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Es hat doch gerade erst angefangen!

Rolli-Kurt

55. und letzte Folge der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Neue Spielwiesen

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„Hey Kurt!“ sagt Heiner am Ende der Leitung, „Was ist los mit dir? Ich habe schon zigmal angerufen und dich nicht erreicht. Vielleicht solltest du, wie mit deinem Tick, nicht Auto zu fahren, mit der Anrufbeantworterphobie aufräumen! ... Kurt?“

„Ich höre dir zu, Heiner. Du redest ja wie ein Wasserfall.“

„Ich habe mir Sorgen gemacht!“, antwortet Heiner.

„Ich habe zu viel zu tun gehabt in der letzten Zeit, Heiner.“

„Aha! Und was ist das?“

„Was?“

„Na das, was du Wichtiges zu tun hast!“

„Ok! Ich bin auf der Suche nach einer Therapie, die nicht umweltfeindlich, körperfremd und chemisch ist.“ Jetzt traut sich Kurt und legt los. Ohne einen Widerspruch zuzulassen, redet er in einem fort. In allen Einzelheiten schildert er seine Tour durch das Internet. Es ist das erste Mal, dass er darüber spricht. Bislang waren er und das Internet allein mit diesem Thema. Kurt hört sich Sachen reden, die noch vor ein paar Wochen nicht über seine Lippen gekommen wären.

Heiner schweigt.

Als würde sich das Netz der Gedanken in seinem Kopf langsam in Wohlgefallen auflösen, sind die gesprochenen Gedanken weg. Verliert man die Gedanken in dem Moment, in dem man sie ausspricht? Der Kopf ist doch kein Speicher, aus dem man entnimmt und einen leeren Speicherplatz hinterlässt. Das kommt davon, wenn Kurt gegen die eigene Überzeugung mit Menschen spricht, die ihn für einen Vollidioten halten, wenn er unbequeme Meinungen preisgibt. Kurt wird zunehmend aggressiver am Telefon. Er redet, stellt Thesen auf, beantwortet sie selbst mit Gegenrede und sucht verzweifelt nach Argumenten, unwiderlegbaren Argumenten. Er beschreibt seinen Ernährungsplan, den er, sobald alle Zutaten aus dem Internet eingetroffen sind, beginnen wird. Bei den hiesigen Heilern angelangt, ist das Gehirn leer.

Annähernd 40 Minuten hat Kurt monologisiert, die Vorteile, die Wahrheit verkündet und dabei selbst für die Entkräftung möglicher Einsprüche gesorgt. Heiner hat noch nie ein solches Feuerwerk an Rechtfertigungen von Kurt gehört. Was ihm bleibt, ist Sprachlosigkeit.

Kurt ist nicht einmal aufgefallen, dass Heiner nichts gesagt hat. Irgendwann hat er vor Wut einfach aufgelegt.

 


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Die nächsten Tage sind von Stumpfsinn geprägt. Arbeit, nach Hause in die kleine Parterrewohnung, jeden zweiten Tag spritzen, dazwischen Nebenwirkungen und Zweifel. Die Kids wagen es kaum, ihr Idol anzusprechen. Wer so durch die Gegend geistert, den spricht man besser nicht an.

„Das ist es!“, denkt Kurt, „die Spritzen verändern meine Psyche.“

Eine Depression, Kurt wittert eine Depression. Im Internet stand auch so etwas von Depression als Nebenwirkung bei Interferontherapie. Alle Kennzeichen manifestieren sich. Antriebslosigkeit, Angst, Müdigkeit, das Gefühl der totalen Überforderung. Das nennt man depressive Episode. Eindeutig. Wen wundert’s auch bei dem chemischen Ungleichgewicht, das die Interferone in ihm anrichten. Das ist wider die Natur!

Noch hat Kurt keinen Spritzentermin ausgelassen. Wie lange macht er das eigentlich schon? Eine gefühlte Ewigkeit. Jedenfalls soll sich das Protektionspotenzial erst nach drei Monaten entfalten. Das dauert noch. So geht es nicht weiter. Das Zeug macht Kurt körperlich und psychisch komplett fertig. Und das, wo so viele Internetseiten Auswege versprechen.

Noch hat Kurt die Bestellungen für die esoterische Glückseligkeit nicht abgeschickt. Irgendetwas hält ihn ab. Ein Schub! Ja, jetzt noch einen Schub oder zumindest eine gefühlte Verschlechterung obendrauf auf seine schwere Depression, die er mit diversen homöopathischen Tröpfchen behandelt. So hält er die Depression im Zaum. Gestern hat es in den Füßen gekribbelt, dass es kaum erträglich war.


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Kurt sitzt schon wieder am Rechner, vertieft ins Heilsnetz der Millionen Wahrheiten im WWW, da klingelt es an der Tür.

„Überraschung!“, quietscht es durch den Türspalt, „Da hast du nicht mit gerechnet!“ Birte hat sofort den Fuß in der Tür und stürmt die Bude.

Ein paar Schritte weiter draußen steht Claudia. Es nieselt leicht und die Nässe funkelt auf ihrem Mantel. Kurt glotzt nur. Sagen tut er nichts, aber er spürt, wie sich sein Kopf langsam entspannt. Claudia so dastehen zu sehen ist Balsam für die Seele. Warm und weich fühlt es sich an. Versöhnlich! Jedes Mal, wenn er Claudia sieht, ist es wie damals in der Reha. Damals wusste er sofort, dass sie etwas Besonderes ist.

Ein Kopf kann sich entspannen. Es sind zwar keine Muskeln drin, aber das Gefühl, dass sich das Hirn entspannt, dass sich die Hirnhaut ausdehnt, kennt wohl jeder.

„Willst du Claudia da draußen stehen lassen, Kurt?“ Birte ist durch exzessiven Kaffeekonsum während der Fahrt noch etwas aufgekratzter als sie ohnehin ist. Das hält sie jedoch nicht davon ab, noch einen weiteren Kaffee zu trinken.

Die Spannung ist spürbar. Kurt traut sich nicht zu fragen, was der Anlass des Besuches ist. So sitzen sie sich schweigend gegenüber. Birte ist zur Toilette, der Kaffee fordert sein Recht.

„Möchtest du nicht wissen, warum wir gekommen sind?“

„Klar, warum denn?“, fragt Kurt mit bebender Stimme. Er hat keine Ahnung, was jetzt folgen soll. Aber allein die Möglichkeit, es könnte etwas Unangenehmes sein, schnürt ihm die Kehle zu. Nervös nestelt er an einem benutzten Taschentuch herum.

Claudia sitzt nun kerzengerade da. Von Unsicherheit keine Spur mehr. Die Gesichtszüge zeugen davon, dass sie genau weiß, was sie will, zumindest gibt sie das vor. Sie zeugen von Stärke und Zielstrebigkeit. Und dann beginnt Claudia ganz ruhig, von Birtes Idee zu erzählen, als hätte sie den gesamten Text für eine große Filmrolle in Hollywood auswendig gelernt.

Die Klarheit des Vortrages duldet keine Zwischenrede. Kurt erfährt, was Claudias Vater von der Hippotherapieranch hält; wie man etwas als gemeinnützig deklarieren kann, dass Therapeuten Interesse haben, mit Pferdepflegerinnen ein Programm auf die Beine zustellen. Wie das Gelände umzubauen ist. Welche Zuschüsse aus Vitamin-B-Quellen zu erwarten sind und wie das Gelände, das Don Juan bislang allein beansprucht, schon bald aussehen könnte. Selbst einen Termin bei der Existenzgründungshilfe hat Claudia vorzuweisen.

Als sie zum Schluss einen Plan wie ein neues Centerparkgelände vor Kurt ausbreitet, platzt es aus ihm heraus: „Und was soll ich mit dem ganzen Scheiß? Du kommst hier hereingeschneit mit deiner sprechenden Heulboje und legst mir ein Konzept vor, das jedem Unternehmensberater alle Ehre machen würde. Was zum Teufel willst du von mir? Nichts hast du mir erzählt! Das ist doch wohl nicht vom Himmel gefallen oder? Wer hat dir denn diesen bekloppten Floh ins Ohr gesetzt? Klar, was frage ich überhaupt. Du hast sie ja gleich mitgebracht! Hast du mich auch in dein Hirngespinst eingebaut?“

Kurt hat sich total in Rage gebracht. Einmal damit angefangen ist er kaum zu stoppen. Selbst Birte, die schon lange wieder zurück ist von der Toilette, sitzt wie ein begossener Pudel auf dem Sofa und wagt kein Wort des Widerspruchs zu sagen.

Claudia hört Kurt mit Tränen gefüllten Augen zu. „Komm Birte, wir fahren zurück.“

Kurt bebt vor Wut. Ohne nachzudenken, öffnet er die Haustür und lässt die beiden ziehen.

„Ruf mich an, Kurt, wenn du dich beruhigt hast!“


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Kurt schaut den beiden nach. Wie gern würde er hinterher laufen und sich entschuldigen. Wie gern würde er Claudia fragen, was es genau auf sich hat mit der Idee und was seine Rolle sein könnte.

Aber er hat es versaut. Auf ganzer Linie versaut.

Er würde alles hinschmeißen, um diese einmalige Chance mit der Liebe seines Lebens zu teilen.

Wie er so auf dem Sofa sitzt, sieht er die Mappe vor sich liegen. Auf dem Deckel steht groß: „Chez Kurt et Claudia, Hipporanch“

Er hat es versaut. In typischer Machomanier hatte er sich wie ein Idiot benommen. Die ganzen Heilsstifter aus dem Internet haben seine Birne vernebelt. Hätte Claudia Gedanken lesen sollen?

Je länger er in den Unterlagen stöbert, umso genialer findet er die Ideen. Aber warum hat sie ihn nicht vorher schon einmal angesprochen; was er davon hält, statt mit einem kompletten Konzept aufzutauchen, bei dem Kurt nur noch ein Statist zu sein scheint?


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Mal ehrlich! Was hätte Kurt von so einer Idee gehalten? Hätte er Claudia zugetraut, etwas Derartiges auf die Beine zu stellen? Bestimmt nicht.

Kurt sitzt da und schreit: „WIE KANN MANN NUR SO EIN RIESENARSCHLOCH SEIN!“

Es klingelt! Kurt stürzt an die Tür und reißt sie auf. Da steht die Nachbarin. Nur die Nachbarin. Genau! Die Nachbarin, die ihn zur Arbeit gebracht hat, als er feststellte, dass Fahrrad fahren nicht mehr zu seinen formvollendetsten Tätigkeiten gehört.

„Hallo! Die Reihenhäuser sind sehr hellhörig. Ich kam nicht umhin Ihnen zuzuhören. Ihrer Analyse ist nichts hinzuzufügen!“, sagt sie lächelnd.

Kurt bittet sie hinein und bespricht mit ihr das, was er Claudia und Birte hätte sagen sollen. „Dazu ist es jetzt zu spät.“, murmelt er bedrückt.

„Wie kommen Sie denn darauf? Natürlich ist es nicht zu spät. Es hat doch gerade erst angefangen!“

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Es ist ein kalter Morgen, der durch die Nässe noch kälter wirkt. Kurt steht im Bahnhofscafé an einen Stehtisch gelehnt und wärmt sich seine durchgefrorenen Hände an einem schwarzen Kaffee, der viel zu lange auf der Warmhalteplatte gestanden hat und ekelhaft schmeckt.

Es ist erstaunlich viel los im Bahnhofsgebäude. Jeder ist eilig darauf bedacht, mit seinen Koffern das richtige Gleis zu finden. Kurt hat noch einige Minuten Zeit. Seine Spritzen werden heute jedenfalls nicht zu warm, die kann er einfach im Rucksack mitnehmen. Den Rest des Gepäcks hat Heiner schon gestern aufgegeben. Jetzt steht Kurt ganz allein zwischen den emsig umherschwirrenden Passagieren und trinkt die eklige braune Brühe mit Genuss. Sein Rolli steht neben ihm, bereit, zum Gleis gerollt zu werden.

Da kommt auch schon der Bahnbeamte, der ihn zum Zug bringen soll. Kurt nimmt Platz und lässt sich schieben

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Da sitzt er wieder!

.

Hat sich etwas geändert?

..

Ist er ein anderer Mensch?

...

Er hat ein bisschen Angst.

....

(ER muss auf eine neue Chance warten – ein Leben lang ...)

.....

(ER hat Zeit, ein Leben lang!)


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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