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Kribbeln in der Magengrube

Rolli-Kurt

Folge 13 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Ein typischer Aufnahmetag in der Reha

Was ist Ihr Ziel? >>>

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Kurt kommt wegen der Blutnahme als letzter an den Frühstückstisch. Nur Claudia ist noch da.

Kurt hat es wieder getan. Er kann es einfach nicht lassen. Wie soll es bloß weiter gehen, wenn er, selbst im Umfeld einer ganzen Rolliarmee nicht in der Lage ist, sein neues Fortbewegungsmittel auch zu benutzen.

"Soll ich dir was zum Frühstücken holen?" fragt ihn Claudia.

Kurt überlegt einen kurzen Moment. Sein rechtes Bein ist so krampfig, dass er es, im Augenblick noch gut getarnt unter Tisch 9, nicht zum Starten bewegen kann. Er kapituliert. Gleichzeitig baut sich Wut über die eigene Dummheit in ihm auf.

"Ich kenne das!" Claudia lässt nicht locker.

"Was meinst du?"

"Du bist doch eindeutig ein Rolli-Typ! Das kommt schon noch." Claudia hat ihn messerscharf entlarvt, und ihre Art, ihm das zu sagen, wirkt auf Kurt tatsächlich beruhigend. Aber gleichzeitig findet er das etwas beängstigend. Er hat das Gefühl, die Sache nicht richtig im Griff zu haben. Normalerweise übernimmt er die Regie bei Frauen. Irgendetwas ist es, was Frauen an ihm mögen. Seine Wirkung ist in vielen Kurzzeitbeziehungen weidlich erprobt, Tanja außen vor.


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Kurt konnte jede haben. Die Intellektuellen, die Sportlichen, die Schönen, die Alternativen, die Sentimentalen, die Spröden...

Jetzt ist Kurt allein.

Die Aura des Eroberers hat sich von ihm abgetrennt und ist davongeflogen. Er macht noch nicht einmal Anstalten, sie aufzuhalten. Sie löste sich ganz langsam auf. Wie der Herbstnebel, der sich morgens gegen die unausweichliche Auflösung stemmt und nachmittags den Kampf gegen die Sonnenstrahlen endgültig verliert. Bis zum nächsten nebligen Spätherbsttag.


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Claudia geht zum Buffet. Kurt kann nicht widerstehen und schaut ihr nach. Da sind sie wieder, diese Bewegungen am Rollator. Sie benutzt das Gerät wie ein technisches Hilfsmittel beim Bodenturnen. Das ist die perfekte "10".

Er spürt ein Kribbeln in der Magengegend. Das Kribbeln. Wann hatte er das letzte mal ein Gefühl, das ihn so durcheinander brachte? Er kann sich oder will sich nicht mehr erinnern. Jetzt beugt sie sich geschickt vornüber und stellt einen gemischten Wurstteller zusammen. Was für ein Anblick... Nur ein Wurstteller im Speisesaal einer "Neurologischen Klinik". Der Hort des menschlichen Elends. Claudia dreht sich um und lächelt ihm zu.

Früher wäre er sicher gewesen: "Die habe ich im Sack".

Jetzt ist er verunsichert, verschüchtert, nicht nur körperlich, auch geistig gelähmt. Er wendet sich, als Claudia ihm ihr nettestes Lächeln schickt, ab. So, wie er sich die ganze Zeit schon abwendet.

"Zeigst du ihn mir nach dem Frühstück?", fragt Claudia, als sie zurück an den Tisch kommt. Sie hat wirklich an alles gedacht. Orangensaft, Wurst, Käse, Marmelade, Müsli und 2 Mehrkornbrötchen. Kaffee steht in Warmhaltekannen auf dem Tisch.

"Wahnsinn!" entfährt es Kurt.

"Wie? Wahnsinn?"

"Du hast an alles gedacht!"

"Kein Thema, aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet.", insistiert Claudia.

"Ich habe noch ein paar Aufnahmetermine, ich..."

"Wann bist du fertig?"

"Ich glaube um halb elf."

"Ok, ich komme zum Kaffeeautomaten. Ich muss jetzt los. Lass’ es dir schmecken!"

Kurt hat nicht die geringste Chance für Einwände, denn Claudia verschwindet im gleichen Augenblick durch die Eingangstür. Wie eine Stimmgabel schwingt sein Gemüt jetzt. Es bleibt ein unentschiedener Brei aus unterschiedlichsten Gefühlen. Sollte er sich tatsächlich verliebt haben?


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An diese "Liebe auf den ersten Blick"-Nummer glaubt er nun mal nicht. Was hatte er mit dieser Frau in der kurzen Zeit, die sie sich kennen, schon alles erlebt. Sie hatte ihm ihre Schulter zum Weinen gegeben. Sie hatte ihn vor der meckernden Tine gerettet. Sie hatte ihn vor der Abreise bewahrt. Die letzten drei Frauen, mit denen Kurt - wie man sagt - eine Beziehung führte, waren anders. Sie waren nett, sie waren toll im Bett, sie waren... anders. Kurt hat das Gefühl, als würde er Claudia schon ewig kennen.

Kennen! Er weiß doch nichts über sie. Nichts. Trotzdem fühlt er eine tiefe emotionale Verbundenheit. Liebe? Doch Liebe auf den ersten Blick?


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"Hey, Herr Schmitz! Hast du dich von gestern erholt?" Wie ein Orkan stürmt Tine an Tisch 9.

"Morgen!! Wie war noch mal dein Name?", entgegnet Kurt genervt.

Auf seine Anspielung mit ihrem Namen reagiert Tine nicht. Um den Hals hat sie ein Handtuch geschlungen und in der Hand trägt sie ihr Therapiebuch. Sie legt gleich los, wie die Feuerwehr.

"Hat dir die MS auch schon das Gehirn matschig gemacht, oder was? Ich könnte mich schon wieder nach nur einer Anwendung heute Morgen aufregen. Die haben überhaupt keine Ahnung hier in dem Bau. Hast du schon deine Therapeuten fest? Sieh zu, dass du nicht die blonde Schleiferin kriegst. Also, ich habe mich gleich bei der Patientenbetreuung beschwert."

Kurt lässt sie reden und beschäftigt sich mit seinem Frühstück. Ab und zu antwortet er mit einem:

"Aha! Hm! So?"

Angestachelt durch die eher kargen Antworten plappert die Frau immer weiter. Kurt hat eine anständige Erziehung und unterbricht die ältere Frau nicht. Am liebsten würde er der meckernden Tine jedoch die Meinung geigen. Danach steht ihm im Moment aber nicht der Sinn und er hat ja auch keine Ahnung, was die gute Frau da faselt - über schlechtes Essen, schlechte Therapeuten und unfreundliche Schwestern. Ihr Parfum ist genauso aufdringlich wie ihr nicht zu stoppender Redeschwall. Die ganze Frau ist eine einzige Provokation. Dann entfleucht Kurt ein: "Au Mann!"

"Du musst ja gerade hier groß reden!" Tine fasst das als Ermunterung auf.

Kurt ist jetzt doch etwas beunruhigt. Tine geht ihm extrem auf den Geist. Wie sie jetzt auch noch auf die Idee kommt, Kurt wolle mit ihr eine Diskussion anfangen, kann er gar nicht nachvollziehen. Was soll man mit Menschen diskutieren, der wie Tine in Selbstmitleid zerfließt und an allem, außer sich selbst, etwas auszusetzen hat. Was soll man da noch diskutieren? Jedes Gespräch würde in eine Einbahnstraße münden.


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Kurt reagiert gar nicht auf Tine und steht wortlos vom Tisch auf. Leise fluchend ob seiner eigenen Engstirnigkeit quält Kurt sich an seinen Krücken über den Gang. Wie soll er bloß Rollifahren lernen, wenn er ihn nie benutzt?


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<<< Ein typischer Aufnahmetag in der Reha 

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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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