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Kurts Kur-Phantasien

Rolli-Kurt

Folge 7 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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Kurt sitzt bei einer Tasse Kaffee in seiner Miniküche und stöbert in Broschüren mit Anzeigen von Rehakliniken. Das Helferinen-Quartett aus der Neuropraxis hatte ihm alles, was sie zum Thema da hatten, in eine Tüte gesteckt und zum Studium in die Hand gedrückt. Kurt soll eine Reha machen!

Wenn er so die Anzeigen ansieht, fällt ihm die Schwarzwaldklinik mit Professor Brinkmann ein. Und richtig, eine der Kliniken ist im Schwarzwald. Das Ambiente scheint doch eher für ältere Semester gedacht zu sein. Ein riesiger Kurschatten liegt über den netten Anstalten im Grünen. In seinen Gedanken hüpfen leicht beschürzte ältere Damen mit dicken Goldklunkern, grellrot geschminkten Lippen und pompös aufgetakeltem Haarkleid durch den Klinikpark und verfolgen unbescholtene, leckere junge Männer in Rollstühlen.

Schnell klappt er die Blättchen zu und widmet sich dem Abwasch von gestern. Ob das die richtige Nummer für ihn ist? Das geht doch gar nicht. Es gruselt ihn bei den Kur-Phantasien.


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Nach dem Abwasch schaltet er das Licht an und startet einen zweiten Versuch. Tief durchatmen. Der dritte Flyer bringt eine interessante Anzeige, die mit Rollstuhltraining wirbt. Seit seinem unseligen Versuch, die Straße per Rollstuhl unsicher zu machen, hat das Mistding wieder Platz in der Ecke unter dem Treppenvorsprung genommen, wie es sich gehört. Aber Rollstuhltraining? Je länger er die Anzeige anstarrt, umso skurriler kommt sie ihm vor.

„Wir bieten: Selbstverteidigung für Schwangere über 50, Extrem-Spinning mit Tortenwerfen für Jungvermählte und natürlich ROLLSTUHLTRAINING für Gefallene.“

Dadurch, dass man eine Kur jetzt Reha nennt, wird es auch nicht besser. Er ist Mitte 30 und blättert in Druckerzeugnissen, die Kondomurinale wie die neuesten Beckham-Fußballschuhe feilbieten.

„Damit kein Schuss daneben geht: SAUER - der Mercedes unter den Urinalen.“

Kurt nimmt den gesamten Packen Werbung aus der „Unappetitlichen-Branche“ und feuert ihn in den Papierkorb. Das kann er einfach nicht machen. Da kann er doch nicht hingehen. Alles Kranke!


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Es ist Freitag. Das Wochenende ist nur noch ein paar Stunden entfernt und das ewige Gestresse der Minimachos auf der Jugenddeele geht ihm heute extrem auf die Nerven. Wenn er die „Mir-gehört-die-Welt-Jungs“ in ihrer anerzogenen Geschlechterdominanz heute wieder herumgockeln sieht, denkt er an seinen eigenen Vater und dessen Versuche, aus ihm einen richtigen Jungen zu machen. Jungs heulen nicht.

Endlich ist Wochenende. Abends trifft er sich im Bistro mit Heiner. Kurt erzählt von der Rehaidee aus der Neuropraxis. Heiner findet die Idee spontan gut.

„Da kannst du mal richtig ausspannen und die Jugenddeele für eine ganze Zeit vergessen! Ich finde die Idee gut. Weißt du schon, wo du hin willst?“, fragt ihn Heiner.

„Nein, aber es gibt da so eine Klinik die Rollstuhltraining anbietet. Aber ich….!“

„Das hört sich ja spannend an. Das wäre doch was, nach deiner unfreiwilligen Flugeinlage neulich!“ Heiner grinst verschmitzt, der Schalk blitzt in seinen Augen.

„Hast du schon mal in so eine Zeitschrift geschaut, in der Rehakliniken Anzeigen haben?“, fragt Kurt ihn empört. „Das kannst du dir nicht vorstellen! Wie ein Kuriositätenkabinett kommt mir das vor. Ich kann da einfach nicht…..“

„He, Kurt, denk doch nicht an die beknackten Anzeigen. Denk an die Erholung, ohne Stress. Das wird dir bestimmt gut tun. Also ich würde….“

„Ist ja schon gut. Ich überlege es mir“


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Kurt hat keine gute Nacht. Alpträume peinigen ihn. Alte, verknitterte nackte Frauen und Männer mit Vorlagen von Tena zwischen den Beinen und Urinbeutel von Sauer um die Taille gebunden, bewegen sich in einer wogenden Masse ganz langsam auf ihn zu. Bis zu dem Abgrund hinter ihm ist nicht mehr viel Platz. Ist es überhaupt ein Abgrund? Es ist das Dunkle, in das man nicht zu treten wagt, weil man den nächsten Schritt in ein unbekanntes Nichts tut. Angst, pure Angst. Jetzt ziehen die Soldaten der Urinbeutelarmee den Schlauch aus dem Taillengurt und…

Kurt wacht auf und ist schweißgebadet. Da muss er jetzt durch. Irgendwann verblassen die quälenden Gedanken und er schläft wieder ein.


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Mit einem Gesicht, als sei ein Auto drüber gefahren, sitzt er am nächsten Morgen vor einem großen Topf schwarzem Kaffee. Eigentlich ist es schon eher Mittag.

Kurt starrt ins Leere. Das Ticken der Küchenuhr ist das einzige vernehmbare Geräusch. Er hat den Kopf zwischen den Händen und denkt an die Reha. Irgendwann steht er endlich auf und holt die Zeitschrift mit der Rollitraining-Anzeige aus dem Müll. Er entscheidet sich für diese Klinik und fängt an, die Unterlagen für den Rehaantrag bei der DRV (Deutsche Rentenversicherung) auszufüllen. Er legt eine nette CD ein und braucht den ganzen Nachmittag für den Formularkram.


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Am Montag geht er erstmal ins Amt, um seine Rehaabsicht mitzuteilen. Anschließend wird die Vertretung klargemacht, damit die Jugenddeele weiterlaufen kann. Er hatte natürlich mit seinen beiden Kolleginnen schon gesprochen. Zwei SozialarbeiterInnen sind aber eindeutig zu wenig für die Kids. Also wird ein Ersatzkonzept ausgearbeitet.

Den Rest des Tages verbringt auf der Deele. Abends fährt er mit dem Fahrrad nach Hause, die Krücke auf dem Gepäckträger. Wenn er erst rollt, geht es eigentlich. Er darf nur nicht anhalten. Vor ihm wird die Ampel rot. Das hatte ihm grade noch gefehlt! Kurt bremst und bremst, aber es hilft nichts. Kurz bevor er auf die stehenden Autos auffährt, biegt er rechts auf den Bürgersteig ab und hält sich an einem Zaun fest. Schwein gehabt. An stehenden Fahrzeugen kann er schon lange nicht mehr vorbeifahren ohne umzufallen. Der Schwindel.

Er ist völlig fertig, als er die Wohnungstür aufschließt. So geht es nicht weiter. Das Fahrrad ist passé. Zu gefährlich.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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