Ein kasachischer Mafioso mit eingeklemmten Fingern
Folge 5 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"
von Dirk Riepe
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Beim Öffnen des Küchenfensters schlägt Kurt eine Nebelwand entgegen. Er kann kaum ein paar Meter weit sehen. Heute ist ein Termin beim Neurologen angesetzt. Mit frischem Mut, obwohl die ersten Fahrminuten gestern desaströs waren, will er die gesamte Strecke zur Praxis, etwa 600 Meter, mit dem Rolli zurücklegen.
Beim Frühstück kommen ihm immer größere Zweifel an der geplanten Aktion. Sollte er wirklich mit dem Rolli durch die Stadt fahren? Bei der Vorstellung, es könnten ihn Bekannte oder Arbeitskollegen sehen, wird ihm ganz mulmig. 9.30 Uhr ist der Termin. Um die Uhrzeit sollten sich anständige Leute mitten in der Woche nicht in der Stadt herumtreiben. Aber wer weiß?
Nach einem ordentlichen Frühstück zieht er sich die Rollihandschuhe an, wirft sich seine dicke Winterjacke über, nimmt eine seiner verwegensten Pelzmützen aus der Garderobe und setzt sich die Dolce&Gabbana-Repli-Sonnenbrille auf, die er im Sommer auf dem türkischen Bazar in Izmir erstanden hatte.
Mit seiner Pelzmütze samt Ohrenschutz und der im Kontrast stehenden Sonnenbrille sieht er aus wie der Pate aus Kasachstan. Also Mantel zugemacht, Rolli unter der Treppe hervorgeholt und auf geht’s.
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Die Auffahrt hinunter geht erstmal super. Der Rolli macht seinem Namen alle Ehre und rollt, was das Zeug hält. Kurz vor der Straße angekommen, will Kurt nicht mehr recht einfallen, wie man bremst. Mit aufgerissenen Augen, die Straße anstarrend, greift er beherzt in die Greifreifen. Er landet natürlich mit den Fingerknöcheln in den Speichen. Ausgerechnet die gucken aus den dämlichen Handschuhen raus. Er schafft es gerade noch, vor der Straße zum Stehen zu kommen.
Wieso bekommt er eigentlich seine zarten Finger nicht richtig um den Greifreifen? Das gibt’s doch nicht! Irgendetwas stimmt nicht. Er fragt sich, ob es nicht möglich sei, einen Fingerschutz anzubringen oder so. Seine rechte Hand hatte wieder gute Dienste geleistet. Er spürt nur geringfügigen Schmerz, allerdings sind seine Handschuhe versaut. Aber nicht nur die Handschuhe. Er schaut an seinem Mantel herunter, der total dreckig am Rolli herunterhängt. Die Reifen haben ihm ein Gemisch aus Matsch und Ölresten, die von der letzten Autoreinigung-in-der-Einfahrt-Aktion übrig waren, in seinem Mantel einmassiert.
So kann er auf keinem Fall weiterfahren. Das fängt ja schon mal prima an. Er schaut die Einfahrt hoch und entscheidet sich dazu, die Krücken für den Rückweg mitzunehmen. Die Erinnerung an den gestrigen qualvollen Versuch, die Einfahrt hochzukommen, sitzt tief. Die Zeit wird knapp.
Seine Beine signalisieren ihm, sich in der Geschwindigkeit etwas zu mäßigen. Keine Zeit, er hat keine Zeit mehr. Schnell reißt er einen Schlumpf(1) aus dem Garderobenschrank und wirft ihn sich über. Aus dem letzten Loch pfeifend kommt Kurt wieder an der Straße an.
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(1) Schlumpf: Hier: Regionaler Ausdruck für Pulli mit Kapuze.
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"Wo ist mein Rolli? Das kann doch nicht sein, dass irgendjemand morgens um 8.45 Uhr einen Rolli klaut!", schießt es durch seinen schwitzenden Kopf.
"Scheiße!!", entrinnt es ihm fluchend, als er links die Straße hinunter schaut. Etwa 50 Meter weiter steht der Rolli, halb auf der Straße, halb auf dem Bürgersteig, vor einem geparkten Auto. Wenigstens hat er beide Krücken mitgenommen, und so bewegt er sich in Richtung Rollstuhl, was die Krücken hergeben. Er stellt sofort fest, dass die Bremsen nicht angezogen sind. Dummheit.
Wutentbrannt befördert er die Krücken in den Halter und rollert die Steigung hinauf zurück. Natürlich muss er in die andere Richtung. Andauernd klemmen die Finger in den verdammten Greifreifen fest. Sein rechter Arm bewegt sich anscheinend nur noch aus Sympathie mit, Eigenkraft bringt er kaum noch auf. Die Fellmütze juckt und Nässe dringt durch seinen Schlumpf.
Er hat das Gefühl angestarrt zu werden.
"Habt ihr noch nie einen Mann im Rollstuhl gesehen?", denkt er, spricht es aber nicht aus...
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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.
Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.
Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern
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