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Rolli-Kurt

Folge 46 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Das erste Mal allein

Definition: Gelegenheitsbehinderter >>>

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Die Zeit wird langsam knapp. Kurt wird an seinem ersten Arbeitstag zu spät kommen. Nichts desto trotz muss er sich kurz hinsetzen, damit seinem rechten Bein der Ernst der Lage bewusst wird. Er streichelt es, verhätschelt und tätschelt es, immer von kurzen, hastigen Blicken auf die Uhr unterbrochen. Wie lange wird er mit dem Rolli brauchen? Wann fährt der nächste Bus? Soll er die Verspätung ankündigen?

Es klingelt an der Tür. Das hat ihm noch gefehlt. Kurt hangelt sich durch die Wohnung zur Tür. Statt die Krücke zu nehmen, bewegt er sich mehr schlecht als recht von einem Halt gebenden Gegenstand zum nächsten. Wenn er doch nicht so neugierig wäre, dann könnte er jetzt auf seinem Stuhl in der Küche sitzen und ganz gemütlich auf sein Bein warten, das anderes im Sinn hat als Fortbewegung.

"Ja, ja!", ruft Kurt zur Haustür und drückt den Öffner.

Die Tür öffnet sich und eine Frau mittleren Alters steht mit einem Schlüsselbund in der Hand im Flur.


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"Ja bitte!", sagt Kurt kurz angebunden, ohne die Frau genauer in Augenschein zu nehmen. Er sieht sie, aber er sieht sie auch wieder nicht. Der kurze Abgleich von Gesehenem und im Gehirn gespeicherten Bildern schlägt fehl. Wie so oft bei Männern; behaupten jedenfalls Frauen. Sie vertrauen da ganz auf ihre Erfahrungen mit den scheinbar ignoranten Freunden, Lebensabschnittspartnern oder Ehemännern. Das Subjekt des Anstoßes kommt abends zur Wohnung hinein, wirft seinen Schlüssel achtlos in das Bastkörbchen, verliert auf dem Weg ins Wohnzimmer wie zufällig die Jacke, tritt mit der Fußspitze des einen Fußes den Schuh des anderen achtlos herunter -- die Spuren in den Hacken der Schuhe zeugen von einem Wiederholungstäter -- und sackt dann in einem Akt totalen Zusammenbruchs auf seinem Lieblingssessel nieder. Auf dem kurzen Weg von nicht einmal sechs Metern hat er eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Die Frau baut sich nach seinem langen Arbeitstag still vor ihm auf und nestelt an ihrem Gesicht herum, wobei sie ihn fragend anlächelt. Der Wirklichkeit schon halb entronnen, greift er zur Zeitung neben sich.

"Fällt dir gar nichts auf, Schatz?", fragt sie mit ungeduldiger Stimme. Er schaut sich um und sondiert die Gegend. Ist es eine neue Topfpflanze? Nein. Neuer Nippes vielleicht? Nein. Nach kurzer Zeit werden beide ungeduldig. Er hat die Nase voll von dem Ratespiel und sie sieht sich in ihrer Annahme, Männer seien ignorante Machos, bestätigt.

"Ich war beim Friseur!", sagt sie.

Egal was er antwortet, er hat verloren. Ein neues Wohnungsaccessoire wäre noch verzeihlich, aber die Haare ... Während sie wütend seine Klamotten aufsammelt, überlegt er sich, wie er ihr Vertrauen vorübergehend zurückerlangen kann. Was wäre das Leben ohne die unterschiedlichen Welten weiblicher und männlicher Gehirne?
Langweilig! ... 


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"Hallo! Herr Schmitz!", reißt die Frau Kurt aus seiner Grübelei und neigt den Kopf fragend zur Seite. "Ich habe Ihr Fahrrad an die Hecke gelehnt. Hier ist Ihre Tasche."

Obwohl nichts in Kurts Hirn die Frau als bekannt vorkommen lässt, bedankt er sich artig und dreht sich um in Richtung Wohnungstür.

"Kann ich Sie irgendwo hinbringen? Zur Arbeit?"

Kurt schaut zurück und erkennt das Gesicht wieder. Ihre Kleidung ist anders, anders als draußen vor der Tür, auf dem Nachbargrundstück, mit der Mülltüte in der Hand. Dieses Gesicht einer Frau in den mittleren Jahren, das von den ersten Krähenfüßen um die Augen attackiert wurde, hat nichts mit der Frau an der Mülltonne gemein, deren Auftreten Kurt als Abziehbild der spießigen Gesellschaft in Reihenhäusern galt. Die Frau, die nun vor ihm steht, bietet ihm ihre Hilfe an. Ohne zu zögern. Diese Frau, die Kurt mit einem kurzen Nicken an der Mülltonne bedachte, deren Namen er nicht kannte und deren Existenz, geschweige denn ihre Bekanntschaft zu machen, ihn nicht interessierte, ist seine Rettung für den heutigen Tag. Kurt ist peinlich berührt und nestelt an seiner Tasche herum, als wolle er kontrollieren, ob sie Schaden genommen habe bei der Fahrradaktion vor der Tür.

"Das kann ich doch nicht annehmen!", sagt Kurt und denkt sofort: "Was für einen Schwachsinn rede ich da? Natürlich kann ich das annehmen; sonst bin ich im Eimer."

"Kommen Sie, wir fahren los.", sagt sie, ohne auf seine Höflichkeitsfloskel einzugehen. "Nehmen Sie Ihren Rollstuhl mit?"

"Äh, ich ..."

"Kommen Sie, wir packen ihn ein. Sicher ist sicher."


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Dann sitzt Kurt still neben der Frau, deren Namen er nicht kennt. Er weiß nichts über sie, außer, dass er sie nie kennenlernen wollte, dass sie ihm egal war. Kurt ist nicht der Typ für diese Nachbarschaftsgeschichten. Bei allen erdenklichen Gelegenheiten hat man die auf der Pelle. Und dann dieses Gequatsche in der Nachbarschaft. Jeder zieht über jeden her. Nein, das ist nichts für Kurt. Nun sitzt er doch einigermaßen sprachlos da und weiß nicht, wie er mit der Frau umgehen soll. Nachher hat er sie an der Backe und es müssen Einladungen und Gegeneinladungen gemacht werden. Man weiß ja, wie so etwas läuft.

"Fahren Sie nun auch zur Arbeit?", fragt Kurt, ohne das wirklich wissen zu wollen.

"Nein, ich arbeite die meiste Zeit zuhause als Übersetzerin."

"Dann fahren Sie nur wegen mir los?"

"Ja, das ist doch kein Aufwand.", antwortet sie wie selbstverständlich.

Kurt wird die Sache immer peinlicher. Aber was will sie wohl von ihm? Wieso macht sie das? Es muss doch einen Grund geben. Man fährt doch nicht einfach mit jemandem, den man nicht mal richtig kennt los und bringt ihn zur Arbeit oder doch? Doch!


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Die Sitzung hat noch nicht begonnen, als Kurt mit Rolli im Amt ankommt. Heute ist Hauptamtlichensitzung angesetzt. Wenn der Trend anhält, muss die Runde irgendwann in Ehrenamtlichensitzung umbenannt werden, die dann lediglich noch den Amtsleiter als Hauptamtlichen ihr eigen nennen darf.

Kurts Bein erholt sich zusehends und während die Kollegen ihn nach der langen Abwesenheit noch herzlich begrüßen, geht ihm seine Nachbarin nicht aus dem Sinn. Hat er sich überhaupt richtig bedankt? Was für ein Tag. Eine Nachbarin, die uneigennützig, ganz ohne etwas zu verlangen, einfach nur so, wie selbstverständlich einschreitet und ihn zur Arbeit fährt. Die Erkenntnis, dass Fahrradfahren nicht möglich ist, wenn ein Kleinwüchsiger und eine -- die -- Nachbarin einen beobachten, sitzt tief.


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Der erste Arbeitstag.

Die Kollegen machen business as usual. Es wird geredet und geredet. Die Immergleichen unterbrechen diejenigen, die sowieso nur wenig zu Wort kommen. Die Dominatoren, die durch sinnentleerte Ergüsse die Runde quälen. Die Immergleichen -- Selbstdarsteller -- die es in jedem Beruf gibt. Kurt schaut in die Gesichter, in die Münder, wie sie sich öffnen und schließen und öffnen und schließen.

Was hat die Nachbarin nur bewogen? Weiß sie überhaupt etwas oder alles über Kurt? Er weiß nicht einmal ihren Namen. Für ihn war sie die spießige Müllfrau von nebenan, die immer dann am Mülleimer auftauchte, wenn er auch vor der Tür stand. Jetzt ist der Dauerredner dran. Er ist der ungekrönte König der Schwätzer. Hat überhaupt schon eine Frau etwas gesagt? Nein, bestimmt nicht. Und wenn, hätte sie ihren substanziellen Beitrag durch ununterbrochene Kritik nicht zum Ende gebracht. Kurt kann nicht mehr Radfahren. Wie wird jetzt die Arbeit auf der Deele? Und da ist noch ER, der nur auf Fehler wartet, der die Strippen zieht, im Hintergrund. Jetzt redet der Mensch schon wieder zehn Minuten. Es ist ermüdend, unwichtig, nervig. Kurt hat das Gefühl, dem Geschwätz nicht folgen zu können. Die erste Stunde ist rum und er ist schon nicht mehr aufnahmefähig. Hätte man sich doch einmal auf das Wichtige beschränkt, einmal das Balzen gegen das Zuhören getauscht. Was könnte man alles bewegen, wenn man sich auf das Wesentliche konzentrierte. Die Tür öffnet sich und eine Welle reiner Luft dringt in den Raum, der mittlerweile nur noch Körperdüfte, diverse Parfüms und Kohlendioxid gemischt mit Restsauerstoff enthält. Kurt schnappt danach wie Fisch auf dem Trockenen. Mit dem Sauerstoff kommt frischer Kaffee, das Lebenselixier der Dauertalker, gebracht von einer nett lächelnden Azubine, deren Auftritt das beste Ereignis bislang ist.

Kurt schließt die Augen und genießt den Kaffee. Niemand spricht ihn an. Die Nachbarin, der Arbeitsweg, die Deele, die Kollegen und ER beherrschen seine Gedanken. ER ist alles möglich und er ist MS-krank. Der frische Kaffee durchdringt wärmend seine Gedärme und das Koffein weckt die Lebensgeister. Er denkt an Claudia. Wie gern wäre er jetzt bei ihr. Bei ihr fühlt er sich geborgen. Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht, als seine Gedanken ihn in den gemeinsamen Urlaub zurückversetzen; die Badehose, die viel zu eng saß und dann der Sprung ins Wasser, als Claudia ihm bedingungslos vertraute. Es ist so viel passiert seit dem Moment, als sie ins Wasser sprangen. Bislang hatte er noch keinen Alltag erlebt. Er weiß nicht, wie er zurechtkommen wird. Nicht jeden Tag wird eine Frau an seiner Tür klingeln und ihn einfach mal so zur Arbeit fahren. Morgen muss er wieder spritzen. Vielleicht sollte er sich mit Heiner wieder einmal so richtig besaufen. Aber der Schulalltag hat begonnen und die Zeiten, als sie sich bis in die frühen Morgenstunden bei einem Conti Bier über Gott, die Welt und die Frauen unterhielten, scheint schon eine Ewigkeit her. Heiner, der hat es in den warmen Schoß des Staates geschafft, der hat den behüteten Ort der Schule nur für ein paar Jahre an der Uni verlassen und wird sich nie wieder Gedanken machen müssen.

"So! Wollen wir dann weitermachen?"

Es ist der gleiche Redner am Werk. Kurt schaut in die Runde und bemerkt die gelangweilten Gesichter. Er ist nicht der Einzige, der kein Interesse an dem Selbstdarstellungsseminar hat.

Wenn das so weiter geht, schafft er es nicht mehr in die Deele. Endlich hat der aufdringlichste Kollege wieder Platz genommen. Die Kollegin neben Kurt hat gerade den Mund zu einem Beitrag geöffnet, da ergreift der Kollege aus dem Innenstadtprojekt das Wort. Kurt wirft einen hektischen Blick auf die Uhr und steht auf. Endlich schauen sie alle zu ihm herüber.

"Leute, nehmt es mir nicht übel, aber ich möchte unbedingt noch zur Deele. Peter, kannst du mir bitte das Protokoll schicken. Beim nächsten Mal bin ich dann wieder voll im Bilde."

Kurt drängt sich eng an der Wand entlang zu seinem Rolli, der direkt an der Tür steht. Die gesamte Runde hält Maulaffen feil, bis eine Kollegin aufspringt und ihn bei der Hand nimmt.

"Wir müssen uns erst noch daran gewöhnen, Kurt! Nimm es uns nicht übel. Wir sehen uns."


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Sie hält Kurt noch die Tür auf und dann hört er noch für einen Augenblick gedämpft die Stimme des Vortragenden. Er rollt hinaus an die frische Luft und atmet entspannt durch. Es sind nur ein paar hundert Meter zur Jugenddeele. Er lässt sich Zeit und bemerkt, dass er den Straßenzug so noch nie wahrgenommen hat. Offensichtlich vermittelt jedes Fortbewegungsmittel einen eigenen Blick auf die Welt. Gegenüber ist die Straße mit Bürgerhäusern der Nachkriegszeit gesäumt. Die Fassaden der Häuser sind sauber aufpoliert und wirken, als seien sie gerade fertiggestellt. Während Kurt gegen den seitlich abfallenden Fußweg ankämpft, sieht er Gärten durch die schmalen Lücken zwischen den Häusern. Die alten Grundstücke sind schmal, aber nach hinten erstrecken sie sich viele Meter. Heutzutage kann sich niemand mehr so große Grundstücke leisten.

Der Bürgersteig kann leider mit den feinen Häuserfronten nicht mithalten. Kurt versucht, im Zickzack um die hochstehenden Platten zu fahren; vergebens. Schon drei kleine Zentimeter, die niemand bemerkt, die sich vor dem Fußgänger verbergen, machen die Fahrt zur Tortur. So tief über dem Boden sieht man die Wölbung der Straße deutlich.

An das Regenwasser, das in die seitliche Gosse fließen soll, hat man gedacht.

Kurts rechter Arm brennt von der einseitigen Belastung wie Feuer. Vor einer sehenswerten Häuserfront bleibt er stehen und lässt seinen Arm ruhen. Einfach stehen bleiben und schauen. Entgegenkommende Fußgänger bieten ihm ihre Hilfe an, in der Annahme, er sei liegen geblieben. Kurt lächelt und bedankt sich höflich für das Angebot. Wie sollen die, die nie Zeit haben und sich im Galopp durchs Leben bewegen, annehmen, dass er nur so dasitzen und schauen möchte.

Was für ein Tag! Jetzt ist Ruhe. Die Kunst der Architektur bringt Ruhe. Man muss nur hinschauen, genau hinschauen. Es ist überall um einen herum, dennoch wird es nur von wenigen richtig gesehen.

Kurt kreuzt die Straße, um seinen linken Arm zum Einsatz zu bringen, auch wenn die nun sichtbare, der Stadt abgewande Seite, nicht soviel zu bieten hat.


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Zufrieden kommt er an der Jugenddeele an. Der kleine Weg zum Eingang ist ganz ohne Huckel und Kanten. War das schon immer so? Am Eingang zum Haus ist seitlich eine Metallrampe angebracht. Die Steigung ist nur mäßig, viel weniger als an manchen öffentlichen Gebäuden. Rechts um die Ecke steht ein alter Rollstuhl. Das Modell ist in so schlechtem Zustand, dass meinen könnte, es wäre aus einer Klinik ausgelagert. Kurts Arme sind beide vom langen Weg über den Bürgersteig schlapp und schmerzen nun im Doppelpack. Die Rampe stellt dennoch kein Hindernis dar.

Innen ist es gespenstisch ruhig. Kurts Augen gewöhnen sich langsam an den dunklen Flur und dann sieht er die Meute ruhig unter einem Begrüßungsschriftzug, der von links nach rechts quer über dem Flur hängt, stehen.

"WILLKOMMEN ZURÜCK"


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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