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Ein echter Hingucker

Rolli-Kurt

Folge 26 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Wieder daheim

Ich komme >>>

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Der Fachverkäufer im Sanitätshaus hört sich Kurts Ausführungen über Fehlversorgung und Rollstuhltraining ruhig an und nimmt wissend lächelnd das Rezept entgegen. Ohne ein Wort über den Geschäftskonkurrenten zu verlieren, den Kurt als Seelenverkäufer und Verbrecher betitelt, beschreibt er ihm die Lage. Zuerst müsse die Krankenversicherung informiert werden.

"Bei welcher Versicherung sind Sie?"

"TK."

"Aha."

Ist das jetzt ein gutes "Aha", ein schlechtes "Aha" oder nur ein "Aha-Aha"?

"Was hatten Sie sich denn so vorgestellt?"

Kurt holt sofort seine Hilfsmittelverordnung aus der Tasche und die Bestätigung, an einem Rollstuhltraining mit dem verordneten Hilfsmittel teilgenommen zu haben.

"Aha."

Das Aha hört sich aber nun wirklich wie ein gutes "Aha" an, oder...?

Es ist der Augenblick gekommen, an dem sich der Fachverkäufer von seiner Einsilbigkeit verabschiedet und zu ganzen Sätzen übergeht.

"Mit einer Verordnung aus einer Spezialklinik liegen wir schon einmal ganz weit vorn. Die Sache mit dem Hilfsmitteltraining: noch besser!"

"Aha!"

"Die Kasse wird sich trotzdem nicht auf das Schreiben allein verlassen. Es wird wahrscheinlich ein Gutachter für Hilfsmittel von einer Fremdfirma bei Ihnen vorbeischauen. Der schreibt dann einen Bericht an die TK und dann wird erst über die Bewilligung entschieden."

"Aha."

"Wenn Sie wünschen, nehme ich das alles in die Hand. Ich kenne den Sachbearbeiter der TK für Hilfsmittel ganz gut."

"Das wäre super. Und? Wie stehen die Chancen, dass das alles klappt?"

"Hm..."

Ist das jetzt ein gutes "Hm" oder ein schlechtes "Hm"? Oder einfach ein gelangweiltes Stöhnen aus der Magengegend?

"Das kann man nicht so genau sagen. TK ist nicht ganz schlecht. Reha-Klinik richtig gut. Schriftliche Begründung noch besser. Meines Erachtens stehen die Chancen dafür, dass eine Fehlversorgung ganz schwer rückgängig zu machen ist, gut. Doch! Vergleichsweise gut!"

"Aha..."

Dieses "Aha" bleibt Kurt fast im Halse stecken. Ist das kompliziert!

"Wir machen das schon.", beruhigt der Verkäufer, der eigentlich der Besitzer ist, den verwirrt dreinschauenden Kurt. "Lassen Sie uns doch am besten erstmal ein schönes Modell anschauen. Wenn wir Glück haben... Kommen Sie doch mit nach hinten, ich zeige Ihnen mal was."


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In einem Nebenraum stehen jede Menge Rollstühle herum. Alles Aktivstühle. Einige sehen alles andere als nach Kassenversorgung aus. Und dann fällt Kurt ein Stuhl auf, der sein ganzes Rollstuhlbild ins Wanken bringt. Ferrarirot. Und die Räder! Trispokes Carbonfelgen mit speziell gekapselten Nadellagern. In Schwarz, pechschwarz, glänzend.

"Das ist ein echter Hingucker, oder?"

"Aha!"

"Superleicht, superschnell und superwendig."

Kurt antwortet nur mit einem leicht dämlich wirkenden: "Super."

"Na los, setzen Sie sich rein! Probieren Sie mal."

Nun war der Verkäufer in seinem Element. Als wolle er einen wirklichen Ferrari anbieten, leuchten seine Augen genauso wie Kurts. Es ist nichts mehr von der anfänglichen Zurückhaltung zu spüren. Kurt stellt seine Hippe neben dem Ferrari ab und steigt ein. Das ist ein großer Moment. Jetzt muss das Wunderwerk moderner Rehatechnik nur noch passen!

"Bitte!", murmelt Kurt kaum hörbar in sich hinein.

"Er passt! Oder etwa nicht?", fällt Kurts fragender Blick auf den Heilsbringer.

"Moment, das müssen wir uns genauer anschauen."

In diesem Moment würde Kurt problemlos ein Monatsgehalt draufzahlen, um dieses Gerät zu bekommen. Der Verkäufer hat ganze Arbeit geleistet. Kurt wird ihn nicht wieder rausrücken wollen.

"Schauen Sie mal! Genau zwei Fingerbreit platz bis zur Kniekehle. Als hätte ich ihn maßgeschneidert für Sie bestellt. Die Sitzbreite ist perfekt, der ganze Rollstuhl, wenn man so etwas überhaupt Rollstuhl nennen darf, ist perfekt, das ist mein Rolli, ganz bestimmt."

"Hm."

Och nöö, jetzt kommt der schon wieder mit seinem "Hm". Jetzt fehlt nur noch eines seiner rätselhaften "Ahas". Bitte! fleht Kurt, innerlich so aufgeregt wie bei seinem nächtlichen Treffen mit Claudia.

"Sind die Beine nicht zu stark gekrümmt? Wissen Sie, der Stuhl war für einen Querschnitt."

"Nein, überhaupt nicht!", sprudelt es aus Kurts Mund, ohne dass er über seine Worte nachdenkt.

"Hm. Und wie sieht es mit dem durchgehenden Fußbrett aus? Können Sie denn aussteigen? Wissen Sie, man muss genau darauf achten, dass der Stuhl auch für alle Situationen funktionell ist. Wenn Sie beispielsweise in der Wohnung..."

"Hören Sie, ich habe nicht vor, mit dem Ding in der Wohnung herumzufahren. Und gewisse Nachteile gibt es doch immer. Wer schlägt schon seinen Ferrari aus, weil die Garage zu schmal ist? Oder?"

"Hm. Wissen Sie, noch mal können wir uns keine Fehlversorgung leisten!"


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Kurt beruhigt sich langsam wieder und der rationale Verstand verdrängt nach und nach die Autozeitschriften-für-Männer-Emotionen.

"Aha."

Piep, Piep, Piep. - Des Spielverderbers Handy klingelt.

Während das Gespräch am Telefon kein Ende nehmen will, dreht Kurt mit dem Ferrari ein paar kleine Runden. Aufkippen, auf zwei Rädern auf der Stelle drehen und ein wenig vorwärts auf zwei Rädern. Kurt ist begeistert über die Wendigkeit.

"Wenn Sie draußen ein bisschen fahren möchten, nur zu!", unterbricht der Verkäufer kurz sein Gespräch.

"Wenn ich darf, gern!", strahlt Kurt über sämtliche Backen.

Draußen gibt Kurt dann richtig Gummi und stellt fest, dass trotz des niedrigen Gewichts und der Agilität des Rollis jede Menge Kraft notwendig ist um vorwärtszukommen. Allerdings versucht er auch im Radfahrtempo durch die Fußgängerzone zu donnern. Außer Atem kehrt er in das Sanitätsgeschäft zurück. Mittlerweile hat der Verkäufer sein Gespräch beendet.

"Und? Was sagen Sie zu dem guten Stück?"

"Klasse!", ist das Einzige, was Kurt nach Luft ringend raus bekommt.

"Aha. Hm."

Jetzt kombiniert er das "Aha" auch noch mit dem "Hm". Kurt wartet gebannt auf einen vollständigen Satz.

"Nehmen Sie den Rollstuhl einfach zum Testen mit nach Hause. Ich werde alles Weitere erledigen und dann sehen wir was passiert. Über die Verrechnung mit der TK werde ich mich schon einigen. Sie können erstmal ganz entspannt auf den Termin mit dem Gutachter warten. Die werden sich mit Ihnen in Verbindung setzen."

"Was kostet so etwas eigentlich?"

"Das möchten Sie gar nicht wissen. Mit der TK können wir den Tausch machen, bestimmt."


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Kurt lässt es darauf beruhen, vorerst. Er gibt seinen alten Stuhl im Sanitätshaus ab und geht weiter nach seiner To do-Liste vor. Da der Ferrari keinen Stockhalter hat, hängt Kurts Krücke, mit dem Gummistopfen auf dem Trittbrett und dem Griff an die linke Schulter gelehnt, permanent im Weg.

Nach nur kurzer Zeit beschweren sich seine Arme mit starken Muskelschmerzen über die ungewohnte Anstrengung. Zurück kommt er nicht mehr, also entscheidet er sich gezwungenermaßen zur Rückfahrt mit dem Taxi. Zum Busfahren ist er nicht bereit. 14 Euro kostet ihn das Taxivergnügen hin und zurück. Einreißen darf das nicht. Sonst ist er demnächst schon Mitte des Monats blank und sein Taxifahrer kauft sich ’ne Finca auf Malle.

Zuhause angekommen streckt Kurt alle Viere von sich und macht ein Nickerchen. So kann es nicht weitergehen. Er muss seinen Tagesablauf ganz anders koordinieren. Wie kommt er zur Arbeit? Wie kommt er zum Einkaufen? Wie kommt er überhaupt irgendwo hin? Taxifahren ist keine Lösung. Den Bus nehmen?

Soweit ist er noch nicht.


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<<< Wieder daheim 

Ich komme >>>

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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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