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Druckabbau

Rolli-Kurt

Folge 11 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Die Feinfühligkeit in Person

Ein typischer Aufnahmetag in der Reha >>>

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"Herr Schmitz von Zimmer 548 bitte sofort im Schwesternzimmer melden! Herr Schmitz von Zimmer 548 bitte zum Schwesternzimmer!", blökt es aus dem Lautsprecher in den Speisesaal.

"So, ich muss dann mal wieder rauf.", sagt Kurt und steht auf.

"Schmitz also! Kurt Schmitz, was für ein Name!", geifert Tine gleich wieder los.

Kurt hört nicht mehr hin und macht sich mit einer Krücke auf. Karl bietet an, den Rolli wegzubringen, was Kurt dankend annimmt. Die anderen bleiben noch sitzen. Auf dem Weg nach oben hat Kurt die Namen der drei weniger redseligen Tischgenossen schon vergessen. Tine, Karl und Claudia dagegen haben sich bereits unauslöschlich in seinem Gehirn abgespeichert.


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"Kurt, weißt du denn, wo das Schwesternzimmer ist?", ruft ihm Karl hinterher.

Kurt will gerade antworten, da spricht ihn eine der Frauen, die er morgens Patienten schiebend, mit Zetteln in der Hand, beobachtet hatte, an: "Sind Sie Herr Schmitz?"

"Kurt", antwortet Kurt.

"Also nicht Schmitz?"

"Doch, aber bitte einfach Kurt, bitte." Mit zweimal "bitte" wird es klappen.

"Dann kommen Sie mal mit, Herr Kurt Schmitz."

"Bitte einfach Kurt, ohne Schmitz!", versucht er ein weiteres mal sein Glück. Es ist nicht einfach, so etwas Profanes wie "Kurt" zu etablieren.

"Alles klar, Herr Kurt. Hier geht’s lang. Sie sind das erste mal bei uns? Ich bin vom Rolldienst. Wir bringen die Patienten, die sich noch nicht im Haus auskennen, zu den Therapien und Untersuchungen."

Kurt hat wenig für die gleichtönigen Erklärungen der Rolldienst-Frau übrig. Er sieht nur noch Rollstuhlfahrer um sich herum, denen er unter Aufbietung aller seiner Dribbelkünste ausweichen muss. Und das bei dem Tempo, das die Rolldienst-Frau anschlägt und der er kaum zu folgen im Stande ist. Er ist eben Abwehrspieler und nicht Stürmer.


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Der Gang scheint endlos zu sein, und Kurts Kräfte schwinden mit jedem Schritt. Am Ende macht der Gang einen Linksknick, um sich mit einem anschließenden Rechtsknick in einem Verbindungskorridor älterer Bauart zu verlieren. Dieser Teil sieht aus, als sei er in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts entstanden und seitdem unverändert geblieben.

Ein junger Mann, etwa genauso alt wie Kurt, kommt ihm mit einem ausladenden Elektrorollstuhl entgegengebrettert. Sein Kopf hängt etwas zur Seite, und von sicheren Fahreigenschaften ist der Pilot weit entfernt. Kurt schmiegt sich so nah es geht an die Wand und entgeht knapp dem sonst unvermeidlichen Zusammenstoß. Er schaut, noch etwas wackelig auf den ohnehin nicht sehr stabilen Beinen, hinter dem Rollstuhl her, der gerade mit Volldampf voraus gegen die Wand prallt. Kurt ruft ihm hinterher: "Blind auch noch, was?"

"Genau!", sagt ein anderer entgegenkommender Patient.


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Kurts Gesicht, das durch den Beinahe-Zusammenstoß die Farbe verloren hatte, schlägt auf Schamrot um. Die schwatzende Rolldienst-Frau ist schon um die Ecke aus dem Korridor verschwunden.

An die Wand gequetscht steht er einfach nur da. Das Gefühl, das in ihm aufsteigt, von ihm Besitz ergreift, ihn lähmt - das Gefühl kennt er. Fast hätte er es vergessen.

Die Demütigungen von Andreas-Maximilian mit Bindestrich aus dem Viertel.

Der gleiche Druck wie damals baut sich unmerklich in seinen Gedärmen auf und steigt breitet sich, wie bei einem Teekessel, nach oben gen Ausgang aus.

'Ein richtiger Junge heult nicht. Wenn dir einer auf die linke Backe haut...'

Wie lange hatte er nicht mehr an seinen Vater gedacht, mit seinen immergleichen Lebensweisheiten, denen Kurt nie gerecht wurde. Ein bisschen vielleicht, aber... Warum besucht er ihn nicht mal?


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Er steht da und der Durchbruch steht unmittelbar bevor. Seine Mutter, Gott hab sie selig, was wäre die stolz auf ihn?

Seine Augen bilden einen ganz feinen Feuchtigkeitsfilm, der sich, als er den Kopf senkt, in einen Tropfen verwandelt. Der Tropfen presst sich unter dem geschlossenen Augenlid nach außen und verwandelt abermals die Form, als er - einem Strich gleich - über die Wange rinnt.

Es ist nur der Beginn einer Entladung, die lange, sehr lange auf sich hat warten lassen.

Wie bei einer defekten Zylinderkopfdichtung, bei der eine kleine, nicht sichtbare, nicht spürbare Verletzung der Dichtung den Druck aus der Brennkammer in das Kühlsystem entweichen lässt. So eine Zylinderkopfdichtung ist zwischen Deckel und Motorblock eines Autos angebracht, um die Dichtigkeit des Gesamtsystems zu gewährleisten. So lange der Motor auf vollen Touren läuft und heiß ist, bleibt das Leck zum Kühlsystem unentdeckt. Aber es wird größer mit der Zeit. Es lässt sich nur noch durch die Geschäftigkeit des Motors zur Expansion anheizen. Das feine Loch im Metall der Dichtung wird durch den heißen Dampf ganz allmählich größer und größer. So ist der weiche, heiße Dampf in der Lage, das starke, starre Metall zu zermürben, zu zerstören. Versteckt. Heimlich.

Kommt der Motor dann zur Ruhe und kühlt ab, zieht sich die Dichtung in ihre ursprüngliche Form zurück, entspannt sich, und das Loch wird wieder größer. Dann tritt ein wenig Flüssigkeit aus. Es tropft ein wenig. Es gibt einen Fleck - einen unbedeutenden Fleck - auf dem Boden unter dem Fahrzeug. Einzig der Geruch der austretenden Flüssigkeit zeugt von der nahenden Gefahr. Es ist kein Öl, es ist aber auch nicht einfach Wasser. Jeden Morgen, wenn der Fleck sich verflüchtigt hat und nur noch ein Schatten der Lache des Vortages übrig ist, startet der Motor unwillig. Es ist irgendwie keine Kraft da. Der Motor muss erst warm werden. Er läuft nur noch rund, wenn er richtig auf Touren ist.

Das Unvermeidliche, der Durchbruch, lauert an jedem Tag, wenn der Motor gestartet wird. Irgendwann kann die Dichtung, egal wie sie sich in ihrer Flexibilität bemüht, das Leck nicht mehr dichten. Sie gibt nach und das Wasser strömt in den Verbrennungsraum. Eine einzige Umdrehung der Zylinder reicht nun aus, um den Motor zu zerstören.


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Kurt bricht in Tränen aus, er kann dem Druck nicht mehr standhalten.

Da spürt er eine Hand auf seiner Schulter, traut sich aber nicht, hoch zuschauen. Es ist Claudia. Er hat ihre Beine, die er zur genüge auf dem Gang beobachtet hat, im Blick. In diesem Moment taucht auch die Rolldienst-Frau wieder auf, die ihren verlorenen Patienten sucht. Claudia bedeutet ihr schnell, dass sie sich um Kurt kümmern werde. Und schon ist die Rolldienst-Frau auf dem Weg zum nächsten verirrten Patienten, der irgendwo im Labyrinth des Hauses verlorengegangen ist.

Indes öffnen sich bei Kurt alle Schleusen und er weint hemmungslos. Claudia hat ihren Arm ganz um ihn geschlungen und gibt ihm die notwendige Schulter für sein überwältigendes Geschäft. Er schluchzt, und die Gegenwehr ist völlig gebrochen. Doch der Druck baut sich ab. Er kann seine Macht nicht weiter aufrechterhalten. Jetzt wird der Druck schwächer und schwächer und ein angenehmes Gefühl der Befreiung verdrängt ihn vollends.

Claudia sagt nichts. Kurts Augen sind rot von der salzigen Kühlflüssigkeit, die sich durch seine Augenhöhle nach außen ergossen hat.

"Warte einen Moment, ich hole dir einen Rolli.", bricht Claudia das Schweigen und macht sich auf, einen herrenlosen Rollstuhl zu suchen. An die Wand gelehnt schaut er ihr nach, wie sie mit ihrem ganz speziellen Hüftschwung den Gang entlang tänzelt.


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Es ist gut. Mit der gleichen Wucht, wie der Druck ein unerträgliches Maß erreichte, füllt sich sein Kopf mit Wärme und Wohlsein.

Es ist nicht vorbei. Es beginnt gerade. Es wird nie aufhören. Der Kampf war nicht mit 16 zu Ende und auch nicht nach dem Abi.

Er ist Kurt und er kennt sich aus mit dem Kämpfen.

Sein Gegner - ER - ist verschlagen und stark.


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 <<< Die Feinfühligkeit in Person

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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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