Ich komme
Folge 27 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Nach dem ausgiebigen Schönheitsschlaf gibt es einen schönen Kaffee in der Küche. Kurts Blick fällt in den Mülleimer mit der Werbung, die er heute Morgen weggeworfen hatte. Sein Kopf kippt langsam nach rechts, um das obere Blatt eines mit verziertem Rand bedruckten Kataloges genauer zu betrachten.
„Aktion Mensch“
Kurt schlürft seinen Kaffee und holt wenig enthusiastisch das Schreiben aus dem Müll. Er nimmt schon seit Jahren an der Verlosung Teil, hat aber noch nie etwas gewonnen. In der Annahme, dass mit seinem Geld etwas Anständiges angestellt wird, hat er sich ein Dauerlos gegönnt. Jedesmal, wenn es wieder nichts geworden ist mit einem Gewinn, schwört er sich, das Los abzubestellen. Das ist ja der Trick mit Einzugsermächtigungen. Man denkt einfach nicht an sie und schwupps, ist wieder ein Kündigungstermin verstrichen.
"Sie haben gewonnen!"
Kann das sein? Er soll tatsächlich etwas gewonnen haben. 1000 Euro? 10000 Euro? Oder? Jetzt wird Kurt schlagartig gerade auf seinem Küchenstuhl. Mit zittrigen Händen reißt er den perforierten Steifen an der Seite des Kuverts ab.
"Eine Woche Porec in Kroatien für zwei Personen im 5 Sterne Hotel"
Ernüchterung. Kein Millionär. Aber immerhin etwas gewonnen. Langsam weicht die Enttäuschung der Freude. Das erste Mal in seinem Leben hat er etwas gewonnen. Was so eine Reise wohl wert ist? Egal. Heiner wird begeistert sein über eine Abhängwoche, all Inclusive, im Ex-Jugoslawien. Kurts Fantasien über Urlaubseskapaden mit Freund Heiner werden jäh getrübt. Die Ferienzeit geht dem Ende entgegen. Heiner muss wieder in die Schule. Ob sie mit ihm..? Allein bei dem Gedanken beginnt sein Herz zu hüpfen.
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Die nächsten Tage sind zermürbend. Jeden Morgen wird Kurt schon um Sieben wach. 7 Uhr! Und das im Urlaub! Sobald er die Augen offen hat, stürmt er mit einem Stuhl zu seinem Briefschlitz und wartet auf die Post. Seit drei Tagen immer das Gleiche. Nichts von Claudia.
Dann fällt ihm morgens ein rosa Umschlag vor die Füße. Beim Greifen danach fällt er fast vom Stuhl. Das ist es. Sein Schicksal - er hält es in seinen Händen. In einem kitschigen rosa Umschlag. Der könnte von einer Konfirmation übrig geblieben sein.
Brieföffner, wo ist der Brieföffner? Kurt kann doch dieses Dokument des Herzens nicht einfach zerreißen. Mit Krücke bewaffnet und dem Umschlag in der Hand hastet Kurt in die Küche und kramt wie wild in allen Schubladen herum. So einen Brief muss man mit Brieföffner öffnen! Der Verzweiflung nahe schnappt sich Kurt ein Küchenmesser und schneidet den Umschlag auf. Scheiß auf den Brieföffner. Es ist eine Karte im Umschlag. Eine Postkarte. Kein Brief. Kein Absender auf dem Umschlag.
"Mann, verdammt!", schreit Kurt und starrt auf das Motiv der Postkarte.
"'Ne Urlaubspostkarte! Mist, verdammter!"
Das Motiv zeigt Dürers Die Betenden Hände. Wütend dreht Kurt die Karte um und liest.
Ich komme
Claudia
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Sie kommt! Sie. Noch nie hat Kurt eine Karte mit zwei Worten bekommen, die mehr ausdrücken konnte als diese. Er ist vor Aufregung wie benebelt. Wann? Wann kommt sie denn? Kurt rennt mit seiner Krücke die Küche auf und ab. Ein Gedanke hat sich in seinem Hirn festgesetzt und den Rest des Denkapparates außer Betrieb gesetzt. Wann? Sie hätte doch schreiben können, wann sie kommen will!
Oder ist es mehr so ein grundsätzliches "Ich komme". Ohne konkrete zeitliche Bedeutung. Wie? Das "Wie" hat sie auch vergessen. Für immer? (Oder hatte sie gerade den Beischlaf ihres Lebens und hat nicht mehr aufs Papier gekriegt?)
"Dann hätte sie mir auch eine Kassette schicken können", murmelte Kurt trotzig vor sich hin.
Wie kann man so etwas schreiben? Auf die Idee kann nur eine Frau kommen. Wie passt das in das von den Medien so gern bediente Bild?
Frauen: Viel quatschen, viel zuhören!
Männer: Weder quatschen noch zuhören!
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Kurt dreht und wendet die Karte immer wieder, als könne noch etwas in Geheimschrift irgendwo draufstehen. In einer Ecke vielleicht. Muss man vielleicht die betenden Hände als Zeichen des wahren Atheisten wegrubbeln? Ist es ein Test? Zwei Worte. "Ich komme" bringen Kurt fast um den Verstand.
Heiner der Sack, der hat das mit dem Brief vorgeschlagen. Ich sauge mir mein Innerstes aus und spüle es mit genügend Bier aufs Papier und was kriege ich zurück? Ein Rätsel. Heiner, ich muss sofort Heiner anrufen.
Von dem Herumgerenne ist Kurts rechtes Bein zu "Käpt'n Hooks Holzbein" mutiert. Da sein Gehirn zu einem Haufen roter Grütze geworden ist, spielen so unwichtige Dinge wie "im Stehen der Schwerkraft trotzen" keine Rolle. Als er versucht, sich zum Telefonieren hinzusetzen, haut es ihn samt Krücke zu Boden. Er hat mit seinem Holzbein eben nicht soviel Training wie Käpt'n Hook. Zum Glück war er Fußballer gewesen. Schon in der E-Jugend wird Schwalbe-Machen geübt. Kurt war großartig in der Disziplin. Besonders das schmerzverzerrte Gesicht, in dem kaum sichtbar der Blick zum Schiri getarnt wurde, war Kurts Spezialität. Den Part "schmerzverzerrtes Gesicht" kann er jetzt weglassen - es guckt ja keiner zu.
Jetzt setzt ein starker Tremor im Bein ein. Kurt wirkt wie ein zappelnder Fisch auf dem Trockenen. Tremor oder Ataxie. Kurt bringt das immer durcheinander. Eins von beidem bekommt man nicht so einfach wieder weg. Rote Grütze, der Mann hat eindeutig rote Grütze im Hirn, dass ihn in dieser Lage so eine Frage beschäftigt. Jeder Psychologe, der bei RTL klug-salbadert, hätte seinen Spaß an Kurt gehabt, um für das Publikum Soap-Wahrheiten zu untermauern.
Wenn er wenigstens zum Holzbein von Hook noch den zugehörigen Haken hätte! Er könnte sich im PVC festhaken und zum Telefon robben. Sein Bein trommelt weiterhin einen eintönigen Takt auf den Boden. Parterre. Scheiß Parterre! Würde er oben wohnen, wäre der Untermieter schon lange oben und hätte vor Wut die Tür eingetreten.
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Endlich hat es Kurt zum Telefon geschafft.
"Heiner! Hör mal zu! Es ist etwas passiert, du musst mir helfen!"
"Was ist denn los, Kurt? Du hörst dich merkwürdig an. Und was ist das für ein Klopfen im Hintergrund? Hast du dir einen Biber als Haustier zugelegt?"
"Vergiss das Klopfen. Claudia hat geschrieben."
"Und? Super. Was schreibt sie dir? Von ihrer immerwährenden Liebe und..."
"Nee, ´Ich komme´!"
"Willst du mit dem Taxi..."
"Nee, nicht ich komme. Sie kommt. Sie hat auf eine Postkarte geschrieben: ´Ich komme´."
"Und?"
"Verdammt das ist alles, was auf der bescheuerten Karte steht, außer die ´Betenden Hände´ auf der Vorderseite."
"Coole Idee."
"Ich werde bekloppt beim Entschlüsseln so einer Typisch-Frau-Nachricht und du, was sagst du? Coole Idee. Was Besseres fällt dir wohl nicht ein?"
"Doch."
Andächtige Stille. Heiner lässt den völlig aus dem Häuschen geratenen Kurt etwas schmoren.
"Sag mal, kannst du nicht endlich das Klopfen abstellen?"
"Sprich!!", schreit Kurt in den Hörer.
"Ruf sie doch an."
"Mann, du hast mir doch gesagt, ich soll mich mit ihr nach ´alter Väter Sitte´ schreiben."
"Idiot! Ruf sie an. Und schalte das Klopfen ab."
"Ok."
Und schwupps hat Kurt auch schon aufgelegt. Er dreht sich auf den Rücken und starrt unter die Decke, während sein Bein sich nun mit der Ferse auf ein Medizinmann-Ritual der Apachen eintrommelt.
"Wieso ist mir das nicht eingefallen?"
Rote Grütze.
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Endlich fällt Kurt seine prekäre Lage auf. Heiner anrufen. Genau, Heiner anrufen.
"Heiner ich habe da noch ein kleines Problem."
"Du hast ihre Handynummer nicht mehr?"
"Doch, ich, ich..."
"Mann, was stammelst du so? Und wenn du nicht das Trommeln leiser machst, musst du mit jemand anderem dein Liebesleben erörtern."
"Ich liege schon die ganze Zeit auf dem Boden in der Küche. Du hörst mein Bein. Ich glaube ich komme alleine..."
"Du bist gestürzt? Und erzählst mir hier in aller Seelenruhe verwirrende Geschichten über Postkarten? Bleib genau so liegen. ICH KOMME!"
Heiner hat schon aufgelegt. So kann Kurt nicht mehr mit Heiner über das Stürmen der Wohnung sprechen. Er hat ja keinen Schlüssel.
"Verdammt, er hat keinen Schlüssel!"
Man meint nicht, wie schwer so ein Bein ist. Besonders eines, das sämtliche indianischen Trommelzeichen in den PVC hämmert. Mit der Beweglichkeit einer Kaulquappe im Matsch, versucht Kurt die Tür zu erreichen. Begleitet von immerwährenden Flüchen geht es nur zentimeterweise voran.
Die Ellenbogen sind schon fast durch, als es klingelt.
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"Du Idiot! Du kannst doch auch mal mitdenken. Du hast doch keinen Schlüssel. Wie soll ich dir aufmachen?"
Keine Antwort.
"Willst du jetzt dumm und schweigsam vor der Tür stehen bleiben, bis ich ohne Haut an den Ellenbogen die Tür erreicht habe?"
Ob das nicht ein bisschen dicke war?
"He, Heiner, ich bin etwas nervös. Tut mir leid."
Kurt robbt vom gesamten Stamm der Apachen begleitet weiter. Zwei Meter vor der Tür ist der Akku leer. Kurt bleibt liegen und denkt immer noch an die Karte "Ich komme".
Das Geräusch eines Schlüssels reißt Kurt aus den Gedanken. Klar. Der Hausmeister hat einen Zweitschlüssel.
"Was machen Sie denn für Sachen, Herr Schmitz? Warum haben Sie mich denn nicht angerufen?"
So eine Standpauke, im Liegen, unter Apachen, hat etwas Nerviges, befindet Kurt. Als wirklich rational würde er sein Verhalten, mit einem kühlen Kopf, in aufrechter Lage, auch nicht bezeichnen. Aber sich von dem Hausmeister auf dem Bauch liegend in der eigenen Wohnung belabern zu lassen, ist nicht zu überbieten.
"Wenn mir die junge Dame nicht Bescheid gesagt hätte, würden Sie hier immer noch liegen."
Was quatscht der da? Kurt liegt doch immer noch vor der Tür.
"Hallo, Kurt!"
Kurt wird elektrisiert von der Stimme, die an sein Ohr dringt. Claudia, das ist Claudia!!
"Ich komme."
Klar, sie ist gekommen.
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
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