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Darf ich dich fragen, wie es sich anfühlt?

Rolli-Kurt

Folge 3 in der MS-Gateway-Kolumne "Rolli-Kurt"

von Dirk Riepe

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<<< Wie ein Sommergewitter, heftig und kurz

Die idiotischste aller Fragen >>>

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Kurt wäre nicht Kurt, wenn er sich mit einem Handicap abgefunden hätte. Kurzerhand schulte er von Rechts- auf Linkshänder um. Man glaubt es nicht, aber Zähneputzen fiel ihm von allen Tätigkeiten mit Abstand am schwersten. Sein Zahnfleisch sah vorübergehend wie nach einer Paradontosebehandlung aus. Eine elektrische Zahnbürste und der Gebrauch von Zahnseide brachte Linderung. Wobei er mit der Zahnseide aufpassen musste, um nicht im späten Alter noch stolzer Besitzer einer Hasenscharte zu werden. ´

In seinem beruflichen Umfeld sprach er nie über seinen neuen, unsichtbaren Lebenspartner. Und dass er plötzlich zum Linkshänder mutiert war, bemerkte außer seinen Kids niemand. Im Amt war man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und er war ja auch die meiste Zeit auf der Jugenddeele. 


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Kurt erinnert sich an Lotta, wobei sein Blick unverändert stumpf auf den grauen Asphalt
fällt, der von den ersten Regentropfen getroffen wird. Der Regen stört ihn nicht.
Lotta, die hat ihn damals ertappt.

Sie kam Wochen nach der Sache mit dem Schlüssel auf ihn zu und sagte:
"Kurt, ich werde niemandem etwas sagen."

Die Jungs spielten auf dem Rasen hinter der Deele Fußball. Lotta saß neben ihm auf der kleinen Bank unter dem Apfelbaum. Der Baum hatte in diesem Jahr enorm viele Äpfel.

"Lotta, was meinst du?", erwiderte er, den Unwissenden mimend. Im Inneren wusste er natürlich, dass sein Lebenspartner enttarnt war.

"Bei meiner Mutter fing das auch so an."

Kurz überlegte er. Dann schaute er nur zu Lotta rüber und sagte nichts. Es hatte keinen Sinn mehr, irgendeinen Blödsinn von sich zu geben. Sie verstanden sich.

"Ich war 10, als meine Mutter MS bekam. Von sich aus hat sie nie etwas darüber erzählt. Mein älterer Bruder hat es aber trotz des Schweigens herausgefunden und wir haben zusammen geweint. Bis zum heutigen Tag hat sie nicht mit uns darüber gesprochen."

"Wie geht es deiner Mutter jetzt?"

"Sie ist oft sehr müde und schnell aufgebracht. Ich glaube, ihre Augen werden immer schlechter."

"Kann sie noch..."

"Ob sie ihm Rollstuhl sitzt? Nein. Man kann nicht viel sehen. Es ist irgendwie da, aber unsichtbar. Wir wissen nie, wie wir mit ihr umgehen sollen. Sie spricht nicht darüber. Darf ich dich fragen, wie es sich anfühlt?"

"Es ist schwer, Lotta, ich kann nur von mir reden. Ich kenne niemanden mit MS. Im Krankenhaus sprach auch keiner über seine Krankheit. Toll, dass du mich angesprochen hast, aber ich kann dir nicht helfen, ich bin selbst nicht in der Lage zu beschreiben, was gerade mit mir passiert. Mein Arm ist..."

"Okay, Kurt."

In diesem Moment, als die Tränen schon seine Augen wässrig machten, fiel ihm ein Apfel von ganz oben aus der Baumkrone direkt auf seinen rechten Arm. Dumpf schlug der Apfel auf und er richtete den Blick auf Lotta. Sie zuckte erschrocken zusammen und sah nach oben.

"Au Mann, das muss aber weh getan haben."

Am Arm bildete sich ein etwa vier Zentimeter großer Kreis, der aussah wie eine Zielscheibe. Außen ein roter Ring und innen ganz weiß.

"Boah, ich hab nichts gespürt."

Sie schauten sich an und fingen gemeinsam an zu lachen. Seine Tränen wandelten sich in Freudentränen. Oma hatte eben recht: Es hat eben auch alles was für sich.


Lotta sprach, so lange sie auf die Jugenddeele kam, nie mit jemandem über ihr Geheimnis. Kurt und Lotta redeten oft über Lottas Mutter, und im Laufe der Zeit lernte Kurt, Lotta Mut zu machen und ihr Tipps zu geben. Kurt beschloss damals, egal was kommen sollte, kein grantiger, meckernder Behinderter zu werden, der sich am liebsten selbst bemitleidet und seine Liebsten für seine eigene Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen, verantwortlich macht. Gute Vorsätze sind eine prima Sache. Die Umsetzung bedarf einer immerwährenden Kontrolle. Kurt versuchte sein Bestes zu geben.


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"Rolli-Kurt" ist eine Kolumne auf der MS-Gateway.

Dirk Riepe, Autor und Erfinder von Rolli-Kurt, legt großen Wert auf die Aussage, dass alle Personen frei erfunden und zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind.

Dirk Riepe und die MS-Gateway-Redaktion legen Wert auf die Feststellung, dass jeder, der mag, frei ist, aus der Kolumne zu kopieren und andernorts zu zitieren, sofern

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