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Schwimmen lernen …

Rolli-Kurt

Folge 32 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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„Komm, jetzt lass die Hose runter“, fordert ihn Claudia auf. Sie liegt auf der Liege am Privatstrand und trägt einen todschicken Bikini, der aussieht, als müsse er erst noch wachsen, um ein richtiger Bikini zu werden. Das ist aber nichts gegen Kurts Outfit. Es ist nicht gerade ein Bändchen, das das vordere Stoffdreieck am Abfallen hindert, aber es verschwindet beim Gehen trotzdem vollständig.

„Geil Kurt!“, bewundert Claudia den neuen Gigolo. Kurts Haut hat seit Jahren keine Sonne gesehen. Um den Kurt der Badehose anzupassen, müsste er den Urlaub um mindestens 4 Wochen verlängern und ständig seine wie Carrara-Marmor schimmernde, strahlend weiße Haut der Sonne aussetzen. Er ist der Hingucker am Strand. Eine Kalkleiste im Ludenoutfit. Claudia hat ihren Spaß.

Die Betonplatten, die bis zum Wasser reichen, decken die spitzen Steine des felsigen Untergrundes der Küste ab und ermöglichen Kurt den barrierefreien Weg zum kühlen Nass. Daran schließt sich ein schmaler Holzsteg an, von dem aus man aus 2 Metern Höhe ins Wasser springen kann. Wenn man kann. Kurt geht festen Schrittes, die letzten Meter ohne Krücke, auf die hintere Kante des Steges zu. Er wippt einmal elastisch in den Beinen und springt zum perfekten Kopfsprung bereit vom Steg ab.

Denkt er jedenfalls. Im Rehabecken waren Kopfsprünge nicht erlaubt. Woher soll Kurt also wissen, dass sein Bein beim Absprung keinerlei Grund dafür sieht, den Körper vom Boden abzuheben. Wie ein nasser Sack fällt er vornüber, in Richtung Wasseroberfläche. Erstaunt schlägt er mit einem klassischen Bauchklatscher auf dem Wasser auf. Als er das Wasser wieder verlässt, hat der Oberkörper die Farbe der Badehose. Jetzt lernt Kurt den unschlagbaren Vorteil seiner neuen Badehose kennen. Sie trocknet innerhalb von Sekunden.


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„Komm doch auch mal mit ins Wasser!“, fordert Kurt.

„Nee Kurt, ich habe keine Lust.“

„Los komm. Ich habe den Spaß mit der Badehose auch mitgemacht.“

Schweigen. Dann gesteht Claudia, dass sie nicht weiß, wie sie ins Wasser kommen soll. An Topi geht sie wie eine Eins. Frei stehen geht aber gar nicht. Claudia ist so geschickt im Umgang mit Topi, dass Kurt das überhaupt noch nicht richtig aufgefallen war. Er gibt ihr einen zärtlichen Kuss und zieht sie sanft von der Liege hoch. Bis zur Kante des Steges nimmt Claudia den Rollator. Dann Kurt nimmt sie fest in seine Arme, die keinen Zweifel an Sicherheit und Geborgenheit aufkommen lassen. Er lässt die Krücke fallen und sie stehen eng umschlungen an der Stegkante. Sie lehnt ihren Kopf an seine Brust und mit der Stabilität von vier Beinen und vier Armen lassen sie sich ins Wasser fallen. Sie lassen nicht einen Moment in der Umarmung nach und dringen gemeinsam tief ins Wasser ein und tauchen wie ein Korken wieder auf.

Claudia vertraut Kurt voll und ganz. Er hält sie, ohne mit ihr darüber gesprochen zu haben, wie ein Rettungsschwimmer, gerade im Wasser. Claudia ist durch ihr verlorengegangenes Gleichgewicht nicht in der Lage, allein zu schwimmen. Sie muss nichts tun. Er zieht sie bedächtig auf dem Rücken liegend durch das ruhige Meer. Das Salzwasser trägt. So verbringen sie eine ganze Zeit im Wasser, bis ihnen langsam kalt wird.


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„Halte dich bitte an der Leiter fest. Dann machen wir immer gemeinsam einen Schritt. Ich bin hinter dir und gebe mit meinem Körper halt. Schaffst du das?“

„Ich weiß nicht.“

„Denk an die Sprossenwand in der Reha. Die Übungen.“

Claudia beginnt, unter Wasser den Fuß auf die erste Sprosse zu stellen. Kurt stellt sich zwei Sprossen tiefer auf die Metallleiter und presst seinen Körper eng an ihren. So gehen sie langsam im Gleichtakt, immer nur ein Bein und Pause, die Leiter bis oben hin. Oben angekommen warten schon Krücke und Rollator wie das sichere Ufer auf die beiden.

Claudias Augen sind gerötet. Das Salzwasser ist nicht der Grund. Sehen so Gewinner der Aktion-Mensch-Lotterie aus? Eher die vermeintlichen Nutznießer. Claudia ist seit ihrem schweren Schub vor fünf Jahren, mit 22, nicht mehr im tiefen Wasser gewesen. Sie war auch vorher schon keine herausragende Schwimmerin. Gemeinsam genießen sie eines der Erlebnisse der frischen Liebe, Vertrauen. Claudia rollen immer noch unaufhörlich die Tränen über das Gesicht. Kurt hält ihre Hand und schweigt.


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Der Pool, Inbegriff deutscher Urlaubskultur, auch er darf in einem guten Hotel nicht fehlen. Heute wollen die beiden einen gemütlichen Tag am Pool verbringen und bei coolen Getränken die Seele baumeln lassen. Kurt kennt den Badehandtuch-Terror nur aus dem Fernsehen und bekommt jetzt, nach einem gemütlichen Frühstück gegen 10.30 Uhr, einen Einblick in die Psyche des Pooltouristen. 75% der Liegen sind frei, aber fast 100% sind mit Badetüchern als Zeichen des Besitzes belegt.

„Ist das in teuren Hotels auch so?“, fragt Kurt erstaunt.

„Da ist kein Unterschied.“

Endlich doch noch ein Plätzchen gefunden, beginnt der Hauptspaß am Pool: Leute beobachten, Gespräche belauschen und... das war´s eigentlich auch schon. Die ersten Beobachtungsopfer: Ein sehr ungleiches italienisches Pärchen. Er Mitte Fünfzig. Sie Mitte Zwanzig. Er telefoniert unaufhörlich mit dem Handy und macht Notizen. Sie flaniert in ihrer ganzen Schönheit am Pool entlang und beginnt dann mit der Körperpflege. Der Pool hat eine 25-Meter-Bahn, wie es sich für diese Kategorie gehobener Preisklasse gehört. Sie schwimmt erstmal 20 Bahnen zum Warmmachen und geht dann zum eigentlichen Zweck der Übung, dem Pomuskeltraining mit Handbrett über. Noch etwa 20 Bahnen. Bis zum Mittagessen sind beide unaufhörlich ihrer Bestimmung gerecht geworden und verschwinden.

Irgendwie ist es etwas langweilig. Kurt hat viel mehr Aktion erwartet. Doch dann setzt sich neben die beiden eine ganze Gruppe von deutschen Touris. Gerade eingeschmiert mit Tiroler Nussöl geht es los. Man beobachtet aus dem sicheren Schutz des Sonnenschirms einen der Hausmeister, der seit den frühen Morgenstunden dabei ist, den sehr schön angelegten Garten rund um den Pool zu pflegen.

„Früher wehte hier ein ganz anderer Wind.“

„Waren Sie schon öfter hier.“

„Ja! Wir kommen schon das 16. Jahr. Der alte Hausmeister, der war einer! Dem hier kann man im Gehen die Hose flicken.“

„Die Arbeit haben die ja auch nicht erfunden“, gibt der Mensch zum Besten, der breitbeinig neben Claudia liegt und der einen Bierranzen hat, auf dem er im Sitzen bequem zwei Maß abstellen kann.

„Seitdem die alle in der EU sind, müssen wir die auch noch mit durchfüttern.“

„Sind die denn hier in der EU?“

„Keine Ahnung! Aber wenn die Türken schon wollen. Das ist doch viel weiter weg.“

„Ja, stimmt.“

„Tommy, du sollst den Kellner nicht immer nass spritzen. Diese Kinder!“

Tommy, das kleine Monster, vergnügt sich schon den ganzen Morgen damit, den Kellner, der die Getränke bis an, zur Not auch bis in den Pool bringt, nass zu spritzen. Zum Glück ist der Junge motorisch so gestört, dass ihm das nur unzureichend gelingt. Als Kurt hört, dass die Familie aus Köln-Berkheim kommt, fragt er sich, bei was für einer obskuren Lotterie die wohl 16 Mal gewonnen haben.

Nachdem der Kellner schon zweimal die Klamotten wechseln musste, kommt Tommy aus dem Pool und stimmt in die Klugscheißerei mit ein: „Die können ja auch nicht Auto fahren hier. Die ganzen verbeulten Autos!“

„Und diese komische Sprache!“ meldet sich die Frau des Berkheimers standesgemäß zu Wort.

„Und das wird auch immer teurer hier. Mensch früher, da war das noch was.“

„Ja die Osteuropäer wissen ganz genau, wie sie uns das wohlverdiente Geld aus der Tasche ziehen können.“

„Also sind die doch in der EU“, fachsimpelt Frau Berkheim.

„Dass die hier jetzt auch schon Behinderte aufnehmen.“

„Wieso?“

„Gestern stand ein Rollstuhl an der Rezeption.“

„Aha. Ich habe ja nichts gegen Behinderte. Die wollen doch auch bestimmt unter sich bleiben, oder was meinen Sie?“

„Bestimmt!“

Claudia ist eingeschlafen und Kurt setzt sich die Kopfhörer auf. Er fühlt sich an zuhause erinnert. Die restlichen Tage des Urlaubs meiden sie den Pool und Claudia freut sich schon auf die Schiffsfahrt.


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Am Abend verschwindet die Sonne glutrot leuchtend langsam im Meer. Kurt kann sich gar nicht satt sehen, kennt er dieses Szenario sonst ausschließlich von Hochglanzpostkarten.

„Kurt, komm doch mal gerade! Morgen geht die Sonne auch wieder unter“, ruft Claudia halbnackt auf dem Bett sitzend. „Du musst mir beim Anziehen helfen!“

Kurt findet Claudia auf dem Bett mit einem schwarzen Irgendetwas kämpfend, in das auch ein gesunder Mensch nur schwer hereinkommen würde. Er hat keine Ahnung, wie man so etwas nennt und benötigt genaue Instruktionen, um das Ding auf Claudias Körper zu installieren. Als das Kunstwerk vollendet ist, steht Claudia für einen Moment ohne Rollator, leicht schwankend. Der Versuch sich im Kreis zu drehen scheitert. Er steht mit offenem Mund da und ist sprachlos bei so einem Anblick.

„Nun sag mal! Gefällt es dir oder sehe ich doof aus?“ So eine Frage kann auch nur eine Frau stellen.

„Ja ich...“, druckst er auf das schwarze Kleid starrend. „Toll, du siehst total super aus. Mit dem Kleid kannst du dich auf dem roten Teppich, bei den Filmfestspielen in Cannes, zu den Reichen und Schönen stellen.“

„Mit Rollator übern roten Teppich. Klar!“

Kurt hat seine beste Ökoleinenhose und ein weißes Hemd angezogen. Das muss reichen. So fein gemacht begeben sie sich in das dem Hotel gegenüberliegende Gourmet-Restaurant. Ein Besuch ist Bestandteil des Gewinns. Jeder Tisch scheint einen eigenen Kellner zu haben. Kurt findet das etwas übertrieben. Der Kurt-und-Claudia-Kellner murmelt etwas auf Französisch, was Kurt allerdings nur spanisch vorkommt.

„Möchten wir einen Wein? Weiß oder rot?“

„Isch gebe misch vollständig in deine Hände, Scherrie“, antwortet er mit einem gekünstelten französischen Akzent.

Alles Weitere wickelt sie mit der Erfahrung eines Profis in perfektem Französisch ab.

„Und? Was kriegen wir jetzt?“

„Las disch überraschen, Scherrie!“, französelt sie ihm zu.

Ihm fällt gerade auf, dass er der einzige Mann in dem Lokal ohne Krawatte ist. Er erwartet jeden Moment ein heranstürmendes Kellnerbataillon, mit Leihanzug und Krawatte. Statt dessen kommt der Kellner mit dem Wein. Er öffnet die Flasche und schaut etwas ratlos zu Claudia herunter. Die nickt ihm zu und sagt etwas auf Französisch. Auf einem silbernen Tablett mit schneeweißen Tüchern bedeckt hat er Trinkhalme versteckt. Kurt muss erst gar nicht darauf hinweisen, dass Claudia das Ritual des Weinprobierens übernehmen soll.

Als sie fachfrauisch, mit Trinkhalm, den Wein kostet, haben die beiden die gesamte Aufmerksamkeit des Restaurants auf ihrer Seite. Er fühlt sich sehr unwohl. Sie kennt das Ganze schon und sagt: „Der Wein ist gut.“ Worauf der Kellner auf Deutsch antwortet: „Darf ich dann das Essen servieren?“

Nur Bruchteile von Sekunden später strömen zwei weitere Kellner mit riesigen Tellern zu ihnen. So groß die Teller, so wenig ist drauf. Kurt macht ein etwas enttäuschtes Gesicht. Worauf Claudia lächelnd darauf hinweist, dass es der erste Gang ist. Er weiß zwar wieder nicht, was er isst, aber schmecken tut es grandios.

Die Abscheu in den Blicken der anderen Anwesenden ist fast körperlich zu spüren. Als sich Claudia tief kopfüber hinunter zum Teller beugt, den rechten Arm mit der Gabel auf dem Tisch aufliegend, damit der Weg von Gabel zu Mund so kurz wie möglich ist, geht ein Raunen durch den Saal. Überall wird über die unmöglichen Tischmanieren getuschelt. Kurt erinnert sich an seine Fantasien mit Claudia in einem italienischen Restaurant. Die Realität ist leider viel abstoßender als er es sich in seinen Albträumen ausgemalt hatte.

Claudia greift Kurts Hand und sagt: „Mach dir keine Gedanken und genieß das Essen. Das habe ich schon unzählige Male mit meinem Vater erlebt.“

Überall an den Tischen gibt es Diskussionen mit den Kellnern. Offensichtlich fordert man, dass die Urmenschen den Saal verlassen. Claudia hatte schon bei der Ankunft auf ihre speziellen Bedürfnisse, wie Trinkhalm und dass Fleisch und Fisch geschnitten und gabelfertig serviert werden müssen, hingewiesen. Was die Kellner den anderen Gästen erzählen, bleibt ihnen überlassen. Die zur Upperclass zählende Klientel meint offensichtlich, wenn man schon üppig spendet, muss man nicht noch in seinem Refugium durch Nutznießer gestört werden.

Das Essen war wirklich eine Wucht, aber es ist nicht nötig, noch länger in der Lokalität zu verweilen. An Krücke und Rollator verlassen sie aufrecht das Restaurant.

„Wie fandest du es?“

„Ich bin tausend Tode gestorben, Claudia.“

„Das härtet ab“, sagt sie lapidar, „glaub mir, das härtet ab.“


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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