Information Overflow
Folge 39 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Kurt schaut zu dem zweiten Bett in seinem Zimmer rüber. Der Koffer daneben war ihm beim Betreten des Zimmers gar nicht aufgefallen. Über der Lehne des einzigen Stuhls neben dem kleinen Tisch, der schmucklos an der kargen Wand gegenüber steht, hängt eine leichte Sommerjacke, die keinen Schluss auf den Träger zulässt. Der Koffer, viel zu groß für einen Kurzbesuch, ist da schon etwas aussagekräftiger. Na ja, vielleicht ist er ja ganz nett?, denkt Kurt.
Sein Blick fällt wieder auf die Kataloge im Bett. Sie machen allesamt einen netten bunten Eindruck. Die Aufnahmen von jungen Menschen mit lachenden positiven Gesichtern stehen denen in Hochglanzkatalogen von Automobilherstellern in Nichts nach. Die Menschen auf den Katalogen joggen am Strand, gehen im Wald spazieren, telefonieren mit ihrem Terminkalender in der Hand oder sie lachen einfach mit ihren makellosen Gebissen in die Kamera. Unbeschwertheit, Jugend und vor allem Schönheit in seiner medial plakativsten Form bauen Vertrauen auf, überwinden Hürden, zeigen dem Betrachter: "Du bist normal. Du bist erfolgreich, schön und jung." Kurt überlegt: Heißt das jetzt, dass auch schöne junge Menschen krank werden können? Oder soll das heißen, ich werde nicht nur gesund, sondern spare mir auch noch den Zahnarzt gleich mit? Sehen so normale Menschen aus? Haben die Gezeigten wirklich MS?
Jedenfalls sind die Berührungsängste gleich gedämpft. Wer will auch einen Katalog mit unattraktiven Menschen, die sich nur mühsam auf Krücken halten können oder, schlimmer noch, im Rollstuhl sitzen. Was soll das, bitte schön, für ein Medikament sein? Wie er die vier Kataloge so nebeneinander liegen sieht, ist die Wahl gleich offensichtlich. Möchte ich demnächst lieber Tennis spielen oder stehe ich mehr auf die Ausdauersportarten wie Strandjoggen. Was machen eigentlich notorische Antisportler?
Ah ja! Katalog Nummer drei ist vielleicht was. Da ist ein nicht mehr ganz junges Paar abgebildet, braun gebrannt und gut aussehend, das sich lächelnd in den Armen hält. Das Dritte-Zähne-Lächeln ist echt, dank Kukident. Kurt fühlt sich beim Betrachten der Kataloge irgendwie beruhigt. Das Eis ist gebrochen. So schöne gesunde Menschen müssen doch einen Therapieerfolg haben! In der Wahl des Medikaments hilft es aber leider erstmal nicht.
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Aber die zweite Seite zerstört jäh die heile Welt der Broschürenumschläge. Da steht in fetten Lettern "Multiple Sklerose". Ob er sich daran jemals gewöhnen kann? Kurt erinnert sich noch an die Zeit unmittelbar nach der Diagnose. In punkto Aussprechen des bösen Namens "Multiple Sklerose" hätte er einen Logopäden gebraucht. "MS" ging da etwas leichter über die Lippen, aber auch nur stockend. Von dem schlimmen Wort, das immer auf den Rezepten steht, ganz zu schweigen. Das hatte Kurt nicht einmal versucht. Solange der Kloß im Hals die Sprachfertigkeiten auf Primatenniveau reduziert hatte, kam "Encephalomyelitis disseminata" überhaupt nicht in Betracht.
"Mehrfache Hirnentzündung" hört sich nicht so spektakulär an, dafür kann man sich aber etwas darunter vorstellen.
"Was hast du denn?"
"'Ne Hirnentzündung!´"
"Oh, das hört sich aber übel an. Und geht das wieder weg?"
"Nö, leider nicht. Das ist chronisch."
"Aha."
So oder ähnlich würde sich ein Gespräch über Hirnentzündung entwickeln.
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"Herr Doktor, was habe ich denn?"
"Encephalomyelitis disseminata!"
"Aha."
Was soll man da auch antworten, wenn man nicht in eine Konversation über Krankheiten verwickelt werden will und dann etwas zu hören bekommt, was einen wie einen Deppen dastehen lässt. Es könnte einem natürlich der böse Gedanke kommen, dass genau das der Sinn einer solchen Wortwahl ist. So ist die gepflegte Distanz zum Arzt nicht nur über seine Kleidung, - was an sich schon reichen müsste -, sondern auch über die Sprache gewahrt. Und dann noch eine tote, verstaubte Sprache, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen wird. Eine Sprache zu behalten, die man nicht einmal sprechen kann, weil es niemanden gibt, mit dem man sich darin unterhalten könnte, suggeriert dem Patienten, dass der Mann in dem weißen Kittel wissen muss, wovon er redet. Distanz.
Es gibt allerdings noch diverse Abstufungen in der Kleiderordnung. Speckiger Kittel gleich Stationsarzt. Sauberer Kittel, zugeknöpft, darunter Hose eines Zweireihers - bevorzugt grau - und manchmal auch Krawatte gleich Oberarzt. Sauberer Kittel, gestärkt und gebügelt, hoch zugeknöpft, Krawatte obligatorisch, graue Hose und schwarze Schuhe gleich Chefarzt.
Schwierig ist es, einen Professor zu erkennen. Das Recht der freien Lehre ermöglicht ihm herumzulaufen, wie er Lust hat. Das "Professor" rückt die Person in die Nähe einer Lichtgestalt; unantastbar, über jeden Zweifel erhaben. Wenn man von dem behandelt wird, kann nichts mehr schiefgehen. Privatpatienten kommen bei der Durchsicht der Rechnungen dann noch mal ganz auf ihre Kosten.
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"Was hast du denn?"
"MS."
"Oh Gott."
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Kurt schüttelt den Kopf, als er bemerkt, wie seine Gedanken schon wieder abgeschweifen, und konzentriert sich wieder auf die Aufgabe. Nachdem die erste Hürde beim Lesen der schlimmen Worte genommen ist, stößt er auf das Inhaltsverzeichnis: "Einführung"; "Was ist MS?"; "Ursachen"; ...
Bei "Ursachen" wird es dann schon schwierig. Kurz zusammengefasst steht da in allen Broschüren das gleiche: Nichts Genaues weiß man nicht.
So langsam fühlt Kurt sich wohler beim Durchforsten der Informationsblätter. Einfühlsame Texte und vorsichtiges Herantasten an die eigentlichen Therapiemöglichkeiten helfen Kurt. Die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, dem endgültigen Ausweg aus der Erkrankung, ist allerdings erfolglos. Kurt kann lesen, so oft er will: Heilung verspricht niemand. Aber was heißt schon Heilung? Die Onkologen haben da schon ein Hintertürchen gefunden. Sie legen einfach einen Zeitraum fest, innerhalb dessen man keine neuen Krebszellen gebildet haben darf. Schon wenige Tage nach der Heilung kann man natürlich neu erkranken.
Es folgen klinische Beschreibungen der unterschiedlichen Symptome, die bei der MS auftreten können. Die Prozentangaben verleiten dazu, die unangenehmen Symptome, die in der Regel mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit angegeben sind, zu ignorieren. Wer möchte schon mit Mitte dreißig Windeln tragen? Hier gilt allerdings auch der Grundsatz: "Vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast."
Vieles lässt sich ja auch geschickt verschleiern, überlegt Kurt. Wenn es schon unterschiedliche Verlaufsformen der MS gibt, warum sind dann die Symptome nicht prozentual in die jeweiligen Verlaufsformen eingeteilt? Was da wohl herauskäme? Aber das möchte wahrscheinlich niemand wissen! Kurt denkt kurz darüber nach, kommt aber zu keinem sinnvollen Ergebnis. Wahrscheinlich kann man das auch gar nicht; da steht ja auch "MS- die Krankheit mit den 1000 Gesichtern" ...
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Kurt ist hin- und hergerissen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit MS zu bekommen, ja schon denkbar gering. Wie groß war noch mal die Wahrscheinlichkeit, dass einen der Blitz trifft? Was Kurt liest, sagt aber auch, dass man nicht alles bekommen muss; dass vieles nur vorübergehend auftreten kann, und dass es gegen die meisten Symptome Behandlungsmöglichkeiten gibt. Wenn die MS-Medis die Symptome mildern können, so wie das in den bunten Blättchen steht, dann ist das ja besser als nichts, denkt Kurt nüchtern.
Das Bild eines nach vorn gebeugten Patienten bei der Lumbalpunktion überblättert er geflissentlich. Nun folgen MRT-Bilder1. Kurt dreht das Bild links rum und rechts rum. Es bleibt aber nichtssagend: "T2-gewichtetes Tomogramm". Aha! Ist das jetzt von oben auf die Birne fotografiert und dann in Scheibchen zerlegt oder von unten? Oder ist das von vorn? Oder von hinten ...? Wie habe ich gleich in dem Mistding gelegen? Schräg? Da sind doch so schräge Linien an der Seite! Könnte auch ein Ultraschallbild eines noch sehr wenig ausgebildeten Embryos sein. Kann nicht sein! Oder ein neuer Spiralnebel? Das ovale, runde Weiße, das sich von dem anderen, runden Weißen abhebt, ist also das böse, runde Weiße. Aha! Mann, ich kann auf dem Bild nichts Vernünftiges erkennen!, denkt Kurt beim Betrachten der Schwarz-Weiß-Bilder. Die können nicht einmal in Farbe!
Verlaufsformen folgen. Da sind wenigstens Kurven mit angegeben. Kurt schaut auf die Diagramme und sucht vergeblich die wichtigen Achsenbeschriftungen. Er erinnert sich dunkel an Mathe in der Schule. Für die Diagramme hätte es null Punkte gegeben.
Eine nach rechts ansteigende Gerade über einer Zeitachse. Und links der Pfeil nach oben zeigt den Behinderungsgrad an. Egal, ob Gerade oder Säulen auf der Gerade oder nur Säulen und später Gerade -- irgendwie kommt auf allen Bildern das Gleiche raus. Wenn ich jetzt bloß ein Lineal dabei hätte! Dann könnte ich nachmessen, was denn nun besser ist.
Ein Diagramm ist klasse. Ah, da gibt es ja doch noch was für mich!, denkt Kurt, als er die Seite aufschlägt. Links eine Säule, innen steht Schub -- mäßig hoch -- und rechts am Ende der Zeitskala eine niedrigere Säule. Geht doch! Es können also 20 Jahre vergehen, bevor wieder etwas auftritt, liest Kurt beruhigt. Dass er schon mehrere Schübe hatte und zuhause sein Ferrari-roter Rolli unter der Treppe steht, ist ihm egal.
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1 MRT = Magnetresonanztomographie
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Wo sind denn die Bilder mit Medikament? Da muss doch irgendetwas Anderes dabei herauskommen, oder? Kurt blättert die Kataloge jeweils mehrmals durch. Nichts! Kein Bild zu finden. Was ist denn nun der Unterschied von dem Zeug hier? Aha, hier sind Tabellen -- Inj.Lösung? Das wird doch nicht Injektion heißen?!
Doch, da steht es Schwarz auf Weiß. Subkutan! Was zum Teufel ist subkutan? Verdammt! Das ist eine Spritze! Und wo haut man sich die hin? Subkutan? Kurt blättert fieberhaft. Subversiv -- das kennt er. Das findet im Untergrund statt. Subway ist auch irgendwie im Untergrund! Endlich findet Kurt irgendwo im Text versteckt, dass man sich das Medi unter die Haut spritzt. Halten die mich für bescheuert? Wie tief unter die Haut, Mensch? Wie tief?? Dann findet Kurt einen weiteren Hinweis. Intramuskulär. In den Muskel? Das kann man doch nicht selbst! Sind die irre???
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Kurt hat bei allem, was man mit ihm veranstaltet hat, immer weggeguckt. Er wollte nie sehen, wie das Spitze sich in seinen Körper bohrt. Wie lang ist denn so eine Nadel? Unter den Muskeln kommt ja nur noch der Knochen. Da stechen doch nur Orthopäden hin! Oder? Haben die etwa nichts, was man einfach in Tablettenform einwirft? Zäpfchen würde ja gerade noch gehen, aber Spritzen! Kurt hat eine Sch***angst vor Spritzen. Er feuert die Kataloge ans Bettende und sitzt frustriert da, wild entschlossen, sich auch zukünftig nichts in den Körper zu stecken.
Plötzlich klopft es an der Tür. Kurt rührt sich nicht. Es klopft wieder.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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