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"Pudding ist aus!"

Rolli-Kurt

Folge 9 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Empfang beim Behindertenschach

Die Feinfühligkeit in Person>>>

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"Kurt, ich... - ich bin Kurt, ich…", stottert er vor sich hin.

"Ganz cool, Kurt. Es ist doch nichts passiert." Ohne eine Antwort auf die vielen Fragen abzuwarten, fragt die Frau mit diesen unglaublichen Augen: „Kommst du jetzt mit mir zum Essen runter? Weißt du, wir müssen uns beeilen, es sind viele alte Leute hier und die sind wie ein Heuschreckenschwarm. Sonst gibt’s keinen Pudding mehr.“

In diesem Sinne startet Claudia mit ihrem Rollator in Richtung Fahrstuhl durch. Sie ist so anmutig. Ihre Bewegungen mit den schnellen kleinen Trippelschritten hinter der Gehhilfe gleichen denen einer Geisha. Der Oberkörper ist majestätisch steif. In geradezu würdevoller Haltung weicht der Kopf mit hohem Kinn keinen Millimeter. Dabei führt der untere Teil des Körpers trotz oder gerade wegen der hohen Schrittfrequenz einen berauschenden südamerikanischen Tanz auf. Kurts Blicke sind wie angeschweißt an Claudias hin- und herschwingenden Po. Dieser Kontrast zum Oberkörper produziert ein unvergleichliches Gesamtbild. Die Beine scheinen den gegenseitigen Kontakt an den Oberschenkeln nie zu verlieren. Die Vorwärtsbewegung wird einzig aus diesen unglaublichen Beckenbewegungen erschaffen.

Kurt ist berührt, auf eine nie da gewesene Art und Weise.


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Er hat große Mühe, Claudia zu folgen. Sie ist mit ihrer Technik kein bisschen langsamer als jeder andere "normale" Fußgänger. Kurts Vorwärtsstreben in Richtung Fahrstuhl aber ist an Unbeholfenheit kaum zu überbieten. Links und rechts des Ganges ist zum Glück eine Reling angebracht, an der er sich mit der unbekrückten Seite abstützt. Mit aller Macht versucht er an Claudia dranzubleiben.

"Pass auf, dass du dir nicht die Beine brichst bei dem Versuch, ihr den Arsch wegzugaffen!", ruft ihm ein entgegenkommender Rollifahrer zu, so dass es über den gesamten Gang hallt. Alle übrigen Rehabilitanden, die auf dem Gang sind - außer Claudia -, wenden sich ihm teils schmunzelnd, teils mit unverhohlenem Ekel zu. Kurt bekommt einen Kopf wie ein Feuermelder. Das Zwiegespräch mit sich selbst bekundet seine lauteren Absichten. Er ist einfach fasziniert von der Schönheit der Bewegung, sonst nichts. Es ist einzigartig, absolut einzigartig.

Claudia ist am Fahrstuhl angekommen. Kurt kämpft eine nicht zu gewinnende Schlacht mit seinen verkrampften Beinen. Jeder Meter lässt die Spastik stärker werden. Druck erzeugt eben Gegendruck! Die Fahrstuhltür öffnet sich und Kurt ist immer noch zehn Meter von ihr entfernt. Claudia steht in der Lichtschranke und hält den Fahrstuhl auf. Wie sie da so steht, zieht sie Kurt an wie ein Magnet.

Mittlerweile führen seine Beine eine Art Veitstanz auf. Die Muskeln zucken an Stellen, wo er nie welche vermutet hätte. Claudia hat sich noch nicht zu ihm umgedreht.

Endlich ist Kurt am Fahrstuhl angekommen. Sie fahren gemeinsam hinunter. Im Fahrstuhl herrscht Stille. Keiner der beiden sagt ein Wort.


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Unten angekommen ist Kurt nicht mehr in der Lage die Beine vorwärts zu bewegen. Vor dem Fahrstuhl steht ein Stuhl auf dem sich Kurt niederlässt. Claudia steht kopfschüttelnd neben ihm. Sie bricht das Schweigen: "Hast du keinen Rollstuhl?"

Kurts Beine sind in die Streckung gegangen und lassen sich momentan zu keiner Beugung überreden.

"Doch, auf meinem Zimmer."

"Da steht er gut, Kurt!" Sie schaut ihm direkt in die Augen und beginnt zu lachen. Die Fleischobservation von eben hat sie ihm offensichtlich nicht übel genommen.

"Ich organisiere dir einen.", sagt sie entschlossen und machte sich auf in Richtung Eingangshalle.

Kurts Beine beginnen ganz langsam an Spannung zu verlieren.

"Hey, übernommen, was?" Mit einem Mal steht ein hoch aufgeschossener etwa 30-jähriger Mann vor ihm, der einen Rolli schiebt.

"Setz dich rein, ich schieb dich in den Speisesaal"

Wortlos versucht Kurt in den Rolli zu kommen. Seine Beine sind jedoch noch zu steif. Bernd, so heißt der nette Mann, greift ihm spontan unter die Arme und hievt ihn problemlos in den Rolli.

"So, jetzt noch die Beine zurechtfalten und dann geht’s ab zum Essen."

Bernd hört sich an wie Schwester Anke. Er hebt Kurts Füße ganz vorsichtig ein wenig an, wobei die Spannung nachlässt und stellt die Füße auf die Fußbretter. Bernd scheint Profi zu sein, hat selbst aber keine sichtbaren Probleme.


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Der Pudding ist aus. Die maßlosen Heuschrecken haben nur noch Kleckse der leckeren Nachspeise neben den Schüsseln hinterlassen. In der Mitte des Essensaals ist eine Selbstbedienungstheke mit Vor- und Nachspeise aufgebaut. Na ja, um 12 öffnet der Speisesaal. Und um 5 nach 12 gibt's natürlich nur noch Salat auf der ausgewilderten Theke. Es ist schon bewundernswert, wie schnell der Schwarm die Theke abgeräumt hat, ohne sich gegenseitig mit den Esswerkzeugen Verletzungen zuzufügen.

Kurt ist bei diesem Anblick geschockt und die Sehnsucht nach der Ruhe seiner kleinen Parterrewohnung wallt in ihm auf. Am Nebentisch sitzt ein Pärchen - garantiert in den Achtzigern - und macht sich vor dem Hauptgericht über jeweils drei Portionen Pudding her. 280 Kilogramm Lebendgewicht - er im Rollstuhl, sie nicht - machen sich in unappetitlicher Weise über die Süßigkeit her. Der Pudding verschwindet in diesen Nahrungsauffangbehältern. Es müssen nicht vorstellbare Mengen sein, die darin untergebracht werden können. Kurt ist geschockt. Wie kann ein so alter Organismus so viel Brennstoff aufnehmen?


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Bernd steht hinten an der Tür und zeigt, mit einer Dame vom Küchenpersonal redend, auf Kurt: Bernd hat ihm einen Platz an dem Tisch organisiert, an dem auch Claudia sitzt.

"Sie sind Herr…"

"Kurt, ich bin Kurt. Machen Sie mir ein Schildchen mit "Kurt" drauf, bitte!"

"Sie sind aber doch Andreas-Maximi..."

"Ja, war ich. Aber bitte - jetzt Kurt."

"Setzen Sie sich da vorn hin, ich nehme den Stuhl weg, Herr... Kurt."

"Einfach Kurt bitte.", unterbricht er die nette Küchendame.

"Also, es tut mir Leid, aber Sie waren nicht als Rollstuhlfahrer angemeldet, äh... Kurt."

"Bin ich ja auch nicht, das ist nicht mein Rollstuhl."

"Anne, wir machen das schon mit Kurt.", beendet Bernd die Diskussion.


Claudia hat unterdessen doch noch ein wenig Pudding ergattert. Wahrscheinlich hat sie den Pudding einer Buffetheuschrecke abgeschwatzt. Wie hat sie das gemacht?


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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