Michael
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Folge 40 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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"Das kann kein Personal sein", stellt Kurt fest. "Ja!"
Die Tür öffnet sich und ein Mann, etwa Mitte Vierzig, betritt das Zimmer. Er macht sofort einen netten Eindruck auf Kurt. Das ist immer dieser berühmte erste Augenblick, der über Sympathie oder Antipathie entscheidet. In diesem Fall ist es Sympathie. Der Mann steuert zielstrebig das zweite Bett an und setzt sich. Kurt hat genau auf das Gangbild geachtet. Was hat der wohl? Der geht ja sehr unsicher. Fußheberschwäche rechts. Leicht ataktischer Gang. MS! Der hat garantiert MS.
"Na, auch im Klub?"
"Wieso?", fragt Kurt erstaunt.
"Die tollen Kataloge auf deinem Bett! Michael! Ich bin dein Bettnachbar.", sagt der Neue und streckt Kurt die Hand hin.
"Kurt. Du hast recht: MS. Ich soll eine Therapie anfangen."
"Aha, noch Frischling?", fragt Michael lächelnd.
"Wie lange ist man denn Frischling?"
"Das ist ganz unterschiedlich. Ich war neun Jahre Frischling."
"Wieso neun Jahre?" Kurt runzelt die Stirn und wendet sich Michael zu. "Neun Jahre? Dann bin ich in jedem Fall ein Frischling."
"Acht Jahre hat meine Diagnose gedauert."
"Was?", entfährt es Kurt lauthals.
"Die haben einfach nicht herausgefunden, was ich habe."
"Bei was für Quacksalbern warst du denn?" Kurt zieht die Augenbrauen hoch.
Michael zieht sich die Schuhe aus und eine Fußschiene kommt zum Vorschein. Fußheberschwäche! Hatte ich also richtig getippt, denkt Kurt.
"Quacksalber? Ich war in vier Unikliniken."
"Was! Du erzählst mir hier einen vom Hottemax, ja?"
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Ganz ruhig stellt sich Michael das Kopfteil in eine angenehme Position, legt sich aufs Bett, und beginnt mit einer unglaublichen Geschichte:
"1991 war mein Jahr. Ich war mitten im Biologiestudium auf Lehramt. Anfangs dachte ich, es wäre der Stress. Meine Beine kribbelten und unangenehme Schmerzen zogen in den Beckenbereich. Diese ganze Sitzerei in Vorlesungssälen, auf unbequemen Holzstühlen, die ist bestimmt der Grund, dachte ich damals. Jedenfalls ging ich nicht zum Arzt. Erstmal nicht. Dann eines morgens fühlten sich mein Bauch und mein Rücken total taub an. Mann, da habe ich aber einen richtigen Schreck bekommen und bin natürlich zum Arzt. Der Hausarzt kannte mich nur von Besuchen wegen geprellter Finger, vom Volleyball. Ansonsten kannte der mich gar nicht."
Kurt lauscht und kann kaum erwarten, wie es weitergeht.
"Jedenfalls hat der sein Standardprogramm abgezogen. Mund auf! Ahh sagen! Lymphknoten abtasten. Rücken untersuchen. Na ja, das Übliche, du kennst das ja."
"Und dann?", wirft Kurt dazwischen.
"Der hat dann wochenlang an mir rumgedoktert. Mit Salben und Spritzen gegen weiß der Kuckuck was alles. Hat natürlich nichts gebracht. Es wurde nur immer schlimmer. Jedenfalls hat er mich dann letztendlich, nach ergebnisloser Behandlung, in die Neuroklinik Bethel überwiesen. Ich studierte damals in Bielefeld. Das war mein erster Kontakt mit einer Neurologie. Die zogen dann ihr neurologisches Ding durch."
"Und?"
"Nichts und. Entlassen ohne Diagnose. Man stellte nichts fest. Nach der Entlassung war an Studieren überhaupt nicht zu denken. Ich büßte zum ersten Mal ein Semester ein. Mit dem bisschen Vorlesung in der Zeit konnte ich an keiner Prüfung teilzunehmen. Die nächste Station war dann die Uniklinik Münster. Und da wieder das Gleiche: Lumbalpunktion, die Zweite, und so weiter und so weiter. Du kannst dir vorstellen, dass ich langsam nervös wurde."
"Haben die denn nicht irgendetwas gemacht?"
"Wie denn, die haben doch auch nichts rausgefunden. Eine Möglichkeit wäre MS, sagten sie. Eine Möglichkeit. Entlassen wurde ich aber wieder ohne Diagnose. Langsam wurden die Symptome besser, dafür kamen andere dazu. Also ich wieder zurück nach Münster. Lumbalpunktion, die gleichen Fragen und fast die gleichen Antworten."
"Wie, fast?"
"Die Rede kam auf meinen Australienaufenthalt vor den Beschwerden. Ich war da in den Semesterferien. Also völlig neue Tests. Jetzt vermutete man einen Erreger oder Pilz oder so, den ich mir im Outback eingefangen haben sollte."
"Äh, Moment mal. Du hast aber doch MS? Oder willst du mich verkohlen mit dieser irren Geschichte?"
"Nein, nein, wart's ab, es kommt noch besser. Jetzt war man also angeblich auf der richtigen Spur und hatte auch gleich eine Behandlungsmethode am Start. Chemische Keule mit Amphotericin B. Mit meinen guten biologischen Vorkenntnissen konnte ich mich nicht zu möglichen schweren Leber- und Nierenschäden durchringen."
"Und wie war die Diagnose?"
"Keine Diagnose. Das war's ja! Dafür bei jedem Besuch ne neue Lumbalpunktion. Ich ließ mich in Münster nach kurzer Diskussion auf eigene Verantwortung aus der Uniklinik entlassen. Die Stationsärztin war ganz nett und rief mich ein paar Tage nach meiner Entlassung zuhause an und riet mir, ins Tropeninstitut nach Hamburg zu gehen."
"Das gibt's doch nicht! Konntest Du denn wenigstens weiterstudieren?"
"Nee, mit Studium war nichts mehr. Dann ging es mit den Augen los. Hamburg war für mich indiskutabel, weil zu weit weg. Ich versuchte mein Glück in Bochum. Uniklinik. Die lasen meine Vorgeschichte und wieder Lumbalpunktion. Mittlerweile hatte ich mich schon dran gewöhnt. Jetzt kam der krönende Abschluss."
Kurt sagt nichts.
"Da sollte man, nach einer Lumbalpunktion, die bösen Erreger aufspüren und mit einer chemischen Keule unschädlich machen. Der Oberarzt, ein Spezialist für Tropenkrankheiten, kam auf mein Zimmer und äußerte den Verdacht, dass alles doch eher nach MS aussähe.
"Also doch MS?"
"Nein, eine Überweisung zurück nach Münster zur Nachuntersuchung."
"Wahnsinn! Du kamst doch von dort! Was wollten die denn jetzt noch machen?"
"Erstmal Nervenwasser abzapfen. Dann Entlassung wieder ohne Diagnose. Ich war dann für eine ganze Zeit ständiger Gast dort. Man wollte wieder und wieder nachuntersuchen. Letztendlich schlug man mir eine Hirnbiopsie zur Klärung vor."
"Nein, oder? Die haben dir also ein Stück aus dem Gehirn gestanzt?"
"Zum Glück nicht! Mein Hausarzt hielt das für keine gute Idee. Ich übrigens auch nicht! Er schlug mir die Uniklinik Göttingen vor. Seit meinen ersten Beschwerden war etwa ein Jahr vergangen und meine siebte Lumbalpunktion stand an."
Kurt ist geschockt. "Ein Jahr und sieben Mal in den Rücken gestochen, die Fehlversuche mal nicht mitgezählt, bis zur Diagnose, das ist hart." sagt er mit einem Stöhnen in der Stimme.
"Nee, nee, nichts mit Diagnose! Keine Diagnose!"
"Die haben dich also auch in Göttingen ohne Behandlung und ohne Diagnose entlassen?"
"Ja! Ich hatte dann fünf Jahre einigermaßen Ruhe. Einigermaßen! Ausgenommen einer kleinen Liaison mit der Urologie und dem Katheter; mehrmals täglich. Das ging zum Glück vorbei. 1998 ging es dann mit Macht wieder los. Diesmal ging es ins evangelische Krankenhaus Unna.
Erster Tag: Nervenwasser, MRT, usw.
Zweiter Tag: Warten.
Dritter Tag: Diagnose MS.
Nach acht Jahren Ungewissheit und acht Nervenwasserentnahmen stand die Diagnose fest. Das war nur eine sehr verkürzte Zusammenfassung meiner Zeit als Frischling."
Kurt verschlägt es die Sprache. Entweder, der Typ kann sich in die Reihe der Gebrüder Grimm und anderer namhafter Märchenerzähler einreihen oder er hat total einen an der Schüssel oder Kurt hat gerade ein erschreckendes Bild der modernen medizinischen Künste gezeichnet bekommen.
"Und arbeitest du noch als Lehrer? Oder ...?"
"Ich habe mein Studium letztendlich frustriert abgebrochen und dann noch einige Jahre im Vermessungswesen gearbeitet. Jetzt bin ich schon ein paar Jahre in Rente."
"Aber warum hast du denn dein Studium nicht weitergemacht?"
"Ich hatte immer wieder Schübe, die als solche ja unentdeckt blieben. Meine Power war auf Null."
"Und die Vermessungssache? Warum musstest du damit aufhören?"
"Das war eigentlich 'ne tolle Sache. Aber immer draußen unterwegs. Viel Stehen. Irgendwann ging das nicht mehr."
"Ja aber ..."
"Du meinst wahrscheinlich, wenn ich weiter studiert hätte, ob ich heute noch im Lehramt wäre? Kann man nicht wissen. Ich glaube schon. Kann sein. Mit meinen 575 Euro EU-Rente möchte ich nicht drüber nachdenken. Ich habe zwei tolle Kinder, Zwillinge. Eine super Frau. Tja und Rente."
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Kurt ist aufgebracht. Diese Geschichte macht ihn unheimlich wütend. Wütend auf die Unfehlbarkeit der Medizin. Wütend auf die gewissen Umstände, Zufälle und auf die Nichtplanbarkeit des Lebens. Das ist nicht gerecht.
Aber gibt es einen Anspruch auf Gerechtigkeit im Leben? Wo ist der Schuldige? Wer ist der Schuldige? Gibt es überhaupt Schuldige am Leben? Eventuell ist das, was Kurt gehört hat, auch das Leben. Das wirkliche Leben.
Michael hat den ersten Eindruck, den er machte, als er den Raum betrat, bestätigt. Er hadert nicht, er lebt.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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