutzt.

"Na los Kurt, fang du an."


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Der Rollipapst gibt allerdings vorher eine theoretische Einweisung in die zu benutzende Technik. Man soll mit Speed auf die Matte zufahren, um dann im richtigen Moment davor - die Betonung liegt auf "richtiger Moment" - die Hände über zwölf Uhr nach hinten an die Greifreifen bringen, den Oberkörper in einer kurzen Rückwärtsbewegung nach hinten verlagern, den Schwung aus den Armen auf die Greifreifen verlagern und durch die Position der Hände dem Rolli ein rückwärtiges Kippmoment bei gleichzeitiger Vorwärtsbewegung verleihen, wobei in der Bewegung des Kippens das Augenmerk des Fahrers auf die sofortige Verlagerung des Oberkörpers nach vorn liegen soll, um den ungewollten Überschlag zu verhindern.

"A H A !!!!!!" denkt Kurt bei sich, "Alles klar..."

"Augen zu und durch!" Alle Augen sind jetzt auf Kurt gerichtet. Laserpointergleich bewegen sich Blicke von Kurt zur ersten Matte und wieder zurück. Etwa zehn Meter vor der Matte atmet Kurt tief durch und versucht im Geiste, den Ablauf nachzuvollziehen. Mit geschlossenen Augen sitzt er da, die Matte fest im geistigen Visier.

"Antizipation, das ist jetzt wichtig. Du musst das nur umsetzen. Chakka!"


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Also, mit Speed auf die Matte zu. Dann nach vorn, oder war es nach hinten, beugen? Die Hände über zwölf Uhr. Ist über zwölf nun vor oder hinter... egal. Dann kippen und rückwärts..."

Nach dieser, für Sportler üblichen, detaillierten Vorbereitung steht das Sportevent unmittelbar bevor. Die Hände greifen fest und ohne zu zaudern an die Greifreifen - über zwölf Uhr - und die Spannung jedes einzelnen Muskels, in Kurts durch langjährigen Sport gestählten Körpers, entlädt sich nun in einem einzigen Impuls auf den Greifreifen, in das Rad, auf die Fahrbahn... und!

Atemlose Stille im Rollirund. Und?

Und was wohl?

Der Rolli, eines der kippeligsten Modelle, das er wählen konnte, bockt sich vorn wie ein Wildpferd hoch und wirft sein Reiter gnadenlos hinten rüber. Mit lautem Platsch landet Kurt auf dem Rücken, bevor er überhaupt losgefahren ist.

"Uih!", entgleitet es einem der Anwesenden.


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Nach einem kurzen Moment andächtiger Stille kommt vom Trainer: "Alles klar Kurt?"

Kurt hat in Windeseile den Rollstuhl wieder aufgerichtet und ist zurück in das Gefährt geklettert. Ja nichts anmerken lassen.

"Alles klar, ist nichts passiert."

Nach einer nochmaligen Belehrung startet Kurt einen zweiten Versuch. Dieses Mal ist er etwas vorsichtiger. Er beugt sich nach vorn und nimmt eine vorbildliche Rennposition ein. Die Hände greifen nicht über zwölf. Über zwölf oder? Ist zwölf nicht der höchste Punkt? Es sollte heißen, im Uhrzeigersinn vor zwölf, oder? Er rollt unter den Blicken der Anwesenden auf die Matte zu. Die Geschwindigkeit erhöht sich. Jetzt "der richtige Moment", und...

Es war nicht der richtige Moment. Verunsichert durch den Überschlag zuvor, hat der Rollstuhl zwar Geschwindigkeit, aber die Steuerräder vorn heben sich nicht einen Millimeter vom Boden ab. So schlägt Kurts Rolli mit voller Wucht gegen die Matratze. Was nun folgt, hätte bei den letzten regionalen Turnmeisterschaften am Boden garantiert eine Medaille gebracht. Doch hier löst es bloßes Erstaunen und offene Münder des Publikums aus.


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Kurt hat den Teil mit dem Vorwärtsbewegen des Oberkörpers noch richtig im Kopf gehabt und ohne Rücksicht auf Leib und Leben in die Tat umgesetzt. So fliegt er beim Aufschlag des Rollis in hohem Bogen aus demselben und hat, unterstützt durch eine einschießende Streckspastik in sein rechtes Bein, einen immensen Höhengewinn. Die Zuschauer genießen die Vorführung in vollen Zügen.

Grazil, wie man es sonst nur von wahren Könnern sieht, geht sein gesamter Körper in die Streckung. Mit allerbesten Haltungsnoten landet er bäuchlings auf dem zweiten Stapel Matten. Die Kraft des Aufpralls lässt die obere Matte wie einen fliegenden Teppich auf der unteren Matte gleiten. Ungebremst prallt die Matte samt Fahrgast gegen die an der Turnhallenwand befindliche Sprossenwand. Als wäre es nicht genug, rutscht Kurt nun auf der Matte gen Sprossenwand. Die große Lücke vor den aufgerissenen Augen auftauchend, kann Kurt noch gerade den Kopf drehen und die Arme vorstrecken. Dann bleibt er benebelt zwischen den Sprossen stecken. Eine Sprosse fehlt. Der Abstand entspricht exakt Kurts Kopfbreite. Die Ohren hielten auch stand und so wurde der Aufprall nicht zu heftig.

"B O A H H H!", entfährt es dem Uih!-Rufer.

Als Kurt schwach lächelnd hochkommt, stimmen die anderen ein tosendes Gegröle und frenetischen Applaus an. Kurt stehen die Tränen in den Augen. Er erntet allseits Schulterklopfen und einer ruft noch:

"Kannste das noch mal machen? Ich hole meinen Photoapparat."


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Kurt hat überhaupt nicht das Gefühl, sich zum Affen gemacht zu haben. Er fühlt sich tatsächlich befreit.

Das ganze Unwohlsein ist beim Aufprall in der Sprossenwand stecken geblieben. Er ist in der Gemeinschaft. Hier kann dir alles passieren. Ob du beim Essen sabberst oder den Flugschein beim Rolltraining machst, es spielt keine Rolle. Wenn das Lotta hätte sehen können!

Nachdem alle anderen ihr Glück versucht haben und Kurt auch noch dreimal Anlauf genommen hat, ohne spektakuläre Folgen, aber auch ohne Erfolg, ist die Stunde auch schon beendet.

Claudia ist nicht gekommen.


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Der Rolli-Papst nimmt Kurt beiseite und beäugt interessiert Kurts brandneuen Rolli.

"Die Greifreifenbreite ist zu eng. Das ist Kinderbreite. Die Sitzbreite ist viel zu breit und die Tiefe passt überhaupt nicht zu deiner Körpergröße. Im Übrigen, ist das eine Grundversorgung für einen alten Menschen, der nicht selbst fahren kann. Ein typischer Schiebrollstuhl, aber kein Aktivrollstuhl."

Kurt hört andächtig zu und fragt sich, was der Papst noch alles zu bemängeln hat.

"Weißt du was, da ist nichts mehr zu machen. Die Krücke ist eine komplette Fehlversorgung. Ich gebe dir mal ein paar Kataloge mit. Da kannst du reinschauen, was es so alles gibt am Markt. Dann kommst du in mein Büro und wir messen dich anständig aus. Das kriegen wir schon hin. - Und was machen die Ohren?"


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Claudia ist nicht gekommen.


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<<< Ein richtiges Spaßgerät 

... wie der Herbstnebel >>>


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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