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Hoffnungslos verliebt

Rolli-Kurt

Folge 49 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Kurt schaut Claudia in die Augen. Diese Augen! Es ist, als sähe er sie zum ersten Mal. Würde man jetzt den Herzschlag der beiden addieren, käme man auf den einer Maus. Birte erkennt die Lage und stellt sich zum Zeitschriftenständer ein paar Schritte weiter. Sie ist eben eine richtige beste Freundin.
Vorsichtig tastend erkundet Kurt Claudias Mundhöhle , bis er ihre Zunge findet. Die Erkundungstour muss jedoch mangels Standfestigkeit abgebrochen werden. Mit Tränen in den Augen lösen sie sich voneinander, wie Teenager, die schüchtern den ersten Kuss wagen. Es prickelt und eigentlich weiß man nicht, ob man alles richtig macht. Diese Unsicherheit bringt die Körperchemie durcheinander.

„Wollen wir was essen gehen oder seid ihr von dem Rumgelutsche schon satt? Soll ich dich schieben, Kurt?“

„Birte!“

„Man kann doch mal fragen.“

„Wisst ihr was?“, unterbricht Claudia Birtes startenden Redeschwall, „ich habe keine Lust, mich in ein Restaurant zu setzen, das um diese Uhrzeit gewöhnlich total überfüllt ist. Kurt?“

„Also ich muss auch nicht unbedingt was essen“, antwortet Kurt mit knurrendem Magen, der erste Auflösungserscheinungen lautstark zum besten gibt.

Birte zeigt sich sichtbar enttäuscht und willigt widerwillig ein.


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Bei Claudia zuhause angekommen sind sie allein. Endlich allein. Birte haben sie unter dem Vorwand, Kurt müsse sich etwas ausruhen, vorübergehend in den Pferdestall abgeschoben.

Kurts linkes Bein trommelt vor Aufregung. Der Rest vom Kurt wackelt mit.

„Möchtest Du dich im Bad etwas frisch machen?“

'Stinke ich so? Idiot! Das ist eine Aufforderung zu wildem Sex. Oder nicht?' Kurt ist so nervös, er kann keinen klaren Gedanken fassen. 'Ich gehe mich jetzt einfach waschen.'

„Ok, ich gehe dann mal.“

„Ich warte auf dich.“

„Klar wartest du auf mich." 'Idiot! Sie wartet auf mich! Ja, wartet sie jetzt einfach so auf mich oder wartet sie richtig auf mich?'

Kurt schaltet auf Turbowaschgang und widmet sich besonders intensiv den Lustzentren. Endlich fertig findet er sein Deo nicht. Ohne Deo geht gar nichts.

'Wie lange bin ich jetzt schon hier drin? Ich muss das Scheißdeo finden. Vielleicht hat sie sich schon wieder angezogen oder ist auf dem Weg in die Küche, ein paar Brote schmieren? Angezogen! Wahrscheinlich hat sie sich gar nicht ausgezogen. Ich wasche hier als habe ich Tage im Dschungel verbracht und sie schmiert Brote!'

Kurts Nervosität ist auf dem Höhepunkt, als er den Spiegelschrank über dem Waschbecken öffnet. Das Ding ist riesig, ein begehbarer Spiegelschrank. Wie in den amerikanischen Filmen, in denen Einliterflaschen stehen, gefüllt mit rosafarbenem undefinierbarem Inhalt, den man benutzt, um ähnlich undefinierbare Tabletten großer Zahl herunterzuspülen. Ein Bad von der Größe eines Schlafzimmers, welches durch eine Verbündungstür direkt mit dem Schlafzimmer von der Größe einer Kleinsporthalle verbunden ist.

'Was ist das noch, wonach Claudi immer riecht?' Er entschließt sich zu einem Mix verschiedenster Düfte. Keine gute Idee. Er riecht wie ein schlechter Versuch, eine neue Parfumkreation zu entwerfen.

'Reiß dich zusammen! Warum bin ich bloß … Versagensängste! ... Quatsch!' Davon hat Kurt belustigt in den Frauenzeitschriften – rein informativ versteht sich - beim Neurologen im Wartezimmer gelesen. Er hält sie für eine Frauenverschwörung, gemacht, um Männern Schuldgefühle einzureden, die es selbstverständlich nicht gibt; gemacht, um die Männerdominanz zu brechen. Wie soll sich ein Mann fühlen, wenn – wir reden hier von einmaligen Zuständen – sein Arbeitsgerät zur Unzeit den Dienst quittiert. Männer sind doch keine Maschinen! Da sind immer zwei beteiligt.

'Komm, bleib einfach ganz ruhig. Nimm die Klinke in die Hand, öffne die Tür und …' Noch nie hat sich Kurt vor dem vermeintlichen Akt so viele Gedanken gemacht. Sein Gehirn spielt alle Wenns und Abers dieser Welt durch. Die Computer gestützte moderne Fehlerdiagnose in der Autowerkstatt ist dagegen ein feuchter Furz. Warum die neue 200 PS-Wunderwaffe der Automobilbranche in Linkskurven immer Motoraussetzer hat, findet man dennoch nicht heraus. Aussetzer! „Machen Sie sich keine Sorgen, wir haben keinen Fehler gefunden!“ Genau. „Mach Dir keine Sorgen, Schatz, das kann jedem passieren, ist doch nicht so schlimm.“


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Total entregt, mit hängendem Kopf und aufgeregt wie ein Teenager beim ersten Mal, öffnet Kurt die Badezimmertür. Als 16-Jähriger galt es nach derartigen Situationen lediglich, die Unterwäsche einer heimlichen Vorwäsche zu unterziehen. Das ist heute nicht nötig. Mann ist nicht mehr sechzehn. Mann ist mehr als doppelt so alt. Mann hatte schon viele Frauen. Mann oh Mann.

'Keine Ahnung, ob ich sturzfrei bis zum …' Claudia sitzt mit unter Topi gekreuzten Beinen in einem bis über die Knie reichenden Snoopy-T-Shirt lächelnd da. Kurt betritt in einer Wolke aus Chloé, Dr. Hauschka, Chanel und Angstschweiß den Raum und starrt an Claudia hinunter. Als habe sie seine Augen genau verfolgt, schnellen ihre Beine nach vorn und die nackten Füße stehen parallel in Kurts Blickfeld.

„I Love U“ prangt auf Claudias Fußnägeln. Die Buchstaben sind in feuerrotem Nagellack darauf gemalt. Das ist das röteste Rot, dass Kurt jemals in seinem Leben gesehen hat.

„Kurt? He, Kurt! Gefällt es Dir nicht? Weißt Du, es war Birtes …“

„Es ist wunderschön“, sagt Kurt, aus der Schockstarre aufgewacht, aber noch zu keiner Bewegung fähig.

„Möchtest Du nicht zu mir rüber kommen? Ich warte!“, säuselt Claudia.

„Ja ich …“, stammelt Kurt. Er denkt an die Zeit in der Reha zurück, als sie mit ihren rosafarbenen Behinderten-Pumps im Türrahmen stand. Diese Nacht ohne Sex wird er nie vergessen. Jetzt darüber nachzudenken, hilft nicht weiter, ist eher ein Störfaktor.

„Willst Du noch wohin?“

„Wieso?“

Kurt schaut an sich herunter über die Jacke, die er in Gedanken wieder angezogen hat, bis zu den Schuhen und seine Unsicherheit strahlt aus seinem Gesicht in der Farbe von Claudias Nagellack. Hastig zieht er die Jacke aus und lässt sie auf den Boden fallen.

„Komm!“


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Alles an Kurt ist steif wie ein Brett; fast alles. Claudia sitzt auf einem Behindertengehwagen vor ihrem Bett, während Kurt erste Gehversuche macht. Behindertenromantik. Sieht so Behindertenromantik aus? Macht das an?

Als habe er die Hose gestrichen voll – nicht nur auf die eine Art, auf beide - bewegt er sich auf sie zu. Das Prickeln ist da, aber wo ist seine Männlichkeit. 'Wie soll man sich so auf seine Geilheit konzentrieren? Das ist doch lächerlich. Verdammt, …'

Sie haben sich eine ganze Zeit nicht mehr gesehen. Beiden kommt es wie eine Ewigkeit vor. Kurt kehrt zurück, von der Krankheit gezeichnet, physisch verändert. Sein Geist muss dringend nachkommen. Er fühlt sich minderwertig, das ist das Problem. Die Minderwertigkeit hat von seinem Gehirn Besitz ergriffen. Natürlich hatte er von den Erektionsstörungen, der eventuell auftretenden Gefühllosigkeit der Sexualorgane, die höher gesetzte Reizschwelle bei Männern mit MS, in den Informationsblättern gelesen. Stimmt wahrscheinlich alles, aber am wichtigsten erscheint doch die abtörnende Wirkung des zurückgebliebenen, unflexiblen metaphysischen Hirns zu sein. Kurts Versagen – wie Männer diesen Aussetzer bezeichnen – hat er sich selbst in seinen Gedanken zusammengereimt, lange vor dem eigentlichen Akt, in Endlosgedankenschleifen über den Ablauf, das Vorspiel, das: Wann-muss-er-genau-seinen-Mann-Stehen, wie wird Sie reagieren?

Der Fantasie des männlichen Gehirns ist in der Beziehung keine Grenze gesetzt. Bei aller Liebe hört offensichtlich beim anerzogenen Machodenken der Spaß auf. Es geht um das Wesentliche, Triebe ausleben, das Ekstatische, und vor allem den Beweis erbringen, man sei ein richtiger Mann. Alle „Dr. Sommers“ dieser Welt werden daran nichts ändern.

Claudia indes spürt seine Unsicherheit so deutlich, als wäre es ihre Eigene. Sie verlangt nichts von dem, was Kurt sich zusammenprojeziert. Sie möchte ihn spüren mit all ihren Sinnen und sich dem Höhepunkt der Gefühle entgegentreiben lassen. Dazu gehört schon etwas mehr als das mechanische Reiben von Schwellkörpern gegeneinander und Sekretabsonderungen diverser Organe. Das ist die Realität aus Anatomiebüchern, nicht die eines Shakespeare, nicht die eines verliebten Pärchens, für das der gemeinsame Höhepunkt im Aufgeben der Individualität liegt; für den Moment des Verschmelzens, des unbedingten Vertrauens. Claudia hat es beim Sprung ins Meer gespürt, fest in den Armen Gehalten, ohne Zweifel in einem Akt des Vertrauens. Was für eine Rolle spielt da ein steifes Glied; der Speer des Kriegers Symbol der Macht? „Dr. Sommer“ hat keine Ahnung, was es bedeutet, wenn man dem Helden im Rollstuhl (als wäre das nicht genug) seinen mächtigen Speer in eine schlaffe Weißwurst verwandelt.

Claudia nimmt Kurt fest in die Arme. Als sich die Umarmung löst, fällt Kurts Blick wieder auf Claudias Zehen, die schelmisch ihre Botschaft in den Raum leuchten. Sie fallen gemeinsam lachend auf das Bett und sie nestelt an Kurts Hemdknöpfen herum, eine schwere, aber nicht unlösbare Aufgabe.

„Schließ die Augen!“, flüstert Claudia in Kurts Ohr.

Es dauert scheinbar ewig, bis alle Knöpfe auf sind. Gerade diese Langsamkeit entspannt Kurts Libido zusehends. Sie haben alle Zeit dieser Welt. Es gibt nichts mehr zu beweisen. Wer kann schon diese Freiheit genießen, in einer Welt, die keine Zeit hat. Claudia erkundet sanft seinen gesamten Körper, nicht fordernd, sondern mit der Hingabe, die sich ein Mensch nur wünschen kann. Diese beiden Körper sind keine behinderten Fleischmaschinen, wie sie so daliegen, nackt ineinander verschlungen, sind sie hoffnungslos verliebt, ohne Schutz, zutiefst verletzlich. Neurologische Gefühlsstörungen gehören in die Praxen der Ärzte, die über Dinge reden, die sie nie verstehen werden; gehören in die Praxen der Psychologen, die uns weismachen wollen, sie verstünden etwas davon, aber mehr auch nicht, und zuletzt gehören sie in die Diskussionsrunden mit Freunden, die nicht einmal entfernt eine Ahnung haben, wovon man redet.


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Heute wird Kurt nicht in der Lage sein, in Claudia einzudringen. Der ganze Tag war viel zu anstrengend. Sie werden nebeneinanderliegen und sich spüren. Er wird eine völlig neue Art der Befriedigung erfahren und morgen wird Claudia ihn ganz in sich spüren und sie werden die Zeit genauso genießen, wie heute.

Es bahnen sich an diesem Wochenende schicksalhafte Dinge an.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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