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Wieder daheim

Rolli-Kurt

Folge 25 der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Angekommen - Kurt auf dem Olymp!

Ein echter Hingucker >>>

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Wieder daheim. Als Kurt die Wohnungstür öffnet, strömt ihm ein merkwürdig ungewohnter Geruch entgegen. Irgendwie kommt ihm alles fremd vor. Er schaut sich um. Nichts scheint, wie es war, und Kurt kommt sich vor, als sei er Ewigkeiten fort gewesen. Sein Anrufbeantworter blinkt gleichförmig vor sich hin und ein Haufen Post, hauptsächlich Werbung, stapelt sich hinter dem Briefschlitz der Eingangstür. Als er Heiner beim Hereintragen des Gepäcks zuschaut, kehrt die Vertrautheit der Umgebung langsam zurück.

"Sag mal: Warst du auf’m Horrortrip? Was haben die mit dir gemacht in der Klinik?", fragt Heiner, als er endlich fertig ist.

"Du hättest mich ja auch mal besuchen können!"

"Ach komm, du weißt doch, wie das ist. Es war soviel zu tun und dann war auch noch Zeugniskonferenz. Brauchst du noch etwas? Soll ich dir noch schnell beim Ausräumen helfen? Weil, na ja, ich müsste dringend noch..."

"Nee, kein Problem. Danke Heiner!"


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Und schon ist Heiner durch die Tür und weg. Kurt sitzt melancholisch vor sich hinstarrend mitten zwischen seinem Gepäck, während das einzige Geräusch von seinen schon etwas betagten Kühlschrank kommt. Zuhause. Kurt hört, wie Heiner mit seinem Wagen davon fährt, und er macht sich daran, seine Nachrichten auf dem "AB" abzuhören.

"Sie haben 5 neue Nachrichten. Nachricht 1. Piep!"

"Hallo, Sie haben die einmalige Möglichkeit..."

Kurt löscht die unsäglichen Werbe- und Umfrageanrufe postwendend und übrig bleibt noch ein einziger Anruf. Die letzte Chance.

Die Frauenstimme des "ABs" säuselt: "Freitag 16 Uhr 10", dann "Tuut, Tuut..."

Sie hat nicht angerufen. Aber wieso sollte sie auch angerufen haben? Sie wusste doch, dass er in der Reha war. Trotzdem. Irgendwie hat Kurt sich einen Anruf von Claudia gewünscht. Und wenn nicht von Claudia, dann wenigstens von Irgendjemandem. Die Post ist genauso öde wie das Werbegeschwafel auf dem Anrufbeantworter. Werbung, Werbung, Stromabrechnung, Dienstpost. Das war's. Kein Brief von Claudia. Kurt ist gerade im Begriff die Taschen auszuräumen, da geht das Telefon.


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"Ja!", meldet sich Kurt in atemloser Erwartung eines Anrufs von Claudia.

"He Alter, es tut mir leid, dass ich dich nicht besucht habe. Als ich dich in die Klinik gebracht habe und die ganzen, die ganzen..."

"Ist ok Heiner, ich verstehe schon. Gehen wir heute Abend zusammen ein Bier trinken?"

"Klar, ich hol dich um acht ab und du nimmst mir das doch nicht übel, dass ich dich nicht besucht habe?"

"Komm hör auf, ich freu mich auf heute Abend."

Kurt fühlt sich schlagartig besser. Als wäre ein Knoten in seinem Kopf aufgegangen, setzt ein positiver Stimmungswandel ein. Er erinnert sich, wie er sich bei der Ankunft in der Klinik gefühlt hat. Wieso hätte es Heiner anders ergehen sollen? Kurt wirft sich eine CD in den Player und füllt eine Maschine mit Wäsche. Jetzt noch einen Kaffee aufgebrüht und die Welt ist wieder in Ordnung.


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Der Abend verläuft erzähltechnisch ziemlich einseitig. Kurt erzählt, Heiner hört zu. Mit einer Engelsgeduld lässt Heiner die Rehageschichten über sich ergehen. Bei zunehmendem Bierkonsum nimmt der Spaßfaktor der Geschichten zu.

"Und die hatte tatsächlich solche Hauslatschen an?"

Heiner kriegt sich überhaupt nicht wieder ein, als Kurt ihm die Nacht mit Claudia beschreibt.

"Los komm, rück's raus. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Los hau's raus. Ihr habt geredet, und dann?"

"Wie "und dann"? Nix "und dann". Wir haben gesessen und geredet. Es war Wahnsinn!"

"Ja, das ist wirklich schräg, Kurt. Wirklich schräg. Die Frau muss ich unbedingt kennenlernen, mit der du eine Nacht zusammen in einem Zimmer verbringst und redest! Das muss wahre Liebe sein. Du musst ihr gleich Morgen einen Brief schreiben."

"Was soll ich ihr denn schreiben?"

"Nach der Nummer mit dem Auf-der-Bettkannte-sitzen wird dir ja wohl etwas Romantisches einfallen, oder?"

"Ich habe ihre Handynummer."

"Anrufen ist doch Mist, du musst ihr unbedingt schreiben. Handschriftlich. Auf Büttenpapier."

"Sag mal, übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?"

"Überhaupt nicht! Überleg mal: Was willst du von der Frau?"

"Vielleicht hast du Recht."

Kurt genießt den Abend in vollen Zügen und nach etwas zu viel Bier, lässt Heiner sein Auto stehen und sie nehmen sich ein Taxi nach Hause.


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Liebe Claudia,

die Zeit in der Reha, ohne dich, war leer. Unser gemeinsamer Abend ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe noch nie einer Frau einen Liebesbrief geschrieben. Dies soll einer werden. Ich fange einfach mal an.

Ich kenne dich nicht. Ich weiß nichts über dich. Ich liebe dich. Du bist die erste Frau in meinem Leben, der ich die drei magischen Worte schreibe. Es fällt mir überhaupt nicht schwer. Hoffentlich kannst du meine Schrift lesen!

Auch wenn du mich für hoffnungslos bekloppt hältst: ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, für dich ein offenes Buch zu sein. Du bist die Herausforderung an mich. Ich schäme mich immer noch, wenn ich an den Tag am Kaffeeautomaten zurückdenke. Du hast meinen Horizont erweitert, mein Leben bereichert wie niemand zuvor. Ich weiß nicht, ob meine Zeilen zu pathetisch klingen; keine Ahnung. Aber glaub mir, ich war mir noch nie so sicher, alles auf eine Karte zu setzen, wie bei dir. Meine Gefühle für dich sind stark und ich kann es nicht erwarten, dich wiederzusehen. Jetzt bin ich etwas durcheinander gekommen. Im Liebesbriefschreiben bin ich vielleicht nicht so gut. Mir fehlt halt die Übung.

Ich hoffe inständig, dass du meine Gefühle erwiderst. Meine Ungeduld ist groß. Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, keine Antwort zu bekommen, macht mich nervös. Ich fühle mich wie in der Pubertät, wenn man in der Schulklasse kleine Zettelchen an seine Angebetete schreibt und das mulmige Gefühl, mit hochrotem Kopf von einem Klassenkameraden, oder noch schlimmer, dem Lehrer erwischt zuwerden. In Gedanken stelle ich mir vor, wie wir zusammen Eisessen gehen, wie wir ein Konzert besuchen, wie wir uns auf dem Sofa bei Kerzenlicht und lauschiger Musik kuscheln. Claudia, ich muss dir gestehen, dass ich ein wenig Alkohol getrunken habe. Mut, ich musste mir Mut antrinken. Ich bin nicht besoffen, das musst du mir glauben! Alles, was ich schreibe, kommt von Herzen, ehrlich. Aber ein wenig Beistand brauchte ich schon. Wie gerne würde ich dich nun neben mir haben. Wenn ich in deine Augen sehe, schaue ich in... Sorry, mir fällt einfach nichts dazu ein. Und ich möchte nicht den ganzen Brief noch einmal schreiben. Meine Hand gibt langsam den Geist auf. Hoffentlich kannst du mein Gekritzel überhaupt noch lesen. Willst du mit mir zusammenziehen? Es ist etwas vorschnell, vielleicht, aber du kannst es dir ja in Ruhe überlegen. Liebst du mich eigentlich auch? Wenn du bis zu dieser Stelle gekommen bist, ohne einen Lachkrampf bekommen zu haben, ruf mich an! Bitte! Ich warte auf dich!

In Liebe für die Eine
Kurt


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Die nächsten Tage ziehen sich wie Kaugummi. Kurt hat die Urlaubstage, die einem nach einer Reha zustehen, trotz Seelenmassage seiner Kollegen und Kolleginnen in Anspruch genommen. Die Diskussionen am Telefon waren sehr anstrengend. Während ihm versichert wurde, wie sehr man sich in seine Lage versetzen könne, mischte sich der moralische Zeigefinger unterschwellig, penetrant in das Gespräch.

"Du Kurt, der Christopher hat jetzt schon so oft nach dir gefragt. Christopher ist emotional noch nicht stabil. Er hat sogar gestern in deinen geliebten "/8er" eine Beule getreten. Wir haben lange vor der Deele gesessen und diskutiert, aber du weißt ja, außer dir kann ja keiner so richtig mit dem Christopher. Und es wäre so wichtig für ihn, die Fortschritte im Kontext seines schweren Hintergrundes positivistisch einzuordnen."

"Was hat er denn gesagt, als ihr so diskutiert habt, vor der Deele?"

"Arschloch!"

"Aha, mehr nicht."

"Nein, aber ich sah in seinen Augen ein tiefes Bedürfnis von..."

"Weißt du was? Sag ihm, wenn er sich nicht benimmt, werde ich ihn rausschmeißen. Und meinst du nicht, es ist der falsche Weg, mit einem Erstklässler diskutieren zu wollen, der außer "Arschloch" nichts Konstruktives zur Diskussion beiträgt, Jasemin?"

"Meinst du, Kurt?"

Die Jasemin ist ja eigentlich 'ne ganz, ganz Liebe. Manchmal etwas anstrengend, na gut, aber ansonsten doch 'ne ganz, ganz Liebe. Im Urlaub kann Kurt jedoch gut auf die Weichspül-Jasemin verzichten. Nachdem endlich alle Wie-mache-ich-meinem-Kollegen-ein-schlechtes-Gewissen-Anrufe abgewehrt sind, steckt Kurt seinen Liebesbrief, den er, wie Heiner es ihm riet, auf Büttenpapier mit Wasserzeichen geschrieben hatte, in einen der blauen Briefumschläge, die er samt Büttenpapier zu seiner Konfirmation geschenkt bekam. Das hat er sich auch nicht träumen lassen, dass er jemals dieses beknackte Konfirmationsgeschenk zu etwas Sinnvollem nutzen würde. Blau für die "Jungens", rosa für die "Mädels". Es muss ja alles seine Richtigkeit haben.


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Den ersten Punkt auf seiner Liste der To do's, wie man es in Neudeutsch nennt - auch im Arbeitsbereich der unter Helfersyndrom leidenden Mitbürger hat die Amerikanisierung Einzug gehalten - hatte er also schon abgearbeitet.

Man will nicht zurückstehen. Die Kolleginnen sträuben sich noch immer vehement, indes versuchen die Männer alles, um Modernität in die Sozialsparte zu bringen. Man trifft sich nun nicht mehr zu Versammlungen, nein, man brieft sich gegenseitig. Nach der Eroberung der drahtlosen Kommunikationsmittel folgten Computer und zu guter Letzt der Beamer. Die Kolleginnen freuen sich immer noch diebisch, wenn Briefings mit Beamer an einer durchgebrannten Birne scheitern oder der Kollege, trotz am Mann geführter Bedienungsanleitung, das Laptop nicht mit dem Beamer, sondern mit der Kaffeemaschine verbunden hat. Dann schlägt die Stunde der Altbackenen, die die drei Punkte der Minutes of Meeting vollständig auswendig gelernt haben und dann frei zum Besten geben können. Punkt Eins: "Begrüßung". Nachdem jeder der zwölf Anwesenden zu Punkt Eins gehört wurde und ausgiebig über Art und Weise der Durchführung von Punkt Eins diskutiert wurde, ufert ein Briefing ohne Beamer, der jedem zeigt, dass nach der Begrüßung noch mehr kommt, in einen Debattierklub aus, wobei der Redeanteil der männlichen Kollegen etwa 92% ausmacht.


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Kurts To do-Liste:

Brief an Claudia
Sanitätshaus, Rollstuhl
Kaffee, Weißwein Rot, Marmelade, Milch, Obst
Buchladen

Den Brief in den Kasten werfen kann Kurt gut auf dem Weg zum Sanitätshaus erledigen. Es gibt zwei ansässige Sanitätshäuser, die nahe beieinander in der Fußgängerzone liegen. Sanitätshaus 1 hatte ihn mit diesem Schrotthaufen von Rollstuhl beglückt, also fährt Kurt fröhlich winkend an Haus 1 vorbei, zu Haus 2.


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<<< Angekommen - Kurt auf dem Olymp! 

Ein echter Hingucker >>>


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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