ER tanzt den Veitstanz
Folge 35 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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<<< Über die Ästhetik des Rollstuhls
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Rolli-Kurt, so dürfen wir ihn fortan mit Stolz nennen, windet sich unter seiner Bettdecke in unruhigem Schlaf. Nicht die schönen Urlaubserlebnisse mit Claudia in Kroatien vor wenigen Wochen bereiten ihm einen traumgeprägten Schlaf. Vielmehr scheint der Ort des Geschehens einige tausend Kilometer weiter südöstlich in einer unwegsamen Landschaft in der Türkei zu liegen. Augenscheinlich hat Kurt eine Seelentransformation in den Körper eines Derwischs vollzogen. An diesem geheimnisvollen Ort eines strahlend weißen Naturdenkmals - Pamukkale - werden die Tänze der Derwische, dem Veitstanz nicht unähnlich, noch heute aufgeführt. In bunten Gewändern, die so schon vor Jahrhunderten getragen wurden, führen die Derwische ihre hohe Tanzkunst auf und wirbeln durch die Landschaft, als seien sie toll geworden. Die Beine tanzen nach unnatürlichen Bewegungsmustern durch die karge Landschaft. Als der Tanz seinem extatischen Höhepunkt entgegen treibt, wacht Kurt schweißgebadet auf.
Der Blick unter die Bettdecke verheißt nichts Gutes. Sein rechtes Bein ist immer noch in der Türkei und hüpft fröhlich vor sich hin. 'Aufwachen!', denkt Kurt beschwörend. Aber das Bein fühlt sich nicht angesprochen und macht weiter, was es will, ungeachtet der Tatsache, dass es ein Teil von Kurts Körper ist. Der Kontakt von der Befehlszentrale - Kurts Gehirn - zu dem Körperteil hin ist abgebrochen. Nur der Kontakt vom Bein zum Hirn existiert weiter, und schmerzhaft zappelt das Bein da im Bett, bemüht, den Derwischen Konkurrenz zu machen.
Das Bein ist völlig außer sich vor Tanzlust. Je mehr Kurt dagegen ankämpft, um so schlimmer wird es. Irgendwann, später, hört dieses Gehwerkzeug, das gestern noch eindeutig zu Kurt gehörte, mit den Faxen auf und Kurt schläft endlich wieder ein, traumlos.
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Wie lange der nächtliche Ausflug in die Türkei gedauert hat, kann Kurt nach dem Aufwachen nicht sagen. Sein gewohnt dynamischer Schwung aus dem Bett findet auf dem Boden davor ein jähes Ende. Statt wie einige Stunden zuvor in kunstvollen Verrenkungen tanzend, hängt nun ein steifes Brett aus seiner Hüfte. Zu nichts zu gebrauchen, und zum Gehen schon gleich gar nicht.
'Das war kein Traum. ER treibt wieder sein bösartiges Spiel! ER ist noch da. ER ist ein Teil von mir.' Langsam biegt Kurt sein Bein aus der Streckung und robbt zum Telefon. Das letzte Mal, als er in seiner Wohnung auf dem Boden lag, hatte er Besuch von den Apachen, denen sich sein Bein trommelnd anschloss. Jetzt ist das Bein in einen Beton gegossenen Klotz mutiert.
"Claudia?"
"Kurt bist du das?", hört er Claudias verschlafene Stimme aus dem Hörer.
"Ja."
"Was ist los? Du hörst dich so komisch an!"
"Mein Bein ist ... ich weiß auch nicht was ...", stammelt Kurt in den Äther.
"Beruhig dich, Kurt. Bitte! Hast du einen Schub?"
"Es ging mir so gut. Ich, ich ..."
"Pass auf, Kurt. Ich bin in zwei Stunden bei dir. Jean-Baptiste wird mich fahren. Ruf sofort bei deinem Neuro an und sag, du müsstest jetzt kommen. Nicht Morgen, nicht übermorgen und schon gar nicht in ein paar Wochen!"
Ein dünnes "Ja" kommt über Kurts zu einem Strich gewordenen Lippen. ER hat voll und ganz von ihm Besitz ergriffen. Sein Körper ist ihm fremd. Unheimlich. Der Rest seiner rechten Körperhälfte, außer dem tauben Bein, pulsiert, als wanderte ein kompletter Ameisenstaat direkt unter der Haut hin und her. Das war ihm eben nicht aufgefallen. Zu sehr war er mit seinem neuen Bein beschäftigt.
"Kurt, hast du das verstanden?"
"Ja."
Kurt legt auf.
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Jean-Baptiste hatte am Morgen nicht eine Sekunde gezögert und Claudia zu Kurt gefahren. Zum Glück hat Kurt sofort einen Termin bekommen. Allerdings mit endlosem Warten verbunden.
Claudia ist total nervös und erkundet bei dem Versuch, den Zeigefinger anzufeuchten, um die "Neue Post" aufzuschlagen, ihre gesamte Gesichtsfläche. Das Wartezimmer beim Neuro ist rappelvoll. Interessiert beobachtet ein kleiner Junge Claudias Bemühungen. So sitzen sie in dem engen Warteraum. Wortlos.
Claudia hat es aufgegeben, in der Zeitung zu blättern, und hält Kurts Hand. Kurt kommt sich vor wie ein Tippkick-Spieler, eine dieser Spielfiguren für Kinder, deren eines Bein gebeugt mittels Knopf im Kopf der kleinen, etwa vier Zentimeter großen Figur zum Schuss nach vorn schnellen kann. Das andere Bein steckt gestreckt in einer kleinen Platte, die der Spieler mit einem Finger auf das Spielfeld drückt. Dann auf den Knopf gedrückt und der eckige kleine Ball schießt über das Spielfeld gen gegnerisches Tor. Kurt hat zwar keinen Knopf auf der Schädeldecke, aber er kommt sich ohne die Möglichkeit, das Bein zu strecken und nur in der Hüfte beweglich, wie ein 78 kg-Tippkick-Spieler vor.
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Endlich wird Kurt aufgerufen. Was für ein Bild! Kurt war bei der Wahl der Hilfsmittel nicht von den Krücken abzubringen gewesen (aus "Jugend-forscht"-Gründen, denn es könnte ja sein, dass es funktioniert). Nun geht er auf mühsam, vorn über gebeugt, mit den zwei unterschiedlichen Beinen eines Fremden. Neben ihm Claudia, vor Aufregung ataktisch schüttelnd. Außer dem kleinen interessierten Jungen starren alle anderen Neurokunden geschlossen, unbeteiligt, Desinteresse mimend auf den Boden oder auf die schlecht gereinigten Fingernägel.
"Das sieht ja nicht gut aus, Herr Schmitz", fällt der Neuro gleich mit der Tür ins Haus. "Sie hatten doch sonst keine so schwere Spastik im Bein, oder?"
"Nein, das ist neu. Heute nacht ..."
"Seit wann befinden Sie sich in diesem Zustand?"
Genau das wollte Kurt gerade, bevor er unterbrochen wurde, erzählen. Nach dem gesamten Repertoire neurologischer Untersuchungen steht fest: Kurt hat einen Schub.
"Haben Sie schon einmal etwas von intrathekaler Kortisongabe gehört?"
"Nö."
"Das ist eine in Kliniken ..."
’Klinik?’ hallt es wie Donnergebrüll in seinem Schädel. Kurt blendet den Rest des gut gemeinten Vortrags aus. ’Klinik? Ich komme gerade aus der Klinik! Gehe in den Urlaub. Komme aus dem Urlaub. Und jetzt wieder in die Klinik? Der hat sie wohl nicht alle. Ärzte. Aus der Schule in die Uni. Dann Assi. Die öden Vorlesungsräume fix gegen öde Patientenzimmer getauscht. Weißen Kittel übergeworfen und, wenn Papi auch Arzt war, die Praxis übernommen. Klinik! Der hat doch keine Ahnung von der realen Welt. Außerhalb von Klinikmauern und Arztpraxen gibt es ein reales Leben. Ich muss zur Arbeit ...'
"Haben Sie mir zugehört, Herr Schmitz?"
"Ja, wie? Klinik?"
"Glauben Sie mir, das scheint mir eine wirklich gute Therapie für Sie. In zwei, drei Tagen sind Sie wieder raus. Ich mache Ihnen eine Überweisung fertig und schreibe Sie arbeitsunfähig ... Herr Schmitz, ist alles in Ordnung?"
’Arbeitsunfähig? Ist der wahnsinnig?’, denkt Kurt. 'Wozu brauche ich mein Bein bei der Arbeit?’ Kurt hat das Gefühl, dass sein Gehirn auf Erbsengröße zusammengeschrumpft ist. Jedes Suchen nach einem Ausweg führt in eine Sackgasse in seinem Schrumpfhirn. Langsam macht sich lähmendes Entsetzen in ihm breit. Was soll er bloß auf dem Amt erzählen? Was sollen seine Kollegen denken, die gerade für Wochen seine Arbeit mitmachen mussten. Kein Gedanke an die bevorstehende Therapie. Keine Auseinandersetzung mit der Krankheit, mit drohenden bleibenden Behinderungen, kein Gedanke an den eigenen Körper. Kurts Gedanken kreisen einzig um seine Arbeit, das, was den Deutschen ausmacht, was ihn in der Welt berühmt und berüchtigt macht. Egal, wie sehr sich Kurt bemüht, die Realität zu verdrängen, tief in ihm ist alles ganz klar. Er weiß, dass es Wichtigeres gibt als Arbeit. Nur wahrhaben will er es nicht.
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Claudia ist wieder nach Hause gefahren, nachdem sie zusammen ein paar Tage zusammen bei Kurt verbracht haben. Kurts Spastik im rechten Bein ist trotz krampflösender Medikamente unvermindert stark. Seine Hoffnungen auf Besserung ruhen auf der anstehenden Behandlung. Was da genau passieren soll, weiß er gar nicht, zu sehr war er mit seiner Arbeit beschäftigt, als ihm sein Neuro erklärte, was genau gemacht werden soll.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
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