Über die Ästhetik des Rollstuhls
Folge 34 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Es ist zwar Urlaub, aber Kurt kommt sein Rolli in den Sinn. Ist es das jetzt. Er macht sich aus den Erfahrungen eine Liste mit Vor- und Nachteilen.
| *Vorteile* | *Nachteile* |
| fährt super | nicht faltbar |
| sieht super aus | kann man nicht selbst schieben |
| Steifigkeit perfekt | auf Kopfsteinpflaster: zu kleine Lenkräder |
| sehr leicht | durch den Radstand etwas breit |
| sieht super aus | man kann nicht geschoben werden |
| sieht super aus | kein Stockhalter |
Kurt hört auf mit der Liste. Sie wird ihm zu einseitig. Eigentlich möchte er den Rolli nicht wieder herausgeben.
"Vielleicht kann dein Sanitätsfritze da noch etwas machen, an dem einen oder anderen Punkt.", meldet sich Claudia zu Wort.
"Ja, vielleicht."
Kurt ist hin- und hergerissen. "Sieht super aus" -- ist das überhaupt ein Argument? Für ein Auto, ja, aber für einen Rollstuhl? Wenn er mit dem Ferrari unterwegs ist, wird er angeschaut, als würde er wirklich in einem Ferrari sitzen. Nicht er steht im Mittelpunkt, nein, der Rolli wird bestaunt. Die Behinderung verschwindet im Auge des Betrachters. Beim Flanieren auf der Promenade in Porec geht der Blick der Entgegenkommenden direkt zum Rollstuhl. Die Kinder zeigen mit Fingern auf das Gefährt. Erwachsene drehen sich noch einmal um, wenn sie an Kurt vorbei sind. Das Schlimme, das Kranke, spielt keine Rolle. Die Angst 'Das könnte mir auch passieren!' kommt gar nicht erst auf.
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Wie sehen 90% der Rollstühle aus? Genau: Krank sehen sie aus! Mindestens so krank wie ihre Insassen. Was reitet die großen Hersteller von Rollstühlen, dunkle, hässliche Beförderungsstühle zu produzieren, die den Insassen auch dunkel, hässlich und krank aussehen lassen? Kinder begegnen Kurt und fragen: "Was hast du denn? Du siehst überhaupt nicht krank aus." Kurt sieht nicht krank aus, weil der Rolli nicht krank aussieht. Wie sieht man aus, wenn man krank ist?
Direkt nach seiner Reha hatte Kurt einen alten Bekannten in der Stadt getroffen. Völlig entgeistert starrte der auf den Rollstuhl, Kurts Hippe, Modell Friedhofsmauer dritte Reihe rechts. "Was ist denn dir passiert?" Man muss dazu sagen, dass der Bekannte schon vor Jahren an Hodenkrebs erkrankt war. Wie konnte der so bestürzt sein über Kurts Zustand? Er selbst sah aus wie das blühende Leben. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass der Krebs aus den Hoden auf dem Weg durch den gesamten Körper eine Spur der Verwüstung angerichtet hatte. Er sah gut aus. Noch bevor Kurt und Claudia abreisten, erlag er seinem Krebsleiden.
Der sah doch so gesund aus?
In einer "Standard Kassenversorgung" sieht selbst jemand mit einem gebrochenen Bein krank aus. Diese Rollis machen krank. Das Bedauern der Entgegenkommenden wird durch den obligaten Blick auf den Boden deutlich zum Ausdruck gebracht. Wie soll der im Rolli Sitzende den Blick erwidern, wenn er keines Blickes gewürdigt wird? Der Rollstuhl ist der Inbegriff des Abstiegs, man "endet" im Rollstuhl. Schon die Begriffe symbolisieren das Schreckgespenst Rollstuhl. Es ist der Ausdruck von Aufgeben, von Abhängigkeit, von Aussichtslosigkeit. Das muss der Grund dafür sein, dass es dem Rollstuhlfahrer in den Augen der Passanten nicht gestattet ist aufzustehen. Gedanken lesen wird da leicht gemacht.
"Wieso steht der denn jetzt auf?"
"Wieso braucht der überhaupt einen Rollstuhl?"
"Wir müssen das alles bezahlen!"
Als wäre es mit Leuchtbuchstaben auf die Stirn -- besonders der älteren Leute -- geschrieben, sieht man die Gedanken in der Mimik des Passanten. Wenn man sich noch nicht krank gefühlt hat, dann auf jeden Fall jetzt. Reicht es nicht, dass man krank ist? Muss man auch noch so aussehen?
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In amerikanischen Filmen, in denen die Protagonisten im Krankenhaus landen, sitzen diese bei Ein- und Auslieferung, auch wenn sie nur eine Magenverstimmung haben, im Rollstuhl. Der Zuschauer kommt ganz bestimmt nicht auf die Idee, dass George Clooney, weil er sich den Zeh gebrochen hat, nun für den Rest der ungemein realistischen 1000 Folgen einer Krankenhaus-Soap an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Wer in Deutschland an den Rollstuhl "gefesselt" ist -- was für ein Ausdruck! -- befreit sich von seinem Übel oder hat gefälligst drin sitzen zu bleiben.
Hier in Porec hat Kurt bis jetzt fast gar keine Rollstuhlfahrer gesehen. Einer bleibt jedoch in Erinnerung. Er hatte in bunten Farben leuchtende, durchsichtige Scater-Lenkräder. Sie leuchteten, wenn sie sich drehten. Der absolute Hingucker. Noch beeindruckender als Kurts Rolli.
"Hee, schau mal! Die Räder leuchten!"
Was so eine Kleinigkeit doch ausmachen kann. Der Blick fällt zuerst auf die Räder. Dann ein kurzer Moment des Erstaunens. Die Aufmerksamkeit ist nun ganz beim Rollstuhl. Ein positiver, fröhlicher Eindruck stellt sich ein. Man lächelt und tuschelt sich zu. Und nun gibt es Blickkontakt. Das Eis ist gebrochen. In den Augen der Entgegenkommenden sieht man nichts mehr von "der arme kranke Rollstuhlfahrer". Zwei leuchtende Räder reichen aus, das Weltbild auf den Kopf zu stellen. Es erfordert allerdings sehr viel Mut, sich derart in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sicher, man erntet viel mehr Aufmerksamkeit, aber dafür ist es auch positive Aufmerksamkeit. Ein bemitleidenswerter Mensch im Rollstuhl hat keine bunten, leuchtenden Räder am Stuhl. Jemand, der so durch die Gegend fährt, ist nicht ganz unten. Der ist ein Mensch wie jeder andere auch.
"Sieht super aus" ist vielleicht doch das wichtigste Argument.
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Kurt ist im Rollstuhl angekommen. Er braucht ihn zwar im Moment nur selten, aber verzichten möchte er nicht mehr auf seinen roten Ferrari. Transformationen, unmerkliche Veränderungen. Jetzt ist Kurt Rolli-Kurt. Kurt ist Vergangenheit. Er kann sich kaum noch an Kurt erinnern. Den Bindestrich hat er sich redlich verdient. Claudia und ihre selbstverständliche Beharrlichkeit ... -- wer weiß, wie lange er ohne sie mit der Akzeptanz des Rollis gekämpft hätte oder weiterhin kämpfen würde. Mancher schafft es nie.
Ist er jetzt gesünder geworden? Oder hat sich etwa wieder überhaupt nichts geändert?
Wieder kann Kurt das Erreichte nicht genießen. Dieses Mal ist er sich nicht einmal ganz klar, was er geleistet hat. Es gibt kein Diplom für veränderte Lebensbedingungen. In einer Gesellschaft, die nur den Besten huldigt, die nach einer neuen Elite schreit und in der sich Arbeit als Hauptdaseinsgrund des Menschen etabliert hat, in der Besitz ein göttliches Ziel ist und in der Körperkult nichts mehr mit dem Ideal der Griechen zu tun hat, sondern in Muckibuden und Kliniken für Schönheitsoperationen betrieben wird, in so einer Gesellschaft mit so einem Menschenbild ist es wahrlich nicht verwunderlich, dass Rolli-Kurt seinen gewaltigen Erfolg selbst nicht erkennen, geschweige denn genießen kann.
Kleine leuchtende Räder schaffen es, diese Strukturen für einen Augenblick in der Begegnung, in der Stadt oder auf der Promenade, aufzubrechen. Für diesen kurzen Augenblick ist das Menschenbild wieder zurechtgerückt.
Man schaut sich in die Augen und lächelt. Der Behinderte ist verschwunden.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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