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Fragen, Überzeugung und Gewissheit

.Rolli-Kurt

Folge 42 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Frischling?

Heute kein Doppelkopf>>>

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"Bei deiner LP mit Cortison bist du doch Risiken eingegangen, die nicht unerheblich sind, ohne dass du wusstest, ob es was bewirkt, oder?" fährt Michael unerbittlich fort.

"Was, bitte schön, ist eine LP?"

"Lumbalpunktion. Schaust du kein Fernsehen?"

"Wieso Fernsehen?"

"Dr. House! Die Sendung des berühmtesten 'Housearztes' der Welt. Für jeden Neuropatienten unverzichtbar. LP, MRT und zum Schluss eine Biopsie, beliebterweise am Spinalnerv oder anderen unangenehmen Stellen im Körper, die richtig gefährlich sein können.", antwortet Michael süffisant.

"Doch, das kenne ich. Daher hast du also deine Erfahrungen. Aus einer amerikanischen Arztserie."
Für einen Moment schauen sie sich an und beginnen dann beide gleichzeitig, in schallendes Gelächter auszubrechen.

"Glaub mir, wenn du auch nur einen Bruchteil von dem, was da erzählt wird, verstehen willst, musst du absolut fit sein in Neurodiagnostik." Michael wird wieder ernst. "Ansonsten sitzt du nur vor der Glotze und bestaunst die tollen Fremdworte, denen du keinen Sinn zuordnen kannst."

"Mag sein. Würdest du einem Drogen schluckenden Penner, der auf dem falschen Bein humpelt und aussieht, als würde er nachts unter der Brücke schlafen, der dich zur Begrüßung beleidigt und seine Kollegen wie Erstklässler behandelt, etwa vertrauen?"

"Aha, du kennst also 'Dr. House' ganz genau! Humpelt der wirklich auf dem falschen Bein?", fragt Michael.


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Damit hat er Kurt erwischt und die Atmosphäre ist wieder entspannt. Einer Entscheidung hat es Kurt jedoch nicht näher gebracht. Gewissheit. Das scheint das Problem zu sein. Die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs. Die Grenzen der Medizin. Der weiße Kittel symbolisiert Macht, aber keinesfalls Wissen. Wenn man den Kittel ablegt, hat man nicht automatisch Wissen dazu gewonnen, auch wenn Hollywood uns das Glauben machen will. Michael hat es schmerzlich in den vielen Jahren seiner Diagnosefindung erfahren. Er hat Kurt schwer ins Grübeln bracht. Der Ruf danach, ihm Entscheidungen abzunehmen, ihm Gewissheit zu geben, verhallt im Raum des Halbwissens.

Nur der unmündige Patient hat das Privileg, in den Genuss von Gewissheit zu kommen. Der mündige, gut aufgeklärte Patient steht letztendlich immer allein mit seinen Entscheidungen. Er macht es damit dem Arzt gewissermaßen leicht. Je belesener, aufgeklärter der Patient, desto schwieriger gestaltet sich der Umgang mit Nähe und Lebensbegleitung, in der der Arzt professionelle Distanz wahren muss, um seinen Beruf auszuüben. Er kann sich auch hinter dem Ablauf von statistischen, kategorisierten, standardisierten, medizinischen Abläufen verschanzen. Aber das hilft dem Patienten dauerhaft nicht.

Lässt sich der Arzt ein, ergibt sich automatisch eine Art natürlicher Allianz zwischen Arzt und Patient, die den Vorhang der klinischen Medizin lüftet und den Menschen freilegt. Den Menschen als Ganzes. Nicht nur seine vordergründigen Leiden, sondern sein Leiden als Mensch.


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"Ich habe in amerikanischen Filmen noch nie jemanden auf dem richtigen Bein humpeln sehen."

"Ehrlich? Ich habe noch nie darauf geachtet, muss ich gestehen.", antwortet Michael.

"Deutsche Ärzte wissen, wann man die Stütze auf der einen oder der anderen Seite tragen muss. Einige MSler sollten weniger Dr. House gucken! In jeder zweiten Sendung werden die Patienten mit Cyclophosphamid behandelt, ob du einen Zahnstocher verschluckt oder Darmkrebs hast, ist dabei egal, wenn der 'Housearzt’ es sagt."

"Cyclophosphamid, der Mega-Hammer. Fährt das Immunsystem komplett runter. Ja, das wird auch gegen verschluckte Zahnstocher helfen.", grinst Michael.

Wieder haben die beiden großen Spaß in der ansonsten so freudlosen Umgebung.

"Fühlst du dich jetzt besser, Kurt?"

"Ja, aber manchmal wünschte ich mir, man würde mir einfach sagen, was ich tun und was ich lassen soll. Nimm dies, mach das, und fertig. Selbstbestimmung, Mündigkeit, alles tolle Sachen, aber manchmal ..."

"Also ich sage dir jetzt mal, wie ich das machen würde. In den Muskel spritzen kommt für dich nicht in Frage. Wobei du nicht vergessen darfst, dass dein zarter Körper dann keine Beulen und Flecken bekommt, und du nur einmal die Woche ran musst. Deshalb sehr beliebt bei den Mädels. Bei den anderen beiden Medis ist es etwas diffiziler."

"Die Dosis ist doch ganz anders? Das eine hat eine 6 bis 12 mal so hohe Dosis wie das andere!", wirft Kurt ein.

"Ja klar, ein paar Vergleichsstudien haben auch dosisabhängige Wirkungen gezeigt. Aber das sind auch unterschiedliche Wirkstoffe. Das eine ist ein Interferon beta-1a und das andere 1b."

"Hm, tja. Und dann die ganzen armen kleinen Hamsterfrauen, die ihre Eierstöcke verlieren, nur damit ich die Chance auf eine Krankheitsverzögerung habe. Ich bin ein strikter Tierversuchsgegner! Wie viele Hamster muss man eigentlich quälen, um ...", fragt sich Kurt.

"Da hast du etwas falsch verstanden, Kurt. So funktioniert das nicht mit den Hamstern. Die werden nicht für jede Spritze ausgenommen, glaube ich jedenfalls! Also ganz genau ... Egal! Was empfiehlt denn deine Neuropraxis zuhause? Die haben doch oft Helferinnen, die sich nebenbei noch was als Interferonschwester dazuverdienen."

"Keine Ahnung!"

"So mache ich das jedenfalls."

"Wie? So machst du das! Du nimmst doch nichts, hast du gesagt."

"Noch nicht, ich bin aber hier, um auf ein Interferon eingestellt zu werden." Michael dreht sich zu seiner Tasche, die neben dem Bett steht und zieht Kataloge heraus.

"Du hast ja die gleichen Kataloge wie ich? Warum hast du mir denn nichts gesagt? Statt dessen lässt du mich hier erzählen und tust so, als wärest du ein Medigegner allererster Güte. Und hättest die Weisheit mit Löffeln gefressen."

"Das habe ich doch nicht behauptet. Das hast du dir eingebildet, Kurt. Ich hatte nur etwas mehr Zeit als du. Die letzten Tage habe ich eine Menge gegoogelt."

"Und intensiv Dr. House geguckt!", fügt Kurt grinsend hinzu.


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Kurt ist seiner Entscheidung etwas näher gekommen. Den durchschlagenden Vorteil eines bestimmten Präparates hat Kurt bis jetzt nicht gefunden. Selbst die Werbebroschüren verzichten auf Bauernfängerei à la "putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann". Hier bekommt man nichts, was einem auch noch das Putzen abnimmt.

"Man bekommt eine Therapiemöglichkeit, die sich seit 1993 etabliert hat; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für eine unheilbare Krankheit ist das sicher mehr, als man sich noch vor wenigen Jahren erträumen konnte.",setzt Michael hinzu, als hätte er Kurts Gedanken lesen können.

"Glaubst du eigentlich daran, dass es wirkt?", fragt Kurt.

"Ja klar! Sonst würde ich es doch nicht anfangen. Ich kann es kaum noch abwarten, endlich loszulegen. Es wird so wirken, wie ich es mir überlegt habe. Davon bin ich überzeugt."

"Was heißt das denn?"

"Das heißt, ich erwarte in Zukunft weniger Schübe und vielleicht sind die, die trotzdem kommen, schwächer als sonst."

"Mann, du weißt doch gar nicht, wie viele Schübe du haben wirst. Wie kannst du dann überzeugt sein, dass es weniger werden? Und was heißt überhaupt "es wirkt"?"


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Michael hat wieder dieses Lächeln im Gesicht. Es wirkt auf Kurt überheblich. Er fühlt sich unwohl in seiner Haut. Jetzt muss Michael mit etwas Konkretem kommen. So einfach kann man es sich doch nicht machen. Man muss doch wissen, was einen erwartet!
"Das was ich dir doch eben erklärt, Kurt. Was du haben willst, habe ich mir während der neun Jahre bis zur Diagnose abgeschminkt. Bei mir wird das Zeug wirken. Gewissheit gibt es nicht, das habe ich gelernt."
Kurt hat immer noch nicht das gehört, was er so sehnsüchtig erwartet. Was ihm keine noch so geschickt gemachte Statistik geben kann. Was keine Studie dieser Welt leisten kann: Gewissheit.


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<<< Frischling? 

Heute kein Doppelkopf >>>


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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