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Kurt hebt ab

Rolli-Kurt

Folge 30 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Abflugzeit ist 6.00 Uhr. 1½ Stunden vor Beginn da sein; 1½ Stunden Fahrtzeit, macht 2.00 Uhr aufstehen. - Der Wecker bimmelt gnadenlos und mit zunehmender Intensität. Claudia und Kurt liegen ineinander verknotet, wie Gott sie schuf, in der Spielwiese, und es scheint unmöglich, die Frischverliebten-Position aufzuknoten, um den Scheiß-Wecker auszumachen. Nach allerlei akrobatischen Verrenkungen ist diese erste Hürde des großen Tages genommen. Katzenwäsche und auf geht's.

Die Hansens stehen bereits abschiedsbereit und winkfertig vor der Tür. Das Gepäck hatte schon am gestrigen Abend den Weg in die Tiefen des riesigen französischen Kofferraums gefunden. Dann kann es losgehen.

Mutter Hansen drückt erst Claudia und dann, wie selbstverständlich, Kurt. Es fühlt sich gut an.

"Dann macht`s mal gut ihr beiden. Und pass mir gut auf deinen Kurt auf."

"Mama!"

Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein? Petra hat am Vorabend die Lage messerscharf analysiert und die Positionen für einen gemeinsamen Urlaub folgerichtig verteilt.

"Wir müssen los! Denk dir nichts dabei. Frauen...", unterbricht Jean-Baptiste und erntet dafür von seiner Frau einen schrägen Blick.


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Kurt ist noch nie geflogen. Mit nahendem Abflugtermin wird Kurt immer mulmiger zumute. Am Flughafen angekommen, hat sich Kurts Blut in die unteren Körperregion verabschiedet und eine graue, ungesunde Gesichtsfarbe hinterlassen.

"He, Kurt! Was ist los? Geht´s dir nicht gut?", fragt Claudia mit besorgter Stimme.

"Ist schon Ok. Ich bin nur noch nie geflogen."

"Noch nie!", ruft es wie verabredet aus den Hansens. Diese Vorstellung war den Hansens nun wirklich völlig suspekt. Als alles aus dem Auto raus ist, steht Kurt schon wieder an seinem Rolli, statt drin zu sitzen. Eine kurze, nette, aber bestimmte Aufforderung seitens Claudia bedeutet ihm, sich aber ganz schnell wieder hinzusetzen.

Das Gewimmel um ihn herum macht Kurt wahnsinnig. Andauernd rennen ihm Touris, den Blick immer auf die Anzeigetafeln und nicht auf die Niederungen gerichtet, vor die Räder. Es gibt keinen Unterschied in Herkunft und Stand. Die Ballermann-Touris, mit Mini-Deutschlandfahne auf dem Strohhut und Bierfahne aus dem Hals sowie die in feinem Zwirn gekleideten Ersteklasse-Touris tun sich da nichts. Kurt ist schwindelig, schon bevor der Start beginnt. An der Gepäckaufgabe verabschiedet sich nun auch Claudias Vater. Wie selbstverständlich nimmt auch er Kurt kurz in den Arm.

"Pass gut auf ihn auf!", stößt Jean-Baptiste in das selbe Horn wie seine Frau. Kurt macht offensichtlich einen sehr hilflosen Eindruck auf die flugerprobte Familie. Ok, Kurt ist außer mit dem Auto in Italien und zum Kiffen in Amsterdam noch nie im Ausland gewesen, aber hat er das auf der Stirn stehen? Ein unabhängiger Beobachter würde diese Frage ohne zögern aus vollem Herzen mit "Ja" beantworten.


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Claudia hat in Profimanier Ausweis und Ticket griffbereit auf dem Topi platziert. Wie ein gesunder 33-jähriger Mann mit normalem Habitus sitzt Kurt auf seinem Portemonnaie, als das Flughafenpersonal die Papiere verlangt. Der korpulente Mann im Hawaiihemd hinter Claudia und Kurt räuspert sich unüberhörbar zu dieser Verzögerung.

"Geht´s Ihnen nicht gut? Haben Sie was Falsches gegessen?," kontert Claudia schlagfertig mit einem provozierenden Blick auf den riesigen Bauch des Räusperers. Auch die dahinterstehenden Fluggäste kommen langsam in die bekannte deutsche Urlaubsstimmung. Köpfe ragen aus der Schlange und signalisieren mit wilden Bewegungen den bevorstehenden Wutausbruch. Man muss kein Lippenleser sein um zu erfassen, was alles an Schimpfworten in Richtung Störfaktor geschleudert wird.

Kurt ist von dem Gewimmel eine Etage über ihm wie benebelt. Bis er aufgestanden ist und endlich die Papiere gefunden hat, vergehen mindestens 40 Sekunden. Die Urlauber gebärden sich, als würde es um verlorene Lebenszeit gehen. Das Ticket wird abgerissen und Kurt setzt sich wieder.

Selbstverständlich mit dem Portemonnaie wieder in der Gesäßtasche. Also muss er am Band mit dem Durchleuchtungsapparat wieder aufstehen. Diesmal stört es die anderen Urlauber nicht, da Kurt einer intensiven Einzeluntersuchung neben der Schlange unterzogen wird. Claudia geht es mit ihrem Rollator übrigens genauso. Nachdem sie dankend auf den Flughafenrollstuhl verzichtet hat, will ihr der dienstbeflissene Mann bei der Gepäckaufgabe den Rollator entreißen. Ganz ruhig erklärt ihm Claudia, dass sie diesen Rollator als Handgepäck mitnehmen werde, wenn ihn nicht jemand, nachdem sie im Flugzeug sitze, in den Frachtraum brächte.


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Endlich ist die Kontrolle passiert und die Massen strömen aus allen Kontrollpunkten wie im Eisenspäne-Magnetismusversuch auf die Cafeteria zu. Die beiden treten auf Claudias Geheiß überhaupt nicht erst zum Kampf um die Sitzplätze an.

"Ist das voll!"

"Urlaubszeit, Kurt."

"Wir haben unsere Sitzplätze dabei."

"DIE FLUGGÄSTE SCHMITZ UND HANSEN VON FLUG NUMMER 3401 NACH RIJEKA WERDEN ZU FLUGSTEIG 5 GEBETEN.", schallt es aus den Lautsprechern.

Kurt schaut sich panisch um, als könne er die Ansagerin irgendwo im Gewölbe der Hallendecke finden. Claudia bemerkt abgeklärt: "Ohne uns können die anderen nicht rein."

Aufreizend langsam bewegen sich die beiden Ausgerufenen an der Schlange vorbei. Lange bevor der Flug überhaupt aufgerufen wurde, hatte es die Eisenspäne in die Schlangenformation vor das Gate gezogen. Claudia mit ihrem Hüftschwung und Kurt im Ferrari defilieren an schwitzenden Normalos mit schreienden Kindern vorbei und werfen dem Hawaiihemdträger einen extra langen Blick zu. Am Gate werden sie total nett in Empfang genommen und zur Maschine geleitet. Nach soviel Harmonie soll Kurt nun aus dem Rolli aussteigen.

"Die Krücken!"

Da haben wir nun die ersten nicht ganz unwichtigen vergessenen Gepäckstücke. Kurts Krücken. Wie auf Befehl streikt sein rechtes Bein. Er hätte das mit den Krücken nicht so laut sagen sollen. Offensichtlich hat sein Bein Ohren.

"Sollen wir Sie hereintragen, Herr Schmitz? Das ist kein Problem!", sagt ein Mann mit einer gelben Flughafenweste, der wie eine Erscheinung neben Kurt auftaucht.

"Nicht nötig, ich..."

Claudia unterbricht ihn harsch: "Herr Schmitz möchte sehr gern Ihr nettes Angebot in Anspruch nehmen, wenn es möglich ist."

Ohne dass Kurt in eine weitere Diskussion einstimmen kann, greifen ihm zwei starke Männer unter Arme und Po und liften ihn an. Zehn Sekunden später sitzt Kurt wie in den Flieger gebeamt in der ersten Reihe der zweiten Klasse. Claudia nimmt lächelnd neben ihm Platz. Kurt empfindet die Behandlung nicht als Hilfe, sondern als Erniedrigung übelster Sorte. Zum Glück wurde er nicht vor versammelter Mannschaft getragen.

"Komm, Kurt! Du möchtest doch nicht mit einem steifen Bein den ganzen Flug hier sitzen oder? Und raus musst du doch auch wieder." Claudia hat ja recht. Aber Kurt würde lieber auf den Brustwarzen zum Platz robben als getragen zu werden. Nur die Harten kommen in den Garten. Jetzt strömen alle anderen Fluggäste in den Flieger. Die hinteren Plätze zuerst, die Vorderen zuletzt. Eigentlich. Der Mensch mit dem Hawaiihemd hat es geschafft, diese Reihenfolge zu umgehen und blockiert nun den Gang. Schwitzend und ächzend wuchtet er unbeholfen sein viel zu großes Handgepäck in die Gepäckklappen.

"Schau mal, Kurt! Ist das nicht spannend?", sagt Claudia aufreizend laut, so, dass es dem Fleischberg nicht entgehen kann. Kurts Ärger verfliegt langsam und er kann sich voll und ganz auf die Angst vorm Starten konzentrieren.


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Wäre da nicht dieses putzige ADHS-Kind hinter ihnen, das nach dem Durchdringen der Wolkendecke im Begriff ist, den Sitz aus der Verankerung zu reißen. Einem Aufprall sollen die Sitze ja standhalten, aber wurden die auch im Kindergarten ausgiebig getestet? Mutter sagt nichts dazu. Die gesamte Familie samt Oma und Opa hat sich sofort nach dem Start die Kopfhörer aufgesetzt, auf volle Lautstärke gestellt und singt die modernen "Melodien für Millionen" aus vollem Hals mit. Derweil brüllt das Terrorkind Kurt seine Begeisterung über die Wolkenberge mit 100 Dezibel ins Ohr. Die Launen der Natur sind grausam. Kids mit dem Frequenzgang einer Sirene und dem Lautstärkepotenzial eines startenden Düsenjägers auszurüsten ist eine üble Laune. Solange die Wolken noch Spaß machen, ist der Höhepunkt des Spektakels in Reihe 2 noch nicht erreicht.

Als sich das Kind auch noch die Kopfhörer aufsetzt und mit der Eintönigkeit einer tibetanischen Gebetsmühle jeder Wolke eine Fantasiegestalt zuordnet und auch das mit 110 Dezibel, ist das Maß voll. Kurts rechtes Bein, sein Wohlbehagen-Sensometer, schlägt Alarm. Die Apachen sind bereit, ihren Dienst an Manitu zu verrichten. Kurt entschließt sich zu einer Verzweiflungstat, ohne wirkliche Erwartung eines Erfolges. Er dreht sich um, schaut zu den Familienangehörigen, die jedoch mit geschlossenen Augen den Fischerchören Konkurrenz machen, wendet sich nun dem kleinen Monster zu und bedeutet ihm mit dem Wink seines Zeigefingers etwas näherzukommen. Dann flüstert er ihm in das offene Ohr:

"He Kleiner! Ich habe in deinem Alter stachellosen Wespen die Flügel ausgerissen und beobachtet, wie sie langsam verrecken. Wenn du noch einmal an der Lehne reißt, schmeiße ich dich aus dem Fenster." Kurt führt den Zeigefinger vor seine gespitzten Lippen und macht: "Pssst!" Der Junge hat den Mund offen stehen, ohne dass erstmals seit Abflug ein Ton herauskommt. Noch das blanke Entsetzen in den Augen des 7-Jährigen voll auskostend, dreht sich Kurt langsam zurück und schenkt Claudia ein Lächeln. Für den Rest des Fluges herrscht Ruhe, ohne Apachen und Gebetsmühlen. In angenehmen Schlummer versunken bekommt Kurt weder die Alpen noch das grandiose Meerespanorama mit.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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